Probiotika und Präbiotika: Klassifikation, Wirkmechanismen und gesundheitliche Bedeutung

Probiotika und Präbiotika gehören nicht zu den klassischen Mikronährstoffen, da sie weder Vitamine noch Mineralstoffe, Spurenelemente oder essentielle Nährstoffe darstellen. Aufgrund ihrer Bedeutung für die intestinale Mikrobiota (Gesamtheit der im Darm lebenden Mikroorganismen), den mikrobiellen Stoffwechsel und die Darmbarriere werden sie jedoch den funktionell bedeutsamen Bestandteilen der Mikronährstoffmedizin zugeordnet.

Beide Stoffgruppen beeinflussen die Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Mikroorganismen und menschlichem Organismus auf unterschiedliche Weise. Probiotika führen ausgewählte lebende Mikroorganismen zu, während Präbiotika bestimmten Mikroorganismen gezielt verwertbare Substrate bereitstellen. Die daraus resultierenden Wirkungen können lokal im Darmlumen und an der Darmschleimhaut oder indirekt über mikrobielle Stoffwechselprodukte vermittelt werden.

Die gesundheitliche Bedeutung eines Probiotikums bzw. Präbiotikums lässt sich nicht allein aus allgemeinen biologischen Eigenschaften, einer Veränderung der Zusammensetzung der Mikrobiota oder experimentell nachgewiesenen Wirkmechanismen ableiten. Für die klinische Bewertung sind der verwendete Mikroorganismus bzw. das konkrete Substrat, die Zusammensetzung des Produkts, die Dosis, die Anwendungsdauer, die Zielpopulation und die untersuchte Indikation entscheidend.

Definition

Probiotika sind lebende Mikroorganismen, die dem Menschen in ausreichender Menge zugeführt werden und einen gesundheitlichen Nutzen vermitteln. Dabei kann es sich um einzelne Bakterienstämme, definierte Kombinationen verschiedener Mikroorganismen oder bestimmte Hefen handeln. Häufig verwendete Mikroorganismen stammen unter anderem aus der Gruppe der Laktobazillen (Milchsäurebakterien) und Bifidobakterien; auch einzelne Hefestämme wie Saccharomyces boulardii werden eingesetzt.

Probiotische Eigenschaften können nicht pauschal aus der Zugehörigkeit zu einer Bakteriengattung oder -art abgeleitet werden. Für konkrete medizinische Aussagen muss die wissenschaftliche Evidenz möglichst mit dem tatsächlich verwendeten Mikroorganismus, der eingesetzten Formulierung, der Dosis und der untersuchten Patientengruppe übereinstimmen. Ergebnisse zu einem bestimmten Stamm oder Produkt sind daher nicht ohne Weiteres auf andere Stämme, Mischungen oder Darreichungsformen übertragbar.

Präbiotika sind Substrate, die von Mikroorganismen des Menschen selektiv verwertet werden und dadurch einen gesundheitlichen Nutzen vermitteln. Die Definition ist nicht auf Ballaststoffe oder den Darm beschränkt. Im ernährungsmedizinischen Kontext stehen jedoch überwiegend nicht oder nur unvollständig verdauliche Kohlenhydrate im Mittelpunkt, die von der intestinalen Mikrobiota metabolisiert werden.

Zu den am besten untersuchten präbiotischen Substraten gehören bestimmte Inulin-Typ-Fruktane, Fructooligosaccharide, Galactooligosaccharide, Humanmilch-Oligosaccharide und einzelne Formen resistenter Stärke. Die Zugehörigkeit zu einer dieser Stoffgruppen reicht für die Einstufung als Präbiotikum allein nicht aus. Erforderlich sind die selektive mikrobielle Verwertung und ein nachgewiesener gesundheitlicher Nutzen des konkret untersuchten Substrats.

