Legasthenie – Differentialdiagnosen

Differentialdiagnosen der Legasthenie beziehungsweise Lese- und/oder Rechtschreibstörung

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Amblyopie (Schwachsichtigkeit) – reduzierte Sehschärfe mit sekundären Leseschwierigkeiten
  • Astigmatismus (Hornhautverkrümmung) – unkorrigierte Refraktionsstörung mit visueller Belastung beim Lesen
  • Hyperopie (Weitsichtigkeit) – unkorrigierte Refraktionsstörung mit schneller Ermüdung beim Lesen
  • Konvergenzinsuffizienz (Schwäche beim Zusammenführen der Augen) – Störung des beidäugigen Nahsehens mit Verschwimmen der Schrift, Doppelbildern oder Leseermüdung
  • Myopie (Kurzsichtigkeit) – unkorrigierte Refraktionsstörung mit erschwertem Erkennen von Schrift
  • Strabismus (Schielen) – gestörtes binokulares Sehen (beidäugiges Sehen) mit möglicher Beeinträchtigung der Leseflüssigkeit
  • Störungen des Sehens, nicht näher bezeichnet – unspezifische Ausschlussdiagnose bei unklarer Lesestörung

Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)

  • Chronische Otitis media (chronische Mittelohrentzündung) – mögliche Ursache intermittierender oder persistierender Hörminderung mit sekundärer Sprach- und Schriftsprachproblematik
  • Hörminderung – zentrale Ausschlussdiagnose bei Lese-, Rechtschreib- und Sprachentwicklungsproblemen
  • Schallempfindungsschwerhörigkeit (Innenohrschwerhörigkeit) – kann phonologische Verarbeitung (Lautverarbeitung), Sprachverständnis und Schriftspracherwerb beeinträchtigen
  • Schallleitungsschwerhörigkeit (Mittelohrschwerhörigkeit) – z. B. durch Paukenerguss (Flüssigkeit hinter dem Trommelfell); kann den Erwerb phonologischer Repräsentationen (Lautvorstellungen) stören
  • Störungen des Hörens, nicht näher bezeichnet – unspezifische Ausschlussdiagnose bei unklarer Lese- und/oder Rechtschreibproblematik

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) – häufige Komorbidität (Begleiterkrankung) und wichtige Differentialdiagnose bei unaufmerksamkeitsbedingten Lese- und Rechtschreibfehlern
  • Angststörungen – können Prüfungs-, Schul- und Leistungssituationen beeinträchtigen und sekundär zu Lese- oder Schreibversagen führen
  • Autismus-Spektrum-Störung – kann mit Sprachverständnis-, Kommunikations-, Aufmerksamkeits- und Lernbesonderheiten einhergehen
  • Depressive Störung – kann Konzentration, Antrieb, Verarbeitungsgeschwindigkeit und schulische Leistungsfähigkeit vermindern
  • Entwicklungsstörung der motorischen Funktionen – kann insbesondere die Handschrift, Schreibgeschwindigkeit und schriftliche Leistung beeinträchtigen
  • Intelligenzminderung – globale kognitive Beeinträchtigung; Lese- und Rechtschreibleistungen sind im Verhältnis zur allgemeinen intellektuellen Leistungsfähigkeit zu interpretieren
  • Kombinierte Störung schulischer Fertigkeiten – gleichzeitige relevante Beeinträchtigung von Lesen/Rechtschreiben und Rechnen
  • Rechenstörung – häufige Komorbidität, aber keine Erklärung einer isolierten Lese- und/oder Rechtschreibstörung
  • Schlafstörungen – können Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Lernleistung beeinträchtigen
  • Spezifische Artikulationsstörung (Aussprachestörung) – kann phonologische Repräsentationen und damit den Schriftspracherwerb beeinflussen
  • Sprachentwicklungsstörung – zentrale Differentialdiagnose, insbesondere bei eingeschränktem Wortschatz, Grammatikverständnis, phonologischer Bewusstheit (Lautbewusstheit) oder Sprachverstehen
  • Zwangsstörung – kann Schreibtempo, Fehlerkontrolle und Aufgabenabschluss durch Kontroll- und Wiederholungszwänge beeinträchtigen

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Allgemeiner schulischer Leistungsabfall – unspezifisches Symptom; erfordert Abklärung von Lernbedingungen, psychischer Belastung, Sinnesstörungen, neurologischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen
  • Konzentrationsstörung – unspezifisches Symptom bei ADHS, Schlafmangel, Depression, Angst, somatischen Erkrankungen oder Medikamenteneffekten
  • Müdigkeit/Erschöpfung – kann Lesetempo, Fehlerhäufigkeit und schriftliche Leistung sekundär beeinträchtigen

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Schädel-Hirn-Trauma (Kopf-Hirn-Verletzung) – erworbene Ursache von Aufmerksamkeits-, Gedächtnis-, Sprach-, Lese- oder Schreibstörungen
  • Verletzungen des Gehirns, nicht näher bezeichnet – unspezifische Kategorie bei anamnestischem Hinweis auf zerebrale Schädigung (Gehirnschädigung)

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Bleiexposition (Bleibelastung) – neurotoxische Belastung mit möglicher Beeinträchtigung von Kognition, Aufmerksamkeit und schulischer Leistung
  • Pränatale Alkoholexposition (Alkoholbelastung vor der Geburt) – Ursache neurokognitiver Entwicklungsstörungen mit breiter Lern- und Verhaltensproblematik

Weiteres

  • Fehlende oder unzureichende Beschulung – erworbene Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten ohne primäre neuroentwicklungsbedingte Störung
  • Geringe Lese- und Schreibpraxis – Leistungsdefizit durch mangelnde Übung; keine Legasthenie, wenn testpsychologische Kriterien nicht erfüllt sind
  • Mehrsprachigkeit mit unzureichender Beherrschung der Unterrichtssprache – kann Leseverständnis, Rechtschreibung und schriftliche Ausdrucksfähigkeit beeinflussen
  • Normvariante des Schriftspracherwerbs – vorübergehende Entwicklungsverzögerung ohne stabile, testpsychologisch gesicherte Lese- und/oder Rechtschreibstörung
  • Ungeeignete Unterrichtsmethode oder fehlende systematische Förderung – pädagogisch bedingte Schriftsprachschwierigkeit; keine medizinische Diagnose