Zöliakie – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Zöliakie (gluteninduzierte Enteropathie) mit bedingt sein können:

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Nyktalopie (Nachtblindheit) wg. Vitamin-A-Mangel

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Eisenmangelanämie (mikrozytäre Anämie; Blutarmut durch Eisenmangel) 
  • Folsäuremangel

Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben (P00-P96)    

  • Intrauterine Wachstumsretardierung – krankhafte Wachstumsstörung des Fetus (ungeborenes Kind) im Uterus (Gebärmutter)

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Autoimmunität:
    • Autoimmun-Thyreoiditis
    • Diabetes mellitus Typ 1
  • Exokrine Pankreasinsuffizienz mit Fettmaldigestion – Bauchspeicheldrüsenerkrankung, die mit einer ungenügenden Produktion von Verdauungsenzymen einhergeht und damit zu einer schlechten Verdauung (Maldigestion) von Fetten führt 
  • Übergewicht (28 %), Adipositas Grad I (10 %) [4]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Dermatitis herpetiformis Duhring (dhD) – chronische Hauterkrankung mit herpesähnlichen Effloreszenzen (krankhafte Hautveränderungen: 0,1-0,2 cm große, urtikarielle Papeln (nesselartige Knötchen), Bläschen und/oder Erosionen (oberflächliche auf die Epidermis beschränkte Substanzdefekte, ohne Narbenbildung)) und meist starkem Juckreiz; steht in engem Zusammenhang mit einer Zöliakie (glutensensitive Enteropathie): fast jeder Erkrankung liegt eine, meist asymptomatische Zöliakie als Primärerkrankung zugrunde (nur ca. 25 % aller Dermatitis-herpetiforme-Patienten manifestieren gastroenterologische Symptome); eine lebenslange glutenfreie Diät heilt diese Krankheit

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  •  Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung)

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Chronische Hepatitis (Leberentzündung)

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Diarrhoe (Durchfall)
  • Dysbiose (Gleichgewichtsstörung der Darmflora)
  • Lactasemangel durch Verminderung der Enzymaktivität im Dünndarm (sekundärer Lactasemangel)
  • Obstipation (Verstopfung)
  • Refraktäre Zöliakie (ca. 1,5 % der Fälle) [5]:
    • Enteropathie-assoziierte T-Zelllymphom (ETZL; s. u.)
    • ulzerative Jejunitis – Entzündung des Jejunums (Leerdarm, ein Teil des Dünndarms)
  • Steatorrhoe (Fettstuhl)
  • Ulzerationen (Geschwürbildung) im Magen-Darm-Trakt
  • Unzureichende Nähr- und Vitalstoffaufnahme (Makro- und Mikronährstoffe), vor allem der Vitamine A, D, E und K sowie essentielle Fettsäuren; klinische Ausprägung reicht von einer leichten Form bis zu einer schweren Malabsorption

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Arthritis (Gelenkentzündung)
  • Muskelkrämpfe
  • Muskelschwund
  • Osteomalazie (Knochenerweichung) wg. Vitamin-D-Mangel
  • Osteoporose (Knochenschwund) wg. Vitamin-D-Mangel; vor allem ältere Patienten
  • Rachitis (Englische Krankheit) – Erkrankung des Skelettsystems, die meist durch einen Vitamin D-Mangel ausgelöst wird; wichtigstes Symptom sind Knochendeformierungen wg. Vitamin-D-Mangel

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Lymphome, vor allem im Dünndarm, bei der refraktären Zöliakie Typ II: Enteropathie assoziierte T-Zell-Lymphome (ETZL; T-NHL), gehören zur Gruppe der Non-Hodgkin-Lymphome (Lymphomrisiko bei Zöliakie 8‑ bis 30-fach erhöht: über 5 Jahre Verlaufsbeobachtung etwa 30-40 %)
  • Nicht-näher bezeichnete Neoplasien (Neubildungen) außerhalb des Gastrointestinaltraktes (Magen-Darm-Trakt) – z. B. Basalzellkarzinom (BZK; Basaliom)/maligner (bösartiger) Hauttumor, der keine Metastasen Tochtergeschwülste) bildet
  • Tumoren des Gastrointestinaltraktes wie das Dünndarm‑, Kolon‑ und Ösophaguskarzinom (Dünndarm-, Dickdarm- und Speiseröhrenkrebs)

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99) 

  • Ängste
  • Depression
  • Cephalgie (Kopfschmerzen)
  • Epilepsie (Anfallsleiden) – Risiko für Patienten mit Zöliakie in der Zukunft eine Epilepsie zu entwickeln, war deutlich erhöht (bei Kindern HR 1,42 und bei Jugendlichen (Alter < 20 Jahren) bei 1,58) [6]
  • Muskelschwäche 
  • Periphere Neuropathie (Erkrankungen des peripheren Nervensystems)
  • Verhaltens- und Wesenauffälligkeiten (psychosoziale Retardierung)
  • Zerebrale Ataxie (Störungen der Bewegungskoordination (Ataxie), die durch pathologische Veränderungen im Kleinhirn (Cerebellum) ausgelöst ist)

Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett (O00-O99) 

  • Abort (Fehlgeburt)
  • Frühgeburt

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Ödeme – Wassereinlagerungen im Gewebe
  • Gewichtsverlust, bis zur Kachexie (Auszehrung; sehr starke Abmagerung)
  • Meteorismus (Blähbauch)
  • Tetanie – Syndrom neuromuskulärer Übererregbarkeit. Sie führt vor allem zu schmerzhaften Muskelverkrampfungen.
  • Übelkeit (Nausea)
  • Wachstumsstörungen

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • IgA-Nephropathie (IgAN) – häufigste Form der Glomerulonephritis (Entzündung der Nierenkörperchen)
  • Sterilitätsstörungen (Infertilität)

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Hämatome (Blutergüsse)

Weiteres

  • 33-mer-DGP-Oligomeren scheinen die Darmbarriere durchlässiger zu machen, d. h. führen zu einer Permeabilitätsstörung (= "Leaky gut").
    Hinweis:  Bei aktiver Zöliakie verändert das Enzym Gewebetransglutaminase 2 (tTG2) ein bestimmtes Glutenpeptid. Dies führt zur Bildung des 33-mer-DGP [7]. 

