Muskelfunktionsdiagnostik

Die Muskelfunktionsdiagnostik dient der Überprüfung der Muskelfunktion bzw. der Muskelkraft einzelner Muskeln oder auch Muskelgruppen. Sie gibt Auskunft über Schädigungen an peripheren motorischen Nerven, die Leistungsfähigkeit und den Heilungsprozess funktionell oder organisch geschädigter Muskeln.

Zielsetzung der Muskelfunktionsdiagnostik

  • Bewertung der Muskelkraft und -leistung: Feststellung der aktuellen Muskelkraft und ihrer Fähigkeit, spezifische Belastungen zu bewältigen.
  • Diagnose von muskulären und neurologischen Erkrankungen: Identifizierung von Muskelerkrankungen wie Dystrophien oder neurologischen Störungen, die die Muskelfunktion beeinträchtigen.
  • Überwachung des Heilungsprozesses: Beurteilung des Fortschritts in der Erholung der Muskelfunktion nach Verletzungen oder chirurgischen Eingriffen.
  • Optimierung von Rehabilitations- und Trainingsprogrammen: Anpassung und Optimierung von Therapie- und Trainingsplänen basierend auf objektiven Messungen der Muskelkraft und -funktion.
  • Präventive Untersuchungen: Früherkennung von potenziellen muskulären Problemen, die durch Beruf oder Sport verursacht werden könnten.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Das Anwendungsgebiet ist sehr groß, die Muskulatur kann z. B. durch eine Sportverletzung oder ein Unfall geschädigt sein. Längere Immobilisation (z. B. Bettlägerigkeit) führt zu einer Muskelatrophie (Muskelschwund) und somit zu einem Funktionsverlust.
Grundsätzlich eignet sich die Diagnostik vor allem zur Verlaufskontrolle im Rahmen eines therapeutischen Muskeltrainings.

  • Sportverletzungen/ Unfälle, z. B. Muskelzerrung, Muskelfaserriss
  • Muskelatrophie (Muskelschwund)
  • Muskuläre Dystrophien (degenerative Muskelerkrankungen, die durch eine fortschreitende Muskelschwäche gekennzeichnet sind), z. B. Duchenn`sche Muskeldysthrophie oder Becker`sche Muskeldystrophie
  • Stoffwechselerkrankungen, die zu Myopathien führen z. B. durch Drogen, Toxine (Gifte) und Nahrungsdefizite
  • Myasthenia gravis (progressive Muskelkrankheit; charakteristisches Kennzeichen ist eine abnorme belastungsabhängige Muskelschwäche, die sich in Ruhe wieder bessert)
  • Myotonie-Erkrankungen (Erhöhter Tonus der Skelettmuskulatur: Die Muskelerschlaffung ist verlangsamt und die Patienten können ihre geschlossene Faust z. B. nicht mehr öffnen), z. B. Paramyotonia congenita (auch Paramyotonia congenita Eulenburg genannt; gehört zum Formenkreis der Natriumkanalmyotonien. Sie äußert sich beim Menschen durch eine erschwerte Entspannung der Muskulatur nach Kontraktion und bei Kälte.)
  • Polymyositis (gehört zu den Kollagenosen; systemische entzündliche Erkrankung der Skelettmuskeln mit einer perivaskulären lymphozytären Infiltration)
  • Dermatomyositis (zu den Kollagenosen zählende chronische Systemerkrankung; eine idiopathische Myopathie (= Muskelerkrankung) bzw. Myositis (= Muskelentzündung) mit Hautbeteiligung)
  • Hyperkaliämische periodische Paralyse (periodische Lähmungserkrankung, die sowohl isoliert, an einem Körperteil als auch generalisiert auftritt. Die Häufigkeit variiert, meist kommt es zu regelmäßigen Attacken im Abstand von wenigen Tagen, gelegentlich auch zu täglichen Lähmungen.)
  • Perineuritis (Entzündung des Bindegewebes, das Nerven umgibt)

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Obwohl die Muskelfunktionsdiagnostik in der Regel sicher und nicht invasiv ist, gibt es bestimmte Situationen, in denen Vorsicht geboten ist oder die Untersuchung eventuell kontraindiziert sein kann. Diese Bedingungen können die Genauigkeit der Ergebnisse beeinflussen oder potenzielle Risiken für den Patienten darstellen:

  • Akute Verletzungen: Unmittelbar nach einer schweren Muskelverletzung, wie einem Muskelriss oder einer schweren Zerrung, sollte eine Muskelfunktionsdiagnostik vermieden werden, um eine Verschlimmerung der Verletzung zu vermeiden.
  • Entzündliche Zustände: Bei akuten entzündlichen Erkrankungen der Muskeln oder Gelenke kann die Durchführung von Muskeltests schmerzhaft sein und den entzündlichen Prozess potenziell verschärfen.
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bei Patienten mit schweren Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten insbesondere belastende Tests vermieden werden, da diese das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belasten können.
  • Postoperative Zustände: Nach Operationen, besonders im Bereich der Muskeln, die getestet werden sollen, ist Vorsicht geboten, um die Heilung nicht zu stören.
  • Schwere systemische Erkrankungen: Bei schweren systemischen Erkrankungen wie fortgeschrittener Muskeldystrophie oder anderen schweren neurologischen Erkrankungen sollten die Tests angepasst oder vermieden werden, um Überanstrengung und mögliche Schäden zu vermeiden.
  • Schwangerschaft: Bestimmte Muskeltests, insbesondere solche, die den Bauchraum betreffen, sollten während der Schwangerschaft mit Vorsicht durchgeführt werden.

