Fehlgeburt (Abort) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Erhalt einer vitalen intrauterinen Schwangerschaft (Schwangerschaft in der Gebärmutter) bei Abortus imminens (drohender Fehlgeburt), soweit dies medizinisch möglich ist.
  • Bei gesicherter nicht vitaler Schwangerschaft vollständige und komplikationsarme Entleerung des Uterus durch exspektatives, medikamentöses oder operatives Vorgehen entsprechend der klinischen Situation und der Präferenz der Patientin.
  • Vermeidung bzw. Behandlung von Blutung, Infektion, Sepsis (Blutvergiftung) und RhD-Alloimmunisierung (Bildung von Antikörpern gegen den Rhesusfaktor D).
  • Ursachenbezogene Prävention weiterer Aborte bei wiederholten Spontanaborten (wiederholten Fehlgeburten) (WSA).

Therapieempfehlungen

  • Abortus imminens (drohender Abort)
    • Bei einem unselektierten Abortus imminens im 1. Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) soll keine routinemäßige Therapie mit Progesteron bzw. Gestagenen erfolgen [LL1].
    • Eine Bettruhe zur Abortprophylaxe wird nicht empfohlen [LL1].
    • Für Magnesium besteht keine gesicherte Wirksamkeit zur Verhinderung eines Spontanaborts; eine routinemäßige Magnesiumtherapie zur Abortprophylaxe wird daher nicht empfohlen.
    • Bei Frauen mit wiederholten Spontanaborten und aktueller vaginaler Blutung (Blutung aus der Scheide) im Sinne eines Abortus imminens soll vaginales natürliches mikronisiertes Progesteron bis zur 16. Schwangerschaftswoche (SSW) gegeben werden [2, LL2].
      • Das in der zugrunde liegenden randomisierten Studie untersuchte Schema betrug Progesteron 400 mg vaginal zweimal täglich [2, LL2].
    • Eine routinemäßige Anti-D-Prophylaxe allein wegen eines Abortus imminens im 1. Trimenon ist nicht erforderlich [LL1].
  • Gesicherter Frühabort (frühe Fehlgeburt) im 1. Trimenon
    • Bei klinisch stabilen Patientinnen stehen grundsätzlich exspektatives, medikamentöses und operatives Vorgehen zur Verfügung; die Entscheidung soll nach Aufklärung gemeinsam mit der Patientin getroffen werden [LL1].
    • Für die medikamentöse Behandlung eines gesicherten Frühaborts vor 12 SSW ist die Kombination aus Mifepriston und Misoprostol der alleinigen Misoprostolgabe hinsichtlich der vollständigen Uterusentleerung (Entleerung der Gebärmutter) überlegen [3, 4, LL1].
    • Mittel der Wahl für den medikamentösen Frühabort:
      • Mifepriston 200 mg p.o. einmalig,
      • 24 Stunden später Misoprostol 600-800 µg vaginal [LL1].
    • Bei fehlendem oder unzureichendem Gewebeabgang kann eine weitere Misoprostolgabe erforderlich sein; diese soll frühestens 3 Stunden nach der ersten Misoprostolgabe erfolgen [LL1].
    • Die Verwendung von Mifepriston und Misoprostol zur Behandlung eines spontanen Frühaborts erfolgt in Deutschland im Off-Label-Use; entsprechende Aufklärung und Dokumentation sind erforderlich [LL1].
    • Eine routinemäßige Antibiotikaprophylaxe bei medikamentöser Abortbehandlung wird nicht empfohlen [LL1].
    • Zur Analgesie können nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), insbesondere Ibuprofen, eingesetzt werden [LL1].
    • Eine sonographische Verlaufskontrolle soll 7-14 Tage nach Beginn der medikamentösen Therapie erfolgen. Serielle β-HCG-Kontrollen sind eine Alternative, wenn eine sonographische Kontrolle nicht verfügbar ist [LL1].
  • Primär inkompletter Abort (unvollständige Fehlgeburt) vor 14 SSW
    • Neben exspektativem Vorgehen und Vakuumaspiration kann Misoprostol zur medikamentösen Therapie eingesetzt werden [LL3].
    • Empfohlen werden Misoprostol 600 µg p.o. einmalig oder 400 µg sublingual einmalig [LL3].
    • Die Wahl des Verfahrens richtet sich nach klinischer Situation, Blutungsstärke, Infektionszeichen und Präferenz der Patientin.
  • Ausschlusskriterien bzw. Kontraindikationen für ein primär exspektatives oder medikamentöses Vorgehen
    • septischer Abort (infizierte Fehlgeburt) bzw. klinischer Verdacht auf intrauterine Infektion (Infektion innerhalb der Gebärmutter),
