Hirntumoren – Medikamentöse Therapie

Nachfolgend werden die wesentlichen medikamentösen Therapieprinzipien primärer Hirntumoren (Tumoren, die im Gehirn entstehen) und von Hirnmetastasen (Tochtergeschwülsten anderer Krebsarten im Gehirn) zusammengefasst. Die definitive Behandlung richtet sich nach der integrierten histomolekularen Diagnose (Diagnose anhand von Gewebe- und Erbgutmerkmalen) gemäß aktueller WHO-Klassifikation, Tumorgrad, Alter, Allgemeinzustand, Resektionsstatus, Vorbehandlung und prädiktiven Biomarkern. Therapieentscheidungen sollen in einem interdisziplinären neuroonkologischen Tumorboard getroffen werden.

Therapieziele

  • Tumorkontrolle, Verlängerung des progressionsfreien Überlebens (Zeit ohne Fortschreiten der Erkrankung) und gegebenenfalls des Gesamtüberlebens
  • Erhalt oder Wiederherstellung neurologischer Funktionen und der Lebensqualität
  • Behandlung tumorassoziierter Symptome, insbesondere Hirnödem (Flüssigkeitseinlagerung im Gehirngewebe), epileptischer Anfälle (Krampfanfälle), Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen
  • Vermeidung therapiebedingter Langzeittoxizität (langfristiger schädlicher Wirkungen einer Behandlung) und unnötiger Begleitmedikation

Allgemeine Therapieempfehlungen

  • Vor Beginn einer tumorspezifischen Pharmakotherapie: neuropathologische Referenzdiagnostik und, abhängig von der Entität, Bestimmung von IDH1/IDH2, 1p/19q-Kodeletion, MGMT-Promotormethylierung, H3-K27-Alteration, BRAF-V600-Mutation beziehungsweise BRAF-Fusion oder -Rearrangement sowie gegebenenfalls NTRK-Fusionen und weiteren molekularen Alterationen [LL1, LL2].
  • Therapieprinzip: Operation und Strahlentherapie bleiben bei vielen Hirntumoren zentrale Behandlungssäulen. Eine medikamentöse Therapie ersetzt eine indizierte lokale Therapie nicht, sofern für die jeweilige Entität und klinische Situation keine belastbare Evidenz für ein anderes Vorgehen besteht.
  • Zulassungsstatus: Tumoragnostisch zugelassene Arzneimittel oder bei anderen Tumorarten zugelassene zielgerichtete Substanzen sind bei primären Hirntumoren nicht automatisch Standard. Ein Einsatz außerhalb der jeweiligen Zulassung ist als Off‑Label‑Use zu kennzeichnen und soll nach molekularem Tumorboard, Prüfung klinischer Studien und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen [LL2].

Symptomatische Pharmakotherapie

Tumorassoziiertes Hirnödem und erhöhter intrakranieller Druck (Druck innerhalb des Schädels):

  • Asymptomatisches radiologisches Ödem: keine routinemäßige Glucocorticoidtherapie.
  • Symptomatisches vasogenes Hirnödem (durch eine erhöhte Gefäßdurchlässigkeit bedingte Flüssigkeitseinlagerung): Dexamethason ist Mittel der ersten Wahl. Bei leichten bis mäßigen Symptomen werden in der Regel 4 bis 8 mg täglich, bei schweren Symptomen oder drohender Einklemmung (lebensgefährlicher Verlagerung von Hirngewebe) initial 16 mg täglich eingesetzt; höhere Dosen bleiben neuroonkologischen Notfallsituationen vorbehalten. Die Gabe erfolgt möglichst morgens beziehungsweise auf ein bis zwei Tagesdosen verteilt [LL4, LL8].
  • Dosisreduktion: niedrigste wirksame Dosis und frühestmögliche, symptomorientierte Ausschleichung. Nach längerer Behandlung darf Dexamethason wegen des Risikos einer Nebennierenrindeninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennierenrinde) nicht abrupt abgesetzt werden.
  • Akute Hirndruckkrise (akut lebensbedrohlicher Anstieg des Hirndrucks): Mannitol oder hypertones Natriumchlorid können im intensivmedizinischen Setting vorübergehend zur Osmotherapie eingesetzt werden. Sie sind keine Dauertherapie des tumorassoziierten Hirnödems; definitive Maßnahmen müssen unverzüglich veranlasst werden.
  • Cave bei Verdacht auf primäres ZNS-Lymphom (Lymphdrüsenkrebs im zentralen Nervensystem): Glucocorticoide vor der histologischen Diagnosesicherung möglichst vermeiden, weil sie Lymphomzellen rasch supprimieren und eine Biopsie nicht diagnostisch machen können. Bei vitaler Bedrohung darf die notwendige Notfalltherapie nicht verzögert werden; die Biopsie soll dann so rasch wie möglich erfolgen [LL3].
Wirkstoff Besonderheiten
Dexamethason Keine prophylaktische Gabe bei asymptomatischem Ödem; Blutzucker, Blutdruck, Infektionen, psychische Veränderungen und Myopathie (Muskelerkrankung) überwachen
Mannitol 20 % Nur bei akuter Hirndruckkrise; Osmolalität, Elektrolyte, Nierenfunktion, Volumenstatus und Diurese (Urinausscheidung) überwachen
Hypertones Natriumchlorid Alternative zur akuten Osmotherapie; engmaschige Kontrolle von Natrium, Osmolalität und Volumenstatus
  • Wirkweise: Dexamethason vermindert die tumorbedingte Gefäßpermeabilität; Mannitol und hypertones Natriumchlorid erzeugen einen osmotischen Gradienten.
  • Indikationen: symptomatisches vasogenes Hirnödem beziehungsweise akute Hirndruckkrise.
  • Kontraindikationen: substanzspezifisch; bei Osmotherapie insbesondere Anurie (fehlende Urinausscheidung), relevante Hyperosmolalität und nicht kontrollierbare Volumenstörungen beachten.
  • Nebenwirkungen: Dexamethason unter anderem Hyperglykämie, Infektionen, Schlafstörungen, Delir (akuter Verwirrtheitszustand) oder Psychose (schwere Störung der Wahrnehmung und des Denkens), proximale Myopathie, Osteoporose (Knochenschwund), gastrointestinale Komplikationen und Nebennierenrindensuppression; Osmotherapie unter anderem Elektrolytstörungen, Hypovolämie (Mangel an zirkulierender Blutmenge) oder Volumenüberlastung und Nierenschädigung.

