Penisverkrümmung (Penisdeviation) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Linderung der Penisschmerzen in der aktiven Phase der Induratio penis plastica (bindegewebige Verhärtung des Penis; IPP; Peyronie-Krankheit)
- Stabilisierung der Erkrankung und Verhinderung einer weiteren Zunahme der Penisdeviation (Verkrümmung des Penis)
- Reduktion einer funktionell relevanten Penisdeviation und Erhalt der Penislänge
- Erhalt beziehungsweise Wiederherstellung einer für den Geschlechtsverkehr ausreichenden Erektionsfähigkeit (Fähigkeit zur Versteifung des Penis)
- Reduktion der krankheitsbedingten psychosexuellen Belastung
Therapieempfehlungen
Grundsätze
- Vor Therapiebeginn ist zwischen kongenitaler Penisdeviation und erworbener Penisdeviation infolge einer Induratio penis plastica zu unterscheiden.
- Bei kongenitaler Penisdeviation ist keine wirksame Pharmakotherapie verfügbar; bei funktioneller Beeinträchtigung ist die operative Korrektur nach Abschluss der Pubertät die definitive Therapie [LL1].
- Bei Induratio penis plastica richtet sich die Therapie nach Krankheitsphase, Penisschmerzen, Ausmaß und Komplexität der Deformität, Erektionsfähigkeit und Beeinträchtigung des Geschlechtsverkehrs [LL1, LL2].
- Aktive Phase: Penisschmerzen, kurze Erkrankungsdauer oder fortschreitende Veränderung der Penisdeviation beziehungsweise Deformität [LL1].
- Stabile Phase: Abklingen der Schmerzen und unveränderte Penisdeviation über mindestens drei Monate. Bei ausgeprägter funktioneller Beeinträchtigung ist die operative Therapie die wirksamste definitive Behandlungsoption [LL1].
- Eine relevante Begradigung durch eine orale Pharmakotherapie ist nicht zuverlässig belegt. Die Mehrzahl der nichtoperativen Verfahren weist eine niedrige bis sehr niedrige Evidenzsicherheit auf [2].
Symptomatische Pharmakotherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ibuprofen | Zur Behandlung von Penisschmerzen in der aktiven Phase; keine nachgewiesene Wirkung auf Plaque (bindegewebige Verhärtung) oder Penisdeviation [LL1, FI1] |
| Naproxen | Alternative zu Ibuprofen; gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken beachten [FI2] |
| Tadalafil | Bei begleitender erektiler Dysfunktion (Erektionsstörung); Beobachtungsdaten weisen auf eine mögliche Verkürzung der Schmerzphase und geringere Progression hin, belegen jedoch keine zuverlässige Begradigung [LL1, LL2, FI3] |
| Sildenafil | Behandlung einer begleitenden erektilen Dysfunktion; nicht als etablierte antifibrotische Monotherapie der Induratio penis plastica anzusehen [LL1, FI4] |
- Wirkweise: Nichtsteroidale Antirheumatika hemmen die Cyclooxygenasen und reduzieren Prostaglandinsynthese und Schmerzen; PDE-5-Hemmer verstärken die NO-vermittelte cGMP-Wirkung im Corpus cavernosum (Penisschwellkörper) und verbessern die Erektionsfähigkeit.
- Indikationen: Nichtsteroidale Antirheumatika bei Penisschmerzen in der aktiven Phase; PDE-5-Hemmer bei begleitender erektiler Dysfunktion [LL1].
- Kontraindikationen: Nichtsteroidale Antirheumatika insbesondere bei aktiver gastrointestinaler Ulkuskrankheit (Geschwürerkrankung) oder Blutung, schwerer Niereninsuffizienz (Funktionsschwäche der Nieren), Leberinsuffizienz (Funktionsschwäche der Leber) oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche) sowie entsprechender Überempfindlichkeit; PDE-5-Hemmer bei gleichzeitiger Anwendung von Nitraten, NO-Donatoren oder Riociguat sowie bei nicht vertretbarer kardiovaskulärer Belastung [FI1-FI4].
- Nebenwirkungen: Nichtsteroidale Antirheumatika: Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), gastrointestinale Ulzera (Geschwüre im Magen-Darm-Trakt) beziehungsweise Blutungen, Nierenfunktionsstörungen (Störungen der Nierenfunktion), Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung) und Blutdruckanstieg; PDE-5-Hemmer: Kopfschmerzen, Flush (anfallsartige Hautrötung mit Wärmegefühl), Dyspepsie, nasale Kongestion (verstopfte Nase), Schwindel, Sehstörungen beziehungsweise Rückenschmerzen [FI1-FI4].
