Gastrin-Stimulationstest
Der Gastrin-Stimulationstest (Test zur Überprüfung der Gastrinreaktion) ist ein funktioneller Provokationstest (Funktionsprüfung durch gezielte Reizung) zur Abklärung einer pathologischen Hypergastrinämie (krankhaft erhöhter Gastrinspiegel im Blut). Er wird in der klinischen Labordiagnostik (Laboruntersuchung von Blutwerten) vor allem zur weiteren Abklärung eines Verdachts auf Gastrinom (gastrinproduzierender Tumor) im Rahmen eines Zollinger-Ellison-Syndroms (seltene Erkrankung mit überschießender Magensäureproduktion) eingesetzt.
Gastrin (Verdauungshormon) wird in der Schleimhaut des Magens produziert und in den Blutkreislauf abgegeben. Über Rezeptoren im Magen (Bindungsstellen für Botenstoffe) stimuliert Gastrin die Sekretion von Magensäure (Bildung von Magensäure) und beeinflusst dadurch den intragastralen pH-Wert (Säuregrad im Magen). Gleichzeitig fördert Gastrin die Motilität des oberen Gastrointestinaltrakts (Bewegung von Magen und oberem Darm).
Die Gastrinsekretion (Freisetzung des Hormons Gastrin) wird durch Magenwanddilatation (Dehnung der Magenwand), Nahrungsbestandteile, Koffein, Alkohol und vagale Reize (Nervenreize über den Vagusnerv) stimuliert. Ein stark saurer Mageninhalt hemmt die Gastrinfreisetzung über negative Rückkopplungsmechanismen (hemmende Rückmeldung des Körpers).
Synonyme
- Sekretin-Stimulationstest
- Sekretintest
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- Vorbereitung des Patienten
- Morgens nüchtern
- Nach Möglichkeit Absetzen von Protonenpumpeninhibitoren (Medikamente zur Hemmung der Magensäureproduktion) mindestens 1 Woche vor dem Test und H2-Rezeptorantagonisten (Medikamente zur Reduktion der Magensäure) 48 Stunden vor dem Test, sofern klinisch vertretbar
- Zweimalige Blutentnahme zur Bestimmung des Basalwertes (Ausgangswert) im Abstand von 15 Minuten
- Störfaktoren
- Protonenpumpeninhibitoren (Medikamente zur Hemmung der Magensäureproduktion)
- Atrophische Gastritis (chronische Magenschleimhautentzündung mit Schleimhautabbau)
- Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion)
- Präanalytik (Phase vor der Laboranalyse): rasche Bearbeitung erforderlich; bei Verzögerung tiefgefrorener Versand
- Methode
- Intravenöse Gabe von Sekretin (Verabreichung eines Hormons über die Vene)
- Dosierung: 2 U/kgKG i.v.
- Basale Gastrinbestimmung (Messung des Ausgangswertes) vor Testbeginn
- Weitere Blutentnahmen nach 2, 5, 10, 15, 20 und 30 Minuten nach Sekretin-Gabe
- Bestimmung des Gastrins (Messung des Hormons Gastrin) mittels Immunoassay (Labormethode zum Nachweis von Antigen-Antikörper-Reaktionen), laborabhängig
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Konstellation | Referenzbereich/Befund |
|---|---|
| Normale Reaktion | Kein oder nur geringer Anstieg des Gastrins |
| Pathologische Reaktion | Anstieg des Gastrins um ≥ 120 pg/ml zu einem beliebigen Messzeitpunkt nach Sekretin |
| Stark verdächtige Konstellation | Pathologischer Sekretin-Test (auffälliger Testergebnis) bei klinischem Verdacht auf Zollinger-Ellison-Syndrom (seltene Erkrankung mit überschießender Magensäureproduktion) bzw. bei Hypergastrinämie (erhöhter Gastrinspiegel) mit saurem Magenmilieu |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Verdacht auf Gastrinom (gastrinproduzierender Tumor)
- Abklärung eines Zollinger-Ellison-Syndroms (seltene Erkrankung mit überschießender Magensäureproduktion)
- Differentialdiagnostische Abklärung (Abgrenzung ähnlicher Erkrankungen) einer Hypergastrinämie (erhöhter Gastrinspiegel im Blut) bei nicht eindeutig diagnostischem Nüchtern-Gastrin (Gastrinwert im nüchternen Zustand)
- Abgrenzung gegenüber funktioneller oder sekundärer Hypergastrinämie (reaktiv bedingter erhöhter Gastrinspiegel)
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Pathologischer Anstieg (krankhafter Anstieg) nach Sekretin spricht für ein Gastrinom (gastrinproduzierender Tumor)
- Typisch ist der paradoxe Gastrinanstieg (unerwarteter Anstieg des Hormons Gastrin) nach Sekretin
- Erniedrigte Werte
- Keine eigenständige typische pathologische Aussage des Tests
- Spezifische Konstellationen
- Fehlender oder nur geringer Anstieg spricht gegen ein Gastrinom (gastrinproduzierender Tumor)
- Mögliche Ursachen einer Hypergastrinämie (erhöhter Gastrinspiegel) ohne pathologischen Sekretin-Test:
- funktionelle Hypergastrinämie (funktionell bedingter erhöhter Gastrinspiegel)
- Protonenpumpeninhibitor-Therapie (Behandlung mit säurehemmenden Medikamenten)
- atrophische Gastritis (chronische Magenschleimhautentzündung mit Schleimhautabbau)
- Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion)
- zurückgebliebene Antrumschleimhaut (verbliebene Schleimhaut im unteren Magenanteil) nach Billroth-II-Resektion (operative Entfernung eines Teils des Magens)
Weiterführende Diagnostik
- Nüchtern-Gastrin (Gastrinwert im nüchternen Zustand)
- Bestimmung des intragastralen pH-Werts (Messung des Säuregrades im Magen)
- Chromogranin A
- Ösophago-Gastro-Duodenoskopie (Spiegelung von Speiseröhre, Magen und Zwölffingerdarm)
- Endosonographie (Ultraschalluntersuchung von innen mittels Endoskop)
- Computertomographie (CT) (röntgenbasierte Schnittbilduntersuchung)
- Magnetresonanztomographie (MRT) (bildgebendes Verfahren mittels Magnetfeld)
- Somatostatinrezeptor-Bildgebung (Spezialuntersuchung zum Nachweis von Tumoren), insbesondere Gallium-68-PET/CT (Kombination aus Positronen-Emissions-Tomographie und Computertomographie)
- MEN1-Diagnostik (Untersuchung auf ein genetisches Tumorsyndrom) bei klinischem Verdacht
Literatur
- Chatzipanagiotou O, Schizas D, Vailas M, Tsoli M, Sakarellos P, Sotiropoulou M, Papalambros A, Felekouras E. All you need to know about gastrinoma today | Gastrinoma and Zollinger-Ellison syndrome: A thorough update. J Neuroendocrinol. 2023;35(4):e13267. https://doi.org/10.1111/jne.13267
- Franchina M, Modica R, Altieri B, Faggiano A, Colao A. Biochemical Markers for Neuroendocrine Tumors: Traditional Circulating Markers and Recent Development-A Comprehensive Review. Diagnostics (Basel). 2024;14(12):1289. https://doi.org/10.3390/diagnostics14121289
- Panzuto F, Hofland J, Colao A et al.: European Neuroendocrine Tumor Society (ENETS) 2023 guidance paper for gastroduodenal neuroendocrine tumours (NETs) G1-G3. J Neuroendocrinol. 2023;35(8):e13306. https://doi.org/10.1111/jne.13306