Migräne – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Akuttherapie: rasche und möglichst anhaltende Besserung der Kopfschmerzen und Begleitsymptome sowie Wiederherstellung der Alltagsfunktion.
  • Prophylaxe: Reduktion der Attackenfrequenz, -dauer und -intensität sowie der monatlichen Migräne- (anfallsartige Kopfschmerzerkrankung) und Kopfschmerztage.
  • Langfristige Behandlung: Verbesserung der Lebensqualität, Vermeidung einer Chronifizierung und eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch (Kopfschmerz durch häufigen Gebrauch von Akutmedikamenten).

Therapieempfehlungen zur akuten Migräne

  • Frühzeitige Behandlung:
    • Die Akutmedikation sollte möglichst früh in der Kopfschmerzphase in ausreichend wirksamer Dosierung eingesetzt werden.
    • Bei Migräne mit Aura (vorübergehende neurologische Beschwerden vor oder während eines Migräneanfalls) können Nicht-Opioidanalgetika bereits während der Aura eingenommen werden. Triptane werden grundsätzlich erst mit Beginn der Kopfschmerzphase eingesetzt.
    • Die Auswahl richtet sich nach Attackenschwere, bisherigem Ansprechen, Begleitsymptomen, Kontraindikationen und Patientenpräferenz [LL1, LL2].
  • Leichte bis mittelstarke Attacken:
    • Geeignet sind insbesondere Acetylsalicylsäure (ASS), Ibuprofen, Diclofenac oder Naproxen.
    • Paracetamol ist eine Alternative, insbesondere bei Kontraindikationen gegen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR); seine migränespezifische Wirksamkeit ist im Mittel geringer.
    • Metamizol kommt bei entsprechender Indikation als Alternative infrage; das Risiko einer Agranulozytose (starker Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen) ist zu berücksichtigen.
    • Eine fixe Kombination aus ASS, Paracetamol und Koffein ist wirksam. Sie ist von einer unkontrollierten Kombination unterschiedlicher Analgetika zu unterscheiden; das erhöhte Risiko eines Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes ist zu beachten [7, 20, LL1].
  • Mittelstarke bis schwere Attacken bzw. unzureichendes Ansprechen auf Analgetika:
    • Triptane sind bei fehlenden Kontraindikationen eine bevorzugte spezifische Akuttherapie.
    • Bei rascher Schmerzsteigerung, frühem Erbrechen (Entleerung des Mageninhalts durch den Mund) oder unzureichender oraler Wirksamkeit sind nasale bzw. subkutane Darreichungsformen sinnvoll.
    • Bei unzureichender Wirksamkeit eines Triptans können ein anderes Triptan, eine andere Darreichungsform oder eine Kombination mit einem NSAR, insbesondere Naproxen, versucht werden.
    • Bei Wiederkehrkopfschmerzen kann die Kombination eines Triptans mit einem länger wirksamen NSAR günstiger sein als die jeweilige Monotherapie [20, LL1].
  • Antiemetika:
    • Metoclopramid oder Domperidon werden gezielt bei ausgeprägter Übelkeit (flaues Gefühl im Magen mit Brechreiz) bzw. Erbrechen eingesetzt.
    • Eine routinemäßige Gabe vor jeder Analgetika- oder Triptaneinnahme ist nicht erforderlich. Ein verbindlicher Abstand von zehn Minuten zwischen Antiemetikum und Akutmedikation besteht nicht.
    • Bei anhaltendem Erbrechen sollte eine geeignete nicht orale Akuttherapie gewählt werden, statt wiederholt eine unzureichend resorbierte orale Medikation einzunehmen.
    • Domperidon ist keine pauschal geeignete Kindertherapie: Die Anwendung der hier aufgeführten Tabletten setzt ein Alter ab 12 Jahren und ein Körpergewicht von mindestens 35 kg voraus [LL1, FI1, FI2].
  • Rimegepant und Lasmiditan:
    • Diese Wirkstoffe sind insbesondere bei fehlender Wirksamkeit, Unverträglichkeit oder Kontraindikationen herkömmlicher Akuttherapien mögliche Alternativen.
    • Rimegepant ist in Deutschland seit dem 1. Juni 2025 im Verkehr. Die frühere Angabe, Rimegepant sei in Deutschland nicht verfügbar, ist überholt [B1, FI3].
    • Rimegepant und Lasmiditan besitzen keine primär vasokonstriktive Wirkung. Daraus lässt sich keine uneingeschränkte Sicherheit bei schwerwiegenden kardiovaskulären Erkrankungen (Erkrankungen des Herzens und der Blutgefäße) ableiten.
    • Indirekte Vergleiche zeigen für mehrere Triptane eine höhere Wahrscheinlichkeit der Schmerzfreiheit nach zwei Stunden als für Rimegepant oder Lasmiditan. Die Auswahl muss dennoch Wirksamkeit, Verträglichkeit und Kontraindikationen berücksichtigen [16, 20, LL1].
  • Nicht empfohlene Routinebehandlungen: Opioide und Ergotaminderivate sollen wegen ihres ungünstigen Nutzen-Risiko-Profils nicht zur regulären Migränebehandlung eingesetzt werden. Ergotaminderivate dürfen nicht mit Triptanen kombiniert werden [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen): Akuttherapie

Antiemetika: Dopaminrezeptorantagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Metoclopramid Behandlung migräneassoziierter Übelkeit und Erbrechen bei Erwachsenen. Dosisreduktion bei relevanter Nieren- bzw. Leberfunktionsstörung (eingeschränkter Funktion von Nieren bzw. Leber). Pädiatrische Zulassungen für andere Indikationen begründen keine reguläre Anwendung bei kindlicher Migräne [FI2].
Domperidon Nur ab 12 Jahren und bei einem Körpergewicht von mindestens 35 kg. Bei schwerer Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) sind bei wiederholter Gabe Einnahmehäufigkeit und ggf. Dosis zu reduzieren [FI1].
  • Wirkweise: Dopamin-D2-Rezeptorblockade mit antiemetischer und prokinetischer Wirkung. Domperidon wirkt überwiegend peripher; extrapyramidale Nebenwirkungen (Bewegungsstörungen durch Veränderungen bestimmter Hirnnetzwerke) sind seltener als unter Metoclopramid.
  • Indikation: ausgeprägte Übelkeit und Erbrechen während einer Migräneattacke. Die ältere Untersuchung einer Domperidongabe in der Prodromalphase begründet keine routinemäßige vorbeugende Anwendung [LL1].
  • Kontraindikationen:
    • Metoclopramid: insbesondere gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt), mechanische Obstruktion (Verschluss) oder Perforation (Durchbruch), Morbus Parkinson (Erkrankung des Nervensystems mit Bewegungsverlangsamung und weiteren Beschwerden), Epilepsie (Erkrankung mit wiederkehrenden epileptischen Anfällen), Phäochromozytom (hormonbildender Tumor, meist des Nebennierenmarks), frühere tardive Dyskinesien (verzögert auftretende unwillkürliche Bewegungen) sowie gleichzeitige Anwendung von Levodopa oder dopaminergen Agonisten.
    • Domperidon: insbesondere mäßige oder schwere Leberfunktionsstörung, bekannte QTc-Verlängerung (verlängerte Erholungszeit des Herzens zwischen zwei Schlägen), relevante Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts), bestimmte kardiale Grunderkrankungen einschließlich Herzinsuffizienz (Herzschwäche) sowie gleichzeitige Anwendung QT-verlängernder Arzneimittel oder starker CYP3A4-Inhibitoren. Weitere Gegenanzeigen, darunter Prolaktinom (gutartiger hormonbildender Tumor der Hirnanhangdrüse), sind der Fachinformation zu entnehmen [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen:
    • Metoclopramid: Müdigkeit, Akathisie (quälende Bewegungsunruhe), akute Dystonien (unwillkürliche Muskelanspannungen und Fehlhaltungen) und andere extrapyramidale Störungen; bei längerer Anwendung tardive Dyskinesien. Nach intravenöser Gabe sind auch schwere kardiovaskuläre Reaktionen möglich.
    • Domperidon: Mundtrockenheit, Hyperprolaktinämie und selten schwerwiegende ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen der Herzkammern) einschließlich Torsade-de-pointes-Tachykardien (bestimmte gefährliche Herzrhythmusstörungen) und plötzlichem Herztod. Das Risiko steigt insbesondere bei höherem Lebensalter, höheren Dosen und relevanten Interaktionen [FI1, FI2].