Epileptische Anfälle:

  • Bei anfallsfreien Patienten mit primärem oder metastatischem Hirntumor wird eine routinemäßige primärprophylaktische Gabe von Antikonvulsiva nicht empfohlen; auch für eine regelhafte perioperative Prophylaxe besteht keine ausreichende Evidenz [LL7].
  • Nach einem tumorassoziierten epileptischen Anfall ist eine antikonvulsive Dauertherapie indiziert. Bevorzugt werden interaktionsarme Wirkstoffe wie Levetiracetam; Lacosamid, Lamotrigin oder Brivaracetam sind situationsabhängige Alternativen.
  • Enzyminduzierende Antikonvulsiva wie Phenytoin, Carbamazepin oder Phenobarbital möglichst vermeiden, da klinisch relevante Wechselwirkungen mit Glucocorticoiden, Chemotherapeutika und zielgerichteten Therapien auftreten können.

Analgesie, Übelkeit und supportive Maßnahmen:

  • Neue oder progrediente Kopfschmerzen erfordern primär die Abklärung und Behandlung von Hirnödem, Hydrozephalus (krankhafter Erweiterung der Hirnkammern durch einen Flüssigkeitsstau), Blutung oder Tumorprogression.
  • Bei leichten bis mäßigen Schmerzen Paracetamol oder, sofern keine Kontraindikationen bestehen, ein nichtsteroidales Antiphlogistikum einsetzen. Eine generelle Behandlung des tumorbedingten Hirndrucks mit Indometacin ist nicht evidenzbasiert.
  • Bei starken Schmerzen Opioide symptomorientiert titrieren. Tramadol möglichst vermeiden, wenn ein erhöhtes Anfallsrisiko oder serotonerge Begleitmedikation besteht. Sedierung (Dämpfung des Bewusstseins) und Atemdepression (Verminderung des Atemantriebs) können die neurologische Beurteilung erschweren.
  • Bei emetogener Chemotherapie leitliniengerechte Antiemese, beispielsweise mit einem 5-HT3-Rezeptorantagonisten, gegebenenfalls ergänzt um weitere Antiemetika nach dem emetogenen Risiko.
  • Während der simultanen Radiochemotherapie mit Temozolomid ist gemäß Fachinformation eine Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie-Prophylaxe erforderlich. Auch bei länger dauernder hochdosierter Glucocorticoidtherapie und relevanter Lymphopenie soll die Indikation geprüft werden.

