Medikamenteninduzierte Kopfschmerzen (Arzneimittelinduzierter Kopfschmerz) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch arzneimittelinduzierten Kopfschmerz (durch Medikamente ausgelöster Kopfschmerz) beziehungsweise Kopfschmerz bei Übergebrauch (zu häufiger Einnahme) von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache, MOH) mitbedingt sein können:

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Blutdruckentgleisung (starke Blutdruckabweichung) und Dekompensation einer Herzinsuffizienz (Verschlechterung einer Herzschwäche) – relevante medikamentenassoziierte Komplikation im Rahmen eines häufigen Gebrauchs nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) beziehungsweise Cyclooxygenase-2-Hemmer (COX-2-Hemmer); klinisch besonders relevant bei vorbestehender Hypertonie (Bluthochdruck), Herzinsuffizienz, höherem Alter, Nierenfunktionsstörung (eingeschränkte Nierenfunktion) oder Kombination mit Diuretika beziehungsweise Renin-Angiotensin-Aldosteron-System-Hemmern [8].
  • Atherothrombotische Ereignisse (Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel bei Arterienverkalkung) – vor allem bei längerem oder hoch dosiertem Gebrauch bestimmter nichtsteroidaler Antirheumatika, insbesondere Diclofenac und Cyclooxygenase-2-Hemmern; dies ist keine direkte Folge des Kopfschmerzes selbst, sondern eine Komplikation der im Rahmen des Übergebrauchs wiederholt eingenommenen Akutmedikation [8].

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)

  • Paracetamol-assoziierte Leberschädigung (Schädigung der Leber) bis zum akuten Leberversagen (plötzlicher Ausfall der Leberfunktion) – besonders relevant bei unbemerkter Kumulation (Anreicherung) über Kombinationspräparate, Überschreiten der Tageshöchstdosis, Fasten, Mangelernährung (unzureichende Ernährung), Alkoholgebrauch oder vorbestehender Lebererkrankung [9].

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Erosive Gastroduodenitis (oberflächliche entzündliche Schleimhautschädigung von Magen und Zwölffingerdarm), gastroduodenales Ulkus (Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür) und obere gastrointestinale Blutung (Blutung im oberen Magen-Darm-Trakt) – klassische medikamentenassoziierte Komplikationen eines häufigen Gebrauchs von Acetylsalicylsäure (ASS) oder nichtsteroidalen Antirheumatika; Risikoerhöhung insbesondere bei höherem Alter, Ulkusanamnese (Vorgeschichte mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür), Helicobacter-pylori-Infektion (Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori), gleichzeitiger Antikoagulation, Thrombozytenaggregationshemmung oder systemischer Glukokortikoidtherapie [7, 8].
  • Okkulter gastrointestinaler Blutverlust (nicht sichtbarer Blutverlust im Magen-Darm-Trakt) mit Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) – mögliche Folge eines längerfristigen nichtsteroidalen Antirheumatika-Gebrauchs, auch ohne initial offensichtliche Blutung; klinisch relevant bei Müdigkeit, Leistungsabfall, Mikrozytose, Ferritinabfall oder positivem Test auf okkultes Blut im Stuhl [7, 8].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Chronifizierung (Übergang in einen chronischen Verlauf) des zugrunde liegenden primären Kopfschmerzes (eigenständige Kopfschmerzerkrankung) – zentrale neurologische Folge (das Nervensystem betreffende Folge) des Medication Overuse Headache; der Übergebrauch von Akutmedikation kann episodische Migräne (anfallsweise Migräne) oder episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp (anfallsweiser Spannungskopfschmerz) in ein chronisches Kopfschmerzsyndrom (dauerhaftes Kopfschmerzbild) überführen beziehungsweise aufrechterhalten [1, 2, LL1-3].
  • Chronische Migräne (dauerhaft gehäuft auftretende Migräne) beziehungsweise chronischer Kopfschmerz vom Spannungstyp (dauerhaft gehäuft auftretender Spannungskopfschmerz) mit täglicher oder nahezu täglicher Kopfschmerzlast – klinisch wichtigste Verlaufsform; verbunden mit hoher kopfschmerzbezogener Behinderung, reduzierter Lebensqualität, Arbeitsunfähigkeit und erhöhter Inanspruchnahme medizinischer Leistungen [1, 2, 5, LL1-3].
  • Entzugskopfschmerz (Kopfschmerz nach Absetzen oder Reduktion von Medikamenten) und Entzugssymptome (Beschwerden nach Absetzen oder Reduktion von Medikamenten) nach Reduktion oder Absetzen der übergebrauchten Akutmedikation – typischerweise vorübergehende Zunahme der Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Schlafstörungen, Unruhe oder Angst; bei Opioiden, Barbituraten oder Tranquilizern besteht ein höheres Risiko für einen medizinisch relevanten Entzug, sodass eine stufenweise Reduktion erforderlich sein kann [1, 3, LL2, LL3].
  • Depressive Störung (Depression) und Angststörung (Angsterkrankung) – häufige und prognostisch relevante Komorbiditäten (Begleiterkrankungen); nicht monokausal (durch eine einzige Ursache bedingt) durch den Medication Overuse Headache erklärbar, aber als Verstärker von Chronifizierung, Behinderung, Fehlgebrauch (falsche Anwendung) und Rückfallrisiko (Risiko für erneutes Auftreten) relevant. Entgiftung (kontrolliertes Absetzen übergebrauchter Medikamente) beziehungsweise Reduktion der Akutmedikation kombiniert mit Prophylaxe (Vorbeugung) kann depressive und ängstliche Symptomatik (Beschwerdebild) sowie kopfschmerzbezogene Behinderung deutlich reduzieren [5, LL1].
  • Rezidiv (Wiederauftreten) des Medication Overuse Headache beziehungsweise erneuter Medikamentenübergebrauch (zu häufige Einnahme von Medikamenten) – wichtigste Langzeitkomplikation nach zunächst erfolgreicher Reduktion oder Entzug; das Rückfallrisiko ist im ersten Jahr nach Medikamentenpause beziehungsweise Entzug am höchsten [1, LL1].

