Ursachen
Nahrungsmittelallergie

Pathogenese (Krankheitsentstehung)

In Bezug auf deren Auslöser werden zwei Formen der Nahrungsmittelallergie unterschieden:

  • Primäre Nahrungsmittelallergie: durch gastrointestinale Sensibilisierung auf vorwiegend stabile Nahrungsmittelallergene (z. B. Milch- und Hühnereiweiß, Soja, Weizen, Erdnuss und Baumnüsse)
    Anaphylaktischer Schock durch Nahrungsmittelallergie (im Kindesalter häufigster Auslöser schwerer Anaphylaxien)
    • Bei Kleinkindern: insb. Erdnüsse, Kuhmilch und Hühnereiweiß 
    • Bei Kindern im Schulalter: insb. Erdnüsse und Baumnüsse (Haselnüsse, Walnüsse, Cashewnüsse, Paranüsse, Macadamia)
    • Bei Erwachsenen: insb. Weizen und Schalentiere 
  • Sekundäre Nahrungsmittelallergie: Sensibilisierung gegenüber Aeroallergenen, z. B. Pollen, und daraus resultierender Kreuzallergie gegen häufig instabile Lebensmittelallergene (90 % der Fälle)

Eine Nahrungsmittelallergie kann durch mehrere Faktoren ausgelöst werden. So führt bei einigen Allergikern nicht ein Nahrungsmittel beziehungsweise Inhaltsstoff allein, sondern in einer bestimmten Kombination mit anderen Nahrungsmitteln beziehungsweise Inhaltsstoffen zu klinischen Beschwerden (multifaktorielle Genese). Eine wichtige Rolle spielt hierbei auch die gleichzeitige Einwirkung von physikalischen Einflüssen wie Kälte, Wärme und Anstrengung, sowie der Konsum von Alkohol oder die Einnahme von Acetylsalicylsäurepräparate (Begünstigung der Resorption von Makromolekülen) [9]. Eine wesentliche Voraussetzung für allergische Reaktionen ist zudem die genetische Disposition (siehe dazu unter "Ursachen im Überblick"). 

„IgE-mediierte allergische Nahrungsmittelhypersensitivität – Nahrungsmittelallergie“

Bei allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die durch spezifische Immunglobuline E (IgE)-Antikörper vermittelt werden, sieht das Immunsystem die in den Nahrungsmitteln enthaltenden Proteine beziehungsweise Protein-Spaltprodukte (Allergene) als Fremdkörper an und bildet infolgedessen Antikörper (Sensibilisierung) [1,3]. IgE-Antikörper werden auf der Oberfläche von Mastzellen und basophilen Leukozyten (weißen Blutkörperchen) gebunden.

Eine erneute Zufuhr des spezifischen Antigens führt zu einer Antigen-Antikörper-Reaktion und damit zur Aktivierung der basophilen Leukozyten und Mastzellen. In der Folge werden vermehrt Mediatoren, wie Histamine, aus den Mastzellen freigesetzt, die zu den typisch klinischen Symptomen einer Soforttyp- beziehungsweise Typ-1-Reaktion (Synonyme: Allergie vom Typ I, Immunreaktion von Typ I) führen. Die Beschwerden treten in den meisten Fällen innerhalb von etwa 30 Minuten, manchmal auch nach wenigen Minuten bis zu 2 Stunden, nach Allergenkontakt auf [1, 6, 7]. Im Anschluss kommt es zu einer zweiten Phase der Reaktion, die nach 4 bis 6 Stunden nach dem Allergenkontakt ihr Maximum erreicht [6, 7].

Wesentliche Faktoren, die die orale Sensibilisierung mit einer allergischen Soforttyp-Reaktion beeinflussen:

  • Genetische Prädisposition des Individuums
  • Menge und Potenz des Allergens
  • Gestörte Funktion der gastro-intestinalen Schleimhautbarriere (wg. Dysbiose)
  • Lebensalter

Nicht IgE-mediierte allergische Nahrungsmittelhypersensitivität

Nahrungsmittelallergien können – im Gegensatz zu IgE-Antikörper – selten durch spezielle Immunzellen vermittelt werden. Bei der sogenannten Typ-4-Reaktion (Synonyme: Allergie vom Typ IV,  Allergische Spättyp-Reaktion) tritt die Immunreaktion – T-Lymphozyten reagieren mit dem Allergen – verzögert auf [3]. Das erklärt, weshalb bei einigen Betroffenen sich die Symptome erst einige Stunden bis drei Tage nach dem Verzehr des allergieauslösenden Nahrungsmittels zeigen [1, 3].

Der Entstehungsmechanismus der nicht IgE-Antikörper-vermittelten Hypersensitivitäten ist derzeit noch unbekannt. Mit Hilfe von Untersuchungen bei Kindern mit atopischem Ekzem (Neurodermitis) konnte jedoch gezeigt werden, dass möglicherweise eine Kombination von IgE- und T-zellenvermittelten Reaktionen für den Pathomechanismus von Bedeutung ist [5].

Beispielsweise stellt das allergische Kontaktekzem eine T-Lymphozyten mediierte Erkrankung dar. Die T-Lymphozyten reagieren hierbei als Hapten-Protein-Komplex mit niedermolekularen Substanzen, wie Nickel oder Chrom. Bei Personen, die schon länger und sehr stark mit Nickel sensibilisiert sind, kann – in Abhängigkeit von der Dosis – die orale Zufuhr dieses klassischen Allergens mit der Nahrung zu einem hämatogenen Kontaktekzem führen [4, 8].