Tumorspezifische Pharmakotherapie

Diffuse Gliome des Erwachsenenalters (diffus wachsende Tumoren aus Stützzellen des Nervengewebes bei Erwachsenen):

  • Astrozytom (Tumor aus sternförmigen Stützzellen) oder Oligodendrogliom (Tumor aus bestimmten Stützzellen des Nervengewebes), IDH-mutiert, WHO-Grad 2: Bei überwiegend nicht kontrastmittelanreicherndem Tumor nach alleiniger chirurgischer Intervention und ohne unmittelbaren Bedarf an Strahlen- oder Chemotherapie ist Vorasidenib seit September 2025 in der EU zugelassen. Voraussetzung sind eine IDH1-R132- oder IDH2-R172-Mutation, ein Alter ab 12 Jahren und ein Körpergewicht von mindestens 40 kg [5, LL2].
  • Postoperative Therapiebedürftigkeit bei WHO-Grad 2: Strahlentherapie gefolgt von PCV ist insbesondere bei klinischem Hochrisikoprofil ein evidenzbasierter Standard; die konkrete Wahl zwischen PCV und Temozolomid richtet sich nach integrierter Diagnose, Risikoprofil, Evidenzlage und Verträglichkeit [2, LL1].
  • Oligodendrogliom, IDH-mutiert und 1p/19q-kodeletiert, WHO-Grad 3: Strahlentherapie in Kombination mit PCV, meist vier bis sechs Zyklen vor oder nach der Strahlentherapie [LL1, LL9].
  • Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 3: Strahlentherapie mit anschließender adjuvanter Temozolomidtherapie über zwölf Zyklen. Der Überlebensvorteil ist für die adjuvante, nicht für die simultane Temozolomidgabe belegt [3, LL1].
  • Astrozytom, IDH-mutiert, WHO-Grad 4: In der Regel Radiochemotherapie mit Temozolomid analog zum Glioblastom; die Datenbasis ist weniger direkt als beim Glioblastom, weshalb die Entscheidung entitätsspezifisch im Tumorboard erfolgt.
  • Glioblastom (besonders bösartiger, schnell wachsender Hirntumor), IDH-Wildtyp: Bei ausreichend fitten Erwachsenen postoperative Strahlentherapie mit simultanem Temozolomid, gefolgt von sechs adjuvanten Temozolomidzyklen. Eine routinemäßige Verlängerung über sechs Zyklen ist nicht durch einen gesicherten Überlebensvorteil belegt [1, LL1].
  • Ältere oder vulnerable Patienten mit Glioblastom: Hypofraktionierte Strahlentherapie plus simultanes und adjuvantes Temozolomid bei geeigneten Patienten. Wenn eine kombinierte Behandlung nicht vertretbar ist, unterstützt eine MGMT-Promotormethylierung eher eine Temozolomidmonotherapie, ein nicht methylierter MGMT-Promotor eher eine alleinige hypofraktionierte Strahlentherapie [4, LL1].
  • MGMT-promotormethyliertes Glioblastom: Lomustin plus Temozolomid während und nach der Strahlentherapie kann bei ausgewählten fitten Patienten nach dem CeTeG/NOA-09-Protokoll erwogen werden; wegen hämatologischer Toxizität (Schädigung der Blutbildung), komplexem Schema und begrenzter Studiengröße kein undifferenzierter Standard für alle Patienten.
  • Rezidiviertes Glioblastom (wieder aufgetretener Tumor): Es besteht kein einheitlicher medikamentöser Standard. Optionen sind Lomustin oder ein anderer Nitrosoharnstoff, eine Temozolomid-Reexposition nach geeignetem therapiefreiem Intervall, erneute lokale Therapie und bevorzugt eine klinische Studie. Bevacizumab kann ein rasches radiologisches Ansprechen und eine steroid-sparende Wirkung bewirken, verlängert aber das Gesamtüberleben nicht und ist in der EU nicht für das Glioblastom zugelassen. Regorafenib ist in Deutschland für das Glioblastom ebenfalls nicht zugelassen; ein Einsatz wäre Off‑Label‑Use.
Wirkstoff Besonderheiten
Temozolomid Blutbildkontrollen; Antiemese; während simultaner Radiochemotherapie Pneumocystis-jirovecii-Pneumonie-Prophylaxe; Nutzen beim Glioblastom wesentlich durch MGMT-Promotormethylierung beeinflusst
PCV: Procarbazin, Lomustin, Vincristin Ausgeprägte und teils kumulative Hämatotoxizität; Vincristin kann dosislimitierende Polyneuropathie (Schädigung mehrerer peripherer Nerven) verursachen; relevante Wechselwirkungen von Procarbazin beachten
Lomustin Verzögert einsetzende und kumulative Myelosuppression (Unterdrückung der Knochenmarkfunktion); Leber-, Nieren- und Lungenfunktion beachten
Vorasidenib Nur bei überwiegend nicht kontrastmittelanreicherndem WHO-Grad-2-Astrozytom oder -Oligodendrogliom mit IDH1-R132- oder IDH2-R172-Mutation nach alleiniger Operation und ohne unmittelbaren Bedarf an Strahlen- oder Chemotherapie; Blutbild und Leberwerte gemäß Fachinformation überwachen
  • Wirkweise: Temozolomid, Procarbazin und Lomustin alkylieren beziehungsweise methylieren DNA; Vincristin hemmt Mikrotubuli; Vorasidenib hemmt mutiertes IDH1 und IDH2.
  • Indikationen: abhängig von integrierter Gliomdiagnose, Tumorgrad, Risikoprofil, MGMT-Status, IDH-Mutation und Therapiesituation.
  • Kontraindikationen: substanz- und protokollspezifisch; insbesondere relevante Knochenmarkinsuffizienz, schwere Organfunktionsstörungen und Schwangerschaft beachten.
  • Nebenwirkungen: Myelosuppression, Infektionen, Übelkeit, Erbrechen, Fatigue und Fertilitätsschädigung (Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit); bei Vincristin Neurotoxizität (Schädigung des Nervensystems), bei Lomustin mögliche pulmonale Toxizität (Schädigung der Lunge), bei Vorasidenib insbesondere Hepatotoxizität (Schädigung der Leber) und Arzneimittelinteraktionen.

