Schmerzen beim Wasserlassen (Dysurie/Strangurie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Linderung von Dysurie (schmerzhaftes oder erschwertes Wasserlassen) und begleitenden Schmerzen sowie Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung. Eine symptomatische Therapie überbrückt die Zeit bis zur gesicherten Diagnose bzw. ergänzt die ursachenbezogene Behandlung.

Therapieempfehlungen

Dysurie ist ein Symptom und keine eigenständige Arzneimittelindikation. Vor der Behandlung sind insbesondere Infektion, genitale Entzündung (Entzündung der Geschlechtsorgane), Östrogenmangel, Harnabflussstörung und Steinleiden zu unterscheiden. Eine Schmerzlinderung ersetzt keine erforderliche antiinfektive Therapie oder Harnableitung [LL1, LL2, LL3, LL4].

Ursachenbezogene Therapie und Verweise

  • Akute bakterielle Zystitis (bakterielle Blasenentzündung): Bei entsprechender Indikation leitliniengerechte Antibiotikatherapie; Auswahl nach Patientengruppe, Risikofaktoren, Vorbefunden und lokaler Resistenzlage. Bei unkomplizierter Zystitis der Frau kommen insbesondere Fosfomycin-Trometamol, Nitrofurantoin oder Pivmecillinam infrage. Siehe Zystitis/Pharmakotherapie bzw. Harnwegsinfektionen/Pharmakotherapie [LL1, LL2].
  • Primär nichtantibiotisches Vorgehen: Bei ausgewählten nichtschwangeren, nichtgeriatrischen Frauen mit leichter bis mäßiger unkomplizierter Zystitis nach gemeinsamer Entscheidung möglich; längere bzw. stärkere Beschwerden und ein erhöhtes Pyelonephritisrisiko (Risiko einer Nierenbeckenentzündung) gegenüber sofortiger Antibiotikatherapie erläutern. Sicherheitsnetz mit kurzfristiger Wiedervorstellung und gegebenenfalls nachfolgender Antibiotikatherapie vereinbaren. Keine Übertragung dieses Vorgehens auf Schwangerschaft, systemische Infektion oder relevante Risikokonstellationen [1, LL1, LL2].
  • Pyelonephritis, akute bakterielle Prostatitis (bakterielle Entzündung der Prostata) oder systemische Harnwegsinfektion: Zeitnahe mikrobiologische Diagnostik und unverzügliche, der Erkrankungsschwere entsprechende Antibiotikatherapie. Bei infiziertem Harnstau zusätzlich dringliche Harnableitung. Siehe die jeweils gleichnamigen Erkrankungen/Pharmakotherapie [LL2, LL3].
  • Urethritis (Entzündung der Harnröhre) bzw. sexuell übertragbare Infektion: Erregerdiagnostik und gezielte antiinfektive Behandlung; erforderliche Partnerbehandlung berücksichtigen. Keine pauschale Behandlung als unkomplizierte Zystitis. Siehe Urethritis, Gonorrhoe (Tripper) und Chlamydieninfektion/Pharmakotherapie [LL2].
  • Vulvovaginitis (Entzündung von Scheide und äußerem weiblichem Genital) oder Balanitis (Entzündung der Eichel): Befund- und erregerbezogene Behandlung statt einer allein auf die Harnblase gerichteten Therapie. Siehe die jeweils gleichnamigen Erkrankungen/Pharmakotherapie.
  • Genitourinäres Menopausensyndrom (Beschwerden der Harn- und Geschlechtsorgane in den Wechseljahren): Bei nachgewiesener urogenitaler Atrophie (Gewebeschwund an Harn- und Geschlechtsorganen) lokale vaginale Östrogentherapie nach individueller Prüfung von Indikation und Gegenanzeigen erwägen; keine empirische Östrogentherapie allein aufgrund des Symptoms Dysurie. Siehe Menopause/Pharmakotherapie [LL4].
  • Urolithiasis (Harnsteinleiden) oder Harnabflussstörung: Ursachenbezogene urologische Behandlung; bei akutem Harnverhalt (Unfähigkeit, die Blase zu entleeren) primär Harnableitung. Bei Nierenkolik (krampfartigen Schmerzen durch einen Harnstein) sind nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) bei fehlenden Gegenanzeigen eine bevorzugte analgetische Option. Siehe Urolithiasis, Harnverhaltung und gegebenenfalls Benignes Prostatasyndrom (Beschwerden durch eine gutartige Prostatavergrößerung)/Pharmakotherapie [LL3, LL4].
  • Persistierende Dysurie ohne gesicherte Infektion: Diagnose erneut prüfen; keine wiederholte empirische Antibiotikagabe ohne entsprechende Indikation. Unter anderem Blasenschmerzsyndrom, lokale Reizung und andere urologische oder gynäkologische Ursachen berücksichtigen. Siehe Interstitiale Zystitis (chronische schmerzhafte Blasenerkrankung)/Blasenschmerzsyndrom und Harnblasenschmerzen/Pharmakotherapie.

