Darmmikrobiom und Dysbiose: Grundlagen, Ursachen und Bedeutung für Mikronährstoffe

Der menschliche Darm beherbergt ein komplexes mikrobielles Ökosystem, das eng mit Ernährung, Stoffwechsel, Darmbarriere und Immunfunktion verbunden ist. Die Darmmikrobiota bezeichnet die Gesamtheit der im Darm lebenden Mikroorganismen. Dazu gehören vor allem Bakterien, aber auch Archaeen (einzellige Mikroorganismen ohne Zellkern), Pilze und Viren einschließlich Bakteriophagen (Viren, die Bakterien infizieren). Der Begriff Darmmikrobiom wird weiter gefasst und schließt neben den Mikroorganismen insbesondere deren Gene, Stoffwechselaktivitäten und funktionelle Wechselwirkungen mit ihrer Umgebung und dem menschlichen Organismus ein [1, 3].

Das Darmmikrobiom ist kein statisches System und besitzt keine für alle Menschen identische Normalzusammensetzung. Auch zwischen gesunden Personen bestehen erhebliche Unterschiede in der mikrobiellen Zusammensetzung. Die Beurteilung eines Darmmikrobioms kann deshalb nicht auf das Vorhandensein einzelner Bakterienarten oder bestimmte Mengenverhältnisse reduziert werden. Von größerer Bedeutung sind die funktionelle Leistungsfähigkeit, Stabilität und Anpassungsfähigkeit des gesamten mikrobiellen Ökosystems [1, 2].

Merkmale eines funktionell stabilen Darmmikrobioms

Ein universell definiertes gesundes Darmmikrobiom existiert bislang nicht. Auch der aktuelle internationale Konsens zur Darmgesundheit betont, dass Darmgesundheit nicht anhand eines einzelnen mikrobiellen Parameters definiert werden kann [2]. Bestimmte ökologische und funktionelle Eigenschaften werden jedoch mit einem stabilen und gesundheitsassoziierten Darmökosystem in Verbindung gebracht [1, 2].

Dazu zählen insbesondere:

  • Eine angemessene mikrobielle Diversität, wobei eine hohe Diversität allein kein zuverlässiger Marker für Gesundheit ist
  • Funktionelle Redundanz (verschiedene Mikroorganismen können vergleichbare Stoffwechselfunktionen übernehmen), wodurch der Verlust einzelner Arten teilweise kompensiert werden kann
  • Stabilität und Resilienz (Fähigkeit des Mikrobioms, Störungen zu widerstehen bzw. danach wieder einen funktionell stabilen Zustand zu erreichen)
  • Kolonisationsresistenz (Widerstand des bestehenden mikrobiellen Ökosystems gegen die Ansiedlung oder übermäßige Vermehrung potentiell krankheitsfördernder Mikroorganismen) [1, 7]
  • Eine funktionierende mikrobielle Stoffwechselaktivität mit Bildung und Umwandlung physiologisch relevanter Metaboliten (Stoffwechselprodukte)
  • Eine regulierte Wechselwirkung mit Darmepithel und Immunsystem, die zur Aufrechterhaltung der intestinalen Homöostase (Gleichgewicht der Darmfunktionen) beiträgt

Diese Eigenschaften sind nicht unabhängig voneinander. Taxonomisch unterschiedliche mikrobielle Gemeinschaften können teilweise vergleichbare Funktionen erfüllen. Umgekehrt bedeutet das Vorhandensein einzelner als günstig eingestufter Bakterienarten nicht zwangsläufig, dass das gesamte Darmmikrobiom funktionell gesund ist [1]. Die funktionelle Betrachtung des mikrobiellen Ökosystems ist daher aussagekräftiger als die isolierte Bewertung einzelner Mikroorganismen.

Zentrale Funktionen des Darmmikrobioms

Die Darmmikrobiota erweitert die metabolischen Möglichkeiten des menschlichen Organismus. Ihre Zusammensetzung und Stoffwechselaktivität werden wesentlich von der Ernährung und den im Darm verfügbaren Substraten beeinflusst [3, 4].