Molekular zielgerichtete Therapie seltener Gliome und glioneuronaler Tumoren (Tumoren aus Stütz- und Nervenzellen):

  • BRAF-V600E-Mutation: Dabrafenib plus Trametinib zeigt Aktivität bei rezidivierten niedriggradigen und hochgradigen Gliomen. Bei Erwachsenen besteht für primäre Hirntumoren in der EU keine generelle gliomspezifische Zulassung; der Einsatz ist daher meist Off‑Label‑Use oder erfolgt in einer Studie [LL2].
  • NTRK-Genfusion: Larotrectinib oder Entrectinib können im Rahmen ihrer tumoragnostischen EU-Zulassung erwogen werden, wenn keine zufriedenstellende Therapieoption besteht. Die Evidenz speziell für adulte primäre Hirntumoren ist begrenzt [LL2].
  • Subependymales Riesenzellastrozytom (meist gutartiger Hirntumor) bei tuberöser Sklerose (erblich bedingter Erkrankung mit gutartigen Tumoren in verschiedenen Organen): Everolimus ist zugelassen, wenn eine therapeutische Maßnahme erforderlich ist, der Tumor aber nicht operativ entfernt werden kann. Die Dosierung erfolgt KOF- und talspiegelgesteuert gemäß Fachinformation.
  • Diffuses Mittelliniengliom (aggressiver Hirntumor in zentralen Strukturen des Gehirns) mit H3-K27M-Mutation: Dordaviprone erhielt im August 2025 in den USA eine beschleunigte Zulassung für Patienten ab einem Jahr mit progredienter Erkrankung nach Vortherapie. In der EU besteht mit Stand September 2026 keine Zulassung; in Deutschland ist Dordaviprone daher keine Standardtherapie und kommt nur im Rahmen einer klinischen Studie oder eines geregelten individuellen Zugangs infrage.
  • Weitere molekulare Alterationen: FGFR-, ALK-, ROS1-, RET-, MET-, EGFR- oder CDK-Alterationen begründen bei primären Hirntumoren in der Regel keine Routinebehandlung mit den für andere Tumoren zugelassenen Inhibitoren. Klinische Studie oder molekulares Tumorboard bevorzugen [LL2].

Pädiatrische Gliome:

