Harninkontinenz (Blasenschwäche) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Wiederherstellung der Harninkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust) bzw. bestmögliche Verminderung der Inkontinenzepisoden und Verbesserung der Lebensqualität.

Therapieempfehlungen

Die medikamentöse Therapie richtet sich nach der Form der Harninkontinenz und erfolgt in der Regel nach bzw. ergänzend zu konservativen Maßnahmen [LL1, LL2].

  • Überaktive Blase (überempfindliche bzw. zu häufig aktive Harnblase) (ÜAB; engl. overactive bladder, OAB), Dranginkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust bei plötzlich starkem Harndrang), Urge-Symptomatik (plötzlich auftretender, schwer unterdrückbarer Harndrang):
    • Nach unzureichendem Ansprechen auf konservative Maßnahmen können Antimuskarinika oder β3-Adrenozeptor-Agonisten eingesetzt werden [LL1, LL2].
    • Bei der Wirkstoffauswahl sollen Wirksamkeit, Nebenwirkungsprofil, Komorbiditäten, Blasenentleerung, kognitive Situation, Begleitmedikation und Präferenz des Patienten berücksichtigt werden [LL1-LL3].
    • Antimuskarinika sind wirksam zur Verminderung von Harndrang, Miktionsfrequenz und Dranginkontinenz. Retardpräparate sind wegen des im Allgemeinen günstigeren Nebenwirkungsprofils gegenüber schnell freisetzenden Präparaten zu bevorzugen [LL1].
    • Insbesondere bei älteren Patienten soll die anticholinerge Gesamtbelastung berücksichtigt werden. Für oral verabreichtes Oxybutynin bestehen besondere Bedenken hinsichtlich kognitiver Nebenwirkungen [6, 8, LL1, LL3].
    • β3-Adrenozeptor-Agonisten:
      • Mirabegron 50 mg einmal täglich [1, LL1, F2]
      • Vibegron 75 mg einmal täglich; seit 2024 in der Europäischen Union zur symptomatischen Behandlung der OAB bei Erwachsenen zugelassen [7, B2, F3]
    • Bei unzureichender Symptomkontrolle unter Solifenacin 5 mg kann die zusätzliche Gabe von Mirabegron erwogen werden; die Kombination ist wirksamer als eine alleinige Dosiseskalation von Solifenacin [LL1].
    • Bei therapierefraktärer OAB bzw. Dranginkontinenz nach unzureichendem Ansprechen auf konservative und medikamentöse Maßnahmen kann OnabotulinumtoxinA intradetrusoral eingesetzt werden. Die zugelassene Dosis bei idiopathischer OAB beträgt 100 Allergan-Einheiten [2, LL1, F1].
    • Bei postmenopausalen Frauen mit Symptomen eines urogenitalen Menopausensyndroms (Beschwerden an Scheide und Harnwegen nach den Wechseljahren) kann eine lokale vaginale Estrogentherapie die begleitenden LUTS/OAB-Symptome verbessern [4, LL1].
  • Belastungsinkontinenz (Urinverlust bei körperlicher Belastung):
    • Die medikamentöse Therapie ist nicht die primäre Therapie. Beckenbodentraining stellt eine wesentliche konservative Basistherapie dar [LL1, LL2].
    • Duloxetin kann bei ausgewählten Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz eingesetzt werden, wenn andere konservative Maßnahmen nicht ausreichend wirksam waren und eine invasive Therapie vermieden bzw. aufgeschoben werden soll [5, LL1, LL2, B4, F6].
    • Duloxetin soll einschleichend begonnen und beim Absetzen ausschleichend beendet werden; die Patientin ist insbesondere über die häufigen gastrointestinalen und zentralnervösen Nebenwirkungen und die relevante Therapieabbruchrate aufzuklären [5, LL1, F6].
    • Bei postmenopausalen Frauen mit Belastungsinkontinenz und vulvovaginaler Atrophie (Rückbildung und Trockenheit von Scheide und Vulva) soll eine lokale vaginale Estrogentherapie angeboten werden [4, LL1].
