Essbrechsucht (Bulimia nervosa) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck und Puls in Ruhe sowie bei klinischem Verdacht auf Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel) orthostatischer (beim Lagewechsel) Messung, Körpergewicht, Körpergröße und Body-Mass-Index (BMI; Körpermasseindex); des Weiteren:
    • Inspektion
      • Allgemein- und Ernährungszustand [Körpergewicht häufig im Normalbereich; Gewichtsschwankungen; bei ausgeprägtem Purging Dehydratationszeichen (Zeichen von Flüssigkeitsmangel) und periphere Ödeme (Schwellungen durch Flüssigkeitseinlagerungen)]
      • Haut und Hände [Russell-Zeichen (Schwielen oder Verletzungen an den Fingerknöcheln durch selbstinduziertes Erbrechen): Schwielen, Hyperkeratosen (übermäßige Verhornungen), Exkoriationen (oberflächliche Hautabschürfungen) oder Narben über den Fingerknöcheln bzw. am Handrücken durch wiederholten Zahnkontakt beim selbstinduzierten Erbrechen]
      • Mundhöhle, Zähne und Schleimhäute [Zahnschmelzerosionen (Abtragungen des Zahnschmelzes), insbesondere an den palatinalen (zum Gaumen gerichteten) Flächen der Oberkieferzähne; erhöhte Kariesneigung; orale Schleimhautläsionen (Verletzungen der Mundschleimhaut)]
      • Gesicht und Hals [meist schmerzlose, häufig bilaterale (beidseitige) Vergrößerung der Parotis (Ohrspeicheldrüse) bzw. anderer Speicheldrüsen (Sialadenose (nichtentzündliche Speicheldrüsenvergrößerung))]
    • Palpation
      • Speicheldrüsen [Vergrößerung der Parotis und/oder Submandibulardrüsen (Unterkieferspeicheldrüsen)]
      • Abdomen (Bauch) [abdominelle Distension (Aufblähung des Bauches) oder Druckempfindlichkeit nach Essanfällen bzw. wiederholtem Erbrechen]
    • Herz-Kreislauf-System
      • Auskultation des Herzens und Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus [Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) oder Bradykardie (verlangsamter Herzschlag); unregelmäßiger Puls bei purgingbedingten Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts)]
      • Beurteilung der peripheren Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperbereiche) und des Hydratationszustandes (Flüssigkeitshaushalts) [orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) bei Volumenmangel]
  • Ggf. gynäkologische Untersuchung – bei Zyklusstörungen bzw. klinischen Hinweisen auf eine endokrine (hormonelle) Beeinträchtigung [Oligomenorrhoe (zu seltene Monatsblutungen) oder Amenorrhoe (Ausbleiben der Monatsblutung), insbesondere bei zusätzlicher Gewichtsreduktion bzw. restriktiver Nahrungsaufnahme]
  • Psychiatrische und psychosomatische Untersuchung – insbesondere Beurteilung von:
    • Essverhalten, Essanfälle und kompensatorische Verhaltensweisen wie selbstinduziertes Erbrechen, Laxanzien- oder Diuretikamissbrauch, Fasten und exzessive körperliche Aktivität
    • Gewichts- und Figurbezogenheit sowie deren Einfluss auf die Selbstbewertung
    • depressiver Symptomatik, Angst- und Zwangssymptomen
    • Impulsivität sowie Alkohol- und Substanzkonsum
    • Selbstverletzendem Verhalten und Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung)

Red Flags (Warnzeichen) bei Bulimia nervosa

  • Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit), ausgeprägter Schwindel oder Kreislaufinstabilität
  • Deutliche orthostatische Hypotonie, ausgeprägte Bradykardie oder Tachykardie
  • Herzrhythmusstörungen bzw. Palpitationen (Herzklopfen) bei Verdacht auf relevante Elektrolytstörungen
  • Ausgeprägte Dehydratation (Flüssigkeitsmangel)
  • Hämatemesis (Bluterbrechen), starke retrosternale (hinter dem Brustbein gelegene) oder abdominelle Schmerzen nach Erbrechen als Hinweis auf eine schwere gastroösophageale (Speiseröhre und Magen betreffende) Komplikation
  • Neuromuskuläre (Nerven und Muskeln betreffende) Schwäche, Krämpfe oder Bewusstseinsstörungen als möglicher Hinweis auf eine relevante Elektrolytstörung
  • Rasche oder ausgeprägte Gewichtsabnahme bzw. klinische Zeichen einer Mangelernährung
  • Akute Suizidalität oder schwere Selbstverletzung

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.