Mikronährstofftherapie bei Adipositas
Bei Adipositas (krankhaft vermehrtem Körperfett) kann eine hohe Energiezufuhr mit einer unzureichenden Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und weiteren Mikronährstoffen (Vitalstoffen) einhergehen. Entscheidend sind die Lebensmittelauswahl, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und die jeweilige Behandlung. Insbesondere während einer deutlichen Einschränkung der Nahrungszufuhr müssen mögliche Versorgungslücken berücksichtigt werden [1].
Die Mikronährstofftherapie dient der Vorbeugung und Behandlung begründeter Mangelzustände. Sie ergänzt die Adipositasbehandlung mit Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie sowie bei entsprechender Indikation mit Medikamenten oder operativen Verfahren [LL1, LL2].
Ursachen für Mikronährstoffmängel
- Geringe Nährstoffdichte: Eine energiereiche Ernährung kann zu wenig essentielle Mikronährstoffe liefern. Für die Versorgung zählt deshalb auch, welche Lebensmittel gegessen werden [1].
- Stark eingeschränkte Nahrungszufuhr: Einseitige Reduktionskost, ausgeprägte Appetitminderung und anhaltende gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) können Versorgungslücken begünstigen [1].
- Medikamentöse Einflüsse: Eine längerfristige Metformintherapie bei gleichzeitigem Typ-2-Diabetes kann das Risiko eines Vitamin-B12-Mangels erhöhen [2].
- Bariatrische Operationen (operative Eingriffe zur Behandlung von starkem Übergewicht): Sie verändern die Nahrungsaufnahme und je nach Verfahren auch die Resorption (Aufnahme aus dem Darm). Hier gelten besondere Anforderungen an Supplementierung und Nachsorge [LL4].
Zusätzlich können Entzündungsreaktionen die gemessenen Blutkonzentrationen einzelner Mikronährstoffe verändern. Ein auffälliger Laborwert muss deshalb gemeinsam mit Ernährung, Beschwerden und Begleiterkrankungen beurteilt werden [LL2].
Diagnostik des Mikronährstoffstatus
Am Anfang stehen eine Ernährungs- und Medikamentenanamnese (Erhebung der Ernährungsgewohnheiten und eingenommenen Medikamente), die Erfassung bereits verwendeter Supplemente und die klinische Untersuchung. Laboruntersuchungen werden nach konkretem Verdacht und Risikoprofil ausgewählt. Aus diesen Empfehlungen ergibt sich keine Indikation für ein umfassendes, einheitliches Mikronährstoffscreening allein aufgrund einer Adipositas [LL2].
| Mikronährstoff (Vitalstoff) | Anlass zur gezielten Abklärung | Diagnostische Einordnung |
| Eisen | Anämie (Blutarmut), Blutverluste oder klinischer Mangelverdacht | Blutbild, Ferritin (Eisenspeicherprotein), Transferrinsättigung (Maß für die Eisenbeladung des Transportproteins) und C-reaktives Protein (CRP; Entzündungsmarker) gemeinsam beurteilen. Entzündung kann Ferritin erhöhen [LL2]. |
| Vitamin B12 | Mangelverdacht unter Metformin, beispielsweise bei Anämie oder neu aufgetretener Neuropathie (Nervenschädigung) | Bei Mangelverdacht Vitamin B12 bestimmen; bei Risikofaktoren auch ohne Beschwerden regelmäßige Kontrollen erwägen [2]. |
| Vitamin D | Zusätzliche medizinische Indikation, beispielsweise Hypocalcämie (zu niedriger Calciumspiegel im Blut) | 25-Hydroxyvitamin D als Statusmarker. Adipositas allein begründet bei ansonsten gesunden Erwachsenen kein routinemäßiges Screening [LL3]. |
| Weitere Mikronährstoffe | Ausgeprägte Ernährungseinschränkung, passende Beschwerden oder vorausgegangene bariatrische Operation | Untersuchung gezielt erweitern, beispielsweise um Folatstatus, Zink oder Kupfer; nach Operationen verfahrensbezogene Nachsorge beachten [LL2, LL4]. |
Vitamin D – Diagnostik und gezielte Substitution
Bei Adipositas werden häufig niedrigere 25-Hydroxyvitamin-D-Konzentrationen beobachtet. Daraus folgt jedoch keine generelle Indikation für hoch dosierte Präparate. Die Endocrine Society empfiehlt für ansonsten gesunde Erwachsene mit Adipositas ohne weitere Untersuchungsindikation keine routinemäßige Vitamin-D-Spiegelbestimmung. Die Empfehlung betrifft die Krankheitsprävention und ersetzt keine gezielte Diagnostik oder Therapie bei begründetem Mangelverdacht [LL3].
