Schwindel (Vertigo) – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
- Ursachenbezogene Behandlung des Schwindels nach diagnostischer Zuordnung.
- Kurzfristige Linderung ausgeprägter Schwindelbeschwerden, Übelkeit und Erbrechen.
- Wiederherstellung der Mobilität und Förderung der vestibulären Kompensation; Vermeidung von Stürzen und Chronifizierung.
- Verminderung wiederkehrender Attacken bei entsprechend behandelbarer Grunderkrankung.
Therapieempfehlungen
Schwindel ist ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen. Die pauschale Aussage, es gebe keine gesicherte kausale Therapie, ist nicht zutreffend. Je nach Diagnose stehen ursachenbezogene Maßnahmen, eine Attackenprophylaxe oder eine zeitlich begrenzte symptomatische Behandlung im Vordergrund. Nicht jeder Schwindel erfordert ein Antivertiginosum [LL1, LL2].
- Vor der medikamentösen Behandlung: Verlauf, Dauer, Auslöser und Begleitsymptome erfassen und insbesondere zentrale neurologische sowie kardiovaskuläre Ursachen berücksichtigen. Eine symptomatische Besserung nach Medikamentengabe schließt einen Schlaganfall nicht aus [LL1, LL2].
- Akute schwere Beschwerden: Ein vestibulär dämpfendes Antihistaminikum kann kurzfristig eingesetzt werden. Die vorhandene Metaanalyse spricht für eine bessere Schwindellinderung durch eine Einzeldosis eines Antihistaminikums als durch eine Einzeldosis eines Benzodiazepins nach zwei Stunden. Daraus lässt sich keine gesicherte Wirksamkeit einer längerfristigen Einnahme ableiten [1].
- Behandlungsdauer begrenzen: Bei akuter peripherer Vestibulopathie (plötzlich aufgetretener Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans oder Gleichgewichtsnervs) vestibulär dämpfende Medikamente möglichst nur in der schwer symptomatischen Anfangsphase, in der Regel für höchstens zwei bis drei Tage, anwenden. Anschließend Mobilisation und vestibuläre Rehabilitation fördern; eine fortgesetzte Suppression kann die Kompensation behindern [LL1, LL4].
- Benzodiazepine: Keine routinemäßige Therapie des akuten oder chronischen Schwindels. Ein überzeugender Nutzen ist nicht nachgewiesen; Sedierung, Gangunsicherheit, Stürze, Abhängigkeit und Atemdepression (Abschwächung des Atemantriebs) sprechen gegen den regelhaften Einsatz. Dies gilt besonders bei älteren Patienten und bei gleichzeitiger Einnahme anderer zentral dämpfender Arzneimittel [1].
Ursachenbezogene Behandlung
- Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (gutartiger, anfallsartiger, lageabhängiger Schwindel): Vorrangig bogengangspezifische Repositionsmanöver, beispielsweise das Epley-Manöver beim posterioren Bogengang. Medikamente beseitigen die zugrunde liegende mechanische Störung nicht. Bei erheblicher Übelkeit kann vor einem Manöver ausnahmsweise eine kurzzeitige symptomatische Behandlung sinnvoll sein; keine medikamentöse Dauertherapie [LL2].
- Akute unilaterale Vestibulopathie (plötzliche einseitige Funktionsstörung des Gleichgewichtsorgans oder Gleichgewichtsnervs), häufig als Neuritis vestibularis (Entzündung des Gleichgewichtsnervs) bezeichnet: Frühzeitige vestibuläre Rehabilitation; bei ausgeprägten initialen Beschwerden vorübergehend symptomatische Medikamente. Systemische Glucocorticoide können nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und gemeinsamer Entscheidung innerhalb der ersten 72 Stunden erwogen werden. Ihr patientenrelevanter Nutzen ist nicht gesichert. Eine neuere placebokontrollierte Studie mit 69 Patienten zeigte weder eine signifikant bessere vestibuläre Funktionserholung noch eine bessere subjektive Erholung. Eine routinemäßige antivirale Behandlung ist nicht begründet [2, LL1, LL2, LL4].