Antiemetika: H1-Rezeptorantagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Dimenhydrinat Reserveoption bei Übelkeit und Erbrechen; keine prokinetische Wirkung. Sedierung und anticholinerge Belastung beachten. Keine pauschale Empfehlung als Mittel der ersten Wahl in Schwangerschaft oder Stillzeit.
  • Wirkweise: H1-Rezeptorblockade mit antiemetischer und anticholinerger Wirkung.
  • Indikation: symptomatische Behandlung von Übelkeit und Erbrechen, wenn besser geeignete Optionen nicht infrage kommen.
  • Kontraindikationen: präparatespezifisch insbesondere bestimmte Glaukomformen (Formen des Grünen Stars), Harnverhalt (Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren), relevante Herzrhythmusstörungen und gleichzeitige Anwendung von Monoaminooxidasehemmern; Alters- und Gewichtsgrenzen beachten.
  • Nebenwirkungen: Schläfrigkeit, eingeschränkte Fahrtüchtigkeit, Mundtrockenheit, Obstipation (Verstopfung), Harnverhalt und Verwirrtheit; bei Fehlgebrauch Abhängigkeit.

Nicht-Opioidanalgetika: Acetylsalicylsäure und NSAR

Wirkstoff Besonderheiten
Acetylsalicylsäure Rasch verfügbare Zubereitungen bevorzugen. Keine reguläre Empfehlung bei Kindern und Jugendlichen, insbesondere nicht bei fieberhaften viralen Erkrankungen wegen des Reye-Syndroms (seltene, schwere Erkrankung mit Schädigung von Leber und Gehirn).
Ibuprofen Bei Kindern bevorzugtes Akutanalgetikum. Bei Erwachsenen sind 400 mg häufig ausreichend. Schwangerschaftseinschränkungen beachten.
Diclofenac Rasch freisetzende Zubereitungen verwenden. Kontraindiziert bei bestimmten manifesten kardiovaskulären Erkrankungen.
Naproxen Längere Wirkdauer; geeignet bei Wiederkehrkopfschmerzen und zur Kombination mit einem Triptan. Dosierungen von Naproxen und Naproxen-Natrium unterscheiden.
  • Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenasen und der Prostaglandinsynthese; ASS hemmt zusätzlich irreversibel die Thrombozytenfunktion.
  • Indikation: akute Migräneattacken; bei schweren Attacken oder unzureichendem Ansprechen spezifische Akuttherapie erwägen.
  • Kontraindikationen: insbesondere aktive oder wiederholte gastrointestinale Ulzera (Geschwüre in Magen oder Darm) bzw. Blutungen, schwere Niereninsuffizienz, schwere Leberinsuffizienz (eingeschränkte Leberfunktion), schwere Herzinsuffizienz und entsprechende Überempfindlichkeitsreaktionen. Diclofenac ist unter anderem bei ischämischer Herzkrankheit (Herzerkrankung durch unzureichende Blutversorgung), peripherer arterieller Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Beine oder Arme durch verengte Arterien) und zerebrovaskulären Erkrankungen (Erkrankungen der Blutgefäße des Gehirns) kontraindiziert. Im dritten Trimenon sind NSAR kontraindiziert.
  • Nebenwirkungen: Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), gastrointestinale Ulzera und Blutungen, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerungen), Blutdruckanstieg, Nierenfunktionsverschlechterung und Überempfindlichkeitsreaktionen; substanz- und dosisabhängig kardiovaskuläre Risiken.
  • Evidenzeinordnung: Die ältere Netzwerk-Metaanalyse von Xu et al. zeigte Unterschiede zwischen untersuchten NSAR und Triptanen. Rangfolgen aus Netzwerk-Metaanalysen begründen jedoch keine für alle Patienten gültige Aussage, ein Präparat sei generell am verträglichsten [7, 20].

Weitere Nicht-Opioidanalgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Bei niedrigem Körpergewicht, Lebererkrankung, chronischem Alkoholkonsum, Mangelernährung oder anderen Risikofaktoren niedrigere Höchstdosen erforderlich. Keine gleichzeitige unbemerkte Einnahme mehrerer paracetamolhaltiger Präparate.
Metamizol Alternative bei entsprechender Indikation. Agranulozytoserisiko und aktuelle Sicherheitshinweise beachten. Intravenöse Gabe langsam wegen Hypotonie- (niedriger Blutdruck) und Anaphylaxierisikos (Risiko einer schweren allergischen Sofortreaktion).
  • Wirkweise: analgetische und antipyretische Wirkungen über überwiegend zentrale Mechanismen; die Wirkmechanismen sind nicht vollständig aufgeklärt.
  • Indikation: Paracetamol insbesondere bei fehlender Eignung von NSAR; Metamizol bei entsprechender Schmerzindikation und individueller Nutzen-Risiko-Abwägung.
  • Kontraindikationen: Paracetamol insbesondere bei schwerer hepatozellulärer Insuffizienz (schwerer Funktionsschwäche der Leberzellen); Metamizol unter anderem bei früherer metamizol- bzw. pyrazolonbedingter Agranulozytose, bestimmten Knochenmark- oder Blutbildungsstörungen und im dritten Trimenon.
  • Nebenwirkungen:
    • Paracetamol: insbesondere schwere Leberschädigung bei Überdosierung; N-Acetylcystein ist das spezifische Antidot.
    • Metamizol: Agranulozytose, anaphylaktische Reaktionen, Hypotonie sowie selten schwere Haut- und Leberreaktionen.
    • Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen unter Metamizol muss die Behandlung sofort beendet und umgehend ein Differentialblutbild veranlasst werden. Eine Agranulozytose kann unabhängig von der Dosis und auch nach früherer problemloser Anwendung auftreten [B5].

Triptane: selektive Serotonin-5-HT1B/1D-Rezeptoragonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Almotriptan Bei schwerer Niereninsuffizienz niedrigere Tageshöchstdosis; schwere Leberinsuffizienz beachten.
Eletriptan Interaktionen mit starken CYP3A4-Inhibitoren beachten. Bei Nierenfunktionsstörung angepasste Dosierung. In indirekten Vergleichen hohe Wirksamkeit [7, 20].
Frovatriptan Lange Halbwertszeit; langsamerer Wirkungseintritt, häufig geringere Wiederkehrrate.
Naratriptan Langsamerer Wirkungseintritt. Dosisbegrenzung bei Nieren- bzw. Leberfunktionsstörung; schwere Funktionsstörungen kontraindiziert. Die Halbwertszeit ist kürzer als die von Frovatriptan.
Rizatriptan Unter Propranolol 5 mg pro Einzeldosis und mindestens 2 Stunden Abstand zu Propranolol; weitere Dosisanpassungen nach Fachinformation.
Sumatriptan Subkutan besonders rascher Wirkungseintritt. Altersgrenzen und Höchstdosen unterscheiden sich nach Darreichungsform. Für Schwangerschaft liegen die umfangreichsten Erfahrungen innerhalb der Triptangruppe vor [2, 5, FI6].
Zolmitriptan Nasale Anwendung bei raschem Wirkungseintritt bzw. beeinträchtigter oraler Einnahme sinnvoll. Präparatespezifische Zulassung bei Jugendlichen beachten.
  • Wirkweise: Hemmung der trigeminovaskulären Signalübertragung und Neuropeptidfreisetzung sowie kranielle Vasokonstriktion.
  • Indikation: mittelschwere bis schwere Migräneattacken sowie Attacken mit unzureichendem Ansprechen auf geeignete Nicht-Opioidanalgetika.
  • Kontraindikationen: insbesondere koronare Herzkrankheit (KHK), Zustand nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt), transitorische ischämische Attacke (TIA; vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn) oder Schlaganfall (plötzliche Schädigung des Gehirns durch eine Durchblutungsstörung oder Blutung), periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) und unkontrollierte Hypertonie (Bluthochdruck). Weitere Gegenanzeigen und Einschränkungen, insbesondere bei hemiplegischer Migräne (Migräne mit vorübergehender Muskelschwäche) oder Migräne mit Hirnstammaura (Migräne mit vorübergehenden Beschwerden aus dem Bereich des Hirnstamms), sind präparatespezifisch zu beachten.
  • Nebenwirkungen: Druck- oder Engegefühl, Parästhesien (Kribbeln oder Taubheitsgefühle), Wärmegefühl, Schwindel und Müdigkeit; selten schwerwiegende vaskuläre Ereignisse.
  • Wiederholung und Kombinationen:
    • Wenn die erste Dosis überhaupt nicht wirkt, soll für dieselbe Attacke nicht einfach dieselbe Triptandosis wiederholt werden. Eine geeignete alternative Akutmedikation kann erwogen werden.
    • Bei zunächst erfolgreicher Behandlung und anschließendem Wiederkehrkopfschmerz ist eine Wiederholung innerhalb der substanzspezifischen Grenzen möglich.
    • Unterschiedliche Triptane sowie Triptane und Ergotaminderivate dürfen nicht unkontrolliert kombiniert werden; die vorgeschriebenen Abstände sind einzuhalten.
    • Die Kombination eines Triptans mit Naproxen ist eine evidenzbasierte Option bei unzureichender oder nicht anhaltender Wirkung [LL1].
  • Interaktionen: Monoaminooxidasehemmer und CYP-vermittelte Wechselwirkungen sind substanzspezifisch zu beachten. Die Kombination mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) ist nicht generell ausgeschlossen; über Symptome eines Serotoninsyndroms (gefährliche Überstimulation durch zu viel Serotoninwirkung) ist aufzuklären. In einer großen Registerauswertung war dieses Ereignis selten [8].
  • Vergleichende Wirksamkeit: Eletriptan, Rizatriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan gehörten in der Netzwerk-Metaanalyse von 2024 zu den wirksamsten oralen Optionen. Eine Netzwerk-Metaanalyse intranasaler Wirkstoffe zeigte eine hohe Wirksamkeit von Zolmitriptan 5 mg nasal; solche Rangfolgen ersetzen keine individuelle Therapiewahl [19, 20].