Resorption, Transport und Verteilung

Eine körpereigene Synthese von Probiotika oder Präbiotika im Sinne der Bildung klassischer Mikronährstoffe findet nicht statt. Die intestinale Mikrobiota entwickelt sich jedoch bereits ab der Geburt und wird durch Ernährung, Lebensalter, Umwelt, Erkrankungen, Arzneimittel und zahlreiche weitere Faktoren geprägt. Zugeführte probiotische Mikroorganismen ergänzen diese bestehende mikrobielle Gemeinschaft meist nur vorübergehend.

Probiotische Mikroorganismen werden durch kontrollierte Kultivierung und Fermentation gewonnen. Während Herstellung, Verarbeitung, Lagerung und gastrointestinaler Passage müssen sie in ausreichender Zahl lebensfähig bleiben. Temperatur, Feuchtigkeit, Sauerstoff, Verpackung, Trägermaterial und Haltbarkeitsdauer können die Überlebensfähigkeit erheblich beeinflussen.

Nach oraler Aufnahme gelangen die Mikroorganismen zunächst in den Magen und anschließend in den Dünn- und Dickdarm. Dabei sind sie Magensäure, Verdauungsenzymen, Gallensäuren, osmotischen Veränderungen und der Konkurrenz durch die residente Mikrobiota ausgesetzt. Die Widerstandsfähigkeit gegenüber diesen Bedingungen unterscheidet sich zwischen den Mikroorganismen und wird zusätzlich durch die Darreichungsform beeinflusst.

Die meisten Probiotika besiedeln den Darm nicht dauerhaft. Sie sind während der Einnahme und für eine begrenzte Zeit danach im Stuhl oder an der Darmschleimhaut nachweisbar. Ihre Wirkung setzt daher keine dauerhafte Ansiedlung voraus. Sie können bereits während der Passage durch den Darm mit residenten Mikroorganismen, Nahrungsbestandteilen, Schleimschicht, Darmepithel und Immunzellen interagieren.

Eine Aufnahme lebender probiotischer Mikroorganismen in den Blutkreislauf ist nicht Bestandteil der angestrebten Wirkung. Der Übertritt von Mikroorganismen durch die Darmbarriere wird als mikrobielle Translokation (Übertritt von Mikroorganismen aus dem Darm in normalerweise keimfreie Körperbereiche) bezeichnet und kann insbesondere bei schwerer Schädigung der Darmschleimhaut klinisch relevant sein.

Präbiotische Substrate kommen natürlicherweise in Lebensmitteln vor, können aus pflanzlichen oder tierischen Ausgangsstoffen isoliert oder enzymatisch bzw. biotechnologisch hergestellt werden. Für eine Wirkung im Dickdarm müssen sie der Verdauung und Resorption im oberen Magen-Darm-Trakt zumindest teilweise entgehen.

Im Dickdarm werden die Substrate durch Mikroorganismen mit geeigneter enzymatischer Ausstattung fermentiert. Art und Ausmaß der Verwertung hängen von der chemischen Struktur, dem Polymerisationsgrad (Anzahl miteinander verbundener Bausteine), der Löslichkeit, der aufgenommenen Menge, der Passagezeit und der individuellen Zusammensetzung der Mikrobiota ab.

Bei der mikrobiellen Fermentation entstehen unter anderem kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat sowie Gase und weitere Metaboliten (Stoffwechselprodukte). Butyrat wird überwiegend von den Zellen der Dickdarmschleimhaut genutzt. Acetat und Propionat können resorbiert, über die Pfortader zur Leber transportiert und teilweise in den systemischen Stoffwechsel einbezogen werden. Die Wirkung eines Präbiotikums kann daher sowohl durch Veränderungen mikrobieller Funktionen als auch durch die gebildeten Metaboliten vermittelt werden.

Funktionen

Probiotika können über unterschiedliche ökologische, metabolische und immunologische Mechanismen wirken. Welche Mechanismen klinisch relevant sind, hängt vom jeweiligen Mikroorganismus und von den Bedingungen im Wirtsorganismus ab.