- Morbus Menière (Innenohrerkrankung mit Schwindelanfällen, Hörminderung und Ohrgeräuschen): Während schwerer Attacken zeitlich begrenzte symptomatische Therapie. Betahistin kann zur längerfristigen Behandlung erwogen werden, der Nutzen ist jedoch unsicher. Die BEMED-Studie zeigte weder mit 48 mg noch mit 144 mg täglich eine Überlegenheit gegenüber Placebo. Auch für Diuretika ist die Evidenz unzureichend; keine pauschale Verordnung. Bei anhaltend aktiver Erkrankung kommen fachärztlich intratympanale Glucocorticoide und nach Versagen nicht ablativer Verfahren Gentamicin infrage. Gentamicin kann das Gehör und die vestibuläre Funktion dauerhaft schädigen [3, 4, LL3].
- Vestibuläre Migräne (Migräne mit Schwindelanfällen): Bei häufigen oder erheblich beeinträchtigenden Attacken individuell ausgewählte Migräneprophylaxe, beispielsweise mit Propranolol, Flunarizin oder Venlafaxin. Die spezifische Evidenz für vestibuläre Beschwerden ist begrenzt; Begleiterkrankungen und Verträglichkeit beeinflussen die Auswahl. Triptane können für den Migränekopfschmerz geeignet sein, ihre Wirkung auf den Schwindel darf daraus nicht abgeleitet werden. In einer randomisierten Studie war Rizatriptan zur Behandlung der vestibulären Attackensymptome nach einer Stunde nicht wirksam [5, 6].
- Persistierender postural-perzeptiver Schwindel (anhaltender Schwindel, der durch aufrechte Körperhaltung, Bewegung und visuelle Reize verstärkt wird) (PPPD): Multimodale Behandlung mit verständlicher Krankheitsaufklärung, individuell angepasster vestibulärer Aktivierung und gegebenenfalls kognitiver Verhaltenstherapie. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI) können insbesondere bei begleitender Angststörung oder Depression (psychische Erkrankung mit anhaltend gedrückter Stimmung oder Interessenverlust) erwogen werden. Für die spezifische Behandlung der PPPD fand der Cochrane-Review keine geeigneten placebokontrollierten randomisierten Studien; die Wirksamkeit darf deshalb nicht als gesichert dargestellt werden. Der Einsatz ausschließlich gegen PPPD erfolgt als Off-Label-Use [8, LL1].
- Vestibularisparoxysmie (kurze, wiederkehrende Schwindelattacken durch Übererregbarkeit des Gleichgewichtsnervs): Nach fachärztlicher Diagnosesicherung Behandlung mit einem Natriumkanalblocker, beispielsweise Oxcarbazepin. Eine randomisierte Studie zeigte eine Verringerung der Attacken, war jedoch durch zahlreiche Therapieabbrüche eingeschränkt. Off-Label-Use [9].
- Bilaterale Vestibulopathie (beidseitige Funktionsstörung der Gleichgewichtsorgane) oder verbleibendes peripheres vestibuläres Defizit (Funktionsverlust des Gleichgewichtsorgans oder Gleichgewichtsnervs): Vestibuläre Rehabilitation und Sturzprävention. Vestibulär dämpfende Medikamente sind keine geeignete Dauerbehandlung. Potenziell ototoxische Medikamente und andere behandelbare Ursachen prüfen [LL4].
- Orthostatischer, kardialer, metabolischer oder medikamentenbedingter Schwindel (Schwindel beim Aufstehen, durch Herzerkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Medikamente): Behandlung der festgestellten Ursache, beispielsweise Volumenmangel, Herzrhythmusstörung oder Hypoglykämie (Unterzuckerung); bei arzneimittelbedingten Beschwerden strukturierte Medikationsanpassung. Unspezifische Antivertiginosa ersetzen diese Maßnahmen nicht [LL1].
- Zentraler Schwindel (durch Störungen im Gehirn verursachter Schwindel): Behandlung der neurologischen Grunderkrankung. Ein möglicher Schlaganfall erfordert unverzügliche Notfalldiagnostik. Seltene Erkrankungen wie episodische Ataxien (anfallsartige Störungen der Bewegungskoordination) oder zentrale Nystagmussyndrome (Krankheitsbilder mit unwillkürlichen Augenbewegungen infolge einer Störung im Gehirn) benötigen eine spezialisierte Therapieentscheidung [LL2].