CGRP-Rezeptorantagonisten: Akuttherapie

Wirkstoff Besonderheiten
Rimegepant Für Erwachsene; Lyophilisat zum Einnehmen. In Deutschland verfügbar. Bei mittelstarken CYP3A4-Inhibitoren oder starken P-Glykoprotein-Inhibitoren keine weitere Dosis innerhalb von 48 Stunden [FI3].
  • Wirkweise: Antagonismus am Rezeptor des Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP); keine primäre Vasokonstriktion.
  • Indikation: Akuttherapie der Migräne mit oder ohne Aura bei Erwachsenen. Zusätzlich besteht eine gesonderte Zulassung zur Prophylaxe der episodischen Migräne (Migräne mit zeitlich begrenzten Anfällen und beschwerdeärmeren Phasen) [FI3].
  • Kontraindikationen und Anwendungsbeschränkungen: Überempfindlichkeit; Anwendung bei schwerer Leberfunktionsstörung oder terminaler Niereninsuffizienz (Nierenversagen im Endstadium) vermeiden. Starke CYP3A4-Inhibitoren sowie starke oder mittelstarke CYP3A4-Induktoren sind entsprechend der Fachinformation zu vermeiden. In Schwangerschaft und Stillzeit keine reguläre Anwendung; bei relevanter Gefäßerkrankung individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [FI3].
  • Nebenwirkungen: insbesondere Übelkeit; Überempfindlichkeitsreaktionen können auch verzögert auftreten.
  • Einordnung von Ubrogepant: Die Wirksamkeit wurde in internationalen Studien untersucht. Eine entsprechende EU-Zulassung bzw. reguläre deutsche Verfügbarkeit darf daraus nicht abgeleitet werden; Ubrogepant wird hier nicht als regulär verfügbare deutsche Therapieoption geführt [16].

Ditane

Wirkstoff Besonderheiten
Lasmiditan Nur Erwachsene. Nach jeder Einnahme mindestens 8 Stunden kein Fahrzeug führen und keine Maschinen bedienen, auch bei subjektivem Wohlbefinden [FI5].
  • Wirkweise: selektiver Serotonin-5-HT1F-Rezeptoragonismus ohne primäre Vasokonstriktion.
  • Indikation: Akutbehandlung der Kopfschmerzphase von Migräneattacken mit oder ohne Aura; mögliche Alternative bei fehlender Eignung von Triptanen [FI5].
  • Kontraindikationen und Anwendungsbeschränkungen: Überempfindlichkeit; bei schwerer Leberfunktionsstörung nicht empfohlen. Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit vermeiden. Serotonerge Begleitmedikation, zentral dämpfende Substanzen und herzfrequenzsenkende Arzneimittel berücksichtigen.
  • Nebenwirkungen: insbesondere Schwindel, Schläfrigkeit, Müdigkeit und Parästhesien; möglich sind Bradykardie (langsamer Herzschlag) und Serotoninsyndrom [FI5].

Notfallbehandlung und Status migraenosus (besonders lang anhaltender Migräneanfall)

  • Schwere oder nicht beherrschbare Attacken: mögliche ärztlich überwachte Optionen sind ASS 1.000 mg i.v. als geeignete intravenöse Zubereitung, Sumatriptan 6 mg s.c., Metoclopramid 10 mg langsam i.v. bei entsprechender Begleitsymptomatik und ggf. Metamizol 1.000 mg langsam i.v. Flüssigkeit wird bei Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) ersetzt; eine routinemäßige Infusion ohne entsprechenden Bedarf ist nicht erforderlich [LL1].
  • Status migraenosus: Eine beeinträchtigende Migräneattacke über mehr als 72 Stunden erfordert eine ärztliche Beurteilung, die Überprüfung der bisherigen Akutmedikation und den Ausschluss sekundärer Ursachen. Glucocorticoide sind eine Option nach Expertenkonsens; sie sind keine routinemäßige Behandlung jeder Migräneattacke [LL1].
  • Intravenöses Magnesium: Eine kleine randomisierte Studie untersuchte Magnesiumsulfat gegenüber Dexamethason plus Metoclopramid. Daraus ergibt sich keine generelle Empfehlung für Magnesiuminfusionen bei Migräne [1].

Glucocorticoide beim Status migraenosus

Wirkstoff Besonderheiten
Dexamethason Off-Label-Use nach individueller ärztlicher Entscheidung; begrenzte Evidenz für die unmittelbare Beendigung eines Status migraenosus [LL1].
Prednison bzw. Prednisolon Off-Label-Use; keine unkritischen wiederholten Steroidkuren [LL1].
  • Wirkweise: Modulation entzündlicher Signalwege; Dexamethason kann nach erfolgreicher Notfallbehandlung das Wiederkehrrisiko reduzieren.
  • Indikation: ausgewählte therapierefraktäre Attacken bzw. Status migraenosus nach ärztlicher Beurteilung.
  • Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen: insbesondere unbehandelte relevante Infektionen, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), psychische Vorerkrankungen und gastrointestinale Risiken berücksichtigen; eine gleichzeitige NSAR-Gabe erhöht das Blutungsrisiko.
  • Nebenwirkungen: auch kurzfristig Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), Schlafstörungen, Unruhe, Blutdruckanstieg und psychische Reaktionen; bei wiederholter oder längerer Anwendung zusätzliche systemische Risiken.

Akuttherapie bei Kindern und Jugendlichen

  • Bevorzugtes Analgetikum: Ibuprofen 10 mg/kg Körpergewicht als Einzeldosis; Paracetamol 10-15 mg/kg Körpergewicht ist eine Alternative. Alters-, Gewichts- und Tageshöchstdosen der konkreten Präparate sind einzuhalten [LL1].
  • Triptane: Bei unzureichendem Ansprechen können für die jeweilige Altersgruppe zugelassene Darreichungsformen eingesetzt werden. Für bestimmte nasale Sumatriptan- und Zolmitriptanpräparate bestehen Zulassungen ab 12 Jahren. Diese Zulassungen dürfen nicht pauschal auf alle oralen oder injizierbaren Präparate übertragen werden.
  • Antiemetika: keine routinemäßige Vorbehandlung. Domperidon nur bei erfüllten Alters- und Gewichtsgrenzen; Metoclopramid ist bei kindlicher Migräne wegen des neurologischen Nebenwirkungsrisikos und der eingeschränkten Indikationszulassung keine reguläre Standardoption [FI1, FI2].