Zu den möglichen Wirkmechanismen gehören die Konkurrenz mit potentiell krankheitserregenden Mikroorganismen um Nährstoffe und Bindungsstellen, die Bildung organischer Säuren oder antimikrobieller Substanzen, die Beeinflussung des lokalen pH-Werts sowie die Unterstützung der Kolonisationsresistenz (Widerstand der vorhandenen Mikrobiota gegen die Ansiedlung unerwünschter Mikroorganismen).

Einzelne Probiotika können die Darmbarriere beeinflussen. Diese umfasst die Schleimschicht, die miteinander verbundenen Darmepithelzellen, antimikrobielle Substanzen und lokale Immunstrukturen. Mögliche Wirkungen betreffen die Schleimbildung, die Verbindungen zwischen benachbarten Epithelzellen, die Regeneration des Darmepithels und die Kommunikation zwischen Mikroorganismen und Immunzellen.

Ferner können probiotische Mikroorganismen Bestandteile der Nahrung oder mikrobielle Metaboliten umsetzen, Gallensäuren verändern, Vitamine oder andere bioaktive Stoffe bilden und Immunreaktionen modulieren. Ob die dabei gebildeten Mengen für die Versorgung des Menschen relevant sind, muss jedoch für den jeweiligen Mikroorganismus und die konkrete Anwendung nachgewiesen werden.

Bestimmte lebende Joghurtkulturen können durch ihre mikrobielle Beta-Galactosidase (Enzym zur Spaltung von Lactose) die Lactoseverdauung bei Menschen mit eingeschränkter Lactoseverdauung verbessern. Dieses Beispiel zeigt, dass ein gesundheitlicher Effekt auch durch eine enzymatische Aktivität während der Darmpassage vermittelt werden kann, ohne dass eine dauerhafte Besiedlung des Darms erforderlich ist.

Präbiotika wirken primär über ihre selektive Verwertung durch geeignete Mikroorganismen. Dadurch können sich deren Aktivität, Stoffwechsel und relative Häufigkeit verändern. Entscheidend ist nicht allein eine Zunahme bestimmter Bakteriengruppen, sondern der daraus resultierende gesundheitliche Nutzen.

Die Bildung kurzkettiger Fettsäuren kann das Milieu im Dickdarm beeinflussen, zur Energieversorgung des Darmepithels beitragen und an der Regulation von Barrierefunktion, Immunantwort, Darmmotilität sowie Glucose- und Fettstoffwechsel beteiligt sein. Diese Effekte sind jedoch nicht bei jedem präbiotischen Substrat, jeder Dosis und jeder Person gleichermaßen ausgeprägt.

Einzelne Präbiotika können die Stuhlkonsistenz und -frequenz beeinflussen, die Verwertung bestimmter Mineralstoffe unterstützen oder immunologische und metabolische Funktionen modulieren. Auch hier ist eine substanz- und indikationsspezifische Bewertung erforderlich.

Veränderungen der Zusammensetzung der Mikrobiota oder der Konzentration einzelner Metaboliten sind zunächst biologische Zwischenparameter. Sie belegen für sich allein noch keinen klinisch relevanten Nutzen. Für medizinische Empfehlungen sind patientenrelevante Endpunkte wie Symptomverbesserung, Verkürzung einer Erkrankungsdauer, Verminderung von Komplikationen oder Verbesserung der Lebensqualität maßgeblich.

Mangelsymptome

Für Probiotika und Präbiotika sind keine klassischen Mangelerkrankungen definiert. Sie gelten nicht als essentielle Nährstoffe, für die ein notwendiger täglicher Bedarf, charakteristische Mangelsymptome oder diagnostische Grenzwerte festgelegt wurden.

