Transsexualität

Transsexualität, auch Geschlechtsinkongruenz oder Geschlechtsdysphorie genannt, ist eine Störung der Geschlechtsidentität, bei der eine Person das Gefühl hat, dass ihr empfundenes Geschlecht nicht mit dem Geschlecht übereinstimmt, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde. Eine transsexuelle Person kann sich dabei im falschen Körper gefangen fühlen und häufig ein starkes Verlangen haben, den eigenen Körper durch Hormonbehandlung und/oder operative Maßnahmen an das empfundene Geschlecht anzupassen [1].

Die Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) von Transsexualität ist schwierig zu bestimmen, da viele Menschen aus verschiedenen Gründen nicht offen über ihre transsexuelle Identität sprechen. Schätzungen zufolge betrifft Transsexualität etwa 0,5-1 % der Bevölkerung.

Weil nicht selten Trans-Begriffe (Transsexualität/transsexuell, Transgender, Transidentität/transident) in die falsche Schublade gesteckt werden und Verwirrung bzw. Missverständnisse schaffen, werden nachfolgend die wichtigsten Trans-Begriffe definiert [2]:

  • Transsexuell/Transsexualität sind Begriffe, die eine Person beschreiben, die ihr biologisches Geschlecht nicht als zutreffend empfindet und oft eine Geschlechtsangleichung anstrebt, um ihre körperlichen Geschlechtsmerkmale an ihre Geschlechtsidentität anzupassen. Dies kann Hormontherapie, chirurgische Eingriffe oder beides beinhalten. Der Begriff transsexuell wird zunehmend seltener gebraucht und durch den Begriff Transgender ersetzt, weil "transsexuell" in der Vergangenheit als Krankheit galt (s. u. „Medizinische Gesichtspunkte“).
  • Transgender bezieht sich auf das soziale Geschlecht und schließt alle Personen ein, die ihr Geschlecht bzw. ihre Geschlechtsidentität anders empfinden als das angeborene Geschlecht ist. Transgender-Personen können sich als männlich (Transmann), weiblich (Transfrau), nicht-binär (weder noch) oder einfach als anders identifizieren.
  • Transident/Transidentität/Transgeschlechtlichkeit sind Begriffe, die oft als Synonym von Transgender verwendet werden und sich auf Menschen beziehen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Sie werden häufig in der Transgender Community verwendet.
  • Trans ist ein Überbegriff, der sich auf alle oben genannten Personen bezieht und oft mit dem Begriff Trans* (Trans-Sternchen) verwendet wird, sozusagen als nicht wertender Oberbegriff für das gesamte Trans-Spektrum.

Medizinische Gesichtspunkte

Es ist umstritten, ob Transsexualität als Erkrankung angesehen werden sollte. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Transsexualität als psychische Störung im ICD-10 aufgeführt, aber im ICD-11, der seit dem 1. Januar 2022 in Kraft ist, wurde Transsexualität als Geschlechtsinkongruenz eingestuft und nicht als Störung oder Krankheit betrachtet. Zur Umsetzung des ICD-11 ist eine flexible Übergangszeit gewährleistet. Wann die Umsetzung in Deutschland stattfindet, steht bisher nicht fest [3]. International werden Trans-Identitäten nicht mehr als pathologisch (krankhaft) eingestuft, unabhängig davon, ob die Betroffenen ihr Geschlecht als binär (männlich versus weiblich) oder als non-binär (z. B. agender, geschlechtsneutral, genderqueer, inter) empfinden [1].

Begleitende psychische Störungen

Obwohl Transsexualität keine psychische Störung ist, sondern eine Variante der Geschlechtsidentität, haben Transpersonen ein höheres Risiko für psychische Belastungen und Störungen aufgrund von Diskriminierung, Stigmatisierung und sozialer Isolierung, mit denen sie im täglichen Leben häufig konfrontiert werden. Deswegen leiden sie häufiger als die Allgemeinbevölkerung unter Depressionen, Angstzuständen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Suizidgedanken, Suizidhandlungen, Substanzmissbrauch, Persönlichkeitsstörungen, dissoziativen Störungen, Asperger-Autismus und Essstörungen [1].

Ätiologie (Ursachen)

Die Ursachen der Transidentität sind bis jetzt nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass sie auf einer Kombination von biologischen, genetischen, psychologischen und Umweltfaktoren zurückzuführen sind.

Diskutiert werden:

  • Hormonelle Exposition während der pränatalen Entwicklung
  • Bestimmte Gene, die an der Geschlechtsentwicklung beteiligt sind oder eine Rolle spielen. Jedoch gibt es keine spezifischen Gene, die mit Transsexualität in Verbindung gebracht werden.
  • Psychologische Faktoren aus frühkindlichen Erfahrungen bzw. Traumata.

Therapie

Die Therapie der Transidentität, die sog. körpermedizinischen Behandlungen, die zur Transition (Übergang) führen, kann vielfältig sein und hängt von den individuellen Bedürfnissen, den Wünschen und Möglichkeiten der betroffenen Personen ab [1].

Eine wichtige Möglichkeit ist die Hormonersatztherapie, bei der Hormone verabreicht werden, mittels denen die körperlichen Merkmale des gewünschten Geschlechts erreicht werden sollen.

Eine weitere Option ist die geschlechtsangleichende Operation, die auch als Genitalrekonstruktion bezeichnet wird und dazu dient, die körperlichen Merkmale des gewünschten Geschlechts zu erreichen.

Eine geschlechtsangleichende Therapie ist ein komplexer Prozess, der eine gründliche psychologische Bewertung, umfassende Beratung und Unterstützung sowie eine enge Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Team aus medizinischen Fachkräften erfordert, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Im Gegensatz zu früher wird die Therapieoption nicht mehr von einer Begutachtung und Auswahl „geeigneter Kandidaten“ sowie zwingend von einer psychotherapeutischen Vortherapie abhängig gemacht.