Akuttherapie in Schwangerschaft und Stillzeit

  • Grundsatz: leichte Attacken zunächst mit Reizabschirmung, Ruhe und geeigneten nicht medikamentösen Maßnahmen behandeln. Eine erforderliche medikamentöse Therapie wird nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung gewählt; auch eine unzureichend behandelte schwere Attacke kann relevant belasten [LL1, B6].
  • Paracetamol: kann bei entsprechender Indikation in allen Trimenons angewendet werden. Niedrigste wirksame Dosis und kürzest mögliche Behandlungsdauer wählen. Beobachtete Assoziationen mit späteren kindlichen Erkrankungen beweisen keine Kausalität und begründen keine pauschale Kontraindikation.
  • Ibuprofen und andere NSAR:
    • Ibuprofen ist im ersten und zweiten Trimenon eine mögliche wirksame Option.
    • Ab der 20. Schwangerschaftswoche (SSW) besteht unter anderem das Risiko fetaler Nierenfunktionsstörungen mit Oligohydramnion (zu geringer Fruchtwassermenge); eine Anwendung soll nur nach strenger ärztlicher Indikationsstellung, möglichst als Einzeldosis und so kurz wie möglich erfolgen.
    • Bei mehrtägiger Exposition ab der 20. SSW sind gegebenenfalls Fruchtwassermenge und fetaler Kreislauf zu kontrollieren.
    • Im dritten Trimenon sind NSAR kontraindiziert. Analgetisch dosierte ASS ist ebenfalls keine geeignete Routineoption im dritten Trimenon. Dies betrifft nicht eine gesondert geburtshilflich indizierte niedrig dosierte ASS-Prophylaxe [B6].
  • Sumatriptan: besitzt die umfangreichste Schwangerschaftserfahrung unter den Triptanen und kann bei behandlungsbedürftigen Attacken nach Nutzen-Risiko-Abwägung in allen Trimenons eingesetzt werden. Eine pauschale Beschränkung auf das zweite und dritte Trimenon ist nicht begründet. Register und Metaanalysen zeigen kein konsistentes Signal für ein erhöhtes Risiko schwerer Fehlbildungen; sie ersetzen keine individuelle Indikationsstellung [2, 5, LL1, FI6].
  • Metamizol: im ersten und zweiten Trimenon nur ausnahmsweise bei fehlenden geeigneten Alternativen; im dritten Trimenon kontraindiziert. Keine bevorzugte Migränetherapie in der Schwangerschaft.
  • Antiemetika: Metoclopramid kann bei Bedarf kurzfristig auch während der Schwangerschaft eingesetzt werden. Gegen Ende der Schwangerschaft ist das Risiko extrapyramidaler Symptome beim Neugeborenen zu berücksichtigen. Domperidon und Dimenhydrinat sind keine pauschal bevorzugten Standardmittel. Ondansetron kommt bei schwerem, anders nicht beherrschbarem Erbrechen allenfalls unter strenger Indikationsstellung insbesondere im zweiten oder dritten Trimenon infrage; die migränebezogene Anwendung ist Off-Label-Use [LL1, FI2].
  • Stillzeit:
    • Ibuprofen und Paracetamol gehören zu den bevorzugten Analgetika.
    • Für Sumatriptan nennt die Fachinformation eine Stillpause von mindestens 12 Stunden nach Anwendung; währenddessen abgepumpte Milch soll verworfen werden. Die frühere widersprüchliche Angabe einer achtstündigen Pause entfällt [FI6].
    • Antiemetika werden nur bei Bedarf und unter Beachtung der substanzspezifischen Stillzeitempfehlungen eingesetzt. Metoclopramid wird laut Fachinformation während der Stillzeit nicht empfohlen; eine Anwendung bedarf einer besonderen Abwägung [FI2].
  • Zu vermeiden: Ergotaminderivate sowie eine reguläre Behandlung mit Gepanten oder Lasmiditan während Schwangerschaft und Stillzeit [LL1, FI3, FI5].

Vermeidung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch

  • Diagnostische Schwellen: Bei vorbestehender Kopfschmerzerkrankung und Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat ist ein Medikamentenübergebrauchskopfschmerz zu prüfen, wenn Akutmedikamente über mehr als 3 Monate regelmäßig übergebraucht werden. Für Triptane, Ergotaminderivate, Opioide und Kombinationsanalgetika liegt die Einnahmeschwelle bei mindestens 10 Tagen pro Monat; für einfache Nicht-Opioidanalgetika bei mindestens 15 Tagen pro Monat [LL1].
  • Prävention: Diese diagnostischen Schwellen sind keine empfohlenen Einnahmeziele. Die Akutmedikation sollte möglichst an weniger als 10 Tagen pro Monat benötigt werden. Bei häufigem Bedarf sind Akuttherapie und Prophylaxe zu überprüfen.
  • Gemischte Einnahme: Abwechselnde Einnahme verschiedener Akutmedikamente verhindert einen Übergebrauchskopfschmerz nicht. Einnahmetage werden im Kopfschmerzkalender dokumentiert.

Therapieempfehlungen zur Migräneprophylaxe

  • Indikationen:
    • mindestens 3 die Lebensqualität beeinträchtigende Migräneattacken pro Monat bzw. eine entsprechend hohe Zahl belastender Migränetage
    • lang anhaltende oder wiederholt über 72 Stunden dauernde Attacken
    • unzureichende Wirksamkeit, Unverträglichkeit oder Kontraindikationen einer angemessenen Akuttherapie
    • zunehmende Attackenfrequenz bzw. Risiko eines Medikamentenübergebrauchs
    • beeinträchtigende, besonders lang anhaltende Auren oder Zustand nach migränösem Hirninfarkt (durch Migräne bedingter Schlaganfall) nach Ausschluss anderer Ursachen [LL1, LL2].
  • Auswahl: nach wissenschaftlicher Evidenz, episodischem oder chronischem Verlauf, Begleiterkrankungen, Nebenwirkungen, Lebensumständen und Patientenpräferenz. Eine starre, für alle Patienten identische Rangfolge ist nicht sachgerecht. Zulassung und Verordnungsvoraussetzungen sind gesondert zu berücksichtigen.
  • Wirksame Optionen: insbesondere Propranolol, Metoprolol, Flunarizin, Topiramat, Amitriptylin, monoklonale CGRP-(Rezeptor-)Antikörper und Gepante; bei chronischer Migräne (Migräne mit häufigen Kopfschmerztagen) zusätzlich OnabotulinumtoxinA. Bisoprolol, Candesartan und weitere Optionen können im Off-Label-Use eingesetzt werden. Valproinsäure bleibt wegen ihrer Risiken eine besonders begründungsbedürftige Ausnahme [LL1].
  • Durchführung: konventionelle orale Prophylaktika in der Regel langsam einschleichen. Wirksamkeit nach einer ausreichend langen Behandlung mit wirksamer bzw. maximal tolerierter Dosis beurteilen; häufig sind hierfür mindestens 2-3 Monate erforderlich.
  • Erfolgskriterien:
    • episodische Migräne: in der Regel mindestens 50 % weniger monatliche Migränetage
    • chronische Migräne: bereits mindestens 30 % weniger monatliche Migränetage können klinisch relevant sein
    • alternativ relevante Verbesserungen der Alltagsbeeinträchtigung, beispielsweise im Migraine Disability Assessment (MIDAS) oder Headache Impact Test-6 (HIT-6), und ein geringerer Bedarf an Akutmedikation [LL1].
  • Dokumentation: Kopfschmerz- und Migränetage, Akutmedikation, Verträglichkeit und Funktionsbeeinträchtigung in einem Kopfschmerzkalender erfassen.
  • Behandlungsdauer: Bei erfolgreicher Behandlung kann bei niederfrequenter episodischer Migräne häufig nach 9-12 Monaten ein Auslassversuch erwogen werden. Bei hochfrequenter episodischer Migräne, chronischer Migräne, langer Erkrankungsdauer oder relevanten Begleiterkrankungen sind häufig 12-24 Monate oder länger sinnvoll. Präparatespezifische Vorgaben, insbesondere die Behandlungspause unter Flunarizin, haben Vorrang [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen): Migräneprophylaxe

Betarezeptorenblocker

Wirkstoff Besonderheiten
Propranolol Gute Evidenz; auch bei chronischer Migräne untersucht. Bei gleichzeitigem arteriellem Hypertonus oder Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) häufig geeignet.
Metoprolol Gute Evidenz; Blutdruck und Herzfrequenz kontrollieren.
Bisoprolol Off-Label-Use zur Migräneprophylaxe [LL1].
  • Wirkweise: Blockade β-adrenerger Rezeptoren; der migräneprophylaktische Mechanismus ist nicht vollständig geklärt.
  • Indikation: Migräneprophylaxe, insbesondere bei geeigneten kardiovaskulären Begleiterkrankungen.
  • Kontraindikationen: insbesondere relevante Bradykardie, höhergradiger atrioventrikulärer Block (AV-Block; verzögerte oder unterbrochene elektrische Weiterleitung im Herzen), Sick-Sinus-Syndrom (Störung des natürlichen Taktgebers des Herzens) und dekompensierte Herzinsuffizienz (entgleiste Herzschwäche); Asthma bronchiale (anfallsartige Atemwegsverengung) bzw. bronchospastische Erkrankungen substanzspezifisch beachten.
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Hypotonie, Schwindel, Schlafstörungen, Bradykardie, Bronchospasmus (krampfartige Verengung der Atemwege) und sexuelle Funktionsstörungen; Warnsymptome einer Hypoglykämie (Unterzuckerung) können abgeschwächt werden.