    • Eine systemische Estrogentherapie ist keine Therapie der Harninkontinenz; insbesondere systemische konjugierte Estrogene können eine bestehende Harninkontinenz verschlechtern [4, LL1].
  • Mischinkontinenz (Kombination aus Belastungs- und Dranginkontinenz):
    • Die Therapie soll sich zunächst nach der für den Patienten am stärksten belastenden Komponente richten [LL1].
    • Bei überwiegender Drangkomponente können Antimuskarinika oder β3-Adrenozeptor-Agonisten eingesetzt werden [LL1].
    • Bei überwiegender Belastungskomponente kann bei ausgewählten Frauen Duloxetin entsprechend den oben genannten Voraussetzungen erwogen werden [LL1].
  • Detrusorunteraktivität (zu schwache Aktivität des Blasenmuskels), chronische Harnretention (anhaltender Harnverhalt bzw. unvollständige Blasenentleerung) und Überlaufinkontinenz (Urinverlust bei überfüllter Harnblase):
    • Vorrangig ist die Ursache der Blasenentleerungsstörung (Störung der vollständigen Entleerung der Harnblase) zu behandeln.
    • Bei klinisch relevanter unvollständiger Blasenentleerung und Unfähigkeit zur ausreichenden spontanen Miktion ist die intermittierende Katheterisierung das Standardverfahren zur Sicherstellung der Blasenentleerung [LL1].
    • Parasympathomimetika wie Bethanechol und Cholinesterasehemmer wie Distigmin sollen bei Detrusorunteraktivität nicht routinemäßig eingesetzt werden, da ein klinisch relevanter Nutzen nicht ausreichend belegt ist und relevante cholinerge Nebenwirkungen auftreten können [LL1].
    • Bei Frauen mit Detrusorunteraktivität bzw. funktioneller Blasenauslassobstruktion (Abflussbehinderung am Ausgang der Harnblase ohne feste anatomische Engstelle) kann vor invasiveren Verfahren ein individueller Therapieversuch mit einem Alpha1-Adrenozeptor-Antagonisten erwogen werden. Die Evidenz ist begrenzt; die Anwendung bei Frauen erfolgt außerhalb der zugelassenen BPS-Indikation Off-Label-Use [LL1].
    • Bei Männern mit Überlaufinkontinenz infolge benigner Prostataobstruktion (gutartige Abflussbehinderung durch die Prostata) erfolgt die Pharmakotherapie entsprechend der Behandlung des benignen Prostatasyndroms (Beschwerden durch eine gutartige Prostatavergrößerung).
  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen) bei nächtlicher Polyurie (übermäßig hoher nächtlicher Urinmenge):
    • Desmopressin kann bei gesicherter Nykturie infolge idiopathischer nächtlicher Polyurie eingesetzt werden [LL1, F7].
    • Desmopressin ist keine allgemeine Therapie der Harninkontinenz [LL1].
    • Wegen des Risikos einer Hyponatriämie (zu niedrige Natriumkonzentration im Blut) ist insbesondere bei älteren Patienten eine Kontrolle des Serum-Natriums erforderlich [LL1, LL3, F7].
  • Geriatrische Patienten:
    • Vor und während einer antimuskarinergen Behandlung soll die gesamte anticholinerge Medikamentenbelastung berücksichtigt werden [LL1, LL3].
    • Bei kognitiver Beeinträchtigung (Störung von Denken und Gedächtnis), Demenz (fortschreitende Abnahme geistiger Fähigkeiten), Obstipation (Verstopfung), Engwinkelglaukom (Form des grünen Stars), erhöhtem Restharn oder Polypharmazie ist eine besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erforderlich [6, 8, LL1, LL3].
    • β3-Adrenozeptor-Agonisten stellen bei klinisch relevanter anticholinerger Belastung eine wichtige Alternative dar [LL1, LL3].
  • Weitere Therapie: Siehe auch unter „Weitere Therapie“.