Auch eine Dysbiose (ungünstige Veränderung der Zusammensetzung oder Funktion der Mikrobiota) kann nicht mit einem Probiotika- oder Präbiotikamangel gleichgesetzt werden. Der Begriff beschreibt unterschiedliche qualitative oder funktionelle Veränderungen mikrobieller Gemeinschaften, für die bislang keine allgemein verbindliche Definition und keine einheitlichen diagnostischen Grenzwerte bestehen.

Eine langfristig ballaststoffarme und wenig vielfältige Ernährung kann die Verfügbarkeit mikrobiell fermentierbarer Substrate vermindern und dadurch die Zusammensetzung und Stoffwechselaktivität der intestinalen Mikrobiota verändern. Daraus lässt sich jedoch weder ein spezifischer Präbiotikamangel noch automatisch die Notwendigkeit einer Supplementierung ableiten.

Risikogruppen

Die Zusammensetzung und Funktion der intestinalen Mikrobiota kann unter anderem durch Antibiotikatherapien, gastrointestinale Infektionen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, größere gastrointestinale Operationen, ausgeprägte Ernährungsumstellungen und eine längerfristig sehr einseitige Ernährung verändert werden.

Auch bei Frühgeborenen, älteren Menschen, multimorbiden Patienten (Menschen mit mehreren gleichzeitig bestehenden Erkrankungen), Patienten mit Kurzdarmsyndrom, exokriner Pankreasinsuffizienz (unzureichende Bildung von Verdauungsenzymen durch die Bauchspeicheldrüse) oder langfristiger enteraler (Sondennahrung) oder parenteraler Ernährung (Nährstoffzufuhr unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts direkt über die Vene) können besondere mikrobiologische und ernährungsmedizinische Bedingungen vorliegen.

Solche Veränderungen begründen jedoch keine pauschale Indikation für ein beliebiges Probiotikum oder Präbiotikum. Die klinische Entscheidung muss auf einer für das konkrete Produkt, die Dosis und die jeweilige Indikation geeigneten Evidenz beruhen.

Eine besondere Nutzen-Risiko-Abwägung ist bei schwer immunsupprimierten Patienten, kritisch kranken Patienten, Frühgeborenen, Patienten mit zentralvenösen Kathetern, ausgeprägter Schädigung der Darmbarriere oder stark eingeschränkter Allgemeinsituation erforderlich. In diesen Gruppen können seltene invasive Infektionen durch zugeführte Mikroorganismen eine größere klinische Bedeutung erlangen.

Nebenwirkungen

Probiotika werden von gesunden Menschen häufig gut vertragen. Zu den möglichen vorübergehenden Nebenwirkungen gehören vermehrte Gasbildung, Blähungen, abdominelles Druckgefühl, Bauchschmerzen und Veränderungen der Stuhlkonsistenz. Die Beschwerden können insbesondere zu Beginn der Einnahme oder bei gleichzeitiger Aufnahme fermentierbarer Substrate auftreten.

Bei entsprechend gefährdeten Patienten sind selten Bakteriämien (Nachweis von Bakterien im Blut), Fungämien (Nachweis von Pilzen oder Hefen im Blut) und andere invasive Infektionen durch den zugeführten Mikroorganismus beschrieben worden. Das Risiko hängt unter anderem vom verwendeten Mikroorganismus, der Grunderkrankung, der Integrität der Darmbarriere, dem Vorliegen intravasaler Katheter und der Produktqualität ab.

Bei Patienten mit Kurzdarmsyndrom oder erheblich veränderter Darmfunktion müssen zusätzlich mikrobielle Stoffwechselwirkungen berücksichtigt werden. Je nach Mikroorganismus können beispielsweise eine übermäßige Bildung organischer Säuren oder andere metabolische Besonderheiten klinisch relevant sein.

Präbiotika können dosisabhängig zu Blähungen, abdominellen Schmerzen (Bauchschmerzen), Völlegefühl, verstärkten Darmgeräuschen und Diarrhoe (Durchfall) führen. Ursache sind unter anderem die rasche mikrobielle Fermentation, Gasbildung und osmotische Wasserbindung im Darm. Die Verträglichkeit hängt von Substrat, Dosis, individueller Mikrobiota, Darmtransit und bestehenden gastrointestinalen Erkrankungen ab.