Zu den wichtigsten Funktionen gehören:

  • Fermentation (mikrobieller Abbau) nicht oder nur unvollständig verdauter Nahrungsbestandteile, insbesondere bestimmter Ballaststoffe
  • Bildung kurzkettiger Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat, die als Energiesubstrate und Signalmoleküle wirken und unter anderem mit Darmbarriere, Immunfunktion und Stoffwechsel interagieren [5]
  • Umwandlung von Gallensäuren, Aminosäuren und zahlreichen Bestandteilen der Nahrung in biologisch aktive Metaboliten [3]
  • Beeinflussung der Schleimhautbarriere und der mukosalen Immunabwehr (Immunabwehr der Schleimhäute)
  • Unterstützung der Kolonisationsresistenz durch Konkurrenz um Nährstoffe und ökologische Nischen sowie durch mikrobielle Stoffwechselprodukte [7]
  • Synthese bestimmter Vitamine durch verschiedene Darmbakterien [6]

Insbesondere die Bildung kurzkettiger Fettsäuren verdeutlicht die funktionelle Vernetzung innerhalb des Darmmikrobioms. Dabei können Produkte des Stoffwechsels eines Mikroorganismus von anderen Mikroorganismen weiterverwendet werden. Solche mikrobiellen Stoffwechselnetzwerke tragen dazu bei, dass die Funktion des Mikrobioms nicht unmittelbar aus der Häufigkeit einzelner Bakterienarten abgeleitet werden kann [5].

Was bedeutet Dysbiose?

Als Dysbiose wird eine Veränderung der Zusammensetzung, Funktion oder ökologischen Stabilität einer mikrobiellen Gemeinschaft bezeichnet. Der Begriff ist wissenschaftlich jedoch nicht einheitlich definiert. Es existiert weder eine universelle Zusammensetzung eines gesunden Darmmikrobioms noch ein allgemein akzeptierter Grenzwert, anhand dessen ein Darmmikrobiom eindeutig als dysbiotisch klassifiziert werden könnte [1, 2, 7, 8].

Dysbiose sollte deshalb nicht mit einer einzelnen mikrobiellen Veränderung oder lediglich mit einer verminderten Diversität gleichgesetzt werden. Je nach biologischem und klinischem Kontext kann sie unterschiedliche Veränderungen umfassen:

  • Verlust bestimmter Mikroorganismen oder mikrobieller Funktionen, die zur Stabilität des Darmökosystems beitragen
  • Zunahme potentiell ungünstiger Mikroorganismen oder Pathobionten (normalerweise vorhandene Mikroorganismen, die unter bestimmten Bedingungen krankheitsfördernde Eigenschaften entwickeln können)
  • Veränderung mikrobieller Stoffwechselwege und damit Art oder Menge gebildeter Metaboliten
  • Verminderte Stabilität oder Resilienz gegenüber ernährungsbedingten, infektiösen oder medikamentösen Einflüssen
  • Veränderte Wechselwirkungen zwischen Mikrobiota, Darmbarriere und Immunsystem

Eine verminderte mikrobielle Diversität wird bei verschiedenen Erkrankungen beobachtet, ist jedoch weder spezifisch für eine bestimmte Erkrankung noch grundsätzlich mit einer Dysbiose gleichzusetzen. Umgekehrt kann eine hohe Diversität nicht automatisch als Ausdruck eines gesunden Darmmikrobioms gewertet werden [1, 7].

Der Begriff Dysbiose ist daher vor allem als beschreibendes biologisches Konzept zu verstehen und nicht als eigenständige klinische Diagnose.

Ursachen und Einflussfaktoren einer Dysbiose

Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms werden von zahlreichen inneren und äußeren Faktoren beeinflusst. Einige Veränderungen sind vorübergehend und reversibel, andere können länger anhalten. Ob und wie schnell sich das mikrobielle Ökosystem nach einer Störung erholt, hängt unter anderem von der Ausgangszusammensetzung, der Art und Dauer der Störung sowie individuellen Wirtsfaktoren ab [7].

