NT-proBNP

NT-proBNP (N-terminales pro-BNP; N-terminales pro brain natriuretic peptide) ist ein kardiales Peptidhormon (Herz-Botenstoff), das bei der Spaltung des Vorläufermoleküls (Vorstufe) pro-BNP entsteht. Es wird in der klinischen Labordiagnostik (Laboruntersuchung) zur Diagnostik (Untersuchung), zum Ausschluss, zur Verlaufs- und Prognosebeurteilung sowie zur Differentialdiagnostik (Abgrenzungsdiagnose) der Herzinsuffizienz (Herzschwäche) sowie zur Differentialdiagnostik der Dyspnoe (Atemnot) eingesetzt.

NT-proBNP wird im linken Ventrikel (linke Herzkammer) gebildet, während BNP hauptsächlich in den Vorhöfen gebildet wird, mit geringerer Synthese in den Ventrikeln (Herzkammern). Neben BNP zählen auch ANP (atrial natriuretic peptide) sowie CNP (c-type natriuretic peptide) zu den natriuretischen Peptiden (harntreibende Herzbotenstoffe).

Synonyme

  • N-terminales pro-BNP
  • N-terminales pro brain natriuretic peptide

Pathophysiologische Grundlagen

  • Auslöser der BNP-Freisetzung:
    • Dehnung des Myokards (Herzmuskel) bei hämodynamischer Überlastung (Kreislaufüberlastung) des Herzens, insbesondere bei Herzinsuffizienz
  • Biologische Wirkung von BNP:
    • Vasodilatation (Gefäßerweiterung)
    • Hemmung des aktivierten Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) (hormonelles Blutdruck-Regelsystem), das den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt des Körpers reguliert und dadurch entscheidenden Einfluss auf den arteriellen Blutdruck (Blutdruck in den Arterien) ausübt
  • Elimination und Kinetik:
    • NT-proBNP:
      • Ausschließlich renale Elimination (Ausscheidung über die Niere)
      • Plasmahalbwertszeit (Verweildauer im Blut): ca. 60-120 Minuten
      • Reflektiert hämodynamische Veränderungen (Kreislaufveränderungen) über einen längeren Zeitraum als BNP (NT-proBNP ca. 12 h)
    • BNP:
      • Abbau in Niere, Lunge, Herz und Gefäßendothelien (Gefäßinnenwand)
      • Zusätzlich renale Elimination
      • Plasmahalbwertszeit: ca. 23 Minuten
      • Spiegelt hämodynamische Veränderungen über einen kürzeren Zeitraum (BNP ca. 2 h)
  • Analytischer Vorteil:
    • Deutlich bessere Probenstabilität (Haltbarkeit der Probe) von NT-proBNP
    • Probenstabilität im Serum (Blutflüssigkeit): 72 h bei Raumtemperatur
    • Aufgrund der längeren Halbwertszeit und der besseren Stabilität sollte bevorzugt NT-proBNP bestimmt werden

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • NT-proBNP: Blutserum, Lithium-Heparin-Plasma, EDTA-Blut
  • BNP: EDTA-Plasma

Vorbereitung des Patienten

  • Blutentnahme möglichst nüchtern (ohne vorherige Nahrungsaufnahme) oder nach leichtem Frühstück
  • Blutentnahme in körperlicher Ruhe
  • Keine körperlichen Belastungen in den letzten Stunden vor der Entnahme

Störfaktoren

  • Keine spezifischen präanalytischen Störfaktoren (Einflussfaktoren vor der Messung) bekannt
  • Klinische Einflussfaktoren: Alter (Lebensalter), Nierenfunktion (Nierenleistung), Vorhofflimmern (Herzrhythmusstörung), akute hämodynamische Belastung (akute Kreislaufbelastung)

Methode

  • Immunoassay (Labor-Nachweisverfahren) (z. B. Elektrochemilumineszenz-Immunoassay)

Normbereiche (je nach Labor)

NT-proBNP

Subgruppe Frauen Männer
< 50 Jahre < 155 pg/ml  < 84 pg/ml
50-65 Jahre < 222 pg/ml < 194 pg/ml

ESC-Leitlinien: Ausschluss einer Herzinsuffizienz

Klinische Situation NT-proBNP
Chronische Herzinsuffizienz < 125 pg/ml
Akute Herzinsuffizienz < 300 pg/ml

BNP

Subgruppe Referenzbereich
Frauen < 150 pg/ml
Männer < 100 pg/ml
ESC-Leitlinien < 100 pg/ml

Hinweise

  • Werte im EDTA-Plasma sind ca. 10 % niedriger

Umrechnungsfaktor NT-proBNP

Umrechnung Formel
pg/ml → pmol/l pg/ml × 0,118 = pmol/l
pmol/l → pg/ml pmol/l × 8,457 = pg/ml

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Herzinsuffizienz:
    • Ausschluss, Diagnosesicherung und Therapiekontrolle
    • Abschätzung des Schweregrades der kardialen Funktionseinschränkung (Einschränkung der Herzleistung) (BNP bzw. NT-proBNP steigen proportional zum Schweregrad)
  • Akuter Myokardinfarkt (Herzinfarkt) mit Verdacht auf sekundäre Herzinsuffizienz
  • Instabile Angina pectoris (Brustenge) mit Verdacht auf myokardiale Dysfunktion (Störung der Herzmuskelfunktion)
  • Dilatative Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung mit Erweiterung)
  • Differentialdiagnostik der kardialen versus pulmonalen Dyspnoe