Symptomatische Therapie

  • Bei Bedarf kurzzeitig Paracetamol; alternativ bei geeigneten Patienten Ibuprofen unter Beachtung renaler, gastrointestinaler und kardiovaskulärer Risiken. Niedrigste wirksame Dosis und kürzest mögliche Behandlungsdauer wählen [FI1, FI3].
  • Metamizol ist bei gewöhnlicher leichter Dysurie kein Routinemittel. Anwendung nur bei entsprechender zugelassener Schmerzindikation und nach Nutzen-Risiko-Abwägung [FI2].
  • Butylscopolamin ist keine allgemeine Standardbehandlung der Dysurie. Allenfalls bei gesondert festgestellter spastischer Schmerzkomponente (krampfartigem Schmerzanteil) und geeigneter Indikation erwägen. Bei Nierenkolik bringt die routinemäßige Ergänzung eines NSAR durch ein Spasmolytikum keinen zusätzlichen analgetischen Nutzen [LL3, FI4].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Die folgenden Arzneimittel dienen der symptomatischen Analgesie. Dosierungen gelten für Erwachsene; Organfunktion, Körpergewicht, Begleitmedikation und die konkrete Fachinformation sind zu berücksichtigen.

Nichtsaure Nichtopioidanalgetika

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Bei Risikofaktoren niedrigere Tageshöchstdosis; bei Körpergewicht unter 50 kg, chronischem Alkoholismus, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) oder chronischer Unterernährung ohne ärztliche Anweisung höchstens 60 mg/kg/Tag, maximal 2 g/Tag; bei Leber- oder Nierenfunktionsstörung Dosis reduzieren bzw. Intervalle verlängern. Keine relevante antiphlogistische Wirkung; paracetamolhaltige Kombinationspräparate mitberücksichtigen [FI1].
Metamizol Nur bei zugelassener Schmerzindikation, etwa Koliken oder sonstigen starken Schmerzen, soweit andere therapeutische Maßnahmen nicht indiziert sind. Bei eingeschränkter Organfunktion wiederholte hohe Dosen vermeiden [FI2].
  • Wirkweise: Analgetisch und antipyretisch; die Wirkmechanismen sind nicht vollständig geklärt. Metamizol wirkt zusätzlich spasmolytisch.
  • Indikationen: Paracetamol bei leichten bis mäßig starken Schmerzen; Metamizol unter den oben genannten Einschränkungen [FI1, FI2].
  • Kontraindikationen: Wirkstoffüberempfindlichkeit; bei Metamizol insbesondere frühere Agranulozytose (starker Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen) durch Metamizol oder verwandte Wirkstoffe sowie Störungen der Knochenmarkfunktion oder Blutbildung. Weitere präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Paracetamol: insbesondere Hepatotoxizität (Leberschädigung) bei Überdosierung; Antidot ist N-Acetylcystein. Metamizol: Agranulozytose, anaphylaktische Reaktionen (schwere allergische Reaktionen), Hypotonie (niedriger Blutdruck) sowie mögliche Leber-, Nieren- und schwere Hautreaktionen [FI1, FI2].
  • Metamizol-Sicherheit: Bei Fieber, Schüttelfrost, Halsschmerzen oder schmerzhaften Schleimhautläsionen (wunden Stellen an den Schleimhäuten) sofort absetzen und umgehend Differenzialblutbild veranlassen; das Ergebnis nicht abwarten. Agranulozytose ist dosisunabhängig und auch nach früher problemloser Anwendung möglich. Antibiotika können Warnsymptome verschleiern [2].

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Nur kurzzeitig bei geeigneten Patienten. Bei Dehydratation, Nierenfunktionsstörung, Ulkusanamnese (früheren Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren) oder Antikoagulation besonders kritisch prüfen; nicht mit anderen NSAR kombinieren [FI3].
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit verminderter Prostaglandinsynthese; analgetisch, antipyretisch und antiphlogistisch.
  • Indikationen: Kurzzeitige Linderung leichter bis mäßig starker Schmerzen; kein Ersatz für eine indizierte Antibiotikatherapie [1, FI3].
  • Kontraindikationen: Unter anderem aktive bzw. wiederholte peptische Ulzera (Geschwüre im Magen oder Zwölffingerdarm) oder gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt), schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz), einschlägige NSAR-Überempfindlichkeit und drittes Schwangerschaftstrimenon (letztes Drittel der Schwangerschaft). Ab der 20. Schwangerschaftswoche nur bei zwingender ärztlicher Indikation [FI3].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ulzera und Blutungen, akute Nierenschädigung, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung), Blutdruckanstieg und Überempfindlichkeitsreaktionen; kardiovaskuläre Risiken insbesondere bei höheren Dosen und längerer Anwendung [FI3].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Anticholinerge Spasmolytika – ausschließlich bei gesonderter Indikation

