Ungewollter Gewichtsverlust und Untergewicht – wann eine medizinische Abklärung notwendig ist
Ungewollter Gewichtsverlust ist ein häufig unterschätztes Symptom. Während kurzfristige Gewichtsschwankungen physiologisch sein können, gilt ein unbeabsichtigter Verlust von mehr als 5 % des Körpergewichts innerhalb von 3-6 Monaten als potenziell krankheitsrelevant. In Kombination mit Untergewicht (Body-Mass-Index < 18,5 kg/m²) kann er auf relevante Störungen der Ernährungsphysiologie oder auf systemische Erkrankungen hinweisen. Eine strukturierte medizinische Abklärung ist entscheidend, um reversible Ursachen frühzeitig zu erkennen.
Definition und klinische Relevanz
Ungewollter Gewichtsverlust beschreibt eine Abnahme der Körpermasse ohne bewusste Kalorienrestriktion oder gesteigerte körperliche Aktivität. Pathophysiologisch liegt meist eine negative Energie- und Proteinbilanz zugrunde, wenn Energieaufnahme, -verwertung oder -speicherung gestört sind. Untergewicht ist nicht nur ein Zahlenwert, sondern geht mit erhöhter Morbidität einher, etwa durch Sarkopenie (Verlust von Muskelmasse und -kraft), Immunsuppression und verzögerte Wundheilung.
Häufige Ursachen aus ernährungsphysiologischer Sicht
Die Ursachen sind vielfältig und lassen sich grob in drei Mechanismen einteilen:
- Verminderte Energieaufnahme
Appetitlosigkeit (Anorexie), Kau- oder Schluckstörungen (Dysphagie = erschwertes Schlucken), gastrointestinale Beschwerden oder psychosoziale Faktoren können die orale Zufuhr reduzieren. - Gestörte Nährstoffverwertung
Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts führen zu Malabsorption (unzureichende Aufnahme von Nährstoffen im Darm), z. B. bei Zöliakie oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Trotz ausreichender Zufuhr entsteht ein Energiemangel. - Erhöhter Energieverbrauch
Endokrine Störungen wie die Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) steigern den Grundumsatz. Auch chronische Entzündungen, Infektionen oder Tumorerkrankungen verursachen einen katabolen Stoffwechselzustand (überwiegender Gewebeabbau).
Warnzeichen, die eine Abklärung erforderlich machen
Eine medizinische Diagnostik ist insbesondere angezeigt bei:
- Gewichtsverlust > 5 % in 3-6 Monaten oder > 10 % innerhalb eines Jahres
- BMI < 18,5 kg/m² oder raschem Abfall des BMI
- Begleitsymptomen wie Fatigue (anhaltende Erschöpfung), Nachtschweiß, Fieber, gastrointestinalen Beschwerden
- Zeichen der Mangelernährung wie Haarausfall, Muskelschwäche oder Ödeme
- höherem Lebensalter, da hier selbst moderate Verluste prognostisch relevant sind
Diagnostisches Vorgehen
Die Abklärung erfolgt stufenweise. Anamnese und Ernährungsprotokolle liefern Hinweise auf Zufuhrdefizite. Laborchemisch werden u. a. Entzündungsparameter, Schilddrüsenwerte und Marker des Proteinstatus bestimmt. Ergänzend können Stuhluntersuchungen, bildgebende Verfahren oder endoskopische Diagnostik notwendig sein. Ziel ist es, primäre Ursachen zu identifizieren und sekundäre Folgen der Mangelernährung zu erfassen.
Fazit
Ungewollter Gewichtsverlust und Untergewicht sind klinisch relevante Warnsignale. Sie spiegeln häufig eine gestörte Energiebilanz wider und können Ausdruck ernster Grunderkrankungen sein. Eine frühzeitige, strukturierte medizinische Abklärung ermöglicht es, reversible Ursachen zu behandeln, ernährungsmedizinische Maßnahmen gezielt einzuleiten und langfristige Komplikationen zu vermeiden.
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