Soziale Phobie – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch soziale Phobie (Angst vor sozialen Situationen) mitbedingt sein können:
Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen (Z00-Z99)
- Soziale Isolation beziehungsweise sozialer Rückzug – als gesundheitsrelevante Folge ausgeprägten Vermeidungsverhaltens, reduzierter sozialer Teilhabe und eingeschränkter Alltagsfunktion [1, 2, LL1-LL2]
- Schulische, akademische und berufliche Beeinträchtigung – insbesondere durch Vermeidung von Prüfungs-, Präsentations-, Gruppen-, Kontakt- und Leistungssituationen [1, 4, LL1-LL2]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Andere Angststörungen (krankhafte Angstzustände) – insbesondere Panikstörung (Angstanfälle), Agoraphobie (Platzangst), generalisierte Angststörung (anhaltende übermäßige Sorge) und spezifische Phobien (Angst vor bestimmten Situationen oder Dingen) als häufige Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) [1, 3, LL1-LL2]
- Depressive Störungen (depressive Erkrankungen) – insbesondere Major Depression (schwere depressive Episode) beziehungsweise rezidivierende depressive Störung (wiederkehrende depressive Erkrankung); klinisch relevant wegen verstärkter Funktionsbeeinträchtigung, reduzierter Lebensqualität und erhöhtem Suizidalitätsrisiko (Risiko für Selbsttötungsgedanken oder Selbsttötungshandlungen) [1-3, 5, LL1-LL2]
- Essstörungen (krankhaftes Essverhalten) – insbesondere Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und Binge-Eating-Störung (Essanfälle ohne gegensteuernde Maßnahmen); als klinisch relevante, aber gegenüber Depression, anderen Angststörungen und substanzbezogenen Störungen (Störungen durch Alkohol, Drogen oder Medikamente) weniger zentrale Komorbidität einzuordnen [6]
- Persönlichkeitsstörungen (Störungen der Persönlichkeit) – insbesondere ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (Persönlichkeitsstörung mit ausgeprägter Unsicherheit und Vermeidung) und Borderline-Persönlichkeitsstörung (emotional instabile Persönlichkeitsstörung) als klinisch relevante Komorbiditäten beziehungsweise prognostisch ungünstige Konstellationen [1, 3]
- Posttraumatische Belastungsstörung (Traumafolgestörung) – als relevante Komorbidität bei Patienten mit sozialer Phobie und zusätzlicher Traumafolgestörung [1, 3]
- Substanzbezogene Störungen – insbesondere Alkoholgebrauchsstörung (problematischer Alkoholkonsum) und Cannabisgebrauchsstörung (problematischer Cannabiskonsum); relevant sind Selbstmedikation (Selbstbehandlung), soziale Enthemmung durch Substanzgebrauch, Chronifizierung (Dauerhaftwerden) und erhöhtes Risiko weiterer psychiatrischer Komorbidität [1, 7, 8]
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, anderenorts nicht klassifiziert (R00-R99)
- Funktionelle Beeinträchtigung beziehungsweise Leistungsminderung – mit reduzierter schulischer, beruflicher, sozialer und alltagsbezogener Funktionsfähigkeit [1, 4, LL1-LL2]
- Suizidalität – insbesondere Suizidgedanken (Selbsttötungsgedanken) und erhöhtes Suizidrisiko; besonders relevant bei komorbider Depression, Substanzgebrauchsstörung, ausgeprägter sozialer Isolation oder vorbestehenden Suizidversuchen (Selbsttötungsversuchen) [2, 5]
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Suizidversuch beziehungsweise absichtliche Selbstschädigung (sich selbst absichtlich verletzen) – nicht als unmittelbare Standardfolge jeder sozialen Phobie, aber evidenzbasiert als erhöhtes Risiko bei schwerer sozialer Angststörung (schwere Angst vor sozialen Situationen), komorbider Depression, Substanzgebrauchsstörung und sozialer Isolation einzuordnen [2, 5]
Weiteres
- Einschränkung der Lebensqualität – insbesondere in den Domänen soziale Funktionsfähigkeit, emotionale Rollenfunktion, allgemeine psychische Gesundheit, Vitalität, schulische beziehungsweise berufliche Teilhabe und Beziehungsfähigkeit [1, 4, LL1-LL2]
Prognosefaktoren
- Ungünstige Prognosefaktoren
- Früher Erkrankungsbeginn im Kindes- oder Jugendalter [3, LL1-LL2]
- Generalisierte soziale Phobie mit Angst vor mehreren sozialen und leistungsbezogenen Situationen [1, LL1-LL2]
- Ausgeprägtes Vermeidungsverhalten und Sicherheitsverhalten [1, LL1-LL2]
- Komorbide depressive Störung [1-3, 5]
- Komorbide Alkohol- oder Cannabisgebrauchsstörung [7, 8]
- Komorbide Essstörung [6]
- Suizidgedanken, frühere Suizidversuche oder absichtliche Selbstschädigung [2, 5]
- Soziale Isolation, Einsamkeit und fehlende soziale Unterstützung [1, 4, 5]
- Niedrige Inanspruchnahme evidenzbasierter Psychotherapie (seelische Behandlung) beziehungsweise unbehandelte oder lange unbehandelte Erkrankung [1, LL1-LL2]
- Günstige Prognosefaktoren
- Frühe Diagnosestellung und leitliniengerechte Behandlung [LL1-LL2]
- Kognitive Verhaltenstherapie (Verhaltenstherapie mit Arbeit an Gedanken und Verhalten) mit Exposition (gezieltes Sich-Aussetzen) und kognitiver Umstrukturierung (Veränderung belastender Denkmuster) als evidenzbasierte Erstlinientherapie (Behandlung erster Wahl) [LL1-LL2]
- Gute therapeutische Adhärenz (Therapietreue) und systematische Reduktion von Vermeidungs- und Sicherheitsverhalten [LL1-LL2]
- Fehlen schwerer psychiatrischer Komorbidität [1, 3]
- Stabile soziale Unterstützung und schrittweise Wiederaufnahme sozialer, schulischer beziehungsweise beruflicher Aktivitäten [1, 4, LL1-LL2]
Literatur
- Patel TA, Schubert FT, Cougle JR. Comorbidity and Quality of Life in DSM-5 Social Anxiety Disorder Among a Nationally Representative Sample. J Clin Psychiatry. 2024;85(2):23m15217. https://doi.org/10.4088/JCP.23m15217
- Wei HT, Tsai SJ, Cheng CM, Chang WH, Bai YM, Su TP, Chen TJ, Chen MH. Increased risk of suicide among patients with social anxiety disorder. Epidemiol Psychiatr Sci. 2025;34:e14. https://doi.org/10.1017/S204579602500006X
- Koyuncu A, İnce E, Ertekin E, Tükel R. Comorbidity in social anxiety disorder: diagnostic and therapeutic challenges. Drugs Context. 2019;8:212573. https://doi.org/10.7573/dic.212573
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- Patel TA, Schubert FT, Zech JM, Cougle JR. Prevalence and correlates of cannabis use among individuals with DSM-5 social anxiety disorder: Findings from a nationally representative sample. J Psychiatr Res. 2023;163:406-412. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2023.05.079
Leitlinien
- National Institute for Health and Care Excellence. Social anxiety disorder: recognition, assessment and treatment. Clinical guideline CG159. Published 22 May 2013; last reviewed 21 May 2024. https://www.nice.org.uk/guidance/cg159
- S3-Leitlinie: Behandlung von Angststörungen. (AWMF-Registernummer 051-028) April 2021 Langfassung