Beachte: Die für die idiopathische OAB zugelassene Dosis von OnabotulinumtoxinA beträgt 100 Allergan-Einheiten. Die Dosis von 200 Allergan-Einheiten betrifft insbesondere die neurogene Detrusorüberaktivität (übermäßige Aktivität des Blasenmuskels aufgrund einer Nervenerkrankung) und darf nicht auf die idiopathische OAB übertragen werden [F1]. Desmopressin ist nur bei Nykturie infolge nächtlicher Polyurie indiziert [LL1, F7]. Eine routinemäßige Pharmakotherapie der Detrusorunteraktivität mit Parasympathomimetika ist nicht leitliniengerecht [LL1].

Wirkstoffe

Antimuskarinika (Anticholinergika) bei überaktiver Blase und Dranginkontinenz

Wirkstoff Besonderheiten
Darifenacin Bei mäßiger Leberfunktionsstörung (eingeschränkter Leberfunktion) maximal 7,5 mg/d; bei schwerer Leberfunktionsstörung kontraindiziert. Interaktionen über CYP3A4 beachten [F8]
Fesoterodin Dosisanpassung bzw. Dosisbegrenzung bei Nieren-/Leberfunktionsstörung sowie bei starken CYP3A4-Hemmern beachten [F9]
Oxybutynin oral Höhere Rate anticholinerger und zentralnervöser Nebenwirkungen; insbesondere bei älteren Patienten zurückhaltend einsetzen [8, LL1, F10]
Oxybutynin transdermal Weniger Mundtrockenheit als unter oralem Oxybutynin; lokale Hautreaktionen möglich [LL1, F11]
Propiverin Dosisbegrenzung bei schwerer Niereninsuffizienz (stark eingeschränkter Nierenfunktion); bei mäßiger oder schwerer Leberfunktionsstörung nicht empfohlen bzw. kontraindiziert entsprechend Fachinformation [F12]
Solifenacin Bei schwerer Niereninsuffizienz bzw. mäßiger Leberinsuffizienz maximal 5 mg/d; bei schwerer Leberinsuffizienz kontraindiziert [F13]
Tolterodin retard Dosisreduktion insbesondere bei relevanter Leber-/Nierenfunktionsstörung und bestimmten CYP3A4-Interaktionen [F14]
Trospiumchlorid Bei schwerer Niereninsuffizienz Dosisreduktion, z. B. 20 mg einmal täglich oder jeden zweiten Tag entsprechend Fachinformation. Quartäre Ammoniumverbindung mit geringer Penetration der Blut-Hirn-Schranke [F15]
  • Wirkweise: Kompetitive Hemmung muskarinerger Acetylcholinrezeptoren mit Verminderung der unwillkürlichen Detrusoraktivität und Verbesserung der Speicherfunktion der Harnblase.
  • Indikationen: Überaktive Blase mit imperativem Harndrang, erhöhter Miktionsfrequenz und/oder Dranginkontinenz nach unzureichendem Ansprechen auf konservative Maßnahmen [LL1, LL2].
  • Kontraindikationen: Wirkstoffspezifisch; insbesondere Harnretention bzw. klinisch relevante Blasenentleerungsstörung, schwere gastrointestinale Retention bzw. Obstruktion und unkontrolliertes Engwinkelglaukom; Einschränkungen bei Nieren-/Leberfunktionsstörung und Arzneimittelinteraktionen gemäß Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Mundtrockenheit, Obstipation, Übelkeit, Akkommodationsstörungen (Störungen der Scharfstellung des Auges), Mydriasis (Pupillenerweiterung), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Harnretention sowie zentralnervöse und kognitive Nebenwirkungen. Die anticholinerge Gesamtbelastung ist insbesondere bei älteren Patienten zu berücksichtigen [6, 8, LL1, LL3].