Auf Grundlage des Sensibilisierungsweges und der Art der involvierten Allergene werden drei Typen der Nahrungsmittelallergien unterschieden [10]:

  Nahrungsmittelallergien Typ A Nahrungsmittelallergien Typ B  Nahrungsmittelallergien Typ C
Betroffene Säuglinge und Kleinkinder ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene vor allem bei Frauen
Atopische Disposition vorhanden vorhanden häufig keine
Sensibilisierungsweg  über den Gastrointestinaltrakt  aerogene Sensibilisierung gegen Pollen- oder Berufsallergene; Verlauf: klinisch manifest oder subklinisch verlaufend; umgeht die orale Toleranz gegen Nahrungsmittel wie Gemüse Nüsse, Obst usw., die ähnliche Proteine enthalten (Kreuzreaktivität) über den Gastrointestinaltrakt
Auslöser der Beschwerden relativ stabile Proteine, welche bei Reifung der oralen Toleranz häufig wieder verschwinden hitzestabile Nahrungsmittelallergene, die auf aerogenem Weg eine direkte Sensibilisierung auslösen wenige, relativ stabile Nahrungsmittelproteine
Betroffene Lebensmittel vor allem Milch, Ei, Getreide, Soja, Fisch, Erdnuss, vor allem Obst, Gemüse, Nüsse  

Ätiologie (Ursachen)

Biographische Ursachen

  • Genetische Belastung durch Eltern, Großeltern
    Eine wesentliche Voraussetzung für allergische Reaktionen ist die genetische Disposition:
    • Das Risiko der Ausprägung allergischer Symptome liegt bei 5-15 %, wenn kein Elternteil Atopiker ist
    • Das Risiko der Ausbildung einer Allergie liegt bei 20-40 %, wenn ein Elternteil eine Veranlagung auf Allergien aufweist
    • Das Risiko der Ausprägung allergischer Symptome liegt bei 40-60 %, wenn beide Elternteile an einer atopischen Erkrankung leiden
    • Das Risiko der Ausprägung allergischer Symptome steigt auf 60-80 %, wenn bei beiden Eltern die gleiche allergische Manifestation vorliegt [2]
    • Genetisches Risiko abhängig von Genpolymorphismen:
      • Gene/SNPs (Einzelnukleotid-Polymorphismus; engl.: single nucleotide polymorphism):
        • Gene: HLA-DRA
        • SNP: rs7192 im Gen HLA-DRA
          • Allel-Konstellation: GT (1,7-faches Risiko, eine Erdnussallergie zu entwickeln)
          • Allel-Konstellation: TT (3,0-faches Risiko, eine Erdnussallergie zu entwickeln)

Verhaltensbedingte Ursachen

  • Ernährung
    • Einseitige Überernährung
    • Gewürze – resorptionsfördernde Substanz
  • Genussmittelkonsum
    • Alkohol – resorptionsfördernde Substanz
    • Tabak (Rauchen)
      • Passivrauchen im Mutterleib und in der frühen Kindheit → Risikoerhöhung für Sensibilisierung gegen Nahrungsmittel im Alter von 4, 8 und 16 Jahren [11]
  • Frauen, die ihre neugeborenen Kinder nicht stillen
  • Inhalation von Allergenen wie Hausstaub oder Tierhaare

Krankheitsbedingte Ursachen

  • Allergien wie Birkenpollenallergie oder allergisches Asthma bronchiale

Literatur

  1. Biesalski HK, Fürst P, Kasper H, Kluthe R, Pölert W, Puchstein Ch, Stähelin HB: Ernährungsmedizin. Kapitel 34, 468-473, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999
  2. Exner H, Greinecker G: Allergieprävention. Wien Med Wschr 146, 406-411, 1996
  3. Gell PGH, Coombs RRA: Clinical aspects of immunology, 2nd ed., Oxford: Blackwell 1968
  4. Häberle M: Nickelallergie – Indikation und Durchführung einer nickelarmen Diät. Ernährungs-Umschau 1987; 34: 48-52
  5. Isolauri E, Turjanmaa K: Combined skin prick and patch testing enhances indentification of food allergy in infants with atopic dermatitis. J Allergy Clin Immunol 1996; 97: 9-15
  6. Jäger L, Wüthrich B: Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen. Urban & Fischer, 2. überarb. Aufl. 2002
  7. Niggemann B, Sielaff B, Beyer K et al.: Outcome of double-blind, placebo-controlled food challenge tests in 107 children with atopic dermatitis. Clin Exp Allergy 1999; 29: 91-96
  8. Umweltbundesamt: Nickel. Stellungnahme der Kommission „Human-Biomonitoring“ des Umweltbundesamtes. Bundesgesundhbl – Gesundheitsforsch – Gesundheitsschutz 2001; 44: 1243-1248
  9. Zunft HJ: Nahrungsmittelunverträglichkeit. Teil 3: Lebensmittel als Allergieauslöser. Ernährungsforschung 36, 39-42, 1991b
  10. Pichler WJ: IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien. Klassifikation basierend auf dem Sensibilisierungsweg. Allergologie, 1998. 21: p. 441-450
  11. Thacher JD et al.: Parental smoking and development of allergic sensitization from birth to adolescene. Allergy 2016 Feb;71(2):239-48. doi: 10.1111/all.12792. Epub 2015 Nov 13.
     
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