Calciumantagonistische Prophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Flunarizin Bei erfolgreicher Behandlung spätestens nach 6 Monaten Therapieunterbrechung entsprechend der Fachinformation [LL1].
  • Wirkweise: Hemmung eines übermäßigen Calciumeinstroms mit weiteren zentralnervösen Wirkungen.
  • Indikation: Migräneprophylaxe.
  • Kontraindikationen: bestehende oder rezidivierende Depression (anhaltende Erkrankung mit gedrückter Stimmung und weiteren Beschwerden), Morbus Parkinson und andere extrapyramidale Erkrankungen; weitere Gegenanzeigen entsprechend der Fachinformation.
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Gewichtszunahme, Depression und extrapyramidale Störungen.

Antikonvulsiva

Wirkstoff Besonderheiten
Topiramat Wirksam bei episodischer und chronischer Migräne. Schwangerschaftsverhütungsprogramm zwingend beachten [B3].
Valproinsäure Off-Label-Use; keine Anwendung zur Migräneprophylaxe bei gebärfähigen Patientinnen. Erhebliche reproduktionstoxische und weitere systemische Risiken; Verordnungsvoraussetzungen beachten [B2, B4].
  • Wirkweise: Modulation spannungsabhängiger Ionenkanäle und neuronaler Erregbarkeit; Topiramat beeinflusst zusätzlich GABAerge und glutamaterge Signalübertragung.
  • Indikationen: Topiramat zur Migräneprophylaxe bei Erwachsenen nach Abwägung von Alternativen; Valproinsäure nur als besonders begründete Ausnahme im Off-Label-Use.
  • Kontraindikationen:
    • Topiramat ist zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft sowie bei gebärfähigen Frauen ohne Erfüllung der Bedingungen des Schwangerschaftsverhütungsprogramms kontraindiziert.
    • Valproinsäure darf zur Migräneprophylaxe nicht bei gebärfähigen Patientinnen angewendet werden. Weitere Gegenanzeigen umfassen insbesondere bestimmte Leber-, mitochondriale und Stoffwechselerkrankungen [3, B2, B3, B4].
  • Schwangerschaftsverhütungsprogramm bei Topiramat: Schwangerschaftstest vor Beginn, dokumentierte Risikoaufklärung, hochwirksame Empfängnisverhütung während der Behandlung und mindestens 4 Wochen danach sowie mindestens jährliche fachärztliche Überprüfung. Mögliche Wechselwirkungen mit hormonellen Kontrazeptiva berücksichtigen [B3].
  • Männliche Patienten unter Valproat: über das mögliche Risiko neurologischer Entwicklungsstörungen bei Nachkommen informieren. Die Datenlage zum väterlichen Risiko ist nicht eindeutig; die geltenden Vorsichtsmaßnahmen bleiben zu beachten. Zuverlässige Empfängnisverhütung für den Patienten und seine Partnerin während der Behandlung und für 3 Monate nach Absetzen ist in Betracht zu ziehen; in diesem Zeitraum keine Samenspende [B4].
  • GKV-Verordnung von Valproinsäure: Die Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie enthält eine entsprechende Off-Label-Regelung unter engen Voraussetzungen. Die tatsächlich bestehende Verordnungsfähigkeit ist anhand der aktuellen Anlage einschließlich der Herstelleranerkennung zu prüfen; eine uneingeschränkte Erstattungsfähigkeit darf nicht vorausgesetzt werden [B2].
  • Nebenwirkungen:
    • Topiramat: Parästhesien, kognitive und sprachliche Störungen, Gewichtsabnahme, Geschmacksveränderungen, depressive Symptome, metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes) und Nephrolithiasis (Nierensteine); selten akutes Winkelblockglaukom (plötzlicher gefährlicher Anstieg des Augeninnendrucks).
    • Valproinsäure: Gewichtszunahme, Tremor (Zittern), Müdigkeit, Haarausfall, Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen), Leberfunktionsstörungen und Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung); erhebliche fetale Risiken.
  • Evidenzeinordnung bei chronischer Migräne: Eine systematische Übersicht von 2026 fand für ältere orale Prophylaktika teilweise wenige und methodisch eingeschränkte Studien. Dies begrenzt die Sicherheit einzelner Effektschätzungen speziell bei chronischer Migräne, hebt die bestehende Gesamtevidenz nicht pauschal auf [21].

Trizyklische Antidepressiva

Wirkstoff Besonderheiten
Amitriptylin Insbesondere bei begleitender Depression, Schlafstörung oder weiteren chronischen Schmerzen geeignet. Präparatespezifische Zulassung und kardiale Risiken beachten [LL1].
  • Wirkweise: Hemmung der Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin mit zusätzlichen Rezeptorwirkungen.
  • Indikation: Migräneprophylaxe, insbesondere bei geeigneten Begleiterkrankungen.
  • Kontraindikationen: insbesondere bestimmte kardiale Erregungsleitungsstörungen, frischer Myokardinfarkt, relevante QT-Verlängerung und gleichzeitige Anwendung von Monoaminooxidasehemmern; Glaukom, Harnverhalt und anticholinerge Risiken beachten.
  • Nebenwirkungen: Müdigkeit, Mundtrockenheit, Obstipation, Gewichtszunahme, orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und kardiale Erregungsleitungsstörungen.

Angiotensin-II-Rezeptorblocker

Wirkstoff Besonderheiten
Candesartan Off-Label-Use; insbesondere bei gleichzeitigem arteriellem Hypertonus geeignet. Blutdruck, Nierenfunktion und Kalium kontrollieren [22, 23].
  • Wirkweise: selektive Blockade des Angiotensin-II-AT1-Rezeptors.
  • Indikation: alternative Migräneprophylaxe im Off-Label-Use.
  • Kontraindikationen: insbesondere Schwangerschaft, schwere Leberfunktionsstörung bzw. Cholestase (gestörter Abfluss der Gallenflüssigkeit) und bestimmte Kombinationen mit anderen Hemmern des Renin-Angiotensin-Systems.
  • Nebenwirkungen: Hypotonie, Schwindel, Hyperkaliämie und Nierenfunktionsverschlechterung.
  • Aktuelle Evidenz: Eine randomisierte Studie mit 457 Patienten zeigte unter 16 mg/d gegenüber Placebo eine zusätzliche Abnahme um 1,22 Migränetage pro 4 Wochen. Eine Metaanalyse von 2026 mit vier randomisierten Studien und insgesamt 659 Patienten stützt die Wirksamkeit von Angiotensinrezeptorblockern. Diese Daten stärken die klinische Bedeutung von Candesartan, ändern aber nicht dessen Zulassungsstatus [22, 23].

Monoklonale Antikörper gegen CGRP bzw. den CGRP-Rezeptor

Wirkstoff Besonderheiten
Eptinezumab Bindet CGRP; intravenöse Infusion.
Erenumab Blockiert den CGRP-Rezeptor; besonders auf Obstipation achten.
Fremanezumab Bindet CGRP.
Galcanezumab Bindet CGRP [FI7-FI10].
  • Wirkweise: Hemmung des CGRP-Signalwegs durch Bindung des Liganden oder Blockade seines Rezeptors.
  • Indikation: Migräneprophylaxe bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat; wirksam bei episodischer und chronischer Migräne sowie bei gleichzeitigem Medikamentenübergebrauch [9, 18, LL1].
  • Kontraindikationen und Anwendungsbeschränkungen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff bzw. Bestandteile. Bei relevanten Gefäßerkrankungen besonders sorgfältige Abwägung, da entsprechende Patienten in vielen Studien unterrepräsentiert waren. In Schwangerschaft und Stillzeit keine reguläre Anwendung; eine geplante Schwangerschaft frühzeitig berücksichtigen [FI7-FI10].
  • Nebenwirkungen: insbesondere lokale Injektionsreaktionen und Überempfindlichkeitsreaktionen; unter Erenumab auch schwere Obstipation möglich, unter Eptinezumab infusionsassoziierte Reaktionen.
  • Wirksamkeitskontrolle: in der Regel nach mindestens 3 Monaten; bei Eptinezumab bzw. möglichem verzögertem Ansprechen kann eine längere Beurteilungsphase sinnvoll sein. Therapieerfolg, Verträglichkeit und Fortführungsbedarf regelmäßig prüfen.
  • Direkter Vergleich: In HER-MES erreichten unter Erenumab mehr Patienten eine mindestens 50-prozentige Reduktion der monatlichen Migränetage als unter Topiramat; Therapieabbrüche wegen Nebenwirkungen waren seltener [17].
  • Aktuelle Gesamtevidenz: Die systematische Übersicht von 2026 stützt die Wirksamkeit CGRP-gerichteter Therapien bei chronischer Migräne. Studienpopulationen, Endpunkte und indirekte Vergleiche sind bei der Interpretation zu berücksichtigen [21].
  • Eptinezumab während einer Attacke: Explorative Untersuchungen einschließlich eines Kongressabstracts zu einer während der Attacke begonnenen Behandlung begründen keine reguläre Zulassung als Akutmedikament [15].

