Soziale Phobie – Differentialdiagnosen

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Hypoglykämie (Unterzuckerung) – kann vegetative Angstsymptome (körperliche Angstsymptome) wie Schwitzen, Tremor (Zittern), Palpitationen (Herzklopfen), innere Unruhe, Schwächegefühl und Konzentrationsstörungen auslösen; differentialdiagnostisch relevant bei anfallsartiger Symptomatik (Beschwerden), Fastensituationen, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder antidiabetischer Therapie (Behandlung)
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) – kann durch Tachykardie (Herzrasen), Tremor, Schwitzen, Wärmeintoleranz, Gewichtsverlust, Schlafstörungen und innere Unruhe eine soziale Phobie (krankhafte soziale Angst) imitieren oder eine bestehende soziale Angst verstärken

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) – insbesondere supraventrikuläre Tachykardien (anfallsartiges Herzrasen aus den Herzvorhöfen), Extrasystolen (Herzstolpern) oder Vorhofflimmern; können Palpitationen, thorakales Engegefühl (Brustenge), Schwindel und sekundäre Angstreaktionen verursachen
  • Posturales Tachykardiesyndrom (lageabhängiges Herzrasen) – orthostatisch getriggerte Tachykardie (durch Aufstehen ausgelöstes Herzrasen) mit Palpitationen, Tremor, Schwächegefühl und Belastungsintoleranz (verminderte Belastbarkeit); kann als angstbezogene Symptomatik fehlinterpretiert werden

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Phäochromozytom (Nebennierentumor) beziehungsweise Paragangliom (Nervengewebstumor) – seltene, aber klinisch wichtige Differentialdiagnose (Abgrenzungsdiagnose) bei paroxysmaler Angst (anfallsartiger Angst), Hypertonie (Bluthochdruck), Palpitationen, Kopfschmerzen, Schwitzen und Tremor

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Agoraphobie (Platzangst) – Angst vor Situationen, aus denen Flucht schwierig erscheint oder Hilfe nicht verfügbar wäre; Abgrenzung zur sozialen Phobie über den primären Angstanlass, nicht primär die negative Bewertung durch andere
  • Alkoholbezogene Störung (alkoholbedingte Störung) – kann soziale Ängste sekundär verstärken, maskieren oder durch Entzugssymptome (Entzugsbeschwerden) wie Tremor, Schwitzen, Unruhe und Schlafstörungen imitieren
  • Autismus-Spektrum-Störung (tiefgreifende Entwicklungsstörung) – soziale Interaktions- und Kommunikationsauffälligkeiten beruhen primär auf neuroentwicklungsbedingten Besonderheiten der sozialen Kommunikation (Verständigung) und Reziprozität (gegenseitiger Austausch), nicht primär auf Angst vor negativer Bewertung
  • Körperdysmorphe Störung (krankhafte Sorge um vermeintliche Makel des Aussehens) – ausgeprägte Beschäftigung mit vermeintlichen körperlichen Makeln; soziale Vermeidung entsteht primär aus Scham beziehungsweise Befürchtung, wegen des Aussehens beurteilt zu werden
  • Depressive Episode (zeitlich begrenzte Depression) beziehungsweise rezidivierende depressive Störung (wiederkehrende Depression) – sozialer Rückzug, Minderwertigkeitsgefühle, Interessenverlust und Antriebsminderung können eine soziale Phobie imitieren oder komorbid (begleitend) auftreten
  • Generalisierte Angststörung (anhaltende Sorgenangst) – anhaltende, nicht auf soziale Bewertungssituationen begrenzte Sorgen über verschiedene Lebensbereiche
  • Organisch bedingte Angststörung (körperlich verursachte Angststörung) – Angstsyndrom (Angstbeschwerdebild) infolge neurologischer (nervenbedingter), endokriner (hormoneller), kardiovaskulärer (Herz-Kreislauf-bedingter) oder anderer somatischer Erkrankungen (körperlicher Erkrankungen); Verdacht bei spätem Erstbeginn, atypischem Verlauf (ungewöhnlichem Verlauf) oder neurologischen beziehungsweise internistischen Begleitsymptomen
  • Panikstörung (Angststörung mit Panikanfällen) – wiederholte unerwartete Panikattacken (Angstanfälle); soziale Situationen werden eher aus Angst vor erneuter Panikattacke oder Kontrollverlust gemieden, nicht primär wegen negativer sozialer Bewertung
  • Paranoide Störung (wahnhafte Misstrauensstörung) beziehungsweise psychotische Störung (Störung mit Realitätsverlust) – soziale Vermeidung kann aus Verfolgungsideen (Verfolgungsgedanken), Beziehungsideen (krankhafter Beziehung von Ereignissen auf die eigene Person) oder Misstrauen resultieren; Abgrenzung über Realitätsprüfung und psychotische Symptome (Beschwerden mit Realitätsverlust)
  • Persönlichkeitsstörung, ängstlich-vermeidend (dauerhafte ängstlich-vermeidende Verhaltensstörung) – überdauerndes Muster sozialer Gehemmtheit, Insuffizienzgefühle (Gefühl des Nichtgenügens) und Überempfindlichkeit gegenüber negativer Bewertung; enge phänomenologische Überlappung (ähnliches Erscheinungsbild) mit sozialer Phobie
  • Persönlichkeitsstörung, schizoid (dauerhafte einzelgängerische Verhaltensstörung) – sozialer Rückzug beruht primär auf geringem Bedürfnis nach sozialen Beziehungen, nicht auf Angst vor negativer Bewertung
  • Posttraumatische Belastungsstörung (Traumafolgestörung) – Vermeidung sozialer Situationen kann traumaassoziiert (mit einem seelischen Trauma verbunden) sein; Leitsymptome sind Intrusionen (sich aufdrängende Erinnerungen), Hyperarousal (Übererregung), Vermeidung traumabezogener Reize und negative Kognitionen (negative Gedankenmuster)
  • Selektiver Mutismus (situationsabhängiges Nichtsprechen) – anhaltendes Nichtsprechen in bestimmten sozialen Situationen trotz vorhandener Sprachfähigkeit; besonders bei Kindern und Jugendlichen differentialdiagnostisch relevant und eng mit sozialer Angst assoziiert
  • Spezifische Phobie (umschriebene Angststörung) – Angst ist auf ein klar umschriebenes Objekt oder eine spezifische Situation begrenzt, nicht auf soziale Bewertungssituationen
  • Substanzinduzierte Angststörung (durch Substanzen ausgelöste Angststörung) – Angstzustände im Zusammenhang mit Intoxikation (Vergiftung), Entzug oder Substanzgebrauch, insbesondere durch Stimulanzien (anregende Substanzen), Cannabis, Kokain, Amphetamine oder hohen Koffeinkonsum
  • Tremor-Syndrome (Zitter-Erkrankungen), insbesondere essenzieller Tremor oder Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit) – sichtbarer Tremor kann sekundär soziale Bewertungsangst auslösen; primär neurologische Ursache beachten
  • Zwangsstörung (Störung mit Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen) – soziale Vermeidung kann aus Zwangsgedanken, Kontaminationsängsten (Angst vor Verunreinigung) oder Zwangshandlungen resultieren; primär nicht durch Furcht vor negativer Bewertung erklärt