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute Nierenschädigung (plötzliche Schädigung der Niere) – insbesondere bei häufigem Gebrauch nichtsteroidaler Antirheumatika; Risikoerhöhung bei höherem Alter, chronischer Nierenerkrankung (dauerhafter Nierenerkrankung), Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel), Herzinsuffizienz sowie gleichzeitiger Einnahme von Diuretika oder Renin-Angiotensin-Aldosteron-System-Hemmern [6].
  • Chronische Nierenerkrankung beziehungsweise analgetikaassoziierte Nephropathie (durch Schmerzmittel begünstigte Nierenschädigung) – mögliche medikamentenassoziierte Folge langfristigen hoch dosierten nichtsteroidalen Antirheumatika-Gebrauchs; das Risiko ist dosis-, dauer- und vulnerabilitätsabhängig (abhängig von individueller Anfälligkeit) und muss vom eigentlichen Kopfschmerzsyndrom getrennt beurteilt werden [6, 10].

Prognosefaktoren

  • Art der übergebrauchten Akutmedikation – ungünstiger Verlauf insbesondere bei Opioiden, Barbituraten, Tranquilizern und Kombinationsanalgetika; vergleichsweise günstiger bei reinem Triptan- oder einfachem Analgetikaübergebrauch, sofern keine relevante psychische (seelische) oder schmerzmedizinische Komorbidität (begleitende Schmerzerkrankung) besteht [1, 2, LL3].
  • Kopfschmerzgrundkrankheit und Kopfschmerzfrequenz – chronische Migräne, hohe Zahl monatlicher Kopfschmerztage, lange Krankheitsdauer und lange Dauer des Medikamentenübergebrauchs erhöhen Persistenz- und Rezidivrisiko (Risiko für Fortbestehen und Wiederauftreten) [1, LL1].
  • Psychiatrische und schmerzmedizinische Komorbidität – Depression, Angststörung, abhängiges Verhalten, andere chronische Schmerzsyndrome, Stress, Rauchen, körperliche Inaktivität und Übergewicht verschlechtern Verlauf, Adhärenz (Therapietreue) und Rückfallrisiko [5, LL1].
  • Therapiestrategie (Behandlungsstrategie) – strukturierte Edukation (Schulung), konsequente Begrenzung beziehungsweise Entzug der übergebrauchten Akutmedikation, Kopfschmerztagebuch und frühzeitige geeignete Prophylaxe verbessern die Remissionswahrscheinlichkeit (Wahrscheinlichkeit für Rückgang der Erkrankung); in randomisierter Evidenz (Studiennachweis mit zufälliger Gruppenzuteilung) war die Kombination aus Entzug und sofortiger Prophylaxe besonders wirksam [3, 4, LL1-3].
  • Nachsorge im ersten Jahr – engmaschige Kontrolle ist prognostisch relevant, weil Rückfälle nach Medikamentenpause beziehungsweise Entzug in diesem Zeitraum am häufigsten auftreten [LL1].

