Radioimmuntherapie (kombinierte Strahlentherapie und Immuncheckpointinhibition)
Die Radioimmuntherapie (Bestrahlungs-/Immuntherapie-Kombination) bezeichnet in der modernen klinischen Onkologie (Krebsmedizin) die Kombination aus Strahlentherapie (Bestrahlungstherapie) (Radiotherapie, ggf. Radiochemotherapie) und Immuncheckpointinhibition (Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern), typischerweise über PD-1 (programmed cell death 1) oder PD-L1 (programmed death-ligand 1). Ziel ist eine Verstärkung der lokalen Tumorkontrolle (Tumorkontrolle) und/oder der systemischen Tumorabwehr (Abwehr im ganzen Körper) durch immunmodulatorische Effekte (Beeinflussung des Immunsystems) der Bestrahlung und die Aufhebung tumorinduzierter Immunsuppression (Immunschwäche) [1].
Begriffsklärung: Abzugrenzen ist dies von der nuklearmedizinischen Radioimmuntherapie (Radionuklid-gekoppelte Antikörpertherapie) im engeren Sinn. Der vorliegende Artikel verwendet den in der Strahlentherapie/Onkologie etablierten Begriff im Sinn von Radiotherapie plus Immuncheckpointinhibitor (Checkpointhämmer) [1].
Historische Meilensteine:
- Radiotherapie (Bestrahlungstherapie) als zentrale kurative Modalität (heilendes Verfahren) bei soliden Tumoren mit direkter Tumorzellschädigung (Schädigung von Tumorzellen) (DNA-Schäden) und immunologischer Mitwirkung (Freisetzung von Tumorantigenen (Tumormerkmalen), Zytokinen (Botenstoffen), Gefahrensignalen) [1].
- Mit der Etablierung der Immuncheckpointtherapie (Immuntherapie mit Checkpoint-Hemmern) wurde der Synergismus (Zusammenwirken) mit radiogenen Immunphänomenen (Immunreaktionen) klinisch systematisch untersucht und in mehreren Entitäten (Tumorarten) in kurativen Konzepten (heilenden Behandlungskonzepten) implementiert [1].
- Die klinische Evidenz (Studienlage) zeigt, dass nicht die reine Addition, sondern Therapiesequenz, Timing (Zeitplanung) und Patientenselektion entscheidend sind [1].
Zielsetzung und Wirkweise
Zielsetzung:
- Verbesserung der lokoregionären Kontrolle (Kontrolle im Tumorbereich und der Umgebung) bei lokal fortgeschrittenen Tumoren.
- Reduktion von Fernmetastasen (Tochtergeschwülsten) durch systemische Immunaktivierung (Aktivierung des Immunsystems) und Konsolidierung (Stabilisierungstherapie) nach Lokaltherapie (lokaler Behandlung) [1-4].
- Erhöhung des krankheitsfreien Überlebens und/oder Gesamtüberlebens in kurativen Behandlungspfaden (heilenden Behandlungswegen), abhängig von Entität (Tumorart), Stadium (Krankheitsstadium) und Sequenz (Reihenfolge) [2-6].
Wirkweise:
- Radiotherapie-induzierte Immunmodulation: Bestrahlung führt neben direkter Zytotoxizität (Zellabtötung) zu immunologisch relevanten Veränderungen im Tumormikromilieu (Tumorumgebung), inklusive Antigenfreisetzung (Freisetzung von Erkennungsmerkmalen) und proinflammatorischer Signale (entzündungsfördernder Signale), die eine T-Zell-Antwort (Abwehrreaktion) begünstigen können [1].
- Immuncheckpointinhibition: PD-1/PD-L1-Blockade verstärkt antitumorale T-Zell-Antworten durch Aufhebung inhibitorischer Signale im Tumor-Immunsynapsenraum (Kontaktzone zwischen Tumor und Immunzellen).
- Sequenz- und Timing-Effekt: In mehreren Entitäten (Tumorarten) hat sich die sequenzielle Immuncheckpointinhibition nach Abschluss der Radiochemotherapie als wirksam erwiesen (Konsolidierung/Erhaltung) [2, 3]. In anderen Settings ist eine simultane plus sequenzielle Strategie erfolgreich belegt (z. B. Zervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs)) [4].
