Handgelenkschmerzen (Handgelenkarthralgie) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Handgelenkarthralgie (Handgelenkschmerz) mitbedingt sein können:

Einordnung: Handgelenkarthralgie ist primär ein Symptom (Krankheitszeichen). Folgeerkrankungen entstehen vor allem bei persistierendem Schmerz (anhaltendem Schmerz) über mehr als 3 Monate, Schonung, Immobilisation (Ruhigstellung), verzögerter Diagnostik (Untersuchungen zur Krankheitsfeststellung) einer strukturellen Ursache oder inadäquatem Belastungsmanagement. Eine abklärbare Grunderkrankung, z. B. Fraktur (Knochenbruch), Bandverletzung, entzündliche Arthritis (Gelenkentzündung) oder Infektion (Ansteckung), ist immer vorrangig zu diagnostizieren und kausal zu behandeln [1-3, 7, LL1-3].

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Chronischer sekundärer muskuloskelettaler Schmerz (lang anhaltender, durch Muskeln, Knochen oder Gelenke bedingter Schmerz) des Handgelenks – Übergang einer lokalen Handgelenkarthralgie in eine persistierende Schmerz- und Funktionsstörung (anhaltende Schmerz- und Bewegungs-/Gebrauchsstörung) bei fortbestehender nozizeptiver, neuropathischer oder noziplastischer Schmerzkomponente (Schmerzanteil durch Gewebereizung, Nervenschädigung oder veränderte Schmerzverarbeitung); klinisch relevant bei Persistenz (Fortbestehen) oder Rezidiv (Wiederauftreten) über mehr als 3 Monate mit Funktionsverlust [1, 2, LL1, LL2].
  • Gelenksteife/Bewegungseinschränkung des Handgelenks – Folge von Schmerzvermeidung, längerer Immobilisation, posttraumatischer Kapsel-/Bandbeteiligung (nach einer Verletzung auftretender Mitbeteiligung von Gelenkkapsel und Bändern) oder unzureichender Rehabilitation (Wiederherstellung der Belastbarkeit); führt zu reduzierter Flexion/Extension (Beugung/Streckung), verminderter Stützfunktion und Alltagslimitierung [2, 7, LL1, LL2].
  • Griffkraftminderung und Unterarm-/Handmuskelatrophie (Muskelschwund an Unterarm und Hand) – durch Schonung, Bewegungseinschränkung und verminderte Belastung; relevant für Feinmotorik, Heben, Drehen, Stützen und berufliche Handbelastung [3, 8, 10].
  • Posttraumatische Handgelenksarthrose (nach einer Verletzung entstandener Gelenkverschleiß des Handgelenks) – nicht Folge der Arthralgie (Gelenkschmerz) per se, sondern Folge einer übersehenen oder verzögert behandelten strukturellen Ursache der Handgelenkarthralgie, insbesondere Skaphoidfraktur/Pseudarthrose (Kahnbeinbruch/Falschgelenkbildung), skapholunäre Bandverletzung (Bandverletzung zwischen Kahnbein und Mondbein), Triangular Fibrocartilage Complex (TFCC; ulnokarpaler Faserknorpelkomplex)-Läsion (Schädigung des Faserknorpelkomplexes an der Kleinfingerseite des Handgelenks) oder intraartikuläre Fraktur (Bruch mit Beteiligung der Gelenkfläche); typische Spätfolgen sind Belastungsschmerz, Schwellneigung, Instabilität, Kraftverlust und Bewegungseinschränkung [3, 7].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Chronische Schmerzstörung mit somatischen und psychischen Faktoren (lang anhaltende Schmerzstörung mit körperlichen und seelischen Einflussfaktoren) – relevant bei persistierender Handgelenkarthralgie mit funktioneller Einschränkung, Vermeidungsverhalten, Katastrophisieren, reduzierter Selbstwirksamkeit oder deutlicher Diskrepanz (Unterschied) zwischen strukturellem Befund und Schmerzausmaß [1, 2, 9, 10, LL1, LL2].
  • Komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS; regional begrenzte schwere Schmerzstörung) – posttraumatisches oder postoperatives Schmerzsyndrom (nach Verletzung oder Operation auftretende Schmerzstörung) mit im Verhältnis zum Auslöser unangemessen starken Schmerzen sowie sensorischen, vasomotorischen, sudomotorisch-ödematösen, motorischen und trophischen Störungen (Störungen von Gefühl, Durchblutung, Schwitzen/Schwellung, Bewegung und Gewebeernährung). Nach distaler Radiusfraktur (speichennaher Handgelenksbruch) ist die berichtete Häufigkeit stark abhängig von Diagnosekriterien, Studiendesign und Versorgungsdaten: Eine Meta-Analyse (zusammenfassende wissenschaftliche Auswertung mehrerer Studien) zu Radiusfrakturen berichtete eine Inzidenz (Neuerkrankungshäufigkeit) von 13,63 %, während ein großes dänisches Register bei distaler Radiusfraktur eine 1-Jahres-Inzidenzproportion von 0,20 % fand. Klinisch entscheidend sind frühe Erkennung, aktive Rehabilitation, Schmerzreduktion und interdisziplinäre Behandlung (fachübergreifende Behandlung), da ein CRPS zu erheblicher Funktionsminderung, Chronifizierung und beruflicher Teilhabestörung führen kann [4, 5, LL3].
  • Depressive Störungen und Angststörungen – chronischer Schmerz ist bidirektional (wechselseitig) mit psychischer Belastung assoziiert; eine große Metaanalyse zu chronischem Schmerz zeigte klinisch relevante depressive Symptome (Krankheitszeichen einer Depression) beziehungsweise Angstsymptome jeweils bei etwa 40 % der Betroffenen. Bei Hand-/Handgelenkverletzungen sind Angst, Depression, Katastrophisieren und Kinesiophobie (Angst vor Bewegung) mit ungünstigeren Schmerz-, Funktions- und Return-to-work-Ergebnissen (Ergebnissen zur Rückkehr an den Arbeitsplatz) assoziiert [9, 10, LL1, LL2].
  • Schlafstörungen/Insomnie (Ein- und Durchschlafstörung) – chronischer muskuloskelettaler Schmerz und schlafbezogene Probleme sind bidirektional assoziiert; Schlafstörung kann Schmerzverarbeitung, Fatigue (Erschöpfung), Belastbarkeitseinschränkung und Chronifizierungsrisiko verstärken [6, LL1, LL2].