Eine Metaanalyse von 2025 mit 25 randomisierten kontrollierten Studien (Studien mit zufälliger Behandlungszuordnung) bei Erwachsenen mit Übergewicht, Adipositas oder metabolischen Erkrankungen zeigte insgesamt keinen signifikanten Effekt der Vitamin-D-Supplementierung auf Körpergewicht oder Taillenumfang. Die Studien unterschieden sich unter anderem hinsichtlich Begleiterkrankungen, Dosierung und Behandlungsdauer. Eine Vitamin-D-Supplementierung ist zur Gewichtsreduktion bei Adipositas nicht als wirksame Therapie etabliert [3].
Bei behandlungsbedürftigem Vitamin-D-Mangel richten sich Präparat, Dosis und Verlaufskontrollen nach Ausgangsbefund, Resorptionsbedingungen und Begleiterkrankungen. Die Präventionsleitlinie der Endocrine Society enthält hierfür kein allgemeines Behandlungsschema [LL2, LL3].
Eisen, Vitamin B12 und weitere Mikronährstoffe gezielt substituieren
Bei nachgewiesenem Eisenmangel muss neben der Substitution die Ursache abgeklärt werden, insbesondere ein möglicher Blutverlust. Ein isoliert niedriger Serumeisenwert reicht für die Diagnose nicht aus; auch ein normales oder erhöhtes Ferritin schließt bei Entzündung einen Mangel nicht sicher aus [LL2].
Bei Vitamin-B12-Mangel unter Metformin ist eine angemessene Behandlung erforderlich. Metformin kann bei fortbestehender Indikation und guter Verträglichkeit in der Regel weitergegeben werden. Das Risiko eines Mangels steigt unter anderem mit Dosis und Behandlungsdauer [2].
Für weitere Mikronährstoffe richtet sich die Substitution nach Art und Ausmaß des Defizits. Die Wahl zwischen oraler Behandlung (Einnahme über den Mund) und parenteraler Behandlung (Gabe unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts, beispielsweise als Injektion) hängt vom jeweiligen Mikronährstoff, der Resorptionsfähigkeit und der klinischen Dringlichkeit ab [LL2].
Mikronährstoffversorgung während der Gewichtsreduktion
Eine energiereduzierte Ernährung sollte eine möglichst hohe Nährstoffdichte aufweisen, also viele essentielle Nährstoffe im Verhältnis zum Energiegehalt liefern. Dazu können Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, geeignete Proteinquellen und Calciumquellen beitragen. Auswahl und Portionsgrößen müssen zu Verträglichkeit, Begleiterkrankungen und Therapiezielen passen [1].
Bei längerfristig sehr geringer oder stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme kann ein geeignetes Multivitamin-Mineralstoff-Präparat zur Ergänzung sinnvoll sein. Zusammensetzung und Dosierung richten sich nach der tatsächlichen Ernährung und bereits verwendeten Präparaten. Ein solches Präparat ersetzt weder eine ausreichende Ernährung noch die gezielte Behandlung eines ausgeprägten Einzelmangels [1, LL2].
Auch Muskelerhalt und körperliche Funktion gehören zur Ernährungstherapie. Mikronährstoffe ersetzen weder eine ausreichende Proteinzufuhr noch ein angepasstes Krafttraining [1].
Besonderheiten unter medikamentöser Adipositastherapie
Unter Rezeptoragonisten des Glucagon-ähnlichen Peptids 1 (GLP-1-Rezeptoragonisten; Medikamente, die unter anderem Appetit und Sättigung beeinflussen), beispielsweise Semaglutid ("Abnehmspritze"), kann die Nahrungsaufnahme deutlich abnehmen. Übelkeit und Erbrechen können die Versorgung zusätzlich beeinträchtigen. Das gemeinsame Beratungspapier mehrerer Fachgesellschaften von 2025 betont deshalb die Ernährungsbeurteilung vor und während der Behandlung sowie eine bedarfsgerechte Ergänzung [1].
Anhaltendes Erbrechen, kaum mögliche Nahrungsaufnahme und deutliche Schwäche erfordern eine zeitnahe ärztliche Beurteilung. Neben der Nährstoffversorgung sind Flüssigkeitszufuhr, Verträglichkeit und die medikamentöse Behandlung zu überprüfen [1].
Besonderheiten nach bariatrischen Operationen
Nach bariatrischen Eingriffen ist eine lebenslange strukturierte Nachsorge erforderlich. Art und Umfang der Supplementierung sowie die erforderlichen Untersuchungen richten sich nach dem Operationsverfahren, der tatsächlichen Nahrungsaufnahme und den individuellen Befunden [LL4].
- Schlauchmagenoperation: Der Dünndarm wird nicht umgangen. Dennoch können die geringere Nahrungsaufnahme und veränderte Bedingungen im Magen die Mikronährstoffversorgung beeinträchtigen.
- Insbesondere Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Vitamin D und Calcium müssen berücksichtigt werden.
- Auch nach diesem Verfahren sind eine prophylaktische Supplementierung und regelmäßige Kontrollen erforderlich [LL4].