Interaktionen (Wechselwirkungen)

Antibiotika können die Lebensfähigkeit gleichzeitig eingenommener bakterieller Probiotika beeinträchtigen, sofern der betreffende Mikroorganismus gegenüber dem verwendeten Antibiotikum empfindlich ist. Ein zeitlicher Abstand kann bei einzelnen Präparaten sinnvoll sein, ersetzt jedoch nicht die mikroorganismen- und antibiotikaspezifische Bewertung. Für einen einheitlichen Abstand bestehen keine produktunabhängigen Vorgaben.

Probiotische Hefen werden durch antibakterielle Arzneimittel nicht unmittelbar inaktiviert, können jedoch durch Antimykotika (Arzneimittel gegen Pilzinfektionen) beeinträchtigt werden. Die gleichzeitige Anwendung von Saccharomyces boulardii und systemisch oder lokal im Darm wirksamen Antimykotika ist daher kritisch zu prüfen.

Eine immunsuppressive Therapie verursacht nicht zwangsläufig eine unmittelbare pharmakologische Wechselwirkung mit Probiotika. Sie kann jedoch das Risiko einer invasiven Infektion verändern und ist deshalb bei der Nutzen-Risiko-Bewertung zu berücksichtigen.

Präbiotika können die Fermentation anderer Kohlenhydrate verstärken. Dies ist insbesondere bei Menschen mit Reizdarmsyndrom oder einer Ernährung mit reduziertem Gehalt an fermentierbaren Oligosacchariden, Disacchariden, Monosacchariden und Polyolen zu beachten. Nicht jedes Präbiotikum ist für eine solche Ernährung geeignet.

Die intestinale Mikrobiota ist an der Verstoffwechselung verschiedener Arzneimittel beteiligt. Obwohl Probiotika und Präbiotika diese mikrobielle Stoffwechselaktivität grundsätzlich beeinflussen können, lassen sich daraus bislang keine allgemeinen Empfehlungen zur Anpassung von Arzneimitteldosierungen ableiten.

Versorgungssituation

Für Probiotika und Präbiotika stehen keine etablierten Laborparameter zur Verfügung, anhand derer eine individuelle Versorgung oder ein Mangel zuverlässig diagnostiziert werden könnte. Es existieren weder anerkannte Serumkonzentrationen noch verbindliche Referenzbereiche für die Zusammensetzung einer gesunden intestinalen Mikrobiota.

Kommerzielle Stuhluntersuchungen können die relative Häufigkeit nachweisbarer Mikroorganismen oder bestimmter mikrobieller Gene erfassen. Aus einer einzelnen Stuhlprobe lässt sich jedoch in der Regel nicht zuverlässig ableiten, welches Probiotikum oder Präbiotikum benötigt wird. Die Ergebnisse werden durch Probengewinnung, Transport, Analysemethode, Ernährung, Stuhlkonsistenz und kurzfristige biologische Schwankungen beeinflusst.

Die natürliche Aufnahme fermentierbarer Substrate hängt wesentlich von der Lebensmittelauswahl ab. Eine pflanzenbetonte und abwechslungsreiche Ernährung führt in der Regel zu einer größeren Vielfalt an Ballaststoffen und anderen mikrobiell verwertbaren Verbindungen als eine stark verarbeitete und ballaststoffarme Ernährung. Die gesamte Ballaststoffzufuhr ist jedoch nicht mit der Zufuhr wissenschaftlich definierter Präbiotika gleichzusetzen.

Bei probiotischen Produkten sind die eindeutige taxonomische Bezeichnung, die enthaltene Menge lebensfähiger Mikroorganismen, die empfohlene Tagesdosis, Lagerungsbedingungen und Haltbarkeit entscheidend. Die angegebene Mikroorganismenmenge sollte für den Zeitpunkt gelten, bis zu dem das Produkt bestimmungsgemäß verwendet werden kann, und nicht nur für den Herstellungszeitpunkt.