Zu den wichtigsten Einflussfaktoren gehören:

  • Ernährung: Ernährungsweise, Lebensmittelzusammensetzung und insbesondere die Art der verfügbaren Kohlenhydrate, Ballaststoffe, Fette und Proteine (Eiweiße) beeinflussen Zusammensetzung und Stoffwechselaktivität des Darmmikrobioms [3, 4].
  • Antibiotika: Antibiotische Therapien können erhebliche Veränderungen der Darmmikrobiota verursachen. Ausmaß und Dauer hängen unter anderem vom verwendeten Wirkstoff, der Behandlungsdauer und der individuellen Ausgangsmikrobiota ab [7].
  • Weitere Medikamente: Auch verschiedene nichtantibiotische Arzneimittel können die Zusammensetzung und Funktion des Darmmikrobioms beeinflussen [2, 7].
  • Gastrointestinale Infektionen: Infektionen können das bestehende mikrobielle Ökosystem vorübergehend oder längerfristig verändern [7].
  • Darmmotilität und intestinale Transitzeit (Geschwindigkeit der Darmpassage): Sie beeinflussen die ökologischen Bedingungen, den pH-Wert und die Verfügbarkeit mikrobieller Substrate und können dadurch wesentliche Unterschiede im Darmmikrobiom mitbestimmen [2].
  • Erkrankungen und entzündliche Prozesse: Veränderungen von Immunfunktion, Darmbarriere und intestinalem Stoffwechsel können ihrerseits die Wachstumsbedingungen für Darmmikroorganismen verändern [1, 7].
  • Lebensalter und individuelle Wirtsfaktoren: Genetische, immunologische, metabolische und umweltbedingte Faktoren tragen zur ausgeprägten interindividuellen Variabilität des Darmmikrobioms bei [1, 2].

Dysbiose ist damit in der Regel nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Sie entsteht vielmehr im Kontext komplexer Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Darmmilieu, Mikroorganismen und Wirtsorganismus.

Dysbiose, Darmbarriere und Immunfunktion

Darmmikrobiom, Darmepithel und mukosales Immunsystem bilden eine funktionell eng vernetzte Einheit. Mikrobielle Metaboliten können Signalwege in Darmepithel- und Immunzellen beeinflussen und damit lokale sowie teilweise systemische Prozesse modulieren [2, 3, 5].

Bei funktionell relevanten Veränderungen des Mikrobioms können sich unter anderem die Produktion mikrobieller Metaboliten und die Interaktionen mit Schleimschicht, Darmepithel und Immunzellen verändern. Umgekehrt beeinflussen Entzündungsprozesse, Veränderungen der Darmbarriere, der Darmmotilität und des intestinalen Milieus wiederum die Lebensbedingungen der Darmmikrobiota [1, 2].

Diese Wechselwirkungen sind somit bidirektional: Erkrankungen können das Darmmikrobiom verändern, während mikrobielle Funktionen ihrerseits biologische Krankheitsmechanismen beeinflussen können. Der Nachweis einer veränderten mikrobiellen Zusammensetzung bei einer Erkrankung belegt deshalb noch keinen kausalen Zusammenhang [1].

Dysbiose und Erkrankungen: Assoziation ist nicht gleich Kausalität

Veränderungen des Darmmikrobioms werden bei zahlreichen gastrointestinalen und extraintestinalen Erkrankungen beschrieben, darunter chronisch-entzündliche Darmerkrankungen sowie verschiedene metabolische und entzündliche Krankheitsbilder [1, 7]. Die Interpretation solcher Befunde ist jedoch komplex.

Eine Erkrankung kann selbst Ernährung, Darmmotilität, Medikamenteneinnahme, Immunfunktion und Stoffwechsel verändern und damit sekundär das Darmmikrobiom beeinflussen. Bei vielen beobachteten Mikrobiomveränderungen lässt sich deshalb nicht eindeutig unterscheiden, ob sie Ursache, Folge oder Begleiterscheinung einer Erkrankung sind [1].