  • BRAF-V600E-mutiertes niedriggradiges Gliom (langsam wachsender Hirntumor) ab einem Jahr: Dabrafenib plus Trametinib ist in der EU zugelassen, wenn eine systemische Therapie erforderlich ist; die Kombination zeigte gegenüber Carboplatin plus Vincristin eine höhere Ansprechrate, ein längeres progressionsfreies Überleben und ein günstigeres Sicherheitsprofil [6].
  • BRAF-V600E-mutiertes hochgradiges Gliom (schnell wachsender bösartiger Hirntumor) ab einem Jahr: Dabrafenib plus Trametinib ist nach mindestens einer vorausgegangenen Strahlen- und/oder Chemotherapie zugelassen.
  • Pädiatrisches niedriggradiges Gliom mit BRAF-Fusion oder -Rearrangement beziehungsweise BRAF-V600-Mutation: Tovorafenib ist seit April 2026 in der EU bedingt zugelassen, wenn die Erkrankung nach mindestens einer vorausgegangenen systemischen Therapie progredient ist [7].
  • Cave: BRAF-Inhibitor-Monotherapie der ersten Generation kann bei BRAF-Fusionen oder -Rearrangements zu einer paradoxen MAPK-Aktivierung führen. Die Auswahl des Inhibitors muss daher die konkrete BRAF-Alteration berücksichtigen.
Wirkstoff Besonderheiten
Dabrafenib plus Trametinib Ab einem Jahr bei BRAF-V600E-mutiertem pädiatrischem Gliom in den zugelassenen Therapiesituationen; Fiebermanagement sowie kardiale, ophthalmologische, dermatologische und hepatische Überwachung
Tovorafenib Ab sechs Monaten bei progredientem pädiatrischem niedriggradigem Gliom mit BRAF-Fusion oder -Rearrangement beziehungsweise BRAF-V600-Mutation nach mindestens einer systemischen Vortherapie; bedingte EU-Zulassung
  • Wirkweise: Dabrafenib hemmt BRAF-V600, Trametinib hemmt MEK1 und MEK2; Tovorafenib ist ein Typ-II-RAF-Kinaseinhibitor.
  • Indikationen: biomarkerdefinierte pädiatrische Gliome in den jeweils zugelassenen Therapielinien.
  • Kontraindikationen: substanzspezifisch; Interaktionen, Organfunktion und reproduktionstoxikologische Risiken gemäß Fachinformation prüfen.
  • Nebenwirkungen: unter Dabrafenib plus Trametinib insbesondere Fieber, Hautreaktionen, gastrointestinale Beschwerden, verminderte linksventrikuläre Funktion (verminderte Pumpleistung der linken Herzkammer) und okuläre Toxizität (Schädigung der Augen); unter Tovorafenib unter anderem Haut- und Haarveränderungen, Fatigue, gastrointestinale Beschwerden, Hepatotoxizität, Wachstumsverzögerung und Blutungsereignisse.

Primäre ZNS-Lymphome:

  • Diagnosesicherung vor Steroidgabe: Bei klinisch vertretbarer Situation keine Glucocorticoide vor stereotaktischer Biopsie [LL3].
  • Geeignete Patienten mit eGFR mindestens 50 ml/min: hoch dosiertes Methotrexat mit mindestens 3 g/m² pro Gabe als Bestandteil eines Kombinationsprotokolls. Für jüngere fitte Patienten unter 70 Jahren und Eignung für eine autologe Stammzelltransplantation sind etablierte Gesamtprotokolle wie MATRix, Freiburg III oder Bonn-Bochum vorgesehen. MATRix kombiniert Rituximab, hoch dosiertes Methotrexat, Cytarabin und Thiotepa; die Konsolidierung erfolgt protokollgebunden, häufig mit Thiotepa-basierter Hochdosistherapie und autologer Stammzelltransplantation [12, LL3].
  • Ältere oder weniger fitte, aber Methotrexat-geeignete Patienten: weniger intensive hoch dosierte Methotrexat-basierte Kombinationen, beispielsweise R-MP mit Rituximab, Methotrexat und Procarbazin oder ein modifiziertes Bonn-Bochum-Protokoll [LL3].
  • eGFR unter 50 ml/min: hochdosiertes Methotrexat soll nicht eingesetzt werden. Therapiealternativen werden nach Allgemeinzustand und Organfunktion individuell festgelegt [LL3].
  • Rezidiv: Bei vorausgegangenem Methotrexat-Ansprechen und längerer Remission kann hoch dosiertes Methotrexat erneut eingesetzt werden. Weitere Optionen sind Salvage-Chemotherapie, thiotepabasierte Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation, Strahlentherapie und in ausgewählten Fällen Ibrutinib, Lenalidomid oder Pomalidomid als Off‑Label‑Use beziehungsweise eine klinische Studie. Bei geeigneten Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem (nicht auf die Behandlung ansprechendem) CNS-DLBCL kann eine CD19-gerichtete CAR-T-Zelltherapie in einem spezialisierten Zentrum eingesetzt werden; Zulassungs- und Erstattungsstatus sind präparatespezifisch zu prüfen [LL3].

Hirnmetastasen und leptomeningeale Metastasen (Absiedlungen in den weichen Hirn- und Rückenmarkshäuten):