CGRP-Rezeptorantagonisten: Prophylaxe

Wirkstoff Besonderheiten
Atogepant Erwachsene mit mindestens 4 Migränetagen pro Monat; episodische und chronische Migräne. Dosisanpassungen insbesondere bei starken CYP3A4- oder OATP-Inhibitoren und schwerer Nierenfunktionsstörung beachten [FI4].
Rimegepant Nur zur Prophylaxe der episodischen Migräne bei Erwachsenen mit mindestens 4 Migräneattacken pro Monat zugelassen. Zusätzlich zur Akuttherapie zugelassen; Akut- und Prophylaxeeinnahmen gemeinsam berücksichtigen [FI3].
  • Wirkweise: orale Antagonisten am CGRP-Rezeptor.
  • Indikation: Atogepant bei episodischer und chronischer Migräne; Rimegepant zur Prophylaxe der episodischen Migräne. Migräneattacken und Migränetage sind bei den Zulassungskriterien zu unterscheiden [FI3, FI4].
  • Kontraindikationen und Anwendungsbeschränkungen: Überempfindlichkeit; relevante CYP3A4- und Transporterinteraktionen sowie substanzspezifische Einschränkungen bei Leber- und Nierenfunktionsstörungen beachten. In Schwangerschaft und Stillzeit keine reguläre Anwendung.
  • Nebenwirkungen: unter Atogepant insbesondere Übelkeit, Obstipation, Müdigkeit, Appetitminderung und Gewichtsabnahme; unter Rimegepant insbesondere Übelkeit. Bei beiden Wirkstoffen Überempfindlichkeitsreaktionen möglich.
  • Evidenzeinordnung: Atogepant ist auch bei chronischer Migräne wirksam. Die Datenlage zu Rimegepant darf nicht zu einer Zulassung für die Prophylaxe der chronischen Migräne umgedeutet werden [21, FI3, FI4].

OnabotulinumtoxinA bei chronischer Migräne

Wirkstoff Besonderheiten
OnabotulinumtoxinA Behandlung durch entsprechend erfahrene Ärzte. Einheiten verschiedener Botulinumtoxinpräparate sind nicht austauschbar [FI11].
  • Wirkweise: Hemmung der Freisetzung von Neurotransmittern und Modulation peripherer nozizeptiver Signalübertragung.
  • Indikation: chronische Migräne mit Kopfschmerzen an mindestens 15 Tagen pro Monat, davon mindestens 8 Tage mit Migränemerkmalen, bei unzureichender Wirkung oder Unverträglichkeit geeigneter Prophylaktika entsprechend der Fachinformation [10, 18, FI11].
  • Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen: Überempfindlichkeit und Infektionen an den vorgesehenen Injektionsstellen; besondere Vorsicht bei neuromuskulären Übertragungsstörungen (Störungen der Signalübertragung zwischen Nerven und Muskeln) und vorbestehender Dysphagie (Schluckbeschwerden).
  • Nebenwirkungen: Nackenschmerzen, lokale Muskelschwäche, Ptosis (Herabhängen des Oberlids) und Injektionsbeschwerden; selten Ausbreitung der Toxinwirkung mit Schluck- oder Atemstörungen.
  • Beurteilung: In der Regel sind 2-3 Behandlungszyklen für die Bewertung eines möglichen Ansprechens sinnvoll. Die Wirksamkeit ist durch Studien und Metaanalysen gestützt; Unterschiede der Evidenzbewertung ergeben sich unter anderem aus Studiendesign und Endpunktauswahl [10, 18, 21].

Wirkstoffe (Nebenindikationen): Auswahl bei Begleiterkrankungen

Wirkstoff Besonderheiten
Venlafaxin Off-Label-Use zur Migräneprophylaxe; insbesondere bei gleichzeitig behandlungsbedürftiger Depression oder Angststörung (Erkrankung mit übermäßiger, anhaltender Angst) erwägbar.
  • Wirkweise: Hemmung der Serotonin- und Noradrenalinwiederaufnahme.
  • Indikation: ausgewählte Patienten mit Migräne und geeigneter psychiatrischer Begleiterkrankung; geringere migränespezifische Evidenz als bei mehreren etablierten Optionen [LL1].
  • Kontraindikationen und Vorsichtsmaßnahmen: insbesondere gleichzeitige Anwendung bestimmter Monoaminooxidasehemmer; Blutdruck, serotonerge Interaktionen und Absetzrisiken beachten.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Schlafstörungen, Schwitzen, sexuelle Funktionsstörungen, Blutdruckanstieg und Absetzsymptome.
  • Arterieller Hypertonus: Betarezeptorenblocker oder Candesartan können bei geeigneter Gesamtsituation vorteilhaft sein.
  • Depression, Angststörung oder Schlafstörung: Amitriptylin bzw. in ausgewählten Fällen Venlafaxin erwägen.
  • Epilepsie: Topiramat kann aufgrund der Doppelindikation sinnvoll sein; reproduktionsmedizinische Risiken beachten.
  • Adipositas (starkes Übergewicht): eine gewichtssteigernde Medikation möglichst vermeiden; eine mögliche Gewichtsabnahme unter Topiramat oder Atogepant ist in die Gesamtabwägung einzubeziehen.

Migräneprophylaxe bei Kindern und Jugendlichen

  • Vorrang nicht medikamentöser Maßnahmen: regelmäßiger Schlaf, ausreichende Mahlzeiten, Bewegung, Entspannungsverfahren und geeignete verhaltenstherapeutische Behandlung.
  • Medikamentöse Behandlung: bei erheblich beeinträchtigendem Verlauf nach neuropädiatrischer bzw. kopfschmerzspezifischer Beurteilung; Zulassungen sind präparatespezifisch zu prüfen.
  • Evidenz: In der CHAMP-Studie waren Amitriptylin und Topiramat hinsichtlich des primären Endpunkts nicht wirksamer als Placebo und verursachten mehr Nebenwirkungen. Eine Netzwerk-Metaanalyse zeigte keine robuste langfristige Überlegenheit der untersuchten älteren medikamentösen Prophylaktika [6, 14].
  • Pregabalin: Eine kleine ältere Vergleichsstudie mit Propranolol begründet keine reguläre Empfehlung für Pregabalin zur pädiatrischen Migräneprophylaxe [4].
  • CGRP-gerichtete Therapie: Neue Studiendaten dürfen nicht mit einer entsprechenden europäischen pädiatrischen Zulassung gleichgesetzt werden. Alter, Gewicht und konkrete Indikation sind anhand der jeweils aktuellen Fachinformation zu prüfen.

Migräneprophylaxe in Schwangerschaft und Stillzeit

  • Bevorzugt nicht medikamentös: eine erforderliche medikamentöse Prophylaxe möglichst bereits vor einer geplanten Schwangerschaft überprüfen.
  • Mögliche Optionen: Metoprolol, Propranolol oder Amitriptylin können bei ausreichender Indikation in möglichst niedriger wirksamer Dosierung erwogen werden. Unter Betarezeptorenblockern sind fetales Wachstum sowie bei geburtsnaher Anwendung neonatale Bradykardie und Hypoglykämie zu berücksichtigen [LL1, B6].
  • Topiramat und Valproinsäure: zur Migräneprophylaxe in der Schwangerschaft ausgeschlossen; die weiteren geschlechts- und reproduktionsbezogenen Einschränkungen sind zu beachten [B2-B4].
  • Candesartan: bei Schwangerschaft bzw. geplanter Schwangerschaft keine geeignete Option.
  • CGRP-Antikörper und Gepante: in Schwangerschaft und Stillzeit keine reguläre Anwendung. Bei Antikörpern ist aufgrund der langen Halbwertszeit eine geplante Schwangerschaft frühzeitig zu berücksichtigen.
  • OnabotulinumtoxinA: begrenzte Beobachtungsdaten erlauben keine generelle Empfehlung in der Schwangerschaft.
  • Magnesium: Eine orale Zufuhr im Bereich von etwa 300 mg/d kann nach individueller Beurteilung vertretbar sein; daraus ergibt sich keine gesicherte Wirksamkeit als Migräneprophylaxe [LL1].

