Bluterbrechen (Hämatemesis) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz und peripherer Sauerstoffsättigung (SpO₂)
- Unmittelbare Beurteilung der hämodynamischen Stabilität (Kreislaufstabilität) und der peripheren Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperbereiche)
- Orientierende Bestimmung des Schockindex (Verhältnis von Herzfrequenz zu systolischem Blutdruck) (Herzfrequenz/systolischer Blutdruck)
- Beurteilung der Vigilanz (Wachheitsgrad) und Orientierung als klinische Schweregradparameter
- Inspektion (Betrachtung) des Erbrochenen
- Beurteilung von Farbe, Konsistenz und Beimengungen [frisches rotes Blut, Blutkoagel (Blutgerinnsel) oder kaffesatzartiges Material]
- Haut und sichtbare Schleimhäute
- Inspektion auf klinische Zeichen einer relevanten akuten Blutverlustanämie (Blutarmut durch akuten Blutverlust) bzw. peripheren Minderperfusion (verminderte Durchblutung)
- Gezielte Inspektion auf Zeichen einer chronischen Lebererkrankung bzw. portalen Hypertension (Pfortaderhochdruck) bei Verdacht auf eine variköse Blutungsquelle (Blutungsquelle aus Krampfadern)
- Herz und Kreislauf
- Auskultation (Abhören) des Herzens sowie Beurteilung von Herzfrequenz, Pulsqualität, Rekapillarisierungszeit (Zeit bis zur Wiederfüllung kleiner Blutgefäße) und peripherer Perfusion
- Bei klinisch vertretbarer Situation Prüfung auf orthostatische Kreislaufreaktion (Kreislaufreaktion beim Aufstehen); bei manifester hämodynamischer Instabilität (Kreislaufinstabilität) keine Orthostaseprüfung (Kreislaufprüfung beim Aufstehen)
- Lunge
- Auskultation der Lunge und Beurteilung der Atmung, insbesondere bei persistierendem Bluterbrechen, Vigilanzminderung (verminderter Wachheit) oder klinischem Verdacht auf Aspiration (Einatmen von Blut oder Erbrochenem)
- Abdomen (Bauch)
- Inspektion, Auskultation, Perkussion (Abklopfen) und Palpation (Abtasten) des Abdomens
- Gezielte Beurteilung auf Hinweise für eine zugrunde liegende hepatologische Erkrankung (Lebererkrankung) bzw. portale Hypertension bei möglicher Varizenblutung (Blutung aus Krampfadern)
- Digital-rektale Untersuchung (Austastung des Enddarms mit dem Finger)
- Beurteilung von Stuhlfarbe und Blutbeimengungen; insbesondere Prüfung auf begleitende Meläna (Teerstuhl)
Red Flags (Warnzeichen) bei Hämatemesis
- Anhaltende oder rezidivierende Hämatemesis, insbesondere Erbrechen größerer Mengen frischen Blutes oder von Blutkoageln → Verdacht auf aktive relevante obere gastrointestinale Blutung (Blutung im oberen Magen-Darm-Trakt)
- Hypotonie (niedriger Blutdruck), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), verlängerte Rekapillarisierungszeit oder andere Zeichen der peripheren Minderperfusion → Verdacht auf hämodynamisch relevante Blutung bis zum hämorrhagischen Schock (Kreislaufschock durch starken Blutverlust)
- Synkope (Ohnmacht), ausgeprägte orthostatische Symptomatik (Beschwerden beim Aufstehen) oder Vigilanzminderung → Hinweis auf relevante Kreislaufbeeinträchtigung
- Dyspnoe (Atemnot), Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut), klinische Aspirationszeichen (Zeichen des Einatmens von Blut oder Erbrochenem) oder eingeschränkte Schutzreflexe → akute Gefährdung der Atemwege
- Hämatemesis bei bekannter oder klinisch vermuteter Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) bzw. portaler Hypertension → Verdacht auf variköse obere gastrointestinale Blutung mit hohem Komplikationsrisiko
- Hämatemesis mit persistierender hämodynamischer Instabilität trotz initialer Stabilisierung → vital bedrohliche Blutung mit intensivmedizinischem Handlungsbedarf
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.