    • starke vaginale Blutung bzw. akute relevante Anämie (Blutarmut), insbesondere Hämoglobin < 9 g/dl,
    • Kreislaufinstabilität,
    • klinisch relevante Koagulopathie (Blutgerinnungsstörung),
    • Verdacht auf Extrauteringravidität (Schwangerschaft außerhalb der Gebärmutter) bzw. heterotope Schwangerschaft (gleichzeitige Schwangerschaft innerhalb und außerhalb der Gebärmutter),
    • Verdacht auf gestationsbedingte Trophoblasterkrankung (Erkrankung des Schwangerschaftsgewebes),
    • liegendes Intrauterinpessar,
    • Wunsch der Patientin nach operativer Therapie,
    • Überempfindlichkeit bzw. substanzspezifische Kontraindikationen gegen Misoprostol oder Mifepriston [LL1].
  • Operatives Vorgehen beim Frühabort
    • Ist eine operative Uterusentleerung erforderlich, soll die Vakuumaspiration der alleinigen scharfen Kürettage vorgezogen werden [LL1].
    • Eine medikamentöse Cervixreifung ist nicht generell erforderlich, kann jedoch individuell insbesondere bei erschwerter Cervixdilatation erwogen werden [LL1].
    • Als medikamentöse Cervixreifung kann Misoprostol 200-400 µg p.o. etwa 2 Stunden bzw. vaginal etwa 3 Stunden präoperativ verwendet werden; die Anwendung erfolgt im Off-Label-Use [LL1].
  • Spätabort (späte Fehlgeburt) bzw. intrauteriner Fruchttod (Tod des ungeborenen Kindes in der Gebärmutter) ab 14 bis einschließlich 28 SSW
    • Zur medikamentösen Abortinduktion wird die Kombination aus Mifepriston und Misoprostol gegenüber Misoprostol allein bevorzugt [LL3].
    • Mifepriston 200 mg p.o. einmalig, anschließend nach mindestens 24 Stunden, vorzugsweise nach 1-2 Tagen, Misoprostol 400 µg vaginal oder sublingual alle 4-6 Stunden bis zur Ausstoßung [LL3].
    • Ist Mifepriston nicht verfügbar oder kontraindiziert, kann Misoprostol 400 µg vaginal oder sublingual alle 4-6 Stunden allein angewendet werden [LL3].
    • Bei Zustand nach Uterusoperation bzw. Uterusnarbe (Narbe an der Gebärmutter) sind Gestationsalter, Anzahl der Voroperationen und das individuelle Risiko einer Uterusruptur (Riss der Gebärmutter) bei Dosierung und Zahl der Misoprostolgaben besonders zu berücksichtigen [LL3].
    • Die Behandlung soll stationär unter geburtshilflicher Überwachung erfolgen.
  • Febriler bzw. septischer Abort
    • Der septische Abort ist ein geburtshilflicher Notfall [LL1].
    • Unverzüglicher Beginn einer intravenösen Breitspektrumantibiotikatherapie einschließlich Anaerobierwirksamkeit; mikrobiologische Proben sollen gewonnen werden, sofern dadurch der Therapiebeginn nicht verzögert wird [7, LL1].
    • Mögliche empirische Regime sind beispielsweise Clindamycin plus Gentamicin gegebenenfalls ergänzt durch Ampicillin oder Ampicillin plus Gentamicin plus Metronidazol [7, LL1].
    • Parallel erfolgen eine adäquate Volumensubstitution, Kreislaufstabilisierung sowie Überwachung von Organfunktionen und Gerinnung einschließlich einer möglichen disseminierten intravasalen Gerinnung (schwere Gerinnungsstörung mit Gerinnselbildung und Blutungsneigung) [LL1].
    • Nach Beginn der Antibiotikatherapie soll verbliebenes intrauterines Schwangerschaftsgewebe zeitnah entfernt werden; ein fixes Abwarten von 4-6 Stunden nach Antibiotikagabe ist nicht erforderlich [LL1].
    • Die Antibiotikatherapie wird nach Erregernachweis, klinischem Verlauf und lokalem Antibiogramm angepasst; die Gesamtdauer beträgt häufig 7-14 Tage [LL1].
    • Eine routinemäßige Heparingabe gehört nicht zur Therapie des septischen Aborts. Antikoagulation erfolgt nur bei eigenständiger maternaler Indikation.
  • RhD-Prophylaxe
    • Bei RhD-negativen, nicht immunisierten Frauen ist bei spontanem bzw. exspektativ behandeltem Abort ab 9+0 SSW eine Anti-D-Prophylaxe indiziert [LL1].
    • Bei medikamentös behandeltem Abort ab 9+0 SSW soll Anti-D-Immunglobulin innerhalb von 72 Stunden nach der ersten Misoprostolgabe appliziert werden [LL1].
    • Bei operativer Uterusentleerung soll die Anti-D-Prophylaxe unabhängig vom Gestationsalter erfolgen [LL1].