Interpretation

Interpretation erhöhter Werte

  • Kardiale Ursachen:
    • Herzinsuffizienz (akut und chronisch)
    • Akutes Koronarsyndrom (akuter Herzkranzgefäß-Notfall)
    • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)
    • Linksventrikuläre Hypertrophie (Verdickung der linken Herzkammer)
    • Herzrhythmusstörungen (Herzstolpern), insbesondere Vorhofflimmern (Erhöhung auch bei erhaltener linksventrikulärer Funktion)
    • Herzklappenvitien (Herzklappenfehler) (z. B. Mitralinsuffizienz (undichte Mitralklappe))
    • Myokarditis (Herzmuskelentzündung)
    • Restriktive Kardiomyopathie (Herzmuskelerkrankung mit Steifigkeit)
    • Kongenitale Herzerkrankungen (angeborene Herzfehler)
    • Pulmonale Hypertonie (Lungenhochdruck) (auch prognostischer Marker)
  • Nicht-kardiale Ursachen:
    • Anämie (Blutarmut)
    • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit)
    • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion)
    • Leberinsuffizienz (Leberversagen)
    • Leberzirrhose (Leberschrumpfung)
    • Lungenembolie (Blutgerinnsel in der Lunge)
    • Neurologische Akuterkrankungen (akute Erkrankungen des Nervensystems) (z. B. Subarachnoidalblutung (Hirnblutung), intrazerebrale Blutung (Hirnblutung))
    • Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
    • Paraneoplastische Syndrome (tumorbedingte Begleitsyndrome)
    • Schwere metabolische Störungen (schwere Stoffwechselstörungen)
    • Schwere Verbrennungen
    • Fortgeschrittenes Alter
  • Weitere Konstellationen:
    • Transiente Erhöhung nach körperlicher Belastung (ca. 1 h)
    • Erhöhung nach Kardioversion (elektrische Rhythmusumstellung), Defibrillation (Stromstoß) oder kardiochirurgischen Eingriffen (Herzoperation)

Interpretation erniedrigter Werte

  • Nicht krankheitsrelevant; beschrieben unter anderem bei:
    • Adipositas (starkes Übergewicht)
    • Betablocker (langfristig)
    • ACE-Hemmer
    • Angiotensin-II-Rezeptor-Antagonisten
    • Aldosteronantagonisten (Spironolacton, Eplerenon)

NT-proBNP in Abhängigkeit von der Nierenfunktion

NT-proBNP wird ausschließlich renal eliminiert. Mit abnehmender glomerulärer Filtrationsrate (Filterleistung der Niere) steigen NT-proBNP-Konzentrationen auch ohne primäre kardiale Dekompensation (Herzdekompensation). Entscheidend sind klinischer Kontext, Volumenstatus (Flüssigkeitsstatus) und Dynamik (Verlauf).

Interpretation in Abhängigkeit vom Serum-Kreatinin:

Serum-Kreatinin Einfluss auf NT-proBNP Klinische Einordnung
≤ 1,5 mg/dl Kein relevanter Einfluss NT-proBNP voll verwertbar
> 1,5-2,0 mg/dl Minimaler Einfluss Grenzwerte in der Regel anwendbar
> 2,0-3,0 mg/dl Moderater Einfluss Absolute Werte vorsichtig interpretieren; Kontext entscheidend
> 3,0 mg/dl Deutlicher Einfluss Verlauf wichtiger als Einzelwert
Dialysepflicht Starker Einfluss Einzelwert diagnostisch limitiert; Trend- und Prognosemarker

*Bis zu einem Serum-Kreatinin von 2 mg/dl besteht nach den gegenwärtigen Studien kein klinisch relevanter Einfluss der Nierenfunktion auf die NT-proBNP-Werte.

CKD-abhängige Interpretation (eGFR-Stratifizierung)

CKD-Stadium eGFR (ml/min/1,73 m²) Typisches NT-proBNP-Niveau Klinische Bedeutung
G1 ≥ 90 Normbereich Volle diagnostische Aussagekraft
G2 60-89 Norm bis leicht erhöht Grenzwerte meist anwendbar
G3a 45-59 Leicht erhöht Kontext beachten
G3b 30-44 Moderat erhöht Spezifität sinkt
G4 15-29 Deutlich erhöht Trend wichtiger als Einzelwert
G5 < 15 Stark erhöht Prognosemarker

Bei CKD (chronische Nierenerkrankung) ab Stadium G3b verlieren absolute Grenzwerte an Spezifität. Entscheidender sind Dynamik, Volumenstatus, klinische Symptomatik und echokardiographische Befunde (Herzultraschall-Befunde).

Weitere Hinweise

  • Es wurden erhöhte Werte für Frauen unter Hormonersatztherapie (Hormonbehandlung) sowie bei Patienten mit Niereninsuffizienz und Dialyse (Blutwäsche) beschrieben.
  • BNP-Wert und Alter sind starke Prädiktoren der Mortalität (Sterblichkeit), sowohl bei Patienten mit als auch ohne Herzinsuffizienz [1].
  • Unter Therapie mit Neprilysin-Inhibitoren sollte NT-proBNP bestimmt werden, da BNP durch verminderten Abbau falsch erhöht sein kann.

Literatur

  1. York MK et al.: B-Type Natriuretic Peptide Levels and Mortality in Patients With and Without Heart Failure.  J Am Coll Cardiol 2018 May 15;71(19):2079-2088. doi: 10.1016/j.jacc.2018.02.071.