- Tumorlast und Biomarker: Tumorlastreduktion (Verringerung der Tumormasse) vor Beginn der Immuntherapie sowie biomarkerbasierte Selektion (Auswahl anhand Biomarkern) werden als potenziell relevante Erfolgsfaktoren diskutiert; prädiktive Biomarker (Vorhersagemarker) sind jedoch entitätsabhängig und nicht universell übertragbar [1].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Nicht resezierbares nichtkleinzelliges Lungenkarzinom (nicht operabler nichtkleinzelliger Lungenkrebs), Stadium III: Durvalumab als Konsolidierung nach platinbasierter Radiochemotherapie ohne Progression (Fortschreiten) (PACIFIC-Konzept) [2].
- Limited-stage kleinzelliges Lungenkarzinom (lokal begrenzter kleinzelliger Lungenkrebs): Durvalumab als sequenzielle Erhaltung nach Radiochemotherapie (ADRIATIC-Konzept) [3].
- Lokal fortgeschrittenes Zervixkarzinom (Gebärmutterhalskrebs), Hochrisiko: Pembrolizumab in Kombination mit Radiochemotherapie und anschließender Erhaltung (KEYNOTE-A18) [4].
- Ösophaguskarzinom (Speiseröhrenkrebs)/gastroösophagealer Übergang (Speiseröhren-Magen-Übergang): Adjuvantes Nivolumab nach neoadjuvanter Radiochemotherapie und R0-Resektion (vollständige Tumorentfernung) bei pathologischer Resterkrankung (Resttumor) (CheckMate 577) [5].
- Hochrisiko kutanes Plattenepithelkarzinom (Haut-Plattenepithelkrebs): Adjuvantes Cemiplimab nach Resektion (Operation) und adjuvanter Radiotherapie (Nachbestrahlung) (C-POST) [6].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
- Kontraindikationen/Limitierungen der Strahlentherapie: Entitäts- und feldabhängige Unmöglichkeit einer sicheren Dosisplanung (Organ-at-risk-Grenzen), fehlende Durchführbarkeit, schwere internistische Instabilität.
- Kontraindikationen der Immuncheckpointinhibition:
- Schwere, unkontrollierte Autoimmunerkrankung (Fehlsteuerung des Immunsystems) mit hohem Exazerbationsrisiko (Verschlechterungsrisiko).
- Vorbestehende schwere immunvermittelte Toxizität (schwere immunbedingte Nebenwirkung) unter Immuncheckpointinhibitoren mit fehlender Beherrschbarkeit.
- Organtransplantation mit hohem Abstoßungsrisiko unter immunaktivierender Therapie.
- Unkontrollierte schwere Infektionen.
- Relative Kontraindikationen (individualisieren): Erhöhtes Pneumonitisrisiko (Risiko einer Lungenentzündung) bei thorakaler Radiotherapie plus PD-(L)1-Inhibition, interstitielle Lungenerkrankung, Schwangerschaft.
Vor der Therapie
- Interdisziplinäre Indikationsstellung: Tumorboard-Entscheid (Tumorkonferenz) mit Festlegung von Ziel (kurativ), Sequenz (simultan, sequenziell) und Systemtherapiepartnern [1].
- Staging und Baseline: Entitätsspezifische Bildgebung und Referenzbefunde zur Response-Beurteilung (Beurteilung des Ansprechens) (z. B. CT (Computertomographie), PET-CT, MRT (Magnetresonanztomographie) nach Standard).
- Biomarker: Entitätsabhängige Biomarkerdiagnostik; PD-L1 ist in einzelnen Indikationen relevant, jedoch nicht als universeller Prädiktor geeignet [1,2].
- Risikostratifikation für Toxizität: Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Lungenfunktion bei thorakaler Radiotherapie, Autoimmunanamnese, Vorbehandlungen, Organfunktionen.
- Aufklärung: Strahlenbedingte Akut- und Spättoxizitäten sowie immunvermittelte Nebenwirkungen (auch verzögert) müssen getrennt und verständlich erläutert werden.
Das Verfahren
- Strahlentherapie:
- Planung mittels CT-Simulation, Konturierung von Zielvolumina und Risikoorganen, moderne Techniken wie intensitätsmodulierte Radiotherapie/volumetrisch modulierter Arc [1].
- Kurative Regime meist normofraktioniert; Radiochemotherapie gemäß Entitätsstandard (z. B. Platin-basiert) [1-4].
- Immuncheckpointinhibition:
- Sequenziell (Konsolidierung/Erhaltung): Beginn nach Abschluss der Radiochemotherapie ohne Progression, z. B. Durvalumab im Stadium III NSCLC oder LS-SCLC [2, 3].
- Simultan plus sequenziell: Je nach Entität und Evidenzlage, z. B. Pembrolizumab bei lokal fortgeschrittenem Hochrisiko-Zervixkarzinom [4].