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Schmerzbedingte Funktionsminderung der Hand – Einschränkung von Greifen, Pinzettengriff, Faustschluss, Stützfunktion, Pro-/Supination (Einwärts-/Auswärtsdrehung des Unterarms) sowie belastungsabhängigen Alltagsaktivitäten; prognostisch relevant, wenn Schmerzintensität und Funktionsverlust trotz adäquater Akutdiagnostik persistieren [2, 3, 8, 10, LL1, LL2].
  • Schonverhalten und Bewegungsvermeidung – verstärken über Dekonditionierung (Verlust von Kraft und Belastbarkeit), Kraftverlust und Kinesiophobie die Chronifizierung; leitliniengerecht ist eine aktivierende, zielorientierte Therapieplanung mit Funktionszielen statt reiner Schmerzfokussierung [8-10, LL1, LL2].

Weiteres

  • Arbeitsunfähigkeit und berufliche Teilhabestörung – besonders relevant bei manueller Tätigkeit, repetitiver Handgelenkbelastung, hoher Griffkraftanforderung, fehlender Arbeitsplatzadaptation (Anpassung des Arbeitsplatzes), hoher Schmerzintensität und psychischer Komorbidität (Begleiterkrankung). Return-to-work-Daten zu Ellenbogen-, Handgelenk- und Handerkrankungen zeigen, dass körperliche, psychologische und arbeitsplatzbezogene Faktoren die Dauer bis zur Wiederaufnahme der Arbeit wesentlich beeinflussen [3, 8, 10].
  • Sport- und Aktivitätseinschränkung – relevant bei stütz- oder griffkraftintensiven Sportarten, z. B. Krafttraining, Turnen, Tennis, Klettern, Radsport oder Ballsport; persistierende Schmerzen fördern Trainingsreduktion, Technikkompensation und Rezidivbeschwerden [3, 10].