Körpermodifizierende Behandlungen

Die Palette körpermodifizierender Behandlungen ist groß und kann je nach dem Bedürfnis und der Situation sehr variabel sein, z. B.:

  • Hormontherapie
  • Maskulinisierende bzw. feminisierende Operationen (Brust, Genitale)
  • Antagonisierung androgenetisch induzierter Probleme durch:
    • Behandlung der Stimme
      • bei Frauen: Logopädie, Stimmbandoperationen (Phonochirurgie)
      • bei Transmännern reicht meist die Vertiefung der Stimme durch die Testosteronbehandlung aus
    • Adamsapfel-Verkleinerung
    • Perücken, Haarersatzteile, Haartransplantation
    • Epilation der Behaarung
    • gesichtsfeminisierende Operationen (FFS: Female Feminisation Surgery), z. B.:
      • an Knochen, z. B. Unterkieferverkleinerung, Eingriffe am Kinn, am Jochbein
      • an Weichteilen, z. B. Wangenimplantate, Augenbrauenlifting, Verlegung der Haarlinie Nasenkorrektur

Psychotherapie

Im Allgemeinen ist auch eine psychotherapeutische Unterstützung sinnvoll, um Selbstakzeptanz, Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit, die Bewältigung negativer Gefühle, die Identitätsentwicklung und die Geschlechtsangleichung, Unterstützung des Coming-out-Prozesses, familiäre, elterliche, oder partnerschaftliche Probleme, die Unterstützung therapeutischer Behandlungen zu erleichtern.

Therapieeffekte

Sexualität/Intimität/Partnerschaft

So weitgefächert das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten im Rahmen der Transition bei transsexuellen Personen ist, ist auch die individuelle Reaktion. Sie hängt unter anderem davon ab, welche Art der Transition durchgeführt wurde, basierend auf den entsprechenden Bedürfnissen, Wünschen und medizinischen Möglichkeiten. Deshalb können in diesem Rahmen nur mögliche Auswirkungen dargestellt werden.

Libido: Die Libido kann nach Transition individuell sehr unterschiedlich sein. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln oder Vorhersagen.

  • Bei Transfrauen dagegen kann die Hormontherapie zu einer Verringerung der Libido führen.
  • Bei Transmännern kann die Testosterontherapie zu einer Zunahme der Libido führen.

Andererseits kann die Veränderung des Körperbildes, d. h. die Übereinstimmung zwischen dem körperlichen Erscheinungsbild und der geschlechtlichen Identität durch Steigerung des sexuellen Selbstbewusstseins zu einer Zunahme der Libido führen. Auch psychologische Faktoren, wie gesteigerte Selbstakzeptanz und ein starkes Selbstwertgefühl, können die Libido steigern. Eine Minderung der Libido kann durch eine negative Beziehungsdynamik nach einer Transition eintreten.

Intimität: Die Art der Intimität verändert sich häufig im Rahmen der Transition in Abhängigkeit von der Art der Therapie, z. B. Hormontherapie, und/oder Operation. Dies kann zu unterschiedlichen körperlichen Empfindungen, besonders im Genitalbereich, führen.

Körperliche Empfindungen: Nach einer geschlechtsangleichenden Operation steigern sich häufig die körperlichen Empfindungen und die Art und Weise, wie die sexuelle Stimulation erlebt wird. Zum Beispiel können transsexuelle Männer nach einer Phalloplastik (operative Maßnahme im Bereich der plastischen Chirurgie, mit dem Ziel, einen Penis zu bilden) die neu gewonnene Fähigkeit zur Erektionspenetration genießen. Transfrauen nach einer Vaginalplastik können erstmalig eine sexuelle Penetration erleben.

Körperbild: Die Transition kann zu einer Verbesserung des Körperbildes und des Wohlbefindens führen, da sich die geschlechtliche Identität besser mit dem körperlichen Erscheinungsbild im Einklang befindet. In aller Regel wirkt dies positiv auf die sexuelle Selbstwahrnehmung und das sexuelle Verlangen.

Selbstakzeptanz/sexuelles Selbstbewusstsein: Meist führt die Transition zu einer gesteigerten sexuellen Akzeptanz und einem gestärkten sexuellen Selbstbewusstsein, weil die geschlechtliche Identität authentisch, offen und entsprechend der sexuellen Bedürfnisse sowie Wünsche gelebt werden kann.

Sexuelle Zufriedenheit: Meist bessert sich die sexuelle Zufriedenheit wegen der gesteigerten Geschlechtsauthentizität und Selbstakzeptanz im Laufe der Transition.

Partnerschaft: Unterschiedliche Erfahrungen begleiten Personen im Laufe der Transition. Einige Partner unterstützen den Prozess (Stärkung der Partnerschaft), andere haben damit Schwierigkeiten, was zur Trennung führen kann.

In der Gesamtschau ist wichtig, dass Transpersonen nicht krank sind, sondern sich nicht mit ihrem Geschlecht identifizieren können, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Deshalb sollten sie nicht nur von der Community, sondern von der Allgemeinheit die Unterstützung erhalten, die es ihnen ermöglicht, den individuellen, oft langwierigen und beschwerlichen Weg der Transition, basierend auf den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und medizinischen Möglichkeiten zu gehen.

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. S3-Leitlinie: Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung. (AWMF-Registernummer: 138-001), Oktober 2018 Kurzfassung
  2. LSBTIQ-Lexikon | Geschlechtliche Vielfalt – trans
  3. ICD-11: wikipedia