Wirkstoffe und Wirkstoffgruppen
Die folgenden Angaben gelten für Erwachsene. Dosierung und Anwendung richten sich zusätzlich nach dem verwendeten Präparat, Organfunktion, Begleitmedikation und individueller Verträglichkeit. Die Tabellen enthalten wesentliche Gegenanzeigen und Risiken; p.o. bezeichnet die orale Anwendung. Eine Zulassung für Migräne oder vestibulären Schwindel belegt nicht automatisch die Wirksamkeit bei jeder Schwindelursache.
H1-Antihistaminika und Kombination mit Cinnarizin
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dimenhydrinat | Niedrigste wirksame Dosis. Bei akutem vestibulärem Schwindel in der Regel nur zwei bis drei Tage. Bei älteren Patienten besonders zurückhaltend einsetzen [FI1, LL1]. |
| Cinnarizin/Dimenhydrinat | Alternative für ausgewählte Erwachsene mit abgeklärtem Schwindel. Kein zusätzliches Dimenhydrinat ohne Prüfung der Gesamtdosis. Die in der Fachinformation genannte Behandlungsdauer von im Allgemeinen höchstens vier Wochen rechtfertigt keine routinemäßige wochenlange vestibuläre Suppression [FI2, LL4]. |
- Wirkweise: Dimenhydrinat wirkt über H1-Rezeptorblockade und anticholinerge Effekte antiemetisch und vestibulär dämpfend; Cinnarizin ergänzt unter anderem eine Calciumkanalblockade [FI1, FI2].
- Indikationen: Zeitlich begrenzte Symptomkontrolle bei ausgeprägtem vestibulärem Schwindel mit Übelkeit oder Erbrechen [1].
- Kontraindikationen: Unter anderem Engwinkelglaukom (Form des grünen Stars mit behindertem Abfluss der Augenflüssigkeit), Harnverhalt (Unfähigkeit, die Harnblase zu entleeren), Epilepsie (Anfallsleiden) und präparatespezifische Gegenanzeigen; bei Dimenhydrinat auch bestimmte Herzrhythmusstörungen. Für Cinnarizin/Dimenhydrinat zusätzlich schwere Leberinsuffizienz (eingeschränkte Leberfunktion) oder Kreatinin-Clearance ≤ 25 ml/min. QT-Risiken, anticholinerge Begleitmedikation und Parkinson-Symptomatik (Beschwerden der Parkinson-Krankheit) berücksichtigen [FI1, FI2].
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Reaktionsminderung, Mundtrockenheit, Akkommodationsstörungen (Störungen der Scharfstellung des Auges auf unterschiedliche Entfernungen), Obstipation (Verstopfung), Harnverhalt und Sturzrisiko; bei Dimenhydrinat auch Abhängigkeit und QT-Verlängerung. Cinnarizin kann extrapyramidale Beschwerden (Störungen der Bewegungssteuerung) verursachen [FI1, FI2].
5-HT3-Rezeptorantagonisten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ondansetron | Option bei ausgeprägter Übelkeit und Erbrechen. Keine gesicherte Behandlung der vestibulären Ursache. Anwendung bei schwindelassoziiertem Erbrechen als Off-Label-Use; weitere Gaben individuell festlegen [LL1, FI3]. |
- Wirkweise: Antiemese durch selektive Blockade von 5-HT3-Rezeptoren [FI3].
- Indikationen: Kurzzeitiger individueller Einsatz bei erheblichen Begleitsymptomen, etwa wenn sedierende Antihistaminika ungünstig sind [LL1].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und gleichzeitige Anwendung von Apomorphin. Bei angeborenem Long-QT-Syndrom (Herzrhythmuserkrankung mit verlängerter elektrischer Erholungsphase des Herzens) vermeiden; Hypokaliämie (zu niedriger Kaliumspiegel im Blut) und Hypomagnesiämie (zu niedriger Magnesiumspiegel im Blut) vor Anwendung korrigieren. Im ersten Schwangerschaftstrimenon nicht anwenden [FI3].