β3-Adrenozeptor-Agonisten bei überaktiver Blase und Dranginkontinenz

Wirkstoff Besonderheiten
Mirabegron Dosisanpassungen bzw. Anwendungseinschränkungen bei Nieren-/Leberfunktionsstörung und relevanten CYP3A4-Interaktionen beachten. Blutdruck vor und während der Behandlung kontrollieren. Kontraindiziert bei schwerer unkontrollierter Hypertonie (Bluthochdruck) mit systolischem Blutdruck ≥ 180 mmHg und/oder diastolischem Blutdruck ≥ 110 mmHg [1, B1, F2]
Vibegron Keine Dosisanpassung bei leichter bis schwerer Nierenfunktionsstörung mit GFR ≥ 15 ml/min ohne Dialyse sowie bei leichter bis mäßiger Leberfunktionsstörung erforderlich. Bei terminaler Niereninsuffizienz/Dialyse bzw. schwerer Leberinsuffizienz nicht empfohlen. Risiko einer Harnretention insbesondere bei Blasenauslassobstruktion bzw. gleichzeitiger antimuskarinerger Therapie beachten [7, B2, F3]
  • Wirkweise: Aktivierung von β3-Adrenozeptoren mit Relaxation des Detrusors während der Speicherphase und Zunahme der funktionellen Blasenkapazität.
  • Indikationen: Symptomatische Behandlung der überaktiven Blase mit imperativem Harndrang, erhöhter Miktionsfrequenz und/oder Dranginkontinenz nach unzureichendem Ansprechen auf konservative Maßnahmen [1, 7, LL1, B1, B2].
  • Kontraindikationen: Wirkstoffspezifisch; Mirabegron insbesondere bei schwerer unkontrollierter Hypertonie kontraindiziert. Einschränkungen bei schwerer Nieren- und Leberfunktionsstörung sowie relevante Interaktionen gemäß Fachinformation beachten [F2, F3].
  • Nebenwirkungen: Mirabegron insbesondere Hypertonie, Tachykardie und Harnwegsinfektionen (Infektionen der Harnwege); Vibegron insbesondere Harnwegsinfektionen, Kopfschmerzen, Diarrhoe (Durchfall) und Übelkeit sowie gelegentlich Harnretention. β3-Adrenozeptor-Agonisten verursachen deutlich seltener Mundtrockenheit als Antimuskarinika [LL1].

OnabotulinumtoxinA bei überaktiver Blase und Dranginkontinenz

Wirkstoff Besonderheiten
OnabotulinumtoxinA Injektion in 20 Areale des M. detrusor vesicae. Wirkung im Allgemeinen innerhalb von etwa 2 Wochen; mediane Wirkdauer in den Zulassungsstudien etwa 166 Tage. Wiederholungsbehandlung bei nachlassender Wirkung, jedoch frühestens nach 3 Monaten [2, LL1, F1]
  • Wirkweise: Hemmung der Acetylcholinfreisetzung aus cholinergen Nervenendigungen mit reversibler Verminderung der Detrusoraktivität; zusätzlich Modulation afferenter Signalwege.
  • Indikationen: Idiopathische OAB mit Harninkontinenz, imperativem Harndrang und erhöhter Miktionsfrequenz bei unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit der medikamentösen Therapie; leitliniengerecht nach Versagen konservativer bzw. medikamentöser Maßnahmen [LL1, F1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff bzw. Hilfsstoffe, Harnwegsinfektion am vorgesehenen Injektionsort bzw. zum Behandlungszeitpunkt sowie relevante Harnretention bei Patienten, die nicht routinemäßig katheterisieren; die Bereitschaft und Fähigkeit zur intermittierenden Katheterisierung bei Bedarf muss gegeben sein [F1].
  • Nebenwirkungen: Harnwegsinfektionen, Dysurie (Schmerzen oder Beschwerden beim Wasserlassen), erhöhte Restharnmengen und Harnretention; eine intermittierende Katheterisierung kann erforderlich werden [LL1, F1].

Lokale vaginale Estrogene in der Postmenopause (Zeit nach den Wechseljahren)

Wirkstoff Besonderheiten
Estriol vaginal Lokale Therapie bei vulvovaginaler Atrophie bzw. urogenitalem Menopausensyndrom; bei längerfristiger Behandlung regelmäßige Überprüfung der Indikation [F4]
Estradiol vaginal Niedrig dosierte kontinuierliche lokale Estradioltherapie bei postmenopausaler urogenitaler Atrophie [F5]
  • Wirkweise: Verbesserung der estrogenabhängigen trophischen Verhältnisse des Vaginal-, Urethral- und periurethralen Gewebes und der mit dem urogenitalen Menopausensyndrom verbundenen Beschwerden.
  • Indikationen: Postmenopausale Frauen mit urogenitalem Menopausensyndrom bzw. vulvovaginaler Atrophie und begleitenden LUTS; bei Belastungsinkontinenz und vulvovaginaler Atrophie wird eine lokale vaginale Estrogentherapie empfohlen [4, LL1].
  • Kontraindikationen: Gemäß jeweiliger Fachinformation; insbesondere ungeklärte genitale Blutungen sowie bekannte oder vermutete estrogenabhängige Malignome (bösartige Tumoren) und weitere estrogenbezogene Kontraindikationen sind zu berücksichtigen [F4, F5].
  • Nebenwirkungen: Lokale Reizungen, Pruritus (Juckreiz), vaginaler Ausfluss und gelegentlich vaginale Blutungen bzw. Schmierblutungen. Eine systemische Estrogentherapie ist zur Behandlung der Harninkontinenz nicht indiziert und kann insbesondere unter konjugierten Estrogenen eine bestehende Harninkontinenz verschlechtern [4, LL1].

Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer bei Belastungsinkontinenz

Wirkstoff Besonderheiten
Duloxetin Zugelassen zur Behandlung von Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungsharninkontinenz. Therapieerfolg und Verträglichkeit nach 2-4 Wochen überprüfen. Einschleichender Beginn und ausschleichendes Absetzen empfohlen [5, B4, F6]
  • Wirkweise: Hemmung der präsynaptischen Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin; verstärkte Aktivierung pudendaler Motoneurone mit Erhöhung des Urethralverschlussdrucks während der Speicherphase.
  • Indikationen: Mittelschwere bis schwere Belastungsharninkontinenz bei Frauen; insbesondere bei ausgewählten Patientinnen nach unzureichendem Ansprechen auf andere konservative Maßnahmen und bei Wunsch nach Vermeidung bzw. Aufschub einer invasiven Therapie [LL1, B4].
  • Kontraindikationen: Insbesondere Lebererkrankung mit Leberfunktionsstörung, schwere Niereninsuffizienz mit Creatinin-Clearance < 30 ml/min, gleichzeitige Therapie mit nichtselektiven irreversiblen Monoaminoxidasehemmern sowie weitere Kontraindikationen und Interaktionen gemäß Fachinformation [F6].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Obstipation, Mundtrockenheit, Schwindel, Schlafstörungen, Müdigkeit und weitere zentralnervöse Nebenwirkungen. Die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Heilung ist gering, und Therapieabbrüche aufgrund unerwünschter Wirkungen sind häufig [5, LL1].

Desmopressin bei Nykturie infolge nächtlicher Polyurie

Wirkstoff Besonderheiten
Desmopressin Nur bei Nykturie infolge idiopathischer nächtlicher Polyurie. Flüssigkeitsaufnahme von 1 Stunde vor bis mindestens 8 Stunden nach Einnahme auf ein Minimum beschränken. Bei Patienten ≥ 65 Jahre Serum-Natrium vor Therapiebeginn, nach 4-8 Tagen und nach etwa 1 Monat kontrollieren [LL1, F7]
  • Wirkweise: Selektive antidiuretische Wirkung über renale V2-Rezeptoren mit gesteigerter Wasserresorption im Sammelrohr und verminderter nächtlicher Urinproduktion.
  • Indikationen: Symptomatische Behandlung der Nykturie infolge idiopathischer nächtlicher Polyurie bei Erwachsenen [LL1, F7].
  • Kontraindikationen: Insbesondere bestehende oder anamnestische Hyponatriämie, habituelle bzw. psychogene Polydipsie (übermäßiges Trinken aus psychischen Gründen), Herzinsuffizienz (Herzschwäche) bzw. andere Zustände mit Flüssigkeitsüberlastung, Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion (Störung mit unangemessen hoher Ausschüttung des antidiuretischen Hormons) sowie mäßige bis schwere Niereninsuffizienz entsprechend Fachinformation [F7].
  • Nebenwirkungen: Insbesondere Hyponatriämie bzw. Wasserintoxikation (Wasservergiftung), Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit. Bei Symptomen einer Wasserretention (Wassereinlagerung) oder Hyponatriämie ist die Behandlung zu unterbrechen und der Serum-Natriumwert zu bestimmen [LL1, F7].