- Adjuvant nach neoadjuvanter Radiochemotherapie und Operation: Nivolumab bei Ösophagus-/GEJ-Karzinomen mit Resterkrankung [5].
- Sequenz als Schlüsselfaktor: Klinische Daten zeigen, dass die optimale Sequenz entitätsspezifisch ist und die reine Intensivierung ohne korrektes Timing nicht zuverlässig zu besseren Ergebnissen führt [1-4].
Nach der Therapie
- Akutphase (Wochen): Management strahleninduzierter Akuttoxizität (feldabhängig) sowie frühe Erkennung immunvermittelter Nebenwirkungen.
- Verlaufskontrollen: Entitäts- und protokollabhängige Bildgebung und klinische Kontrollen zur Response- und Rezidivdiagnostik.
- Langzeitperspektive: Erfassen strahlenbedingter Spätfolgen sowie persistierender oder spät einsetzender immunvermittelter Toxizitäten, insbesondere endokriner Nebenwirkungen.
Mögliche Komplikationen
- Strahlenbedingte Komplikationen (feldabhängig): Mukositis (Schleimhautentzündung), Dermatitis (Hautentzündung), Ösophagitis (Speiseröhrenentzündung), Enteritis/Proktitis (Darm-/Mastdarmentzündung), Zystitis (Blasenentzündung), später Fibrose (Narbenbildung), Stenosen (Engstellen), Organfunktionsverlust.
- Immunvermittelte Komplikationen: Pneumonitis (Lungenentzündung), Kolitis (Darmentzündung), Hepatitis (Leberentzündung), Nephritis (Nierenentzündung), Dermatitis, Endokrinopathien (Hormonstörungen) (u. a. Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion), Hypophysitis (Hirnanhangsdrüsenentzündung), selten Myokarditis (Herzmuskelentzündung).
- Kombinationsspezifische Herausforderungen: Differenzialdiagnostische Abgrenzung zwischen Infektion, strahlenbedingter Inflammation und immunvermittelter Toxizität, insbesondere bei pulmonalen Symptomen unter thorakalen Konzepten [1-3].
Weiteres
- Biomarker und Patientenselektion: Bedarf an robusteren prädiktiven Biomarkern über PD-L1 hinaus; dynamische Immunmarker und tumormikromilieu-basierte Konzepte werden erforscht [1].
- Therapiesequenz: Sequenzielle Strategien nach Beendigung der Radiotherapie sind in mehreren Entitäten erfolgreich belegt, jedoch nicht universell [1-4].
- Forschungsbedarf: Optimierung von Timing, Bestrahlungsvolumina, immunologischen Zielstrukturen und Kombinationen bleibt zentral, da klinische Ergebnisse entitätsspezifisch und teilweise gegenläufig sind [1].
Literatur
- Schnellhardt S, Gaipl U, Hecht M: Kombinierte Radioimmuntherapie solider Tumoren in der Klinik: Macht die Therapiesequenz den Unterschied? Die Onkologie. 2025;31(10):1005-1012. doi: 10.1007/s00761-025-01793-2.
- Antonia SJ, Villegas A, Daniel D et al.: Durvalumab after Chemoradiotherapy in Stage III Non–Small-Cell Lung Cancer. N Engl J Med. 2017;377:1919-1929. doi: 10.1056/NEJMoa1709937.
- Cheng Y, Spigel DR, Cho BC et al.: Durvalumab after Chemoradiotherapy in Limited-Stage Small-Cell Lung Cancer. N Engl J Med. 2024;391:1313-1327. doi: 10.1056/NEJMoa2404873.
- Lorusso D, Xiang Y, Hasegawa K et al.: Pembrolizumab or placebo with chemoradiotherapy followed by pembrolizumab or placebo for newly diagnosed, high-risk, locally advanced cervical cancer (ENGOT-cx11/GOG-3047/KEYNOTE-A18): a randomised, double-blind, phase 3 clinical trial. Lancet. 2024;404(10460):1321-1332. doi: 10.1016/S0140-6736(24)01808-7.
- Kelly RJ, Ajani JA, Kuzdzal J et al.: Adjuvant Nivolumab in Resected Esophageal or Gastroesophageal Junction Cancer. N Engl J Med. 2021;384:1191-1203. doi: 10.1056/NEJMoa2032125.
- Rischin D, Porceddu S, Day F et al.: Adjuvant Cemiplimab or Placebo in High-Risk Cutaneous Squamous-Cell Carcinoma. N Engl J Med. 2025. doi: 10.1056/NEJMoa2502449.