  • Grundsatz: Die medikamentöse Tumortherapie richtet sich nach Primärtumor, molekularem Treiber, systemischer Erkrankungskontrolle, intrakranieller Aktivität der Substanz, Symptomen und Bedarf an Operation oder Strahlentherapie [LL4].
  • NSCLC: Bei passender molekularer Alteration bevorzugt ZNS-aktive zielgerichtete Therapien, beispielsweise Osimertinib bei EGFR-Mutation, Alectinib oder Lorlatinib bei ALK-Fusion, Entrectinib oder Repotrectinib bei ROS1-Fusion, Selpercatinib bei RET-Fusion sowie Capmatinib oder Tepotinib bei MET-Exon-14-Skipping.
  • HER2-positives Mammakarzinom: Tucatinib plus Trastuzumab plus Capecitabin und Trastuzumab-Deruxtecan besitzen relevante intrakranielle Aktivität; Auswahl und Therapielinie richten sich nach der aktuellen Mammakarzinomleitlinie und Vorbehandlung.
  • Melanom: Nivolumab plus Ipilimumab bei geeigneten Patienten beziehungsweise BRAF- plus MEK-Inhibition bei BRAF-V600-Mutation sind systemische Optionen mit intrakranieller Aktivität.
  • Leptomeningeale Metastasierung: ZNS-aktive Systemtherapie entsprechend dem Primärtumor; intrathekales Methotrexat, Cytarabin oder Thiotepa nur bei ausgewählten Patienten mit Tumorzellnachweis im Liquor, unbehindertem Liquorfluss und realistischer Nutzenperspektive. Die Entscheidung erfolgt in einem spezialisierten Zentrum [LL5].

Meningeome (Tumoren der Hirnhäute):

  • Für progrediente oder rezidivierte Meningeome besteht nach Ausschöpfung von Operation und Strahlentherapie keine etablierte medikamentöse Standardtherapie [LL6].
  • Hydroxyharnstoff, Somatostatinanaloga, Mifepriston und klassische Zytostatika haben keinen verlässlich belegten klinischen Nutzen und sollen nicht als Routinebehandlung eingesetzt werden.
  • Bevacizumab, Sunitinib, Everolimus-basierte Kombinationen, Immuncheckpoint-Inhibitoren oder Peptidrezeptor-Radionuklidtherapie kommen nur in klinischen Studien oder begründeten Einzelfällen als Off‑Label‑Use nach spezialisierten Tumorboardentscheidungen infrage [LL6].

Medulloblastome (bösartige embryonale Tumoren des Kleinhirns) und Ependymome (Tumoren aus Zellen der inneren Auskleidung der Hirnkammern oder des Rückenmarkkanals):

  • Medulloblastom: multimodale, alters- und risikoadaptierte Therapie. Die Chemotherapie besteht nicht aus Vincristin allein, sondern aus protokollgebundenen Kombinationen, beispielsweise mit Cisplatin oder Carboplatin, Lomustin oder Cyclophosphamid und Vincristin. Bei Erwachsenen und Kindern sind unterschiedliche Protokolle anzuwenden.
  • SHH-aktiviertes Medulloblastom: Vismodegib oder Sonidegib kann bei ausgewählten rezidivierten Tumoren mit aktivierender Alteration oberhalb von SMO eine vorübergehende Aktivität zeigen; für Medulloblastome besteht keine EU-Zulassung. Einsatz nur im Rahmen einer klinischen Studie oder als begründeter Off‑Label‑Use.
  • Ependymom: Bei Erwachsenen ist keine medikamentöse Standardtherapie etabliert. Im Rezidiv stehen erneute Operation und Strahlentherapie im Vordergrund; Chemotherapie oder zielgerichtete Therapie bevorzugt im Rahmen klinischer Studien.

Nicht etablierte und experimentelle Verfahren

  • Rindopepimut: nach negativer randomisierter Phase-III-Studie keine Therapieoption beim EGFRvIII-positiven Glioblastom [10].
  • Immuncheckpoint-Inhibitoren beim Glioblastom: Nivolumab, Pembrolizumab und Ipilimumab sind keine Standardtherapie. Nivolumab verbesserte im rezidivierten Glioblastom das Gesamtüberleben gegenüber Bevacizumab nicht [11]. Eine Anwendung kommt nur bei einer seltenen tumoragnostischen Zulassungsindikation oder in klinischen Studien infrage.
  • CAR-T-Zelltherapie beim Glioblastom: Frühe Studien zeigen bei einzelnen Patienten teilweise eindrucksvolle, häufig jedoch nicht dauerhafte radiologische Reaktionen. Die von Brown et al. 2016 publizierte Einzelbeobachtung bleibt ein historischer Machbarkeitsnachweis; neuere CARv3-TEAM-E-Daten umfassen weiterhin nur eine sehr kleine Patientenzahl. Das Verfahren ist experimentell und soll ausschließlich in klinischen Studien erfolgen [8, 9].