Weitere Hinweise

  • Imipramin: Wegen unzureichender Evidenz sowie relevanter anticholinerger und kardialer Risiken gehört Imipramin nicht zur routinemäßigen Therapie der OAB bzw. Dranginkontinenz bei Erwachsenen.
  • Parasympathomimetika/Cholinesterasehemmer: Bethanechol und Distigmin sollen bei Detrusorunteraktivität bzw. chronischer Harnretention nicht routinemäßig eingesetzt werden; ein konsistenter klinischer oder urodynamischer Nutzen ist nicht belegt, während cholinerge Nebenwirkungen wie Übelkeit, Diarrhoe, Bronchospasmus (Verkrampfung der Bronchien) und Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) auftreten können [LL1].
  • Alpha1-Adrenozeptor-Antagonisten: Bei Frauen mit Detrusorunteraktivität bzw. funktioneller Blasenauslassobstruktion kann vor invasiveren Verfahren ein individueller Therapieversuch erwogen werden. Die Evidenz ist begrenzt; die Anwendung bei Frauen erfolgt OFF-Label_use [LL1].
  • Neurogene Detrusorüberaktivität: Es gelten gesonderte Therapiealgorithmen und teilweise andere Dosierungen; insbesondere beträgt die zugelassene Dosis von OnabotulinumtoxinA bei neurogener Detrusorüberaktivität 200 Allergan-Einheiten [F1].
  • Restharnkontrolle: Bei Wirkstoffen und Verfahren mit möglicher Beeinträchtigung der Blasenentleerung ist bei entsprechenden Risikofaktoren eine Kontrolle des Restharns erforderlich.
  • Anticholinerge Belastung: Beobachtungsstudien zeigen eine Assoziation zwischen längerfristiger Einnahme bestimmter OAB-Anticholinergika und einem erhöhten Demenzrisiko; besonders ausgeprägt waren die Signale für Oxybutynin, Solifenacin und Tolterodin. Aus den Beobachtungsdaten lässt sich jedoch keine Kausalität ableiten [8].
  • Geriatrische Patienten: Polypharmazie, Sturzrisiko, kognitive Funktion, Obstipation, Nierenfunktion und anticholinerge Gesamtbelastung sollen in die Wirkstoffauswahl einbezogen werden [LL3].

Phytotherapeutika

  • Bryophyllum pinatum
  • Kürbiskerne – signifikant positiver Effekt vorwiegend auf die Symptome der OAB, wobei auch Frauen mit einer Belastungsinkontinenz profitieren

Abkürzungen

  • ADH – antidiuretisches Hormon
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BPS – benignes Prostatasyndrom
  • CYP3A4 – Cytochrom P450 3A4
  • EAU – European Association of Urology
  • EMA – European Medicines Agency
  • EPAR – European Public Assessment Report
  • EU – Europäische Union
  • G-BA – Gemeinsamer Bundesausschuss
  • GFR – glomeruläre Filtrationsrate
  • LUTS – Lower Urinary Tract Symptoms
  • M. – Musculus
  • OAB – overactive bladder
  • SGB V – Sozialgesetzbuch Fünftes Buch
  • ÜAB – überaktive Blase