Für die pathophysiologische Forschung gewinnt daher neben der taxonomischen Zusammensetzung zunehmend die funktionelle Analyse an Bedeutung. Dazu gehören insbesondere mikrobielle Gene, Stoffwechselwege und Metaboliten sowie deren Wechselwirkungen mit dem Wirtsorganismus [1, 3].

Darmmikrobiom und Mikronährstoffe: bidirektionale Wechselwirkungen

Zwischen Darmmikrobiom und Mikronährstoffversorgung bestehen vielfältige bidirektionale Wechselwirkungen. Darmmikroorganismen benötigen selbst Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente für Wachstum und Stoffwechsel. Gleichzeitig können sie bestimmte Mikronährstoffe synthetisieren, chemisch verändern oder deren Verfügbarkeit im Darmlumen beeinflussen. Umgekehrt verändert die Zufuhr und intestinale Verfügbarkeit von Mikronährstoffen die ökologischen Bedingungen und Stoffwechselaktivitäten der Darmmikrobiota [3, 4, 6].

Solche Wechselwirkungen sind unter anderem für Eisen, Zink, Selen, Vitamin A, Vitamin D sowie verschiedene B-Vitamine einschließlich Folsäure beschrieben. So können Mikronährstoffe das Wachstum einzelner Mikroorganismen, mikrobielle Stoffwechselwege und die Konkurrenz um Nährstoffe beeinflussen. Umgekehrt können mikrobielle Stoffwechselprozesse die chemische Form, Löslichkeit oder Verfügbarkeit von Mikronährstoffen verändern und dadurch potentiell deren intestinale Aufnahme und weiteren Stoffwechsel mitbestimmen. Art, Ausmaß und klinische Bedeutung dieser Effekte unterscheiden sich jedoch deutlich zwischen den einzelnen Mikronährstoffen.

Besonders gut untersucht ist die Fähigkeit verschiedener Darmbakterien zur Synthese von Vitaminen. Zahlreiche Mitglieder der Darmmikrobiota verfügen über Biosynthesewege für einzelne B-Vitamine und weitere Vitamine, wobei sich diese Fähigkeiten zwischen Arten und Stämmen erheblich unterscheiden [6].

Innerhalb mikrobieller Gemeinschaften können zudem Vitamine, Vitaminvorstufen und andere Stoffwechselprodukte zwischen verschiedenen Mikroorganismen ausgetauscht werden. Ein Mikroorganismus kann dadurch von Verbindungen profitieren, die von anderen Mitgliedern der mikrobiellen Gemeinschaft gebildet werden. Solche metabolischen Wechselwirkungen tragen zur funktionellen Vernetzung des Darmmikrobioms bei [6].

Aus dem Nachweis einer mikrobiellen Vitaminproduktion lässt sich jedoch nicht unmittelbar ableiten, in welchem Umfang diese zur systemischen Mikronährstoffversorgung des Menschen beiträgt. Entscheidend sind unter anderem die gebildete Menge, die chemische und biologische Form, der Ort der mikrobiellen Synthese, die Möglichkeit der intestinalen Resorption sowie der Verbrauch durch andere Mikroorganismen. Die quantitative Bedeutung der mikrobiellen Vitaminsynthese für den menschlichen Mikronährstoffhaushalt ist daher vitaminabhängig und teilweise noch nicht ausreichend geklärt [6].

Damit besteht zwischen Mikronährstoffen und Darmmikrobiom keine einseitige Beziehung, sondern ein wechselseitiges Regulationssystem. Die spezifischen Interaktionen von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen mit der Darmmikrobiota werden deshalb in den weiterführenden Artikeln zur Mikronährstoff-Mikrobiom-Interaktion gesondert betrachtet.

Diagnostische Einordnung: Kann eine Dysbiose zuverlässig gemessen werden?