Intralesionale Pharmakotherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Hyaluronsäure | Off-Label-Therapie durch einen erfahrenen Urologen; kann in ausgewählten Fällen der aktiven Induratio penis plastica zur Schmerzreduktion und gegebenenfalls zur Reduktion der Penisdeviation angeboten werden; begrenzte Ergebnisdaten und schwache Empfehlung [4, LL1] |
| Kollagenase Clostridium histolyticum (CCH) | Für tastbare dorsale oder laterale Plaques und eine Penisdeviation von mehr als 30°; mittlere Reduktion der Penisdeviation um 34 % gegenüber 18,2 % unter Placebo beziehungsweise Modellierung [3]. Das Präparat wurde vom Hersteller vom europäischen Markt genommen und ist in Deutschland nicht regulär verfügbar [LL1]. |
- Wirkweise: Hyaluronsäure besitzt antiinflammatorische und möglicherweise antifibrotische Eigenschaften; Kollagenase Clostridium histolyticum spaltet Kollagen innerhalb der fibrösen Plaque.
- Indikationen: Hyaluronsäure in ausgewählten Fällen der aktiven Induratio penis plastica; Kollagenase Clostridium histolyticum bei tastbarer dorsaler oder lateraler Plaque und Penisdeviation > 30°, sofern das Präparat rechtlich und tatsächlich verfügbar ist [LL1].
- Kontraindikationen: Injektion in beziehungsweise nahe der Urethra (Harnröhre), relevante Gerinnungsstörung (Störung der Blutgerinnung) oder nicht vertretbare Antikoagulation, Infektion im Injektionsgebiet und Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff; Kollagenase Clostridium histolyticum nicht bei urethraler Beteiligung der Plaque.
- Nebenwirkungen: Lokale Schmerzen, Schwellung, Ekchymosen (flächenhafte Hautblutungen) und Hämatome (Blutergüsse); bei Kollagenase Clostridium histolyticum selten schwere Penisverletzung beziehungsweise Ruptur des Corpus cavernosum sowie allergische Reaktionen [3, LL1].
Nicht beziehungsweise nicht routinemäßig empfohlene Pharmakotherapien
- Kalium-Paraaminobenzoat: Die erhaltene randomisierte Studie ist valide und zeigte bei 4 × 3 g/d über zwölf Monate eine Abnahme der Plaquegröße und eine geringere Progression; eine bereits bestehende Penisdeviation wurde jedoch nicht signifikant verbessert [1]. Der aktuelle Cochrane-Review fand bei niedriger beziehungsweise sehr niedriger Evidenzsicherheit keinen gesicherten patientenrelevanten Vorteil [2]. Aufgrund der unzureichenden Evidenz, der hohen Tablettenlast und häufiger gastrointestinaler Nebenwirkungen keine routinemäßige Anwendung.
- Vitamin E, Tamoxifen, Pentoxifyllin, Colchicin, Acetyl-L-Carnitin, Coenzym Q10, Omega-3-Fettsäuren und Procarbazin: Keine ausreichende Evidenz für eine klinisch relevante Verbesserung der Penisdeviation; nicht als routinemäßige orale Therapie einsetzen [2, LL1].
- Intralesionales Verapamil oder Nicardipin: Widersprüchliche Studiendaten ohne überzeugenden klinisch relevanten Vorteil gegenüber Placebo; keine routinemäßige Anwendung [2, LL1].
- Interferon α-2b: Hinweise auf eine begrenzte Wirksamkeit, jedoch geringe Evidenzsicherheit und fehlende reguläre Verfügbarkeit; daher nicht empfohlen [2, LL1].
- Intralesionale oder topische Corticosteroide, Botulinumtoxin und topisches Verapamil: Keine hinreichend belegte Wirksamkeit; nicht empfohlen [LL1].
- Plättchenreiches Plasma: Keine ausreichenden placebokontrollierten Daten; Anwendung nur im Rahmen klinischer Studien [LL1].
Beachte
- Eine Pharmakotherapie kann eine kongenitale Penisdeviation nicht korrigieren [LL1].
- Bei stabiler Induratio penis plastica mit funktionell relevanter Deformität ist die operative Therapie die definitive Behandlung [LL1].