- Roux-en-Y-Magenbypass: Zusätzlich zur verminderten Nahrungsaufnahme werden obere Dünndarmabschnitte von der Nahrungspassage ausgeschlossen. Dadurch kann die Aufnahme bestimmter Mikronährstoffe eingeschränkt sein.
- Besonders relevant sind Eisen, Vitamin B12, Calcium und Vitamin D.
- Auch die Versorgung mit Folsäure und Spurenelementen muss kontrolliert werden [LL4].
- Stärker malabsorptive Verfahren (Operationen mit ausgeprägter Einschränkung der Nährstoffaufnahme), beispielsweise eine biliopankreatische Diversion mit Duodenal-Switch.
- Hier besteht zusätzlich ein erhöhtes Risiko für Mängel an fettlöslichen Vitaminen, insbesondere Vitamin A, E und K.
- Diese Verfahren erfordern eine dauerhaft spezialisierte Betreuung mit individuell angepasster Supplementierung und Labordiagnostik [LL4].
Die Praxisempfehlungen der British Obesity and Metabolic Surgery Society (BOMSS) sehen für die langfristige hausärztliche Betreuung geeigneter Patientengruppen ab zwei Jahren nach der Operation mindestens jährliche ernährungsbezogene Kontrollen vor. Bei Mangelzuständen oder Beschwerden sind häufigere Untersuchungen erforderlich. Für stärker malabsorptive Verfahren ist dieses allgemeine Nachsorgeschema nicht ausreichend; die weitere Betreuung erfolgt durch das bariatrische Zentrum [LL4].
Bei längerem Erbrechen besteht unabhängig vom Operationsverfahren ein besonderes Risiko für einen Thiaminmangel (Vitamin-B1-Mangel). Bei entsprechendem Verdacht ist eine sofortige Behandlung erforderlich, ohne zunächst einen Laborbefund abzuwarten. Bei neurologischen Auffälligkeiten (beispielsweise Verwirrtheit oder Gangunsicherheit) ist eine dringliche klinische Abklärung notwendig [LL4].
Grenzen und Sicherheit der Supplementierung
Ein günstiger Zusammenhang zwischen einem Mikronährstoffstatus und Stoffwechselparametern belegt noch keinen Nutzen zusätzlicher Präparate. Beispielsweise empfiehlt die europäische Mikronährstoffleitlinie Chrom nicht zur Verbesserung der Blutzucker- oder Blutfettkontrolle bei Adipositas [LL2].
Bei jeder Verordnung sollten die Gesamtzufuhr aus mehreren Präparaten, mögliche Wechselwirkungen und die Nierenfunktion berücksichtigt werden. Die Verlaufskontrolle richtet sich nach Mikronährstoff, Ausgangsbefund und Behandlung; ein identisches Kontrollintervall für alle Präparate ist nicht sinnvoll [LL2].
Fazit
Die Mikronährstofftherapie bei Adipositas dient der Sicherung einer bedarfsgerechten Versorgung und der gezielten Behandlung von Mangelzuständen. Entscheidend sind Ernährungsqualität, individuelle Risiken und die jeweilige Adipositastherapie. Besondere Aufmerksamkeit benötigen Menschen mit stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme und nach bariatrischen Operationen. Eine routinemäßige Hochdosissupplementierung allein aufgrund des Körpergewichts ist nicht begründet [1, LL2, LL4].
Literatur
- Mozaffarian D, Agarwal M, Aggarwal M et al.: Nutritional priorities to support GLP-1 therapy for obesity: A joint advisory from the American College of Lifestyle Medicine, the American Society for Nutrition, the Obesity Medicine Association, and the Obesity Society. Obes Pillars. 2025;15:100181. doi: 10.1016/j.obpill.2025.100181.
- Medicines and Healthcare products Regulatory Agency: Metformin and reduced vitamin B12 levels: new advice for monitoring patients at risk. Drug Safety Update. 20. Juni 2022. Behördliche Sicherheitsinformation.
- Ge L, Gao S, Kia N et al.: Effect of vitamin D supplementation on body composition, lipid profile, and glycemic indices in patients with obesity-associated metabolic syndrome: a systematic review and meta-analysis. Diabetol Metab Syndr. 2025;17:287. doi: 10.1186/s13098-025-01799-1.
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Adipositas. Deutsche Adipositas-Gesellschaft e. V., Version 5.0, Oktober 2024 (AWMF-Register-Nr. 050-001). Langfassung.
- Berger MM, Shenkin A, Dizdar OS et al.: ESPEN practical short micronutrient guideline. Clin Nutr. 2024;43(3):825-857. doi: 10.1016/j.clnu.2024.01.030. Volltext.
- Demay MB, Pittas AG, Bikle DD et al.: Vitamin D for the Prevention of Disease: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2024;109(8):1907-1947. doi: 10.1210/clinem/dgae290. Empfehlungen.
- Praxisempfehlungen der British Obesity and Metabolic Surgery Society: BOMSS Post-Bariatric Surgery Nutritional Guidance for GPs. Version 1.0, 24. Januar 2023. Volltext.