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Obstipation, QT-Verlängerung und selten schwere Herzrhythmusstörungen; bei serotonerger Begleitmedikation auf ein Serotoninsyndrom (potenziell gefährliche Reaktion auf eine übermäßige Serotoninwirkung) achten [FI3].
Systemische Glucocorticoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Prednisolon | Nur nach gesicherter akuter unilateraler Vestibulopathie und individueller Entscheidung, möglichst innerhalb von 72 Stunden. Das genannte Schema ist eine Leitlinienoption, kein durch neuere Studien gesicherter Therapiestandard. Keine pauschale Übertragung auf andere Schwindelformen; präparatespezifischen Zulassungsstatus beachten [2, LL1, LL2]. |
- Wirkweise: Antiinflammatorische und immunsuppressive Wirkung; eine Verbesserung der vestibulären Erholung ist klinisch nicht zuverlässig belegt [2, FI4].
- Indikationen: Individueller frühzeitiger Therapieversuch bei akuter unilateraler Vestibulopathie nach Aufklärung über die unsichere Evidenz; keine allgemeine Indikation „Schwindel“ [2, LL2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Unbehandelte relevante Infektionen, schlecht kontrollierter Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), schwere Hypertonie (Bluthochdruck), Ulkusanamnese (frühere Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) und psychiatrische Vorerkrankungen erfordern eine besonders strenge Abwägung; diese sind nicht sämtlich absolute Gegenanzeigen [FI4].
- Nebenwirkungen: Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), Blutdruckanstieg, Schlaf- und Stimmungsstörungen, erhöhte Infektanfälligkeit und gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden); erhöhtes Blutungsrisiko insbesondere bei gleichzeitigen nichtsteroidalen Antirheumatika [FI4].
Histaminanaloga
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Betahistindihydrochlorid | Bei Morbus Menière möglicher individueller Behandlungsversuch mit dokumentierter Verlaufskontrolle. Kein universelles Antivertiginosum und kein gesichertes Akutmedikament. Keine routinemäßige Hochdosistherapie; Kombinationen mit Monoaminoxidase-Hemmern zur Wirkungsverstärkung sind keine etablierte Standardtherapie [3, 4, FI5]. |
- Wirkweise: Histaminerge Wirkung mit partieller H1-agonistischer und H3-antagonistischer Aktivität; der genaue klinisch relevante Mechanismus ist nicht abschließend geklärt [FI5].
- Indikationen: Schwindel im Rahmen des Menière-Symptomenkomplexes; Zulassung und unsichere Wirksamkeitsevidenz sind getrennt zu betrachten [3, 4, FI5].
- Kontraindikationen: Phäochromozytom (meist im Nebennierenmark entstehender hormonbildender Tumor) und Überempfindlichkeit. Bei Asthma bronchiale (chronische Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Atemnot) oder gastrointestinaler Ulkusanamnese Vorsicht; relevante Wechselwirkungen mit Monoaminoxidase-Hemmern beachten [FI5].
- Nebenwirkungen: Vor allem Kopfschmerzen, Übelkeit und Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden); Überempfindlichkeitsreaktionen möglich [FI5].
Betarezeptorenblocker zur Prophylaxe der vestibulären Migräne
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Propranolol | Blutdruck und Herzfrequenz kontrollieren. Evidenz zur vestibulären Migräne aus kleineren Studien; keine gesicherte Gleichwertigkeit mit der Evidenz zur klassischen Migräne. Zulassungsumfang des Präparats prüfen; bei Anwendung außerhalb der zugelassenen Migräneprophylaxe Off-Label-Use [6, FI6]. |
- Wirkweise: Nichtselektive Betarezeptorenblockade; der Mechanismus der Migräneprophylaxe ist nicht vollständig geklärt [FI6].
- Indikationen: Individuell ausgewählte prophylaktische Behandlung bei häufigen oder stark beeinträchtigenden vestibulären Migräneattacken [6].
- Kontraindikationen: Asthma bronchiale, relevante Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), höhergradiger atrioventrikulärer Block (ausgeprägte Störung der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern) ohne Schrittmacher, kardiogener Schock (Kreislaufversagen durch unzureichende Pumpleistung des Herzens) und dekompensierte Herzinsuffizienz (Herzschwäche mit unzureichender Versorgung des Körpers oder Flüssigkeitsstau). Bei Hypotonie (niedrigem Blutdruck) oder orthostatischem Schwindel ungünstig [FI6].
