Anatomie – Physiologie
Scheidenentzündung (Vaginitis/Kolpitis)

Da die Grundlagen der Kolpitis/Vaginitis z. T. sehr komplex sind, sollen einige Grundlagen dazu dargestellt werden:

Anatomie und Funktion der Scheide

Die Vagina (Scheide) als Verbindungsorgan zwischen Vulva (dem äußeren Genitale) und der Portio (Muttermund) stellt nicht nur funktionell, sondern auch anatomisch, eine Besonderheit im Genitalbereich dar.

Als Schutzorgan zwischen der Außenwelt und dem Abdomen (Bauchraum) besteht die Vagina aus einem vielschichtig aufgebauten, nicht verhornenden Plattenepithel, der sog. Mukosa (keine Schleimhaut!). Diese ist innen von glatter, gitterförmiger und längsverlaufender (gute Dehnbarkeit), nach außen von quer gestreifter, aktiv beweglicher Muskulatur umgeben. Vorder- und Hinterwand liegen in ungedehntem Zustand aneinander, bilden Querfalten (Dehnungsreserve für Verkehr, Geburt) und einen H-förmigen Spalt.

Die Mukosa ist hormonabhängig und enthält keine Drüsen. Durch Östrogene wird Glykogen in die Mukosa eingelagert. Durch Glykogenabbau infolge Zytolyse ("Auflösung" einer Zelle durch Aufhebung ihrer Membranintegrität) gestageninduzierter abgeschilferter Zellen entsteht Milchsäure. Diese führt zu einem sauren pH-Wert und ist damit ein wichtiger Infektionsschutz.

Entsprechend den Anforderungen im Verlauf des Lebens ist das Vaginalepithel in der Kindheit und im Senium (Greisenalter) sehr dünn, damit leicht verletzlich und infektionsgefährdet. In der Geschlechtsreife ist es hoch aufgebaut, dick und widerstandsfähig.

Physiologie der Scheide

Fluor

Ein Fluor vaginalis (Scheidenausfluss) ist physiologisch, kann individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt sein und ist auch hormonabhängig. Während des Zyklus ist er kurz vor der Ovulation am stärksten ausgeprägt.

Das Vaginalsekret (Scheidensekret) besteht aus vaginalem Transsudat (nichtenzündliche Körperflüssigkeit), abgeschilferten Epithelzellen und Cervixschleim.
Hinweis! Die hormonabhängige, sehr starke Verflüssigung des Cervixschleims (Sekret, das von den Drüsen im Gebärmutterhals (Cervix) abgesondert wird) kurz vor dem Eisprung lässt sich zur Bestimmung der Ovulation (Eisprung) heranziehen (sog. Billings Methode).

Eine Unterscheidung zwischen physiologisch und pathologisch (krankhaft; Entzündung) kann sehr schwierig sein. Das physiologische Sekret ist geruchsneutral oder riecht leicht säuerlich. Es hat eine weißer Farbe und eine kremige Konsistenz. Der pH-Wert liegt zwischen 3,8 und 4,5. Unter dem Mikroskop finden sich massenhaft Epithelien und Laktobazillen, aber kaum Bakterien.

Normale Flora (Mikrobiota) der Scheide

Laktobakterien in hoher Keimzahl 105 bis 108/ ml (von > 50 verschiedenen Typen, kommen beim Menschen 5 - 7 Typen vor). Wichtig sind Stämme die Wasserstoffperoxid bilden können. Sie besitzen gegenüber Anaerobiern eine bakterizide ("Bakterien-tötende Wirkung") Wirkung.

Da die Besiedelung und das Wachstum östrogenabhängig sind, finden sich Laktobakterien in den ersten Wochen nach der Geburt, später nicht, und wieder ab der Menarche (Auftreten der ersten Regelblutung) bis zur Menopause (Zeitpunkt der letzten spontanen Menstruation). Reduziert werden sie physiologisch während der Menstruation und während des Wochenbettes.     

Aufgrund der Lage und der Funktion der Scheide siedeln sich immer wieder verschiedenste Keime der Haut und des Perianalbereiches ("um den Anus herum", sowie die des Partners an. Deshalb sind verschiedene Keime in niedriger Keimzahl (bis 104 - 105/ml) physiologisch. Bei einer gesunden Frau lassen sich meist 3 - 8 Keime anzüchten z. B. Streptokokken der Gruppe B, Enterokokken, Gardnerella vaginalis, Ureaplasma urealyticum, Clostri­dium perfringens und Mycoplasmen. Mit anderen Worten eine Kolpitis ist weniger durch das Spektrum der Bakterien als vielmehr durch die Keimzahl charakterisiert.

Immer pathologisch sind Bakterien der Streptokokken der Gruppe A und Staphylococcus aureus, sowie das Protozoon Trichomonas vaginalis.

Eubiose – Dysbiose

Das Milieu der Scheide und die Scheidenflora stellen ein biologisches Gleichgewicht dar, das sehr unterschiedlich sein kann, sodass der Übergang von noch physiologisch (gesund) zu pathologisch (krank) fließend ist. Es gibt erhebliche interindividuelle Unterschiede. Die Einschätzung hängt auch von den Beschwerden ab, die sehr unterschiedlich wahrgenommen werden.   

  • Eubiose: Als Eubiose bezeichnet man die gesunde Scheidenflora einer asymptomatischen, mikrobiologisch unauffälligen Frau.   
  • Dysbiose: Als Dysbiose bezeichet man ein Ungleichgewicht der Vaginalflora mit Reduktion der Laktobakterien, einer Zunahme der Leukozyten (weiße Blutkörperchen) und evtl. einer Zunahme verschiedener, vorhandener Bakterien. Die bakterielle Dysbiose kann weder der normalen Scheidenflora noch einer spezifischen vaginalen Infektion zugeordnet werden. Manche Patienten leiden unter einem verstärkten Fluor (Ausfluss) und den Zeichen einer Vulvitis (Brennen, Pruritus (Juckreiz), Rötung, Schmerzen)

Infektionsschutz

Die Vagina verfügt über zwei Mechanismen gegen bakterielle und virale Infektionen: H2 O2 (Sauerstoffsuperoxid) und NO (Stickstoffmonoxid):

  • H2 O2 wird in verschiedenen Spezies der Laktobakterien gebildet und wirkt bakterizid ("Bakterien-Tötend").
  • NO: Das saure Milieu in der Scheide ermöglicht die Bildung von NO. Es wirkt bakterizid und viruzid ("Viren-tötend"). Ein doppeltes, NO freisetzendes System, sorgt dafür. NO wird entweder aus den Epithelzellen direkt abgegeben (bei einem laktobazilleninduzierten sauren pH-Wert unter 4,5 wird aus Nitrat Nitrit gebildet), oder es wird von Makrophagen ("Fresszellen") sezerniert.

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

     
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