Letztlich führen die Beeinträchtigungen der Darmwand je nach Grad der Zottenatrophie zu einer Störung der Resorptionsfunktion und damit zu einer unzureichenden Nähr- und Vitalstoffaufnahme (Makro- und Mikronährstoffe) [3].

Im Krankheitsverlauf der Zöliakie sind insbesondere die Fett- und Milchzuckerresorption beeinträchtigt. Wenn demzufolge die Zufuhr von fett- sowie lactosereichen Lebensmitteln weitgehend eingeschränkt wird, kommt es zur Verminderung der typischen Beschwerden, wie Diarrhoe (Durchfall) und Meteorismus (Blähbauch) [4].
Durch die unzureichende Resorption von Fett gelangen die nicht resorbierten Fette sowie Fettspaltprodukte in tiefere Darmabschnitte. Dort beschleunigen sie über eine Stimulation der Peristaltik die Darmpassage und lösen schließlich – infolge des Anstiegs der Stuhlfettausscheidung
eine Steatorrhoe (chologener Fettstuhl) aus [4]. Durch die erhöhten Fettverluste über den Stuhl gehen auch vermehrt die fettlöslichen Vitamine A, D, E und K sowie essentielle Fettsäuren verloren [4]. Je nach Ausmaß der Fettresorptionsstörung kommt es zur einer herabgesetzten Vitalstoffausnutzung, negativen Energiebilanz und damit zur Gewichtsabnahme [4].

Oftmals leiden Betroffene aufgrund der Malabsorption neben Verdauungsstörungen, an klinischen Mangelsymptomen infolge von Vitamin-, Mineralstoff- und Proteindefiziten [3]. Insbesondere geht der bei Zöliakiekranken oftmals auftretende Fettdurchfall (Steatorrhoe) mit hohen Verlusten essentieller Fettsäuren und der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K einher. Durch den häufig wässrigen Durchfall werden erhöhte Mengen Flüssigkeit, wasserlöslicher Vitamine der B-Gruppe und Elektrolyte, wie Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium und Chlorid mit ausgeschieden [1,2].
Bei einem großen Teil glutenempfindlicher Menschen sieht das Immunsystem bereits schon im Säuglingsalter das Getreideeiweiß als Fremdkörper an. Die frühe Sensibilisierung gegen Gluten stellt dann der Auslöser der glutensensitiven Enteropathie dar.
Aus diesem Grund sollten glutenhaltige Nahrungsmittel Säuglingen erst ab dem vierten Lebensmonat angeboten werden [4].

Da genetische Voraussetzungen die Entstehung der
Zöliakie begünstigen, sind Personen, in deren Familie diese Erkrankung häufig aufzufinden ist, besonders gefährdet [4]. 

Zöliakie (gluteninduzierte Enteropathie) – enterales Eiweißverlustsyndrom

Die Beeinträchtigung der Darmschleimhaut führt zu einem vermehrten intestinalen Eiweißverlust, da der Austritt von Plasmaproteinen durch die Darmschleimhaut ins Darminnere die Syntheserate der Proteine überschreitet. Die Abnahme der zirkulierenden Plasmaproteine geht meist mit einer schwerwiegenden Mangelversorgung mit Protein einher [4]. Zudem führt ein erhöhter intestinaler Eiweißverlust zur einer Verringerung des onkotischen Drucks und somit je nach Ausmaß der verminderten Konzentration der Plasmaproteine (Hypoproteinämie) zur Ausbildung von Ödemen [4].

Literatur

  1. Biesalski HK et al.: Ernährungsmedizin. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999, Kapitel 27, 347-352
  2. Huth K, Kluthe R: Lehrbuch der Ernährungstherapie. Georg Thieme Verlag Stuttgart New York, 1995, Kapitel 11, 12, 211-271
  3. Kasper H: Ernährungsmedizin und Diätetik. Urban & Fischer Verlag; München/Jena 2000, Kapitel 3, 165-211 
  4. Ukkola A et al. Changes in body mass index on a gluten-free diet in coeliac disease: a nationwide study. European journal of internal medicine 2012; 23: 384-388
  5. Malamut G et al.: Presentation and long-term follow-up of refractory celiac disease: comparison of type I with type II. Gastroenterology 2009 Jan;136(1):81-90. doi: 10.1053/j.gastro.2008.09.069. Epub 2008 Oct 7.
  6. Ludvigsson JF et al.: Increased Risk of Epilepsy in Biopsy-Verified Celiac Disease: A Population-Based Cohort Study. Neurology 2012, 78(18): 1401-1407
  7. Maria G. Herrera, Maria J. Amundarain, Philipp W. Dörfler, Veronica I. Dodero: The Celiac-Disease Superantigen Oligomerizes and Increases Permeability in an Enterocyte Cell Model. Angewandte Chemie, https://doi.org/10.1002/anie.202317552,