Libidostörungen der Frau – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Libidostörungen der Frau (Störungen des sexuellen Verlangens der Frau) mitbedingt sein können:

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Angstsymptomatik (Angstbeschwerden) – kann im Zusammenhang mit sexueller Versagensangst (Angst, sexuell nicht zu genügen), Vermeidungsverhalten (ausweichendem Verhalten), reduziertem Selbstwert (vermindertem Selbstwertgefühl) und partnerschaftlicher Belastung auftreten; besonders relevant bei chronifiziertem sexuellem Distress (sexuell bezogener Belastung) [3, LL 1]
  • Depressive Symptomatik/Depression (depressive Beschwerden/Niedergeschlagenheit) – weibliche Libidostörungen sind mit vermindertem psychischem Wohlbefinden, sexueller Belastung und depressiver Symptomatik assoziiert; die Beziehung ist in der Regel bidirektional (wechselseitig), sodass eine monokausale Zuordnung (Zuordnung zu einer einzigen Ursache) nicht zulässig ist [1-3, LL 1]
  • Sexuell bezogener persönlicher Distress – zentrales diagnostisches und klinisch relevantes Merkmal behandlungsbedürftiger weiblicher Libidostörungen; populationsbasiert auch bei nicht partnerschaftlich gebundenen oder nicht sexuell aktiven Frauen beschrieben [1, 2, LL 1]
  • Vermindertes sexuelles Selbstbild (vermindertes sexuelles Selbstempfinden) – häufige psychosexuelle Begleit- beziehungsweise Folgekomponente weiblicher sexueller Funktionsstörungen; bei jungen Frauen populationsbasiert als eigenständige Dimension sexueller Dysfunktion (Störung der Sexualfunktion) erfasst [2, 3]

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Orgasmusstörung (Störung des sexuellen Höhepunkts) – kann im Rahmen einer übergreifenden weiblichen sexuellen Funktionsstörung (Störung der Sexualfunktion der Frau) mit verminderter Lust, reduzierter Erregung und sexuellem Distress koexistieren (gemeinsam bestehen); eine direkte Kausalität (Ursächlichkeit) durch die Libidostörung ist individuell nicht regelhaft belegbar und muss klinisch geprüft werden [2, LL 1]
  • Sexuelle Erregungs- und Lubrikationsstörung (Störung der sexuellen Erregung und Scheidenbefeuchtung) – kann gemeinsam mit vermindertem sexuellem Interesse bestehen oder sich sekundär im Rahmen sexueller Vermeidung und reduzierter sexueller Reaktivität (sexueller Ansprechbarkeit) entwickeln; differentialdiagnostisch (zur Abgrenzung ähnlicher Erkrankungen) ist zu beachten, dass Scheidentrockenheit (trockene Scheide), Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr) und genitourinäres Menopausensyndrom (Beschwerden an Scheide, Harnwegen und Geschlechtsorganen nach den Wechseljahren) häufig primäre Ursachen oder Verstärker und nicht direkte Folgen der Libidostörung sind [1, 2, LL 1-3]

Weiteres

  • Partnerschaftliche Konflikte (Konflikte in der Paarbeziehung) – klinisch relevante Folge beziehungsweise Wechselwirkung bei chronischer Libidostörung; bedeutsam sind Kommunikationsstörungen (Störungen der Verständigung), sexueller Rückzug, Vermeidungsverhalten, subjektiver Druck und zunehmende Belastung der Paarbeziehung [1, 3, LL 1]
  • Sozialer Rückzug – möglich bei ausgeprägter Scham, vermindertem Selbstwert, partnerschaftlicher Belastung oder komorbider depressiver Symptomatik (gleichzeitig bestehender depressiver Beschwerden); die Evidenz (wissenschaftliche Beleglage) ist indirekt und ergibt sich aus Daten zu psychischem Wohlbefinden, sexuellem Distress und Beziehungsbelastung [3]
  • Verminderte Lebensqualität – weibliche sexuelle Gesundheit ist eng mit psychischem Wohlbefinden und Lebensqualität verbunden; besonders ausgeprägt bei zusätzlichem sexuellem Distress, depressiver Symptomatik, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr oder psychotroper Medikation (Medikamenten mit Wirkung auf die Psyche) [1-3, LL 1]