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Erythrophobie (Errötungsangst) beziehungsweise Errötungsangst – ausgeprägte Angst vor sichtbarem Erröten in sozialen Situationen; kann als umschriebene soziale Angst auftreten, erfordert aber Abgrenzung von dermatologischen (hautbezogenen), endokrinen oder medikamentösen Ursachen des Flushs (anfallsartige Gesichtsrötung)
  • Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen) – ausgeprägtes Schwitzen kann sozial vermeidendes Verhalten auslösen oder als Angstsymptom fehlinterpretiert werden; primäre und sekundäre Formen abgrenzen
  • Palpitationen – subjektives Herzklopfen kann kardial (herzbedingt), endokrin, medikamentös (arzneimittelbedingt), substanzbedingt oder angstbedingt verursacht sein
  • Tremor – kann neurologisch, endokrin, medikamentös, substanzbedingt oder angstassoziiert sein; differentialdiagnostisch relevant bei sichtbarer sozial belastender Symptomatik

Medikamente

  • Beta-2-Sympathomimetika (bronchienerweiternde Arzneimittel) – können Tremor, Tachykardie, Palpitationen und Unruhe auslösen
  • Glukokortikoide (Kortisonpräparate) – können Unruhe, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Angst und affektive Symptome (Stimmungssymptome) auslösen
  • Schilddrüsenhormone – Überdosierung kann hyperthyreoseähnliche Symptome mit Tachykardie, Tremor, Schwitzen und innerer Unruhe verursachen
  • Stimulanzien – können Angst, innere Unruhe, Schlafstörungen, Tachykardie und Tremor verstärken oder auslösen

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Koffeinintoxikation (Koffeinvergiftung) beziehungsweise exzessiver Koffeinkonsum – kann Nervosität, Tremor, Palpitationen, Schlafstörungen und angstähnliche Symptome verursachen
  • Kokain-, Amphetamin- oder andere Stimulanzienintoxikation (Vergiftung durch anregende Substanzen) – kann ausgeprägte Angst, vegetative Übererregung (körperliche Übererregung), Tachykardie, Hypertonie, Tremor und paranoide Symptome (misstrauisch-wahnhafte Beschwerden) verursachen

Weiteres

  • Normvariante Schüchternheit – keine psychische Störung, sofern kein klinisch relevanter Leidensdruck, keine ausgeprägte Vermeidung und keine relevante Beeinträchtigung sozialer, schulischer, beruflicher oder sonstiger Funktionsbereiche vorliegen