Red Flags

  • Rasche Bewusstseinsminderung, progrediente fokal-neurologische Defizite (örtlich begrenzte Ausfälle von Gehirn- oder Nervenfunktionen), wiederholtes Erbrechen, Anisokorie (unterschiedlich große Pupillen), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) mit arterieller Hypertonie (Bluthochdruck) oder akute Atemstörung: Verdacht auf Hirndruckkrise beziehungsweise Einklemmung; sofortige notfallmäßige Bildgebung und neurochirurgisch-neurointensivmedizinische Behandlung.
  • Erster epileptischer Anfall, Status epilepticus (lang anhaltender oder wiederholt auftretender epileptischer Anfall) oder anhaltende postiktale Bewusstseinsstörung (Bewusstseinsstörung nach einem Anfall): sofortige Akuttherapie und Ursachenabklärung.
  • Fieber bei Neutropenie, klinische Sepsiszeichen (Anzeichen einer lebensbedrohlichen Reaktion auf eine Infektion), relevante Blutung oder neue Dyspnoe (Atemnot) unter myelotoxischer Therapie: onkologischer Notfall.
  • Neue neurologische Symptome unter Immuntherapie oder zielgerichteter Therapie: Neben Tumorprogression auch Blutung, vaskuläres Ereignis, Infektion und therapiebedingte Neurotoxizität differenzialdiagnostisch berücksichtigen.

Abkürzungsverzeichnis

  • 1p/19q = kurze Arme der Chromosomen 1 und 19
  • 5-HT3 = 5-Hydroxytryptamin-3
  • ALK = anaplastische Lymphomkinase
  • ASCO = American Society of Clinical Oncology
  • AWMF = Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BRAF = B-Raf-Protoonkogen
  • CAR = chimärer Antigenrezeptor
  • CAR-T = T-Zellen mit chimärem Antigenrezeptor
  • CD19 = Cluster of Differentiation 19
  • CDK = cyclinabhängige Kinase
  • CNS-DLBCL = diffus großzelliges B-Zell-Lymphom des zentralen Nervensystems
  • DNA = Desoxyribonukleinsäure
  • EANO = European Association of Neuro-Oncology
  • EGFR = Rezeptor des epidermalen Wachstumsfaktors
  • EGFRvIII = Variante III des Rezeptors des epidermalen Wachstumsfaktors
  • eGFR = geschätzte glomeruläre Filtrationsrate
  • EORTC = European Organisation for Research and Treatment of Cancer
  • ESMO = European Society for Medical Oncology
  • EU = Europäische Union
  • FDA = Food and Drug Administration
  • FGFR = Fibroblasten-Wachstumsfaktor-Rezeptor
  • H3 = Histon H3
  • HER2 = humaner epidermaler Wachstumsfaktor-Rezeptor 2
  • IDH = Isocitrat-Dehydrogenase
  • KG = Körpergewicht
  • KOF = Körperoberfläche
  • LL = Leitlinie
  • MAPK = mitogenaktivierte Proteinkinase
  • MATRix = Methotrexat, Cytarabin, Thiotepa und Rituximab
  • MEK = mitogenaktivierte Proteinkinase-Kinase
  • MET = mesenchymal-epithelial transition factor
  • MGMT = O6-Methylguanin-DNA-Methyltransferase
  • NOA = Neuroonkologische Arbeitsgemeinschaft
  • NSCLC = nichtkleinzelliges Lungenkarzinom
  • NTRK = neurotrophe Tyrosinrezeptorkinase
  • PCV = Procarbazin, Lomustin und Vincristin
  • RAF = Rapidly Accelerated Fibrosarcoma Kinase
  • RET = rearranged during transfection
  • R-MP = Rituximab, Methotrexat und Procarbazin
  • ROS1 = ROS-Protoonkogen 1
  • S2k = konsensbasierte Leitlinie der Entwicklungsstufe S2k
  • SHH = Sonic Hedgehog
  • SMO = Smoothened-Rezeptor
  • SNO = Society for Neuro-Oncology
  • WHO = Weltgesundheitsorganisation
  • ZNS = zentrales Nervensystem