Prognosefaktoren

  • Schmerzdauer über mehr als 3 Monate: zentraler Marker für Chronifizierung; ab diesem Zeitpunkt sollte eine strukturierte Schmerzdiagnostik mit Funktions-, psychosozialer und arbeitsbezogener Bewertung erfolgen [1, 2, LL1, LL2].
  • Trauma, Fraktur oder Operation in der Vorgeschichte: erhöht das Risiko für Gelenksteife, CRPS, Kraftverlust, posttraumatische Arthrose und verzögerte berufliche Reintegration (Wiedereingliederung) [4, 5, 7, 8, LL3].
  • Disproportionaler Schmerz, Allodynie, Hyperalgesie, Ödem, Temperatur-/Farbveränderung oder Schwitzasymmetrie: Warnkonstellation für CRPS; frühe Diagnose ist prognostisch wesentlich [4, 5, LL3].
  • Objektivierbare Funktionsdefizite: reduzierte Beweglichkeit, Griffkraftminderung, Stützunfähigkeit oder zunehmende Feinmotorikstörung sprechen für relevante strukturelle oder funktionelle Folgeprobleme und sollten verlaufsorientiert dokumentiert werden [2, 8, 10, LL1].
  • Verzögerte Diagnose struktureller Ursachen: insbesondere okkulte Skaphoidfraktur (verborgener Kahnbeinbruch), skapholunäre Bandverletzung, Triangular Fibrocartilage Complex (TFCC)-Läsion, intraartikuläre Fraktur, entzündliche Arthritis oder septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung) erhöhen das Risiko persistierender Schmerzen und sekundärer Gelenkschädigung [3, 7].
  • Schonung, Immobilisation und Kinesiophobie: begünstigen Dekonditionierung, Gelenksteife, Griffkraftverlust und Chronifizierung; aktivierende, kontrollierte Belastungssteigerung ist prognostisch günstiger als prolongierte Ruhigstellung (verlängerte Ruhigstellung) ohne klare Indikation [8, 10, LL1, LL2].
  • Psychische Komorbidität: Depression, Angst, Katastrophisieren, geringe Selbstwirksamkeit und Schmerzvermeidungsverhalten verschlechtern Schmerzintensität, Funktion, Griffkraft, Beweglichkeit und Return-to-work-Wahrscheinlichkeit [9, 10, LL1].
  • Berufliche Belastung: repetitive Handgelenkbewegungen, hohe Kraftanforderung, Vibration, Zeitdruck und fehlende Arbeitsplatzadaptation erhöhen das Risiko persistierender Beschwerden und längerer Arbeitsunfähigkeit [3, 8].
  • Unstrukturierte Analgetikatherapie: fehlende Therapieziele, fehlender Zeitrahmen, wiederholte Eskalation und dauerhafte Einnahme ohne Nutzen-Risiko-Prüfung erhöhen das Risiko medikamentenbezogener Folgeprobleme; leitliniengerecht sind definierte Therapieziele und regelmäßige Reevaluation (erneute Bewertung) [LL1, LL2].

Literatur

  1. Treede RD, Rief W, Barke A et al.: Chronic pain as a symptom or a disease: the IASP Classification of Chronic Pain for the International Classification of Diseases (ICD-11). Pain. 2019;160(1):19-27. https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000001384
  2. Perrot S, Cohen M, Barke A et al.: The IASP classification of chronic pain for ICD-11: chronic secondary musculoskeletal pain. Pain. 2019;160(1):77-82. https://doi.org/10.1097/j.pain.0000000000001389
  3. Ferguson R, Riley ND, Wijendra A et al.: Wrist pain: a systematic review of prevalence and risk factors– what is the role of occupation and activity? BMC Musculoskeletal Disorders. 2019;20:542. https://doi.org/10.1186/s12891-019-2902-8
  4. Lorente A, Mariscal G, Lorente R: Incidence and risk factors for complex regional pain syndrome in radius fractures: meta-analysis. Archives of Orthopaedic and Trauma Surgery. 2023;143(9):5687-5699. https://doi.org/10.1007/s00402-023-04909-8
  5. Melbye P, Pham TM, Nygaard NPB et al.: Incidence proportion of complex regional pain syndrome (CRPS) after distal radius fracture: a population-based register study. Acta Orthopaedica. 2026;97:105-109. https://doi.org/10.2340/17453674.2026.45443
  6. Santos M, Gabani FL, de Andrade SM et al.: The bidirectional association between chronic musculoskeletal pain and sleep-related problems: a systematic review and meta-analysis. Rheumatology. 2023;62(9):2951-2962. https://doi.org/10.1093/rheumatology/kead190
  7. Schädel-Höpfner M, Bickert B, Dumont C et al.: Die frische Skaphoidfraktur. Management unter Berücksichtigung der neuen S3-Leitlinie. Der Orthopäde. 2016;45(11):945-950. https://doi.org/10.1007/s00132-016-3336-8
  8. Bousfield K, Cheon JY, Harley S et al.: What are the Predictors of Return to Work for People With Elbow, Wrist, and Hand Conditions? A Systematic Review. Journal of Occupational Rehabilitation. 2022;32(3):380-413. https://doi.org/10.1007/s10926-021-09997-0
  9. Aaron RV, Ravyts SG, Carnahan ND et al.: Prevalence of Depression and Anxiety Among Adults With Chronic Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis. JAMA Network Open. 2025;8(3):e250268. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2025.0268
  10. Minnucci S, Fochi F, Lerose E, Scalise V, Brindisino F: The influence of psychological factors on outcomes following wrist and hand musculoskeletal injuries: A systematic review. Journal of Hand Therapy. 2025; online ahead of print. https://doi.org/10.1016/j.jht.2025.10.005

Leitlinien

  1. S1-Leitlinie: Chronischer nicht tumorbedingter Schmerz (AWMF-Register-Nr. 053-036) November 2023 Langfassung Kurzfassung
  2. National Institute for Health and Care Excellence: Chronic pain (primary and secondary) in over 16s: assessment of all chronic pain and management of chronic primary pain. NICE guideline NG193. April 2021. https://www.nice.org.uk/guidance/ng193
  3. European Pain Federation: Standards for the diagnosis and management of complex regional pain syndrome: results of a European Pain Federation task force. European Journal of Pain. 2019;23(4):641-651. https://doi.org/10.1002/ejp.1362