Literatur

  1. Chapple C: Mirabegron the first β3-adrenoceptor agonist for overactive bladder (OAB): a summary of the phase III studies. BJU Int. 2014;113(6):847-848. doi: 10.1111/bju.12773 [1]
  2. Duthie JB, Vincent M, Herbison GP et al.: Botulinum toxin injections for adults with overactive bladder syndrome. Cochrane Database Syst Rev. 2011;(12):CD005493. doi: 10.1002/14651858.CD005493.pub3 [2]
  3. Lucas MG, Bosch RJL, Burkhard FC et al.: EAU guidelines on assessment and nonsurgical management of urinary incontinence. Eur Urol. 2012;62(6):1130-1142. doi: 10.1016/j.eururo.2012.08.047 [3]
  4. Cody JD, Jacobs ML, Richardson K et al.: Oestrogen therapy for urinary incontinence in post-menopausal women. Cochrane Database Syst Rev. 2012;10(10):CD001405. doi: 10.1002/14651858.CD001405.pub3 [4]
  5. Maund E, Schow Guski L, Gøtzsche PC: Considering benefits and harms of duloxetine for treatment of stress urinary incontinence: a meta-analysis of clinical study reports. CMAJ. 2017;189(5):E194-E203. doi: 10.1503/cmaj.151104 [5]
  6. Kachru N, Holmes HM, Johnson ML et al.: Risk of Mortality Associated with Non-selective Antimuscarinic medications in Older Adults with Dementia: a Retrospective Study. J Gen Intern Med. 2020;35(7):2084-2093. doi: 10.1007/s11606-020-05634-3 [6]
  7. Staskin D, Frankel J, Varano S et al.: International Phase III, Randomized, Double-Blind, Placebo and Active Controlled Study to Evaluate the Safety and Efficacy of Vibegron in Patients with Symptoms of Overactive Bladder: EMPOWUR. J Urol. 2020;204(2):316-324. doi: 10.1097/JU.0000000000000807 [7]
  8. Iyen B, Coupland C, Bell BG et al.: Risk of dementia associated with anticholinergic drugs for overactive bladder in adults aged ≥55 years: nested case-control study. BMJ Med. 2024;3(1):e000799. doi: 10.1136/bmjmed-2023-000799 [8]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. European Association of Urology: EAU Guidelines on Management of Non-Neurogenic Female Lower Urinary Tract Symptoms (LUTS). 2026 edition. EAU Guidelines; Full guideline [LL1]
  2. S2k-Leitlinie: Harninkontinenz der Frau. Version 1.0. Stand 01.01.2022. (AWMF-Registernummer 015-091) Langfassung [LL2]
  3. S2k-Leitlinie: Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten - Diagnostik und Therapie. Version 7.1. Stand 10.01.2024. (AWMF-Registernummer 084-001) Langfassung [LL3]

Behördliche und regulatorische Quellen

  1. European Medicines Agency (EMA): Betmiga (Mirabegron), European Public Assessment Report (EPAR). EMA [B1]
  2. European Medicines Agency (EMA): Obgemsa (Vibegron), European Public Assessment Report (EPAR). EU-Zulassung vom 27.06.2024. EMA [B2]
  3. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Arzneimittel-Richtlinie/Anlage XII: Vibegron (Überaktive Blase). Beschluss vom 21.08.2025. G-BA-Beschluss [B3]
  4. European Medicines Agency (EMA): Yentreve (Duloxetin), European Public Assessment Report (EPAR). EMA [B4]

Fachinformationen

  1. BOTOX 50/100/200 Allergan-Einheiten, Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. AbbVie Deutschland GmbH & Co. KG. Fachinformation. Fachinformation [F1]
  2. Betmiga 25 mg/50 mg Retardtabletten. Astellas Pharma Europe B.V. EMA-Produktinformation [F2]
  3. Obgemsa 75 mg Filmtabletten. Pierre Fabre Médicament. EMA-Produktinformation [F3]
  4. Ovestin 0,5 mg Ovula. Aspen Pharma Trading Ltd. Fachinformation. Fachinformation [F4]
  5. ESTRING 2 mg Vaginalinsert. Pfizer Pharma GmbH. Fachinformation. Fachinformation [F5]
  6. YENTREVE 20 mg/40 mg magensaftresistente Hartkapseln. Eli Lilly Nederland B.V. EMA-Produktinformation [F6]
  7. NOCDURNA 25 Mikrogramm und 50 Mikrogramm Lyophilisat zum Einnehmen. FERRING Arzneimittel GmbH. Fachinformation. Fachinformation [F7]
  8. Emselex (Darifenacin). EMA-Produktinformation [F8]
  9. TOVIAZ (Fesoterodin). EMA-Produktinformation [F9]
  10. Dridase 5 mg Tabletten (Oxybutynin). Fachinformation. Fachinformation [F10]
  11. Kentera (Oxybutynin transdermal). EMA-Produktinformation [F11]
  12. Mictonorm FT 15 mg Filmtabletten (Propiverin). Fachinformation. Fachinformation [F12]
  13. Vesikur 5 mg/10 mg Filmtabletten (Solifenacin). Fachinformation. Fachinformation [F13]
  14. Detrusitol retard 4 mg Hartkapseln (Tolterodin). Fachinformation. Fachinformation [F14]
  15. Spasmex 20 mg Filmtabletten (Trospiumchlorid). Fachinformation. Fachinformation [F15]