    • Beim Abortus imminens im 1. Trimenon ist keine routinemäßige Anti-D-Prophylaxe erforderlich [LL1].
    • Die Dosierung richtet sich nach dem verfügbaren Anti-D-Präparat und der jeweiligen Fachinformation.
  • Abortus habitualis (wiederholte Fehlgeburten) bzw. wiederholte Spontanaborte (WSA)
    • Die WHO definiert wiederholte Spontanaborte als mindestens drei aufeinanderfolgende Spontanaborte vor 20 SSW. Eine risikoadaptierte diagnostische Abklärung kann in begründeten Fällen bereits nach zwei Aborten erfolgen [LL2].
    • Die medikamentöse Therapie richtet sich nach der nachgewiesenen bzw. wahrscheinlichen Ursache.
    • Bei idiopathischen WSA können natürliches mikronisiertes Progesteron oder synthetische Gestagene im 1. Trimenon zur Abortprophylaxe erwogen werden; die überzeugendste Evidenz besteht für Frauen mit wiederholten Spontanaborten und zusätzlicher aktueller vaginaler Blutung [1, 2, LL2].
    • Bei histologisch gesicherter chronischer Endometritis (chronische Entzündung der Gebärmutterschleimhaut) mit Nachweis CD138-positiver Plasmazellen kann präkonzeptionell eine Antibiotikatherapie zur Abortprophylaxe erfolgen [LL2].
    • Bei Schilddrüsenfunktionsstörungen (Störungen der Schilddrüsenfunktion):
      • präkonzeptionelle Bestimmung des Thyreoidea-stimulierenden Hormons (TSH),
      • bei TSH > 4,0 mU/l zusätzliche Bestimmung von fT4 und Antikörpern gegen Thyreoperoxidase (TPO-AK) [LL2],
      • bei TSH > 4,0 mU/l kann präkonzeptionell eine Therapie mit L-Thyroxin erfolgen; angestrebt wird ein TSH < 2,5 mU/l [LL2],
      • für eine Behandlung bei TSH 2,5-4,0 mU/l allein zur Abortprophylaxe ist ein Nutzen nicht belegt [LL2],
      • bei euthyreoten (mit normaler Schilddrüsenfunktion) TPO-AK-positiven Frauen mit WSA verbessert eine routinemäßige L-Thyroxin-Therapie die Lebendgeburtenrate nicht relevant [5, LL2].
    • Bei Antiphospholipid-Syndrom (Erkrankung mit erhöhtem Risiko für Blutgerinnsel und Schwangerschaftskomplikationen) (APS):
      • bei obstetrischem APS und WSA niedrig dosierte Acetylsalicylsäure (ASS) 75-150 mg/d plus niedermolekulares Heparin (NMH) in prophylaktischer Dosierung [LL2],
      • ASS möglichst bereits präkonzeptionell; NMH ab positivem Schwangerschaftstest [LL2],
      • ASS bis 34+0 SSW und NMH bis mindestens 6 Wochen post partum [LL2],
      • bei thrombotischem APS wird ASS mit therapeutisch dosiertem NMH kombiniert [LL2],
      • bei „non-criteria“ APS und WSA kann entsprechend der aktuellen AWMF-Leitlinie ebenfalls ASS plus prophylaktisches NMH eingesetzt werden [LL2].
    • Bei hereditärer Thrombophilie (erblich erhöhter Neigung zu Blutgerinnseln) ohne weitere maternale Indikation sollen weder NMH noch ASS ausschließlich zur Abortprophylaxe eingesetzt werden [6, LL2].
    • Eine Thrombophiliediagnostik allein mit dem Ziel einer medikamentösen Abortprophylaxe wird bei WSA nicht empfohlen [6, LL2].
    • Eine antithrombotische Prophylaxe bei hereditärer Thrombophilie richtet sich ausschließlich nach dem individuellen maternalen Risiko für venöse thromboembolische Ereignisse (Blutgerinnsel in Venen bzw. Lunge) [LL2].
    • Eine ASS-Monotherapie bei Faktor-XII-Mangel zur Abortprophylaxe ist nicht Bestandteil der aktuellen leitliniengerechten Standardtherapie.
    • Glucocorticoide, intravenöse Immunglobuline, Lipidinfusionen, allogene Lymphozytenimmunisierung und G-CSF sollen ohne spezifische anderweitige Indikation bzw. außerhalb klinischer Studien nicht routinemäßig zur Abortprophylaxe eingesetzt werden [LL2].
    • Hydroxychloroquin kann bei WSA im Kontext einer zugrunde liegenden Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch eine Fehlreaktion des Immunsystems) bzw. chronisch-entzündlichen Erkrankung individuell erwogen werden, insbesondere bei Versagen oder Kontraindikationen etablierter Therapie; es ist keine allgemeine Therapie der idiopathischen WSA [LL2].
  • Weitere Therapie
    • Siehe auch unter „Weitere Therapie“.