Sicherheitsbewertung

Die Sicherheitsbewertung eines Probiotikums erfolgt mikroorganismen-, produkt- und zielgruppenspezifisch. Eine lange Verwendungsgeschichte einer Bakterienart kann die Bewertung unterstützen, ersetzt jedoch nicht die Prüfung des tatsächlich eingesetzten Stammes und des fertigen Produkts.

Zu berücksichtigen sind die eindeutige Identität des Mikroorganismus, mögliche Virulenzfaktoren, Toxinbildung, unerwünschte metabolische Eigenschaften, übertragbare Antibiotikaresistenzen, die Fähigkeit zur Translokation sowie die gesundheitliche Situation der Zielgruppe. Auch mikrobiologische Reinheit, Kontaminationen, Herstellungsverfahren, Stabilität und korrekte Kennzeichnung gehören zur Sicherheitsbewertung.

Ein für gesunde Erwachsene als sicher bewerteter Mikroorganismus ist nicht automatisch für Frühgeborene, schwer immunsupprimierte oder kritisch kranke Patienten geeignet. Ebenso kann eine Sicherheitsbewertung auf Ebene einer Art oder taxonomischen Gruppe eine produkt- und patientenspezifische klinische Beurteilung nicht vollständig ersetzen.

Bei Präbiotika stehen die chemische Reinheit, die Verdaulichkeit, Fermentierbarkeit, osmotische Wirkung, mögliche Verunreinigungen und die gastrointestinale Verträglichkeit im Vordergrund. Die Sicherheit ist von der Dosis und der Zielpopulation abhängig. Besondere Anforderungen gelten unter anderem für Säuglingsnahrung und medizinische Ernährung.

Zufuhr

Für Probiotika und Präbiotika bestehen keine allgemeinen Referenzwerte für die tägliche Zufuhr und keine einheitlichen sicheren Höchstmengen. Die angemessene Zufuhr richtet sich nach dem konkreten Mikroorganismus oder Substrat, der Formulierung, der Indikation, der Zielgruppe und der vorgesehenen Anwendungsdauer.

Die Menge probiotischer Mikroorganismen wird üblicherweise in koloniebildenden Einheiten (KBE; Maß für die Anzahl vermehrungsfähiger Mikroorganismen) angegeben. Eine höhere Keimzahl bedeutet nicht automatisch eine stärkere oder bessere Wirkung. Maßgeblich ist die Dosis, deren Wirksamkeit und Sicherheit für das jeweilige Produkt oder einen ausreichend vergleichbaren Mikroorganismus untersucht wurde.

Auch bei Mischpräparaten kann die Gesamtzahl der Mikroorganismen die tatsächlichen Mengen der einzelnen Bestandteile verschleiern. Für eine wissenschaftliche Beurteilung sollten daher die enthaltenen Mikroorganismen und ihre jeweiligen Mengen nachvollziehbar angegeben sein.

Präbiotika werden meist in Gramm dosiert. Die wirksame und verträgliche Menge unterscheidet sich je nach Substrat erheblich. Bei empfindlichen Personen kann eine niedrige Anfangsdosis mit langsamer Steigerung die gastrointestinale Verträglichkeit verbessern. Eine übermäßig rasche oder hohe Zufuhr erhöht häufig die Gasbildung und osmotisch bedingte Beschwerden.

Eine prophylaktische oder therapeutische Anwendung sollte sich an der für die konkrete Indikation verfügbaren Evidenz orientieren. Allgemeine Aussagen wie „Unterstützung der Darmflora“ reichen nicht aus, um eine medizinische Wirksamkeit oder geeignete Dosierung zu begründen.