Medikamentöse Kurzzeitprophylaxe der menstruellen Migräne

  • Voraussetzung: ausreichend vorhersehbare menstruell gebundene Attacken und unzureichende alleinige Akuttherapie. Die Akuttherapie unterscheidet sich grundsätzlich nicht von der anderer Migräneattacken.
  • Durchführung: Beginn häufig etwa 2 Tage vor der erwarteten Attacke bzw. Menstruation, Behandlung über insgesamt etwa 5-7 Tage. Es handelt sich bei den nachfolgenden vorbeugenden Anwendungen um Off-Label-Use; individuelle Kontraindikationen und Einnahmetage beachten [LL1].
Wirkstoff Besonderheiten
Frovatriptan Lange Halbwertszeit; Off-Label-Use zur Kurzzeitprophylaxe.
Naratriptan Off-Label-Use; Verfügbarkeit entsprechender Dosierungen beachten.
Zolmitriptan Off-Label-Use; gesamte Einnahmetage berücksichtigen.
Naproxen Off-Label-Use; gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken berücksichtigen.
  • Wirkweise: zeitlich begrenzte Unterdrückung migränerelevanter Signalwege während des vorhersehbaren Risikofensters.
  • Indikation: ausgewählte Patientinnen mit regelmäßig vorhersehbarer menstrueller Migräne.
  • Kontraindikationen: entsprechend der eingesetzten Triptane bzw. NSAR; Schwangerschaft und möglicher Kinderwunsch berücksichtigen.
  • Nebenwirkungen: entsprechend der Wirkstoffgruppen; bei zusätzlicher Akutmedikation erhöhtes Risiko eines Medikamentenübergebrauchs.
  • Hormonelle Strategien: Eine kontinuierliche geeignete hormonelle Kontrazeption (Schwangerschaftsverhütung) kann im Einzelfall erwogen werden. Bei Migräne mit Aura sollen kombinierte estrogenhaltige Kontrazeptiva wegen des erhöhten ischämischen Schlaganfallrisikos im Regelfall nicht eingesetzt werden; gestagenbasierte Optionen einschließlich Desogestrel sind individuell zu prüfen [LL1].

Mikronährstoffe

Wirkstoff Besonderheiten
Magnesium Geringe bzw. inkonsistente Evidenz; gastrointestinale Verträglichkeit kann dosislimitierend sein [LL1].
Riboflavin (Vitamin B2) Geringe Evidenz [LL1].
Coenzym Q10 Geringe Evidenz; kleine Datenbasis [LL1].
  • Beachte: Magnesium, Riboflavin und Coenzym Q10 weisen eine deutlich schwächere Evidenzbasis als die etablierten pharmakologischen Migräneprophylaktika auf. Sie können insbesondere bei Patienten erwogen werden, die eine reguläre medikamentöse Prophylaxe nicht wünschen bzw. nicht vertragen [LL1].

Phytotherapeutika

  • Pestwurz: Spezielle Extrakte zeigten in älteren placebokontrollierten Studien eine prophylaktische Wirksamkeit bei Erwachsenen; für Kinder und Jugendliche liegt eine offene Studie vor. Wegen möglicher schwerwiegender Lebertoxizität, Qualitätsproblemen einschließlich Pyrrolizidinalkaloiden und fehlender regulärer Verfügbarkeit geeigneter Arzneimittel wird keine routinemäßige Migräneprophylaxe mit Pestwurz empfohlen [11-13, LL1].

Weitere Hinweise

  • Kombination mit nicht medikamentösen Maßnahmen: regelmäßiges aerobes Ausdauertraining, Entspannungsverfahren, Biofeedback, Stressmanagement und gegebenenfalls kognitive Verhaltenstherapie ergänzen die medikamentöse Behandlung [LL1, LL2].
  • Therapiewechsel: Bei fehlendem Ansprechen auf einen CGRP-(Rezeptor-)Antikörper kann ein Wechsel auf einen anderen Antikörper oder einen Gepanten erwogen werden. Die Evidenz für einzelne Wechsel- und Kombinationsstrategien ist begrenzt.
  • Kombinationen spezifischer Prophylaktika: Für die routinemäßige Kombination mehrerer CGRP-gerichteter prophylaktischer Therapien besteht keine ausreichende Evidenz. Eine Kombination mit OnabotulinumtoxinA ist gegebenenfalls eine spezialisierte Einzelfallentscheidung.
  • Versorgung und Verordnung: Medizinische Wirksamkeit, Zulassung und wirtschaftliche bzw. erstattungsrechtliche Vorgaben sind zu unterscheiden. Die jeweils aktuellen Beschlüsse des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), regionale Vorgaben und Fachinformationen sind zu beachten.

Red Flags (Warnzeichen) bei Migräne

  • Unverzügliche Abklärung: plötzlich maximal starker Kopfschmerz, neuartige oder deutlich veränderte Kopfschmerzen, Fieber mit Meningismus (Nackensteifigkeit durch Reizung der Hirnhäute), Bewusstseinsstörung, persistierende neue neurologische Ausfälle, Kopfschmerzen nach Trauma (Verletzung) oder neu auftretende schwere Kopfschmerzen in Schwangerschaft bzw. Wochenbett. Eine bekannte Migräne schließt eine sekundäre Kopfschmerzursache nicht aus.

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für den Energiestoffwechsel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Biotin)
  • Mineralstoffe (Calcium, Kalium, Magnesium)
  • Spurenelemente (Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
  • Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10 (CoQ10), L-Carnitin, Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesiumcitrat und Kaliumcitrat), Probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • ASS – Acetylsalicylsäure
  • AV – atrioventrikulär
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BfArM – Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
  • CGRP – Calcitonin Gene-Related Peptide
  • CHAMP – Childhood and Adolescent Migraine Prevention
  • CoQ10 – Coenzym Q10
  • CYP – Cytochrom P450
  • DGN – Deutsche Gesellschaft für Neurologie
  • DGS – Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin
  • DMKG – Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
  • EMA – Europäische Arzneimittel-Agentur
  • EU – Europäische Union
  • GABA – Gamma-Aminobuttersäure
  • G-BA – Gemeinsamer Bundesausschuss
  • GKV – gesetzliche Krankenversicherung
  • HER-MES – Head-to-head Study of Erenumab Against Topiramate in Patients With Episodic and Chronic Migraine
  • HIT-6 – Headache Impact Test-6
  • i.m. – intramuskulär, in einen Muskel
  • i.v. – intravenös, in eine Vene
  • KBE – koloniebildende Einheiten
  • KHK – koronare Herzkrankheit
  • MCP – Metoclopramid
  • mg/d – Milligramm pro Tag
  • MIDAS – Migraine Disability Assessment
  • NSAR – nichtsteroidale Antirheumatika
  • OATP – organische Anionen transportierende Polypeptide
  • pAVK – periphere arterielle Verschlusskrankheit
  • p.o. – per os, über den Mund
  • PREEMPT – Phase III Research Evaluating Migraine Prophylaxis Therapy
  • QTc – frequenzkorrigierte QT-Zeit
  • s.c. – subkutan, unter die Haut
  • SNRI – Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer
  • SSRI – selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer
  • SSW – Schwangerschaftswoche
  • TIA – transitorische ischämische Attacke