Das Verfahren

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, den Zustand eines Muskels zu quantifizieren. Man geht z. B. davon aus, dass die Muskeldicke und die Muskelkraft miteinander korrelieren und somit die Dicke über den Funktionszustand Auskunft gibt. Durch die manuelle Prüfung der Muskelkraft (Manuelle Muskelfunktionsdiagnostik nach V. Janda) kann ein Physiotherapeut mithilfe mehrerer Tests die Muskelkraft sehr gut einschätzen.

Die Muskelfunktion bzw. Kraft wird vor allem in der manuellen Muskelfunktionsdiagnostik in Werten von 0 - 6 ausgedrückt und ist genau definiert:

  • 0: Keine sicht- oder tastbaren Anspannungen eines an der Bewegung beteiligten Muskels.
  • 1: Sicht- oder tastbare Muskelkontraktion, eine Bewegung ist nicht möglich.
  • 2: Die Bewegung kann unter Aufhebung der Schwerkraft in einer horizontalen Ebene ausgeführt werden.
  • 3: Die Bewegung kann vollständig ohne Widerstand gegen die Schwerkraft ausgeführt werden.
  • 4: Die Bewegung kann vollständig gegen die Schwerkraft und mäßigen Widerstand ausgeführt werden.
  • 5: Die Bewegung kann vollständig gegen die Schwerkraft und starken Widerstand ausgeführt werden.
  • 6: Die Bewegung kann 10-mal vollständig gegen die Schwerkraft und starken Widerstand ausgeführt werden.

Folgende diagnostische Methoden ergeben ein aussagekräftiges Bild über den Zustand der Muskulatur:

  • Muskelquerschnittsmessungen:
    • Messung des Umfangs der Extremitäten: Eine sehr einfache Methode, die aber eine eventuelle Schwellung oder die Fettmasse nicht berücksichtigt.
    • Ultraschall-Dickenmessung: Muskeln, Fett und Knochen können deutlich getrennt werden.
    • Computertomographie (CT) oder Kernspintomographie: Der Muskelquerschnitt kann sehr genau bestimmt werden.
  • Messung der neuromuskulären Funktion: Hier wird die Elektromyographie (EMG) angewendet, ein technisches Untersuchungsverfahren, bei dem die elektrische Aktivität eines Muskels in Ruhe und Bewegung gemessen wird. Vor allem Nervenschädigungen können so erkannt werden. 
  • Messung der histologischen und biochemischen Eigenschaften: Hier führt eine Muskelbiopsie zum Ziel. Bestimmt werden pathologische (krankheitsbedingte) Veränderungen des Gewebes.
  • Kraftmessungen:
    • Isometrische (statische) Kraftmessung: Bei dieser Messung wird die größte willkürliche Muskelspannung aufgezeichnet, die der Patient gegen einen unbeweglichen Widerstand, d. h. ohne Verkürzung des Muskels, ausüben kann. Die maximale isometrische Kraft wird über einen Kraftsensor registriert.
    • Dynamische Kraftmessung: Die funktionelle Muskelkraft wird im Zusammenhang mit der Bewegung der Muskeln bestimmt, z. B. beim Gewichtheben. Es gibt auch Geräte, die während einer Bewegung die Muskelkraft messen. Diese Messung hat die größte Aussagekraft über die Funktionalität der Muskeln im Alltag.
    • Isokinetische Kraftmessung: Hier handelt es sich um ein aufwendiges apparatives Verfahren. Gemessen wird die dynamische Kraftentwicklung bei konstanter Geschwindigkeit. Das Messgerät passt sich der Kraftentwicklung der Muskeln des Patienten an und protokolliert eine Kraftkurve.

Mögliche Befunde der Muskelfunktionsdiagnostik

Die Ergebnisse der Muskelfunktionsdiagnostik können eine breite Palette von Befunden liefern, die wichtige Einblicke in den Zustand und die Funktionsweise der Muskulatur geben:

  • Normale Muskelkraft und Funktion: Dies zeigt an, dass die Muskulatur gesund ist und effizient arbeitet.
  • Verminderte Muskelkraft (Muskelhypotonie): Kann auf eine Vielzahl von Bedingungen hinweisen, einschließlich Muskelatrophie aufgrund von Inaktivität, neurologischen Störungen oder Muskeldystrophien.
  • Erhöhte Muskelsteifigkeit (Myotonie): Typisch für bestimmte genetische Erkrankungen, die die Entspannung der Muskeln nach Kontraktion beeinträchtigen.
  • Muskuläre Dysbalance: Ein Ungleichgewicht zwischen antagonistischen Muskelgruppen, das zu Haltungsproblemen oder Bewegungsstörungen führen kann.
  • Pathologische Ermüdung: Schnelle Ermüdung der Muskulatur bei Belastung, die auf metabolische oder myopathische Störungen hinweisen kann.
  • Elektromyographische Auffälligkeiten: Anomalien in der elektrischen Aktivität der Muskeln, die auf spezifische Schädigungen oder Dysfunktionen der Nerven oder der Muskelfasern selbst hinweisen.

Ihr Nutzen

Sowohl für einen Sportler als auch für den Alltag eines normalen Patienten liefert die Muskelfunktionsdiagnostik wertvolle Informationen. Gerade für die Verlaufskontrolle von Muskelschädigungen ist die regelmäßige Diagnostik von Bedeutung.

Literatur

  1. Froböse I, Nellessen G, Wilke C: Training in der Therapie: Grundlagen und Praxis. Elsevier, Urban & Fischer Verlag 2003
  2. Schönle C, Güth V: Rehabilitation. Georg Thieme Verlag 2004 
  3. Janda V: Manuelle Muskelfunktionsdiagnostik. Elsevier,Urban & Fischer Verlag 2000 
  4. Hüter-Becker A, Bacha S: Untersuchen in der Physiotherapie. Georg Thieme Verlag 2005