Weitere Hinweise

  • Es gibt keine gesicherte medikamentöse Therapie, mit der sich bei einem unselektierten Abortus imminens ein Spontanabort zuverlässig verhindern lässt [LL1].
  • Die PROMISE-Studie zeigte bei Frauen mit wiederholten Spontanaborten ohne Selektion nach aktueller Blutung keinen signifikanten Vorteil von vaginalem Progesteron hinsichtlich der Lebendgeburtenrate [1].
  • Die PRISM-Studie zeigte dagegen bei Frauen mit Blutungen in der Frühschwangerschaft einen von der Zahl vorausgegangener Fehlgeburten abhängigen Nutzen; die aktuelle AWMF-Leitlinie empfiehlt deshalb bei WSA und Abortus imminens vaginales natürliches mikronisiertes Progesteron bis zur 16. SSW [2, LL2].
  • Bei der medikamentösen Behandlung eines Frühaborts verbessert die Vorbehandlung mit Mifepriston die Erfolgsrate gegenüber Misoprostol allein und reduziert die Notwendigkeit einer nachfolgenden operativen Uterusentleerung [3, 4].
  • Bei wiederholten Spontanaborten und hereditärer Thrombophilie führte NMH in der ALIFE2-Studie nicht zu einer höheren Lebendgeburtenrate [6].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Abortus imminens bei wiederholten Spontanaborten und aktueller vaginaler Blutung

Wirkstoff Besonderheiten
Natürliches mikronisiertes Progesteron Bei WSA und aktueller vaginaler Blutung bis zur 16. SSW [2, LL2]
  • Wirkweise: Gestagen; Stabilisierung des Endometriums und Unterstützung der progesteronabhängigen Schwangerschaftserhaltung.
  • Indikationen: Wiederholte Spontanaborte mit zusätzlicher aktueller vaginaler Blutung im Sinne eines Abortus imminens [2, LL2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Progesteron bzw. Bestandteile des Präparates; weitere Kontraindikationen gemäß Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Benommenheit, Schwindel, lokale vaginale Beschwerden bzw. Ausfluss.