Prognosefaktoren

  • Ausgeprägter sexuell bezogener persönlicher Distress – ungünstiger Prognosefaktor (Einflussfaktor auf den weiteren Verlauf), da er Vermeidungsverhalten, Chronifizierung (Verfestigung über längere Zeit) und psychosoziale Belastung verstärken kann [1, 2, LL 1]
  • Depressive Symptomatik oder Angst – ungünstiger Prognosefaktor aufgrund bidirektionaler Wechselwirkungen zwischen psychischer Belastung, sexueller Funktion und sexuellem Distress [1-3, LL 1]
  • Dyspareunie, Scheidentrockenheit oder genitourinäres Menopausensyndrom – ungünstige Prognosefaktoren, wenn sie nicht gezielt diagnostiziert und behandelt werden; sie sind häufig Ursache oder Verstärker einer Libidostörung [1, LL 1-3]
  • Multifaktorielle Genese (Entstehung durch mehrere Ursachen) – ungünstiger Prognosefaktor, wenn hormonelle, somatische (körperliche), psychische, medikamentöse und partnerschaftliche Einflussfaktoren nicht parallel adressiert werden [LL 1-3]
  • Partnerschaftliche Belastung – ungünstiger Prognosefaktor bei fehlender Kommunikation, Konflikten, sexueller Drucksituation oder persistierendem Vermeidungsverhalten (anhaltendem ausweichendem Verhalten) [1, 3, LL 1]
  • Psychotrope Medikation – ungünstiger Prognosefaktor, insbesondere bei antidepressiver Therapie (Behandlung mit Medikamenten gegen Depressionen) oder anderer psychotroper Therapie mit sexuellen Nebenwirkungen [1, 2, LL 1]

Literatur

  1. Worsley R, Bell RJ, Gartoulla P, Davis SR. Prevalence and Predictors of Low Sexual Desire, Sexually Related Personal Distress, and Hypoactive Sexual Desire Dysfunction in a Community-Based Sample of Midlife Women. J Sex Med. 2017;14(5):675-686. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2017.03.254 
  2. Zheng J, Skiba MA, Bell RJ, Islam RM, Davis SR. The prevalence of sexual dysfunctions and sexually related distress in young women: a cross-sectional survey. Fertil Steril. 2020;113(2):426-434. https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2019.09.027 
  3. Arcos-Romero AI, Calvillo C. Sexual Health and Psychological Well-Being of Women: A Systematic Review. Healthcare. 2023;11(23):3025. https://doi.org/10.3390/healthcare11233025 

Leitlinien

  1. American College of Obstetricians and Gynecologists. Female Sexual Dysfunction: ACOG Practice Bulletin Clinical Management Guidelines for Obstetrician-Gynecologists, Number 213. Obstet Gynecol. 2019;134(1):e1-e18. https://doi.org/10.1097/AOG.0000000000003324 
  2. Parish SJ, Simon JA, Davis SR, Giraldi A, Goldstein I, Goldstein SW, Kim NN, Kingsberg SA, Morgentaler A, Nappi RE, Park K, Stuenkel CA, Traish AM, Vignozzi L. International Society for the Study of Women's Sexual Health Clinical Practice Guideline for the Use of Systemic Testosterone for Hypoactive Sexual Desire Disorder in Women. J Sex Med. 2021;18(5):849-867. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2020.10.009 
  3. Davis SR, Baber R, Panay N, Bitzer J, Perez SC, Islam RM, Kaunitz AM, Kingsberg SA, Lambrinoudaki I, Liu J, Parish SJ, Pinkerton J, Rymer J, Simon JA, Vignozzi L, Wierman ME. Global Consensus Position Statement on the Use of Testosterone Therapy for Women. J Sex Med. 2019;16(9):1331-1337. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2019.07.012