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Bradykardie, Hypotonie, kalte Extremitäten, Schlafstörungen und Bronchospasmus (krampfartige Verengung der Bronchien); Hypoglykämiewarnzeichen können abgeschwächt werden. Nach längerer Anwendung nicht abrupt absetzen [FI6].
Calciumkanalblocker zur ausgewählten prophylaktischen Behandlung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Flunarizin | Bei fehlendem Nutzen nach einem Monat bei chronischem beziehungsweise zwei Monaten bei paroxysmalem Schwindel absetzen. Auch bei Erfolg spätestens nach sechs Monaten einen Auslassversuch vorsehen. Keine unkritische Dauertherapie [FI7]. |
- Wirkweise: Hemmung des zellulären Calciumeinstroms mit vestibulär dämpfenden und migräneprophylaktischen Eigenschaften [FI7].
- Indikationen: Fachärztlich ausgewählte Behandlung, insbesondere bei vestibulärer Migräne. Das Präparat ist auch für bestimmte Formen abgeklärten vestibulären Schwindels zugelassen; diese breite Zulassung ersetzt keine ursachenbezogene Indikationsstellung [FI7].
- Kontraindikationen: Bestehende oder anamnestisch rezidivierende depressive Syndrome sowie Morbus Parkinson (Erkrankung des Nervensystems mit Bewegungsverlangsamung, Muskelsteifigkeit und häufig Zittern) oder andere extrapyramidale Erkrankungen [FI7].
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Gewichtszunahme, Depression und extrapyramidale Störungen. Bei depressiver Symptomatik oder Parkinson-Zeichen Behandlung beenden [FI7].
Antidepressiva: SSRI und SNRI
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Sertralin | Bei PPPD individueller Therapieversuch als Off-Label-Use. Keine evidenzgesicherte PPPD-Zieldosis; bei komorbider Angststörung oder Depression nach deren Therapieempfehlungen dosieren [8, FI8]. |
| Venlafaxin retard | Option insbesondere bei begleitender Angst- oder depressiver Symptomatik. Behandlung vestibulärer Migräne oder PPPD als Off-Label-Use. Blutdruck kontrollieren; bei Nieren- oder Leberfunktionsstörung Dosis anpassen [6, 8, FI9]. |
- Wirkweise: Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme durch Sertralin beziehungsweise der Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahme durch Venlafaxin [FI8, FI9].
- Indikationen: Behandlungsbedürftige psychiatrische Begleiterkrankungen; ergänzender individueller Einsatz bei PPPD, Venlafaxin auch bei vestibulärer Migräne. Keine Akutmedikation gegen Schwindel [6, 8].
- Kontraindikationen: Insbesondere gleichzeitige Behandlung mit irreversiblen Monoaminoxidase-Hemmern; vorgeschriebene Umstellungsintervalle einhalten. Sertralin nicht mit Pimozid kombinieren. Bei bipolarer Erkrankung (psychischer Erkrankung mit depressiven Phasen und Phasen stark gehobener oder gereizter Stimmung), erhöhter Blutungsneigung oder Hyponatriämierisiko besonders sorgfältig abwägen [FI8, FI9].
- Nebenwirkungen: Übelkeit, initiale Unruhe, Schlafstörungen, sexuelle Funktionsstörungen, Hyponatriämie (zu niedriger Natriumspiegel im Blut), Blutungsneigung und selten Serotoninsyndrom. Venlafaxin kann Blutdruck und Herzfrequenz erhöhen. Beide Präparate langsam ausschleichen; Absetzsymptome können selbst erheblichen Schwindel auslösen [FI8, FI9].
Natriumkanalblocker bei Vestibularisparoxysmie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Oxcarbazepin | Off-Label-Use. Die Vestparoxy-Studie verwendete 300 mg täglich in Woche eins, 300 mg zweimal täglich in Woche zwei und anschließend 300 mg dreimal täglich. Natrium und Nierenfunktion kontrollieren; Interaktionen einschließlich verminderter Wirksamkeit hormonaler Kontrazeptiva beachten [9, FI10]. |
- Wirkweise: Blockade spannungsabhängiger Natriumkanäle; Verminderung pathologischer neuronaler Erregbarkeit [FI10].
