Aktuelles zur Coronavirus-Infektion
Anamnese
Demenz

Die Anamnese (Krankengeschichte) stellt einen wichtigen Baustein in der Diagnostik der Demenz dar.

Bei der Erstanamnese ist eine Bezugsperson einzubeziehen; häufig handelt es sich um eine Fremdanamnese (Familienangehörige).

Familienanamnese

  • Wie ist der allgemeine Gesundheitszustand Ihrer Angehörigen?
  • Gab es im Vorfeld der Erkrankung einschneidende Lebensereignisse?
  • Gibt es eine familiäre Belastung für eine Demenz?
  • Gibt es in Ihrer Familie neurologische Erkrankungen, die häufig vorkommen?
  • Gibt es in Ihrer Familie Erbkrankheiten?

Soziale Anamnese

  • Welchen Beruf üben Sie aus?
  • Sind Sie in Ihrem Beruf schädigenden Arbeitsstoffen ausgesetzt?

Aktuelle Anamnese/Systemanamnese (somatische und psychische Beschwerden) 

  • Welche Veränderungen sind Ihnen aufgefallen?
    • Verlegen von Gegenständen?
    • Vergessen kurz zurückliegender Ereignisse und von Terminen?
    • Schwierigkeiten bei komplexen alltäglichen Verrichtungen (Umgang mit Geräten)
    • ungezielte und "Leerlaufhandlungen"?
    • Wiederholungen?
    • sozialer Rückzug?
    • vermehrte Reizbarkeit?
  • Leiden Sie unter Einschränkungen der Gedächtnisleistung?
  • Leiden Sie unter Sprech-, Sprachstörungen?
    • z. B. im Gespräch fällt es schwer, das passende Wort zu finden (Aphasie)?
  • Fühlen Sie sich aggressiv?
  • Wie lange bestehen diese Veränderungen schon?
  • Begannen die Beschwerden plötzlich oder einschleichend?
  • Was waren die ersten Symptome?
  • Wie schnell verschlechtert sich die Symptomatik?
  • Bestanden depressive oder psychotische Episoden im Laufe der letzten Jahre?
    Beachte: eine depressive Störung kann Vorbote einer Demenz sein (= unabhängiger Risikofaktor für eine Entwicklung einer Demenz); eine Depression kann allerdings auch eine Demenz vortäuschen (früher als "depressive Pseudodemenz" bezeichnet)
  • Liegen sonstige Symptome vor?
  • Sind Medikamente neu angesetzt oder abgesetzt worden? [s. u. Medikamentenanamnese]

Vegetative Anamnese inkl. Ernährungsanamnese

  • Sind Sie übergewichtig? Geben Sie uns bitte Ihr Körpergewicht (in kg) und Ihre Körpergröße (in cm) an.
  • Hat Sie gesteigerten oder verminderten Appetit?
  • Leiden Sie unter Schlafstörungen?
  • Rauchen Sie? Wenn ja, wie viele Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen pro Tag?
  • Trinken Sie Alkohol? Wenn ja, welches Getränk bzw. welche Getränke und wie viele Gläser pro Tag?
  • Nehmen Sie Drogen? Wenn ja, welche Drogen und wie häufig pro Tag bzw. pro Woche?

Eigenanamnese inkl. Medikamentenanamnese

  • Vorerkrankungen (s. u. krankheitsbedingte Ursachen einer Demenz; Elektrolytentgleisungen, z. B. Hyponatriämie?)
  • Operationen
  • Allergien