Moderne Mikrobiomanalysen können die Zusammensetzung der Darmmikrobiota detailliert erfassen. Hierzu werden beispielsweise Verfahren eingesetzt, mit denen mikrobielle Desoxyribonukleinsäure (DNA) sequenziert und anschließend bioinformatisch ausgewertet wird. Technisch lassen sich dadurch zahlreiche Mikroorganismen und teilweise auch deren funktionelles Potential bestimmen. Die klinische Interpretation dieser Ergebnisse ist jedoch wesentlich schwieriger [2, 8].

Der internationale Konsens zur klinischen Mikrobiomdiagnostik kommt zu dem Ergebnis, dass die Evidenz für eine breite routinemäßige Anwendung kommerzieller Mikrobiomtests derzeit nicht ausreicht [8]. Auch der ISAPP-Konsensus zur Darmgesundheit von 2026 betont die begrenzte klinische Verwertbarkeit der individuellen Mikrobiomzusammensetzung als allgemeines Maß für Darmgesundheit [2].

Wesentliche Einschränkungen sind:

  • Fehlende universelle Referenzbereiche für ein gesundes Darmmikrobiom [2, 8]
  • Ausgeprägte Unterschiede der Mikrobiota zwischen gesunden Menschen [1, 2]
  • Beeinflussung der Messergebnisse durch Ernährung, Alter, Medikamente, Körpergewicht, Darmmotilität und weitere Wirtsfaktoren [2, 8]
  • Methodische Unterschiede bei Probenentnahme, Lagerung, DNA-Aufarbeitung, Sequenzierung und bioinformatischer Analyse [8]
  • Begrenzte Repräsentativität einer Stuhlprobe für die mikrobiellen Gemeinschaften verschiedener Darmabschnitte und für unmittelbar an der Darmschleimhaut lebende Mikroorganismen [7]
  • Fehlende allgemein validierte Grenzwerte oder Dysbiose-Indizes für die routinemäßige klinische Diagnostik [8]

Ein kommerzielles Testergebnis mit der Bezeichnung Dysbiose sollte daher nicht als eigenständige Diagnose interpretiert werden. Ebenso lassen sich daraus derzeit keine allgemeingültigen individuellen Therapie- oder Supplementierungsempfehlungen ableiten [8].

Klinische Einordnung: Konsequenzen für Diagnostik und Therapie

Da für das Darmmikrobiom keine allgemeingültige Normalzusammensetzung definiert ist, sollte sich das klinische Vorgehen vielmehr an Beschwerden, Darmfunktion, Ernährungsweise, vorhandenen Erkrankungen und anderen beeinflussbaren Faktoren orientieren [2, 8].

Von besonderer Bedeutung ist die Identifikation und Behandlung zugrunde liegender gastrointestinaler oder metabolischer Erkrankungen. Chronische Entzündungen, Veränderungen der Darmmotilität, gastrointestinale Infektionen sowie Störungen von Verdauung und Resorption können sowohl die Zusammensetzung des Darmmikrobioms als auch den Ernährungs- und Mikronährstoffstatus beeinflussen. Umgekehrt können Ernährungsweise und Nährstoffverfügbarkeit das intestinale Milieu und damit die Stoffwechselaktivität der Darmmikrobiota verändern [2-4].

Ein weiterer Ansatzpunkt ist die Ernährung. Art und Menge der verfügbaren Nahrungssubstrate gehören zu den wichtigsten modifizierbaren Einflussfaktoren des Darmmikrobioms. Dabei sollte jedoch nicht die gezielte Veränderung einzelner Bakterienarten im Vordergrund stehen, sondern eine bedarfsgerechte und möglichst vielfältige Ernährung, die zugleich die Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen sicherstellt [2-4]. Restriktive Ernährungsformen, die allein aufgrund eines kommerziellen Mikrobiombefundes empfohlen werden, sind kritisch zu beurteilen, da sie bei längerfristiger Anwendung die Nährstoffversorgung beeinträchtigen können.

Auch Mikronährstoffe sollten klinisch nicht mit dem unspezifischen Ziel einer Korrektur der Dysbiose supplementiert werden. Besteht dagegen aufgrund von Ernährung, Erkrankung, Malabsorption (unzureichende