- Indikationen: Fachärztlich diagnostizierte Vestibularisparoxysmie mit wiederkehrenden kurzen Attacken [9].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Oxcarbazepin oder Eslicarbazepin; bei Carbamazepinallergie mögliche Kreuzreaktion. Bei vorbestehender Hyponatriämie, Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) und entsprechender genetischer Disposition für schwere Hautreaktionen besondere Vorsicht [FI10].
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Schwindel, Diplopie (Doppeltsehen), Ataxie (Störung der Bewegungskoordination), Übelkeit und Hyponatriämie; selten schwere kutane oder systemische Überempfindlichkeitsreaktionen [FI10].
Weitere Hinweise
- Neue Therapieansätze bei vestibulärer Migräne: Für den gegen Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) gerichteten Antikörper Galcanezumab zeigte die kleine placebokontrollierte INVESTMENT-Studie mit 40 randomisierten Patienten ein positives Signal für weniger Schwindeltage. Das begründet noch keine allgemeine Standardtherapie jeder vestibulären Migräne. Eine Anwendung sollte fachärztlich unter Beachtung der Migräneindikation und des jeweiligen Zulassungsumfangs erfolgen; bei isolierten vestibulären Symptomen außerhalb der zugelassenen Indikation handelt es sich um Off-Label-Use [7, FI11].
- Therapieerfolg überprüfen: Bei prophylaktischer Behandlung Attackenhäufigkeit, Beschwerdeintensität, Funktionsfähigkeit und Nebenwirkungen dokumentieren. Ohne nachvollziehbaren Nutzen keine unbegrenzte Fortführung. Bei ausbleibender Besserung Diagnose und Therapieentscheidung erneut prüfen [LL3, FI7].
- Ältere Patienten: Sedierung und anticholinerge Belastung möglichst gering halten; zusätzliche Schwindel- und Sturzursachen durch die Behandlung vermeiden. Mehrere zentral dämpfende Präparate nicht unkritisch kombinieren [FI1, FI2].
- Schwangerschaft und Stillzeit: Die genannten Therapien nicht schematisch übertragen. Eine individuelle Auswahl anhand der Indikation und der jeweiligen Fachinformation ist erforderlich; insbesondere Flunarizin in der Schwangerschaft vermeiden [FI7].
Red Flags (Warnzeichen) bei Schwindel
- Akuter Schwindel mit neurologischen Auffälligkeiten: Diplopie, Dysarthrie (Sprechstörung), Dysphagie (Schluckstörung), Paresen (Lähmungen), Sensibilitätsstörungen (Störungen der Berührungs- oder Körperempfindung) oder schwere Rumpf- und Gangataxie (Störung der Körperstabilität und Gangkoordination) erfordern sofortige Abklärung eines zentralen Ereignisses [10].
- Unfähigkeit, ohne Hilfe zu sitzen, zu stehen oder zu gehen: Besonders bei abruptem Beginn dringlicher Verdacht auf eine zentrale Ursache; ein Schlaganfall kann auch ohne offensichtliche Halbseitensymptomatik (einseitige Ausfälle wie Lähmungen oder Gefühlsstörungen) auftreten [10].
- Neue einseitige Hörminderung bei akutem anhaltendem Schwindel: Auch eine Ischämie (Minderdurchblutung) im vertebrobasilären Stromgebiet berücksichtigen; nicht vorschnell als harmlose periphere Störung einordnen [10].
- Neue starke Kopf- oder Nackenschmerzen, Bewusstseinsstörung oder Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit durch vorübergehend verminderte Hirndurchblutung): Unverzügliche neurologische beziehungsweise kardiovaskuläre Notfallabklärung [10].