Gesicherter Frühabort – medikamentöse Abortbehandlung

Wirkstoff Besonderheiten
Mifepriston 24 Stunden vor Misoprostol; in Kombination Mittel der Wahl [3, 4, LL1]
Misoprostol 24 Stunden nach Mifepriston; ggf. erneute Gabe frühestens nach 3 Stunden bei unzureichendem Gewebeabgang [LL1]
  • Wirkweise: Mifepriston antagonisiert den Progesteronrezeptor und führt zur Dezidualösung und Sensibilisierung des Myometriums für Prostaglandine; Misoprostol ist ein Prostaglandin-E1-Analogon und induziert Cervixreifung und Uteruskontraktionen.
  • Indikationen: Medikamentöse Therapie des gesicherten spontanen Frühaborts; Kombination wirksamer als Misoprostol allein [3, 4, LL1].
  • Kontraindikationen: Verdacht auf Extrauteringravidität, hämodynamische Instabilität, schwere Blutung bzw. relevante akute Anämie, septischer Abort, relevante Koagulopathie; für Mifepriston zusätzlich insbesondere chronische Nebenniereninsuffizienz (Unterfunktion der Nebennieren), längerfristige systemische Glucocorticoidtherapie, hereditäre Porphyrie (erbliche Stoffwechselerkrankung) und Überempfindlichkeit.
  • Nebenwirkungen: Vaginale Blutung, Unterbauchschmerzen und Krämpfe, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Schüttelfrost und vorübergehendes Fieber. Bei außergewöhnlich starker oder persistierender Blutung bzw. Infektionszeichen sofortige klinische Kontrolle.

Beachte: Mifepriston und Misoprostol werden bei spontanem Frühabort entsprechend der AWMF-Leitlinie im Off-Label-Use eingesetzt; Aufklärung und Dokumentation sind erforderlich [LL1].

Primär inkompletter Abort vor 14 SSW

Wirkstoff Besonderheiten
Misoprostol WHO-Schema; Alternative zu exspektativem Vorgehen oder Vakuumaspiration [LL3]
  • Wirkweise: Prostaglandin-E1-Analogon; Cervixreifung und Stimulation der Uteruskontraktilität.
  • Indikationen: Medikamentöse Therapie des primär inkompletten Aborts vor 14 SSW [LL3].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, hämodynamische Instabilität, starke Blutung, septischer Abort bzw. andere Situationen mit unmittelbarer operativer Behandlungsindikation.
  • Nebenwirkungen: Unterbauchschmerzen, vaginale Blutung, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Schüttelfrost und Fieber.

Präoperative Cervixreifung beim Frühabort

Wirkstoff Besonderheiten
Misoprostol Individuelle Indikationsstellung; Off-Label-Use [LL1]
  • Wirkweise: Prostaglandin-E1-Analogon; Erweichung und Dilatation der Cervix.
  • Indikationen: Präoperative Cervixreifung bei individuell zu erwartender erschwerter Cervixdilatation [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Misoprostol; weitere substanz- und situationsspezifische Kontraindikationen.
  • Nebenwirkungen: Unterbauchschmerzen, Uteruskontraktionen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Schüttelfrost und Fieber.

Spätabort bzw. intrauteriner Fruchttod ab 14 bis einschließlich 28 SSW

Wirkstoff Besonderheiten
Mifepriston 1-2 Tage vor Misoprostol; Mindestabstand 24 Stunden [LL3]
Misoprostol Wiederholung nach klinischer Erfordernis bis zur Ausstoßung; stationäre Durchführung [LL3]
  • Wirkweise: Mifepriston blockiert Progesteronrezeptoren; Misoprostol induziert Cervixreifung und Uteruskontraktionen.
  • Indikationen: Medikamentöse Ausstoßung bei intrauterinem Fruchttod bzw. Spätabort von 14 bis einschließlich 28 SSW [LL3].
  • Kontraindikationen: Substanzspezifische Kontraindikationen; bei Uterusnarbe besondere Nutzen-Risiko-Abwägung und Anpassung des Misoprostolregimes.
  • Nebenwirkungen: Schmerzen, Blutung, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Schüttelfrost, Fieber; selten schwere Blutung oder Uterusruptur, insbesondere bei fortgeschrittenem Gestationsalter und voroperiertem Uterus.