- Eine extrakorporale Stoßwellentherapie kann in der aktiven Phase zur Schmerzreduktion erwogen werden, verbessert jedoch weder Penisdeviation noch Plaquegröße und darf nicht zu diesem Zweck eingesetzt werden [LL1].
- Penistraktions- und Vakuumtherapie können als mechanische beziehungsweise multimodale Therapie angeboten werden; die Ergebnisdaten sind begrenzt [LL1].
- Erektile Dysfunktion: Siehe unter der gleichnamigen Erkrankung.
- Siehe auch unter „Operative Therapie“ und „Weitere Therapie“.
Red Flags (Warnzeichen) bei Penisdeviation
- Plötzliche Penisdeviation nach Trauma mit Knackgeräusch, sofortiger Detumeszenz (plötzliches Erschlaffen des Penis), Schmerzen, Hämatom oder Schwellung: Verdacht auf Penisfraktur (Riss der Schwellkörperhülle); unverzügliche urologische Notfalldiagnostik und operative Versorgung.
- Schmerzhafte Erektion über vier Stunden: Verdacht auf ischämischen Priapismus (schmerzhafte Dauererektion durch gestörten Blutabfluss); sofortige notfallmäßige Behandlung.
- Ulzeration (Geschwürbildung), Blutung, Hautveränderung oder progredienter derber Tumor: Zeitnahe urologische Abklärung zum Ausschluss eines Penismalignoms (bösartigen Penistumors).
Abkürzungsverzeichnis
- CCH: Kollagenase Clostridium histolyticum
- cGMP: cyclisches Guanosinmonophosphat
- FI: Fachinformation
- g/d: Gramm pro Tag
- IMPRESS: Investigation for Maximal Peyronie's Reduction Efficacy and Safety Studies
- IPP: Induratio penis plastica
- LL: Leitlinie
- NO: Stickstoffmonoxid
- PDE-5: Phosphodiesterase Typ 5
Literatur
- Weidner W, Hauck EW, Schnitker J: Potassium paraaminobenzoate (POTABA) in the treatment of Peyronie's disease: a prospective, placebo-controlled, randomized study. Eur Urol. 2005;47(4):530-536. doi: 10.1016/j.eururo.2004.12.022
- Rosenberg JE, Ergun O, Hwang EC, Risk MC, Jung JH, Edwards ME et al.: Non-surgical therapies for Peyronie's disease. Cochrane Database Syst Rev. 2023;7(7):CD012206. doi: 10.1002/14651858.CD012206.pub2
- Gelbard M, Goldstein I, Hellstrom WJG, McMahon CG, Smith T, Tursi J et al.: Clinical efficacy, safety and tolerability of collagenase Clostridium histolyticum for the treatment of Peyronie disease in 2 large double-blind, randomized, placebo-controlled phase 3 studies. J Urol. 2013;190(1):199-207. doi: 10.1016/j.juro.2013.01.087
- Favilla V, Russo GI, Zucchi A, Siracusa G, Privitera S, Cimino S et al.: Evaluation of intralesional injection of hyaluronic acid compared with verapamil in Peyronie's disease: preliminary results from a prospective, double-blinded, randomized study. Andrology. 2017;5(4):771-775. doi: 10.1111/andr.12368
Leitlinien
- European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. Kapitel 8: Penile Curvature. Limited Update March 2026. Langfassung [LL1]
- Salonia A, Capogrosso P, Boeri L, Cocci A, Corona G, Dinkelman-Smit M et al.: European Association of Urology Guidelines on Male Sexual and Reproductive Health: 2025 Update on Male Hypogonadism, Erectile Dysfunction, Premature Ejaculation, and Peyronie's Disease. Eur Urol. 2025;88(1):76-102. doi: 10.1016/j.eururo.2025.04.010 [LL2]
Fachinformation
- Fachinformation des jeweils eingesetzten ibuprofenhaltigen Arzneimittels, aktuelle Fassung [FI1].
- Fachinformation des jeweils eingesetzten naproxenhaltigen Arzneimittels, aktuelle Fassung [FI2].
- Fachinformation des jeweils eingesetzten tadalafilhaltigen Arzneimittels, aktuelle Fassung [FI3].
- Fachinformation des jeweils eingesetzten sildenafilhaltigen Arzneimittels, aktuelle Fassung [FI4].