Literatur

  1. Ashina S, Terwindt GM, Steiner TJ et al.: Medication overuse headache. Nature Reviews Disease Primers. 2023;9(1):5. https://doi.org/10.1038/s41572-022-00415-0
  2. Diener HC, Dodick D, Evers S et al.: Pathophysiology, prevention, and treatment of medication overuse headache. The Lancet Neurology. 2019;18(9):891-902. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(19)30146-2
  3. Chiang CC, Schwedt TJ, Wang SJ, Dodick DW: Treatment of medication-overuse headache: A systematic review. Cephalalgia. 2016;36(4):371-386. https://doi.org/10.1177/0333102415593088
  4. Carlsen LN, Munksgaard SB, Nielsen M et al.: Comparison of 3 Treatment Strategies for Medication Overuse Headache: A Randomized Clinical Trial. JAMA Neurology. 2020;77(9):1069-1078. https://doi.org/10.1001/jamaneurol.2020.1179
  5. Bendtsen L, Munksgaard SB, Tassorelli C et al.: Disability, anxiety and depression associated with medication-overuse headache can be considerably reduced by detoxification and prophylactic treatment. Results from a multicentre, multinational study (COMOESTAS project). Cephalalgia. 2014;34(6):426-433. https://doi.org/10.1177/0333102413515338
  6. Zhang X, Donnan PT, Bell S, Guthrie B: Non-steroidal anti-inflammatory drug induced acute kidney injury in the community dwelling general population and people with chronic kidney disease: systematic review and meta-analysis. BMC Nephrology. 2017;18:256. https://doi.org/10.1186/s12882-017-0673-8
  7. Lanas A, Chan FKL: Peptic ulcer disease. The Lancet. 2017;390(10094):613-624. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(16)32404-7
  8. Coxib and traditional NSAID Trialists' Collaboration, Bhala N, Emberson J et al.: Vascular and upper gastrointestinal effects of non-steroidal anti-inflammatory drugs: meta-analyses of individual participant data from randomised trials. The Lancet. 2013;382(9894):769-779. https://doi.org/10.1016/S0140-6736(13)60900-9
  9. Chun LJ, Tong MJ, Busuttil RW, Hiatt JR: Acetaminophen hepatotoxicity and acute liver failure. Journal of Clinical Gastroenterology. 2009;43(4):342-349. https://doi.org/10.1097/MCG.0b013e31818a3854
  10. Soliman S, Ahmed RM, Ahmed MM et al.: Non-steroidal anti-inflammatory drugs: what is the actual risk of chronic kidney disease? A systematic review and meta-analysis. Romanian Journal of Internal Medicine. 2025;63(1):3-27. https://doi.org/10.2478/rjim-2024-0029

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln (Medication Overuse Headache = MOH) (AWMF-Register-Nr. 030-131) Februar 2022, Gültigkeit nach inhaltlicher Überprüfung bis 30.11.2026 verlängert. Langfassung
  2. Klassifikation: Headache Classification Committee of the International Headache Society (IHS): The International Classification of Headache Disorders, 3rd edition. Cephalalgia. 2018;38(1):1-211. https://doi.org/10.1177/0333102417738202
  3. Diener HC, Antonaci F, Braschinsky M et al.: European Academy of Neurology guideline on the management of medication-overuse headache. European Journal of Neurology. 2020;27(7):1102-1116. https://doi.org/10.1111/ene.14268