Literatur

  1. Shahrami A, Assarzadegan F, Hatamabadi HR et al.: Comparison of Therapeutic Effects of Magnesium Sulfate vs. Dexamethasone/Metoclopramide on Alleviating Acute Migraine Headache. J Emerg Med. 2015;48(1):69-76. doi:10.1016/j.jemermed.2014.06.055.
  2. Ephross SA, Sinclair SM: Final Results From the 16-Year Sumatriptan, Naratriptan, and Treximet Pregnancy Registry. Headache. 2014;54(7):1158-1172. doi:10.1111/head.12375.
  3. Lindhout D: Antiepileptic drugs during pregnancy and cognitive outcomes. Lancet Neurol. 2013;12(3):244-246. PubMed.
  4. Bakhshandeh Bali M, Rahbarimanesh AA, Sadeghi M et al.: Comparison of Propranolol and Pregabalin for Prophylaxis of Childhood Migraine: a Randomised Controlled Trial. Acta Med Iran. 2015;53(5):276-280. PubMed-Titelsuche.
  5. Marchenko A, Etwel F, Olutunfese O et al.: Pregnancy Outcome Following Prenatal Exposure to Triptan Medications: A Meta-Analysis. Headache. 2015;55(4):490-501. doi:10.1111/head.12500.
  6. Powers SW, Coffey CS, Chamberlin LA et al.: Trial of Amitriptyline, Topiramate, and Placebo for Pediatric Migraine. N Engl J Med. 2017;376(2):115-124. doi:10.1056/NEJMoa1610384.
  7. Xu H, Han W, Wang J, Li M: Network meta-analysis of migraine disorder treatment by NSAIDs and triptans. J Headache Pain. 2016;17:113. doi:10.1186/s10194-016-0703-0.
  8. Orlova Y, Rizzoli P, Loder E: Association of Coprescription of Triptan Antimigraine Drugs and Selective Serotonin Reuptake Inhibitor or Selective Norepinephrine Reuptake Inhibitor Antidepressants With Serotonin Syndrome. JAMA Neurol. 2018;75(5):566-572. doi:10.1001/jamaneurol.2017.5144.
  9. Stauffer VL et al.: Evaluation of Galcanezumab for the Prevention of Episodic Migraine: The EVOLVE-1 Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol. 2018;75(9):1080-1088. doi:10.1001/jamaneurol.2018.1212.
  10. Bruloy E et al.: Botulinum Toxin versus Placebo: A Meta-Analysis of Prophylactic Treatment for Migraine. Plast Reconstr Surg. 2019;143(1):239-250. doi:10.1097/PRS.0000000000005111.
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  12. Lipton RB, Göbel H, Einhäupl KM et al.: Petasites hybridus root (butterbur) is an effective preventive treatment for migraine. Neurology. 2004;63(12):2240-2244. doi:10.1212/01.WNL.0000147290.68260.11.
  13. Pothmann R, Danesch U: Migraine Prevention in Children and Adolescents: Results of an Open Study With a Special Butterbur Root Extract. Headache. 2005;45(3):196-203. doi:10.1111/j.1526-4610.2005.05044.x.
  14. Locher C, Kossowsky J, Koechlin H et al.: Efficacy, Safety, and Acceptability of Pharmacologic Treatments for Pediatric Migraine Prophylaxis: A Systematic Review and Network Meta-analysis. JAMA Pediatr. 2020;174(4):341-349. doi:10.1001/jamapediatrics.2019.5856.
  15. McAllister P et al.: Eptinezumab Treatment Initiated During a Migraine Attack Prolonged the Time to Next Migraine and Improved HIT-6 Outcomes. Eur J Neurol. 2021;28(Suppl 1):227. Kongressabstract. Zeitschriftenarchiv.
  16. Yang CP et al.: Comparison of New Pharmacologic Agents With Triptans for Treatment of Migraine: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Netw Open. 2021;4(10):e2128544. doi:10.1001/jamanetworkopen.2021.28544.
  17. Reuter U, Ehrlich M, Gendolla A et al.: Erenumab versus topiramate for the prevention of migraine – a randomised, double-blind, active-controlled phase 4 trial. Cephalalgia. 2022;42(2):108-118. doi:10.1177/03331024211053571.
  18. Frank F, Ulmer H, Sidoroff V et al.: CGRP-antibodies, topiramate and botulinum toxin type A in episodic and chronic migraine: A systematic review and meta-analysis. Cephalalgia. 2021;41(11-12):1222-1239. doi:10.1177/03331024211018137.
  19. Li G et al.: Efficacy and safety of intranasal agents for the acute treatment of migraine: a systematic review and network meta-analysis. J Headache Pain. 2023;24:129. doi:10.1186/s10194-023-01662-6.
  20. Karlsson WK et al.: Comparative effects of drug interventions for the acute management of migraine episodes in adults: systematic review and network meta-analysis. BMJ. 2024;386:e080107. doi:10.1136/bmj-2024-080107.
  21. Khalili M, Haghdoost F, Liaghatdar A et al.: Effectiveness and Tolerability of Pharmacologic Prophylaxis for Chronic Migraine: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials. Ann Intern Med. 2026;179(6):823-834. doi:10.7326/ANNALS-25-02221.
  22. Øie LR, Wergeland T, Salvesen Ø et al.: Candesartan versus placebo for migraine prevention in patients with episodic migraine: a randomised, triple-blind, placebo-controlled, phase 2 trial. Lancet Neurol. 2025;24(10):817-827. doi:10.1016/S1474-4422(25)00269-8.
  23. Riise HS, Thorvik H, Øie LR et al.: The effects of angiotensin receptor blockers as prophylactic migraine treatment: A systematic review and meta-analysis. Cephalalgia. 2026;46(5):3331024261451481. doi:10.1177/03331024261451481.

Leitlinien und Protokolle

  1. S1-Leitlinie: Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne. Deutsche Gesellschaft für Neurologie und Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft. (AWMF-Registernummer: 030-057), August 2025, Version 7. Langfassung [LL1]
  2. Göbel H, Heinze A: DGS-PraxisLeitlinie: Primäre Kopfschmerzerkrankungen. Version 3.0 für Fachkreise, 2023. Langfassung [LL2]

Behörden und Arzneimittelsicherheit

  1. GKV-Spitzenverband: Rimegepant, Vydura. Zeitpunkt des Inverkehrbringens: 1. Juni 2025; aktualisierte Wirkstoffinformationen. Wirkstoffinformationen [B1]
  2. Gemeinsamer Bundesausschuss: Arzneimittel-Richtlinie, Anlage VI, Off-Label-Use; Valproinsäure bei der Migräneprophylaxe im Erwachsenenalter. Aktuelle Anlage VI [B2]
  3. European Medicines Agency: Topiramate, Article-31 referral; Maßnahmen zur Vermeidung einer Exposition in der Schwangerschaft und Schwangerschaftsverhütungsprogramm. Sicherheitsinformationen [B3]
  4. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Valproat, Bewertung neuer Daten zum möglichen Risiko neurologischer Entwicklungsstörungen bei Kindern behandelter Männer; ergänzend EMA-Signalbewertung 2026. BfArM. EMA-Signalbewertung [B4]
  5. European Medicines Agency: Metamizole-containing medicinal products, referral; Maßnahmen zur Minimierung schwerwiegender Folgen einer Agranulozytose. Sicherheitsinformationen [B5]
  6. Charité, Pharmakovigilanz- und Beratungszentrum für Embryonaltoxikologie: Migräne sowie Arzneimittelinformationen zu Ibuprofen und Sumatriptan. Migräne; Ibuprofen; Sumatriptan [B6]

Fachinformationen

  1. Domperidon-ratiopharm 10 mg Filmtabletten. Fachinformation, September 2025. Fachinformation [FI1]
  2. MCP-ratiopharm 10 mg Tabletten. Aktuelle Fachinformation. Fachinformation [FI2]
  3. Vydura 75 mg Lyophilisat zum Einnehmen. Fachinformation, Januar 2026. Fachinformation [FI3]
  4. Aquipta 10 mg/60 mg Tabletten. Aktuelle Fachinformation. Fachinformation [FI4]
  5. Rayvow 50 mg/100 mg Filmtabletten. Fachinformation, Januar 2026. Fachinformation [FI5]
  6. Sumatriptan dura 50 mg/100 mg Filmtabletten. Fachinformation, Juni 2026. Fachinformation [FI6]
  7. European Medicines Agency: Vyepti, Eptinezumab. Aktuelle Produktinformation. Produktinformation [FI7]
  8. European Medicines Agency: Aimovig, Erenumab. Aktuelle Produktinformation. Produktinformation [FI8]
  9. European Medicines Agency: Ajovy, Fremanezumab. Aktuelle Produktinformation. Produktinformation [FI9]
  10. European Medicines Agency: Emgality, Galcanezumab. Aktuelle Produktinformation. Produktinformation [FI10]
  11. Botox, OnabotulinumtoxinA. Aktuelle Fachinformation. Fachinformationsverzeichnis [FI11]