Literatur

  1. Stupp R et al.: Radiotherapy plus Concomitant and Adjuvant Temozolomide for Glioblastoma. N Engl J Med. 2005;352:987-996. doi: 10.1056/NEJMoa043330
  2. Buckner JC et al.: Radiation plus Procarbazine, CCNU, and Vincristine in Low-Grade Glioma. N Engl J Med. 2016;374:1344-1355. doi: 10.1056/NEJMoa1500925
  3. van den Bent MJ et al.: Adjuvant and concurrent temozolomide for 1p/19q non-co-deleted anaplastic glioma (CATNON; EORTC study 26053-22054): second interim analysis of a randomised, open-label, phase 3 study. Lancet Oncol. 2021;22:813-823. doi: 10.1016/S1470-2045(21)00090-5
  4. Perry JR et al.: Short-Course Radiation plus Temozolomide in Elderly Patients with Glioblastoma. N Engl J Med. 2017;376:1027-1037. doi: 10.1056/NEJMoa1611977
  5. Mellinghoff IK et al.: Vorasidenib in IDH1- or IDH2-Mutant Low-Grade Glioma. N Engl J Med. 2023;389:589-601. doi: 10.1056/NEJMoa2304194
  6. Bouffet E et al.: Dabrafenib plus Trametinib in Pediatric Glioma with BRAF V600 Mutations. N Engl J Med. 2023;389:1108-1120. doi: 10.1056/NEJMoa2303815
  7. Kilburn LB et al.: The type II RAF inhibitor tovorafenib in relapsed/refractory pediatric low-grade glioma: the phase 2 FIREFLY-1 trial. Nat Med. 2024;30:207-217. doi: 10.1038/s41591-023-02668-y
  8. Brown CE et al.: Regression of Glioblastoma after Chimeric Antigen Receptor T-Cell Therapy. N Engl J Med. 2016;375:2561-2569. doi: 10.1056/NEJMoa1610497
  9. Choi BD et al.: Intraventricular CARv3-TEAM-E T Cells in Recurrent Glioblastoma. N Engl J Med. 2024;390:1290-1298. doi: 10.1056/NEJMoa2314390
  10. Weller M et al.: Rindopepimut with temozolomide for patients with newly diagnosed, EGFRvIII-expressing glioblastoma (ACT IV): a randomised, double-blind, international phase 3 trial. Lancet Oncol. 2017;18:1373-1385. doi: 10.1016/S1470-2045(17)30517-X
  11. Reardon DA et al.: Effect of Nivolumab vs Bevacizumab in Patients With Recurrent Glioblastoma: The CheckMate 143 Phase 3 Randomized Clinical Trial. JAMA Oncol. 2020;6:1003-1010. doi: 10.1001/jamaoncol.2020.1024
  12. Ferreri AJM et al.: Long-term efficacy, safety and neurotolerability of MATRix regimen followed by autologous transplant in primary CNS lymphoma: 7-year results of the IELSG32 randomized trial. Leukemia. 2022;36(7):1870-1878. doi: 10.1038/s41375-022-01582-5

Leitlinien

  1. Weller M et al.: EANO guidelines on the diagnosis and treatment of diffuse gliomas of adulthood. Nat Rev Clin Oncol. 2021;18:170-186. doi: 10.1038/s41571-020-00447-z [LL1]
  2. van den Bent MJ et al.: Updated EANO guideline on rational molecular testing of gliomas, glioneuronal, and neuronal tumors in adults for targeted therapy selection, Update 1. Neuro Oncol. 2025;27:331-337. doi: 10.1093/neuonc/noae213 [LL2]
  3. S2k-Leitlinie: Primäre ZNS-Lymphome. (AWMF-Registernummer: 030-059), Version 6.0, Mai 2026. Langfassung [LL3]
  4. Le Rhun E et al.: EANO-ESMO Clinical Practice Guidelines for diagnosis, treatment and follow-up of patients with brain metastasis from solid tumours. Ann Oncol. 2021;32:1332-1347. doi: 10.1016/j.annonc.2021.07.016 [LL4]
  5. Le Rhun E et al.: Leptomeningeal metastasis from solid tumours: EANO-ESMO Clinical Practice Guideline for diagnosis, treatment and follow-up. ESMO Open. 2023;8:101624. doi: 10.1016/j.esmoop.2023.101624 [LL5]
  6. Goldbrunner R et al.: EANO guideline on the diagnosis and management of meningiomas. Neuro Oncol. 2021;23:1821-1834. doi: 10.1093/neuonc/noab150 [LL6]
  7. Walbert T et al.: SNO and EANO practice guideline update: Anticonvulsant prophylaxis in patients with newly diagnosed brain tumors. Neuro Oncol. 2021;23:1835-1844. doi: 10.1093/neuonc/noab152 [LL7]
  8. Ryken TC et al.: Anticonvulsant Prophylaxis and Steroid Use in Adults With Metastatic Brain Tumors: ASCO and SNO Endorsement of the Congress of Neurological Surgeons Guidelines. J Clin Oncol. 2019;37:1130-1135. doi: 10.1200/JCO.18.02085 [LL8]
  9. S2k-Leitlinie: Gliome. (AWMF-Registernummer: 030-099), Version 7.0, Februar 2021; Gültigkeit abgelaufen, Aktualisierung seit Januar 2026 angemeldet. Langfassung [LL9]

Fachinformationen

  1. European Medicines Agency: Temodal (Temozolomid), Produktinformation.
  2. European Medicines Agency: Voranigo (Vorasidenib), Produktinformation.
  3. European Medicines Agency: Finlee (Dabrafenib), Produktinformation.
  4. European Medicines Agency: Spexotras (Trametinib), Produktinformation.
  5. European Medicines Agency: Ojemda (Tovorafenib), Produktinformation.
  6. European Medicines Agency: Afinitor (Everolimus), Produktinformation.