Septischer Abort – empirische Antibiotikatherapie

Wirkstoff Besonderheiten
Clindamycin Beispiel für eine empirische Breitspektrumtherapie; unverzüglicher Therapiebeginn, anschließend Anpassung an Erreger, Antibiogramm, Nierenfunktion und lokale Resistenzsituation [7, LL1]
Gentamicin
ggf. Ampicillin
  • Wirkweise: Kombination einer guten grampositiven und anaeroben Wirksamkeit von Clindamycin mit gramnegativer Wirksamkeit von Gentamicin; Ampicillin erweitert insbesondere die Abdeckung grampositiver Erreger und Enterokokken.
  • Indikationen: Unverzügliche empirische intravenöse Therapie bei septischem Abort; anschließend Deeskalation bzw. Anpassung nach mikrobiologischem Befund [7, LL1].
  • Kontraindikationen: Substanzspezifische Allergien; bei Aminoglykosiden besondere Vorsicht bei Nierenfunktionsstörung und vorbestehender Innenohrschädigung.
  • Nebenwirkungen: Clindamycin insbesondere gastrointestinale Beschwerden und Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch das Bakterium Clostridioides difficile); Gentamicin Nephro- und Ototoxizität (Nieren- bzw. Innenohrschädigung); Ampicillin allergische Reaktionen und gastrointestinale Beschwerden.

Beachte: Die Antibiotikatherapie ersetzt nicht die zeitnahe Entfernung verbliebenen intrauterinen Schwangerschaftsgewebes. Eine routinemäßige Heparingabe ist beim septischen Abort nicht indiziert [7, LL1].

Wiederholte Spontanaborte bei Antiphospholipid-Syndrom

Wirkstoff Besonderheiten
Acetylsalicylsäure (ASS) Möglichst präkonzeptioneller Beginn; gemäß AWMF bis 34+0 SSW [LL2]
Niedermolekulares Heparin, z. B. Enoxaparin Beginn ab positivem Schwangerschaftstest; Fortführung bis mindestens 6 Wochen post partum [LL2]
  • Wirkweise: ASS hemmt irreversibel die Cyclooxygenase-1 und damit die Thrombozytenaggregation; NMH verstärkt die Antithrombinwirkung, insbesondere gegen Faktor Xa.
  • Indikationen: Obstetrisches APS bzw. „non-criteria“ APS mit WSA; beim thrombotischen APS therapeutische Antikoagulation [LL2].
  • Kontraindikationen: Aktive relevante Blutung, schwere Gerinnungsstörungen, substanzspezifische Überempfindlichkeit; für Heparine zusätzlich insbesondere Heparin-induzierte Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen durch Heparin) in der Anamnese.
  • Nebenwirkungen: Blutungen, Hämatome (Blutergüsse), gastrointestinale Beschwerden unter ASS; unter NMH zusätzlich Thrombozytopenie, selten Heparin-induzierte Thrombozytopenie und bei Langzeittherapie Osteoporose (Knochenschwund).

Wiederholte Spontanaborte bei chronischer Endometritis

Wirkstoff Besonderheiten
Doxycyclin Präkonzeptionelle Therapie bei histologisch gesicherter CD138-positiver chronischer Endometritis; Evidenz begrenzt [LL2]
  • Wirkweise: Tetracyclin-Antibiotikum; Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese an der 30S-Untereinheit des Ribosoms.
  • Indikationen: Histologisch gesicherte chronische Endometritis bei WSA; kein empirischer Routineeinsatz ohne entsprechenden Befund [LL2].
  • Kontraindikationen: Schwangerschaft, Überempfindlichkeit gegen Tetracycline; weitere Kontraindikationen gemäß Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ösophagitis (Entzündung der Speiseröhre), Photosensibilität, Hautreaktionen.

Wiederholte Spontanaborte bei Schilddrüsenfunktionsstörung

Wirkstoff Besonderheiten
L-Thyroxin Bei präkonzeptionellem TSH > 4,0 mU/l kann behandelt werden; Zielwert präkonzeptionell TSH < 2,5 mU/l [LL2]
  • Wirkweise: Synthetisches Thyroxin; Substitution des Schilddrüsenhormons T4.
  • Indikationen: Manifeste Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion); bei WSA entsprechend der AWMF-Leitlinie auch Therapieoption bei präkonzeptionellem TSH > 4,0 mU/l [LL2].
  • Kontraindikationen: Unbehandelte Hyperthyreose bzw. Thyreotoxikose (Schilddrüsenüberfunktion mit ausgeprägten Beschwerden), unbehandelte Nebenniereninsuffizienz; weitere Kontraindikationen gemäß Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Bei Überdosierung Symptome einer Hyperthyreose wie Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Palpitationen (Herzklopfen), Tremor (Zittern), Schlafstörungen, Schwitzen und Gewichtsverlust.