Lebensmittel

Probiotische Mikroorganismen können in gezielt hergestellten fermentierten Lebensmitteln enthalten sein. Dazu gehören insbesondere bestimmte Joghurts und fermentierte Milchprodukte mit definierten lebenden Kulturen. Ob ein Lebensmittel als probiotisch einzustufen ist, hängt jedoch nicht allein vom Nachweis lebender Mikroorganismen ab, sondern zusätzlich von einem belegten gesundheitlichen Nutzen in ausreichender Aufnahmemenge.

Fermentierte Lebensmittel wie Kefir, Sauerkraut, Kimchi, fermentiertes Gemüse, Käse, Miso, Tempeh oder Natto sind daher nicht grundsätzlich Probiotika. Die enthaltenen Mikroorganismen können nicht eindeutig charakterisiert, in ihrer Menge variabel, während der Lagerung vermindert oder durch Erhitzung bzw. Pasteurisierung abgetötet worden sein.

Unabhängig von einer probiotischen Einstufung können fermentierte Lebensmittel ernährungsphysiologisch wertvoll sein. Ihre Wirkungen dürfen jedoch nicht ohne entsprechende Untersuchungen den Wirkungen klinisch geprüfter probiotischer Stämme gleichgesetzt werden.

Natürliche Lebensmittelquellen für mikrobiell fermentierbare Substrate sind unter anderem Chicorée, Topinambur, Zwiebeln, Knoblauch, Lauch, Artischocken, Spargel, Hülsenfrüchte, Hafer, Gerste, Roggen und bestimmte Bananen. Stärkehaltige Lebensmittel wie Kartoffeln, Reis oder Teigwaren können nach dem Garen und Abkühlen erhöhte Mengen resistenter Stärke enthalten.

Diese Lebensmittel enthalten unterschiedliche Fruktane, Oligosaccharide, resistente Stärken und weitere Ballaststoffe. Nicht jeder darin enthaltene Ballaststoff ist automatisch ein Präbiotikum im wissenschaftlichen Sinne. Eine vielfältige Auswahl pflanzlicher Lebensmittel stellt jedoch verschiedene Substrate für die intestinale Mikrobiota bereit.

Humanmilch enthält eine komplexe Mischung aus Humanmilch-Oligosacchariden. Diese werden vom Säugling größtenteils nicht verdaut, sondern von ausgewählten Mikroorganismen der kindlichen Darmmikrobiota verwertet. Sie stellen ein physiologisch bedeutsames Beispiel für präbiotisch wirksame Substrate dar.

Probiotika und Präbiotika im DocMedicus Vitalstoff-Lexikon

Das DocMedicus Vitalstoff-Lexikon bietet vertiefende Fachinformationen zu Probiotika. Die Beiträge behandeln Definition und wissenschaftliche Klassifikation, Herstellung bzw. Herkunft, gastrointestinale Passage, mikrobielle Verwertung, Transport und Verteilung der entstehenden Metaboliten sowie die physiologischen und klinisch untersuchten Funktionen.

Ferner werden mögliche Mangelsituationen und Risikokonstellationen, Nebenwirkungen, Interaktionen, Versorgungssituation, Sicherheitsbewertung, untersuchte Zufuhrmengen und geeignete Lebensmittelquellen dargestellt. Bei Probiotika werden insbesondere die mikroorganismen-, produkt-, dosis- und indikationsspezifischen Unterschiede berücksichtigt; bei Präbiotika stehen die chemische Struktur, selektive mikrobielle Verwertung und individuelle Verträglichkeit im Mittelpunkt.

Die in diesem Übersichtsartikel behandelten Probiotika werden im DocMedicus Vitalstoff-Lexikon jeweils in eigenständigen Fachbeiträgen dargestellt. Die zugehörigen wissenschaftlichen Quellen sind dort substanzbezogen vollständig dokumentiert und umfassen – abhängig von der jeweiligen Evidenzlage – Leitlinien, systematische Reviews, Metaanalysen und relevante Originalarbeiten.