- Diagnostische Sicherheit: Die HINTS-Untersuchung aus Kopfimpulstest, Nystagmusbeurteilung und Test auf vertikale Augenfehlstellung gehört in die Hand entsprechend geschulter Untersucher und ist nur bei akutem anhaltendem vestibulärem Syndrom (Beschwerdebild mit Schwindel und Gleichgewichtsstörungen) mit Nystagmus (unwillkürlichen, rhythmischen Augenbewegungen) anzuwenden, nicht als allgemeiner Test bei beliebigem Schwindel. Ein unauffälliges kraniales Computertomogramm schließt einen hinteren Stromgebietsinfarkt (Hirninfarkt im hinteren Versorgungsgebiet des Gehirns) nicht zuverlässig aus [LL2].
Abkürzungsverzeichnis
- 5-HT3: 5-Hydroxytryptamin-Rezeptor Typ 3.
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- BEMED: Studienkurzname der zitierten Untersuchung zur Behandlung des Morbus Menière mit Betahistin.
- CGRP: Calcitonin Gene-Related Peptide.
- doi: Digital Object Identifier; dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
- FI: Fachinformation.
- GRACE-3: Guidelines for Reasonable and Appropriate Care in the Emergency Department 3.
- H1: Histaminrezeptor Typ 1.
- H3: Histaminrezeptor Typ 3.
- HINTS: Head Impulse, Nystagmus, Test of Skew.
- INVESTMENT: Studienkurzname der zitierten Untersuchung zu Galcanezumab bei vestibulärer Migräne.
- LL: Leitlinie.
- p.o.: per os; orale Anwendung.
- PPPD: Persistent Postural-Perceptual Dizziness; persistierender postural-perzeptiver Schwindel.
- QT: Zeitintervall zwischen Beginn der Q-Zacke und Ende der T-Welle im Elektrokardiogramm.
- S2k: konsensbasierte Leitlinie mit strukturierter Konsensfindung.
- SNRI: Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer.
- SSRI: selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer.
Literatur
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Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Schwindel in der Hausarztpraxis. (AWMF-Registernummer: 053-018). Version 2.5, Februar 2025; korrigierte Langfassung bereitgestellt September 2026. Langfassung [LL1]
- Edlow JA, Carpenter C, Akhter M et al.: Guidelines for reasonable and appropriate care in the emergency department 3 (GRACE-3): Acute dizziness and vertigo in the emergency department. Acad Emerg Med. 2023;30(5):442-486. doi: 10.1111/acem.14728; Empfehlungen der Fachgesellschaft [LL2]
- Basura GJ, Adams ME, Monfared A et al.: Clinical Practice Guideline: Ménière’s Disease. Otolaryngol Head Neck Surg. 2020;162(2 Suppl):S1-S55. doi: 10.1177/0194599820909438 [LL3]
- Hall CD, Herdman SJ, Whitney SL et al.: Vestibular Rehabilitation for Peripheral Vestibular Hypofunction: An Updated Clinical Practice Guideline From the Academy of Neurologic Physical Therapy of the American Physical Therapy Association. J Neurol Phys Ther. 2022;46(2):118-177. doi: 10.1097/NPT.0000000000000382 [LL4]
Fachinformationen
- Vomex A Dragees, 50 mg. Fachinformation [FI1]
- Arlevert, Cinnarizin 20 mg/Dimenhydrinat 40 mg. Stand März 2024. Fachinformation [FI2]
- Ondansetron-ratiopharm 4 mg Filmtabletten. Stand August 2022. Fachinformation [FI3]
- Prednisolon acis. Fachinformation [FI4]
- Betavert N 24 mg Tabletten. Stand Februar 2026. Fachinformation [FI5]
- Inderal 10 mg Filmtabletten, Propranolol. Österreichische Fachinformation, Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen. Fachinformation [FI6]
- Flunarizin acis 5 mg/10 mg. Stand April 2026. Fachinformation [FI7]
- Sertralin-ratiopharm Filmtabletten. Stand Juni 2025. Fachinformation [FI8]
- Venlafaxin-ratiopharm 37,5 mg/75 mg/150 mg Hartkapseln, retardiert. Stand Oktober 2025. Fachinformation [FI9]
- Oxcarbazepin dura Filmtabletten. Stand Juni 2026. Fachinformation [FI10]
- Galcanezumab (Emgality). Europäische Arzneimittel-Agentur. Europäische Produktinformation [FI11]