Beachte: Eine routinemäßige L-Thyroxin-Therapie euthyreoter TPO-AK-positiver Frauen mit WSA erhöht die Lebendgeburtenrate nicht relevant [5, LL2].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (C, E, D3, K, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, aktivierte Folsäure, Biotin)
  • Mineralstoffe (Calcium, Magnesium)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Jod, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • APS – Antiphospholipid-Syndrom
  • ASS – Acetylsalicylsäure
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • β-HCG – Beta-Humanes Choriongonadotropin
  • CD138 – Cluster of Differentiation 138
  • ESHRE – European Society of Human Reproduction and Embryology
  • fT4 – freies Thyroxin
  • G-CSF – Granulocyte-Colony Stimulating Factor
  • i.v. – intravenös
  • kgKG – Kilogramm Körpergewicht
  • LL – Leitlinie
  • NMH – niedermolekulares Heparin
  • NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika
  • p.o. – per os
  • RhD – Rhesusfaktor D
  • s.c. – subkutan
  • SSW – Schwangerschaftswoche
  • T4 – Thyroxin
  • TPO-AK – Antikörper gegen Thyreoperoxidase
  • TSH – Thyreoidea-stimulierendes Hormon
  • WHO – World Health Organization
  • WSA – wiederholte Spontanaborte

Literatur

  1. Coomarasamy A, Williams H, Truchanowicz E et al.: A Randomized Trial of Progesterone in Women with Recurrent Miscarriages. N Engl J Med. 2015;373(22):2141-2148. doi: 10.1056/NEJMoa1504927 [1]
  2. Coomarasamy A, Devall AJ, Cheed V et al.: A Randomized Trial of Progesterone in Women with Bleeding in Early Pregnancy. N Engl J Med. 2019;380(19):1815-1824. doi: 10.1056/NEJMoa1813730 [2]
  3. Schreiber CA, Creinin MD, Atrio J et al.: Mifepristone Pretreatment for the Medical Management of Early Pregnancy Loss. N Engl J Med. 2018;378(23):2161-2170. doi: 10.1056/NEJMoa1715726 [3]
  4. Chu JJ, Devall AJ, Beeson LE et al.: Mifepristone and misoprostol versus misoprostol alone for the management of missed miscarriage (MifeMiso): a randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet. 2020;396(10253):770-778. doi: 10.1016/S0140-6736(20)31788-8 [4]
  5. van Dijk MM, Vissenberg R, Fliers E et al.: Levothyroxine in euthyroid thyroid peroxidase antibody positive women with recurrent pregnancy loss (T4LIFE trial): a multicentre, randomised, double-blind, placebo-controlled, phase 3 trial. Lancet Diabetes Endocrinol. 2022;10(5):322-329. doi: 10.1016/S2213-8587(22)00045-6 [5]
  6. Quenby S, Booth K, Hiller L et al.: Heparin for women with recurrent miscarriage and inherited thrombophilia (ALIFE2): an international open-label, randomised controlled trial. Lancet. 2023;402(10395):54-61. doi: 10.1016/S0140-6736(23)00693-1 [6]
  7. Wall LL, Yemane A: Infectious Complications of Abortion. Open Forum Infect Dis. 2022;9(11):ofac553. doi: 10.1093/ofid/ofac553 [7]

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Früher Schwangerschaftsverlust im 1. Trimenon. AWMF-Registernummer 015-076. Stand Januar 2025, Version 1.2. AWMF-Leitlinienregister; Langfassung [LL1]
  2. S2k-Leitlinie: Diagnostik und Therapie von Frauen mit wiederholten Spontanaborten. AWMF-Registernummer 015-050. Stand Mai 2026, Version 2.0. AWMF-Leitlinienregister; Langfassung [LL2]
  3. World Health Organization: Abortion care guideline. 2nd ed. Geneva: World Health Organization; 2025. WHO Guideline [LL3]
  4. ESHRE Guideline Group on RPL: Guideline on the management of recurrent pregnancy loss. Updated 2023. ESHRE Guideline; ESHRE Guideline Group on RPL et al.: ESHRE guideline: recurrent pregnancy loss: an update in 2022. Hum Reprod Open. 2023;2023(1):hoad002. doi: 10.1093/hropen/hoad002 [LL4]