Wirkstoff Besonderheiten
Butylscopolaminiumbromid Ärztliche Anwendung unter Beobachtung. Keine Routinegabe bei Dysurie; Harnverhaltung und anticholinerge Risiken beachten [FI4].
  • Wirkweise: Peripher antimuskarinisch, spasmolytisch.
  • Indikationen: Ausgewählte akute spastische Schmerzzustände im Rahmen der jeweiligen Zulassung; kein belegter allgemeiner Nutzen bei Dysurie.
  • Kontraindikationen: Insbesondere Harnverhaltung bei subvesikaler Obstruktion (Abflussbehinderung unterhalb der Blase), Engwinkelglaukom (bestimmte Form des Grünen Stars), Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) bzw. Tachyarrhythmie (beschleunigter unregelmäßiger Herzschlag), Myasthenia gravis (Erkrankung mit belastungsabhängiger Muskelschwäche), mechanische gastrointestinale Stenosen (Verengungen im Magen-Darm-Trakt), Ileus (Darmverschluss) und Megakolon (krankhafte Erweiterung des Dickdarms) [FI4].
  • Nebenwirkungen: Unter anderem Mundtrockenheit, Tachykardie, Akkommodationsstörungen (Probleme beim Scharfstellen der Augen) und Harnverhaltung; parenteral auch Hypotonie und anaphylaktische Reaktionen [FI4].

Beachte

  • Dringliche Abklärung bei Fieber, Schüttelfrost, Flankenschmerzen (Schmerzen seitlich am Rücken), deutlich reduziertem Allgemeinzustand, sichtbarer Hämaturie (sichtbarem Blut im Urin) mit Koageln (Blutgerinnseln) oder fehlender Blasenentleerung. Eine infizierte Obstruktion ist ein urologischer Notfall [LL2, LL3].
  • Bei Schwangerschaft, Kindern, Männern sowie relevanten anatomischen oder funktionellen Harnwegsveränderungen sind Diagnostik und Behandlung an die jeweilige Risikokonstellation anzupassen [LL1, LL2].
  • Bei Verschlechterung sofort, bei fehlender Besserung innerhalb von etwa 48 Stunden erneut beurteilen; Diagnose, Urinkultur und Therapieanpassung prüfen. Analgetika können Fieber und Schmerzen abschwächen, ohne die Ursache zu beseitigen [LL2].

Abkürzungsverzeichnis

  • AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
  • BMJ: British Medical Journal
  • bzw.: beziehungsweise
  • doi: Digital Object Identifier; dauerhafte Kennzeichnung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung
  • EAU: European Association of Urology; Europäische Gesellschaft für Urologie
  • FI: Fachinformation
  • g: Gramm
  • kg: Kilogramm
  • LL: Leitlinie
  • LUTS: Lower Urinary Tract Symptoms; Beschwerden des unteren Harntrakts
  • mg: Milligramm
  • ml: Milliliter
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika
  • S3: Leitlinienklasse mit systematischer Evidenzbewertung und strukturierter Konsensfindung

Literatur

  1. Gágyor I, Bleidorn J, Kochen MM et al.: Ibuprofen versus fosfomycin for uncomplicated urinary tract infection in women: randomised controlled trial. BMJ 2015;351:h6544. doi: 10.1136/bmj.h6544.
  2. European Medicines Agency: Metamizole-containing medicinal products – referral. Risikominimierungsmaßnahmen zur Agranulozytose; verbindliche Entscheidung der Europäischen Kommission vom 22. November 2024. Sicherheitsbewertung.

Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen. AWMF-Registernummer: 043-044, Aktualisierung 2024, Version 3.0 Langfassung [LL1].
  2. European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Infections. Ausgabe 2026. Leitlinientext [LL2].
  3. European Association of Urology: EAU Guidelines on Urolithiasis. Ausgabe 2026. Leitlinientext [LL3].
  4. European Association of Urology: EAU Guidelines on Non-neurogenic Female Lower Urinary Tract Symptoms (LUTS). Ausgabe 2026. Disease Management [LL4].

Fachinformationen

  1. Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Fachinformation, Dezember 2024. Fachinformation [FI1].
  2. Novalgin 500 mg Filmtabletten. Fachinformation, November 2024. Fachinformation [FI2].
  3. IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation, November 2024. Fachinformation [FI3].
  4. Buscopan Ampullen 20 mg/1 ml Injektionslösung. Fachinformation [FI4].