Medikamentenanamnese

  • Antiandrogene bei Prostatakarzinom-Patienten (Androgendeprivation: 2,2-fach erhöhtes Risiko) [4]
  • Anticholinergika; insbesondere die Einnahme mehrerer Anticholinergika [1]; Assoziationen waren teilweise noch nach 15 bis 20 Jahren nachweisbar [7]
    • Zu den betroffenen anticholinergischen Wirkstoffen gehören neben den klassischen Anticholinergika auch trizyklische Antidepressiva wie Doxepin, Antihistaminika der ersten Generation wie Diphenhydramin und Doxylamin sowie Antimuskarinika wie Oxybutynin. Eine 10 Jahre kumulationsdosisabhängige Beziehung für ein erhöhtes Auftreten von Demenz und Morbus Alzheimer konnte für diese anticholinergischen Wirkstoffe nachgewiesen werden [11]. 
    • Weitere Medikamente mit "anticholinerger Last":
      • Analgetika
        • Fentanyl (Opioid)
        • Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)
      • Antibiotika
        • β-Laktam-Antibiotika
        • Chinolone/Fluorchinolone/Gyrasehemmer (Ciprofloxacin, Moxifloxacin, Nalidixinsäure, Norfloxacin, Lomefloxacin, Levofloxacin, Ofloxacin)
      • Benzodiazepine (kognitionseinschränkend)
      • Betablocker
      • Captopril (ACE-Hemmer)
      • Digoxin (Digitalis)
      • Diuretika
        • Chlortalidon (Thiazid-Analogon)
        • Furosemid (Schleifendiuretika)
      • Glucocorticoide
      • Histaminrezeptorantagonisten
      • Isosorbid (langwirkendes Nitrat)
      • Nifedipin (Calciumantagonist vom 1,4-Dihydropyridin-Typ)
      • Loperamid (Peristaltikhemmer)
      • Theophyllin (Xanthin)
  • Antiepileptika
    • Funktionalisierte Aminosäure (Lacosamid)
  • Antihypertonika
  • Hormone
    • Systemische Hormontherapie – Studienergebnisse [8]:
      • keine signifikanten Unterschiede zwischen reinen Estradiol- und kombinierten Östrogen-Gestagen-Präparaten
      • Frauen mussten die Präparate mindestens zehn Jahre lang vor dem 60 Lebensjahr eingenommen haben; kürzere Einnahmedauer war mit keinem erhöhten Demenzrisiko verbunden.
      • Frauen, die mit Behandlungsbeginn 60 Jahre alt waren, zeigten schon nach drei Jahren Einnahmedauer eine höhere Demenzwahrscheinlichkeit.
  • Protonenpumpenhemmer (Protonenpumpeninhibitoren, PPI; Säureblocker) bei älteren Patienten [2, 4]; eine andere Studie zeigte, dass MCI (mild cognitive impairment; leichte kognitive Beeinträchtigung) und Demenz, mit PPI signifikant geringer als ohne waren [6]
    Fazit: Es fehlen randomisierte Studien.
  • Psychopharmaka
  • Tamsulosin (α1-Adrenozeptorantagonist)

Umweltanamnese

  • Anoxie, z. B. durch Narkosezwischenfall
  • Blei
  • Kohlenmonoxid
  • Lösungsmittel-Enzephalopathie
  • Luftschadstoffe: Feinstaub (PM2,5) und Stickoxide; am meisten gefährdet waren Senioren, die unter einer Herzinsuffizienz oder einer ischämischen Herzerkrankung litten [9]
  • Perchloräthylen
  • Quecksilber
  • Schwermetallvergiftung (Arsen, Blei, Quecksilber, Thallium)

Neuropsychologische Kurztests

Zur ersten Einschätzung des Minderleistungsprofils empfiehlt die S3-Leitlinie, eines der folgenden "Papier-und-Bleistift“-Verfahren zur orientierenden Einschätzung kognitiver Störungen einzusetzen:

  • Montreal Cognitve Assessment (MoCA) [enthält bereits einen Uhrentest]
  • Mini-Mental State Examination (MMSE) [stark von Sprache und Schulbildung abhängig; jährliche Untersuchungsintervalle; Patienten mit Alzheimererkrankung verlierten im Mittel 3 bis 4 Punkte nach Ablauf eines Jahres]
  • Demenz-Detection (DemTect) [zur frühzeitigen Aufdeckung beginnender Gedächtnisschwierigkeiten besser geeignet als die MMSE]
  • eine Variante der verschiedenen Uhrentests [nützlich bei der Differentialdiagnose zwischen Demenz und Depression]

Literatur

  1. Kalisch Ellett LM, Pratt NL, Ramsay EN, Barratt JD, Roughead EE: Multiple Anticholinergic Medication Use and Risk of Hospital Admission for Confusion or Dementia. J Am Geriatr Soc. 2014 Oct 3. doi: 10.1111/jgs.13054
  2. Haenisch B: Risk of dementia in elderly patients with the use of proton pump inhibitors.  Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci. 2014 Oct 24.
  3. Gray SL et al.: Cumulative Use of Strong Anticholinergics and Incident Dementia. A Prospective Cohort Study. JAMA Intern Med. Published online January 26, 2015. doi:10.1001/jamainternmed.2014.7663
  4. Gomm W et al.: Association of Proton Pump Inhibitors With Risk of Dementia. JAMA Neurol. 2016;73(4):410-416. doi:10.1001/jamaneurol.2015.4791
  5. Nead KT et al.: Association Between Androgen Deprivation Therapy and Risk of Dementia. JAMA Oncol 2016, online 13. Oktober; doi: 10.1001/jamaoncol.2016.3662
  6. Goldstein FC et al.: Proton Pump Inhibitors and Risk of Mild Cognitive Impairment and Dementia. J Am Geriatr Soc 2017, online 7. Juni
  7. Richardson K et al.: Anticholinergic drugs and risk of dementia: case-control study. BMJ 2018; 361 doi.org/10.1136/bmj.k1315 (Published 25 April 2018)
  8. Savolainen-Peltonen H et al.: Use of postmenopausal hormone therapy and risk of Alzheimer’s disease in Finland: nationwide case-control study. BMJ 2019;364:l665 doi: https://doi.org/10.1136/bmj.l665
  9. Grande G et al.: Association Between Cardiovascular Disease and Long-term Exposure to Air Pollution With the Risk of Dementia. JAMA Neurol. Published online March 30, 2020. doi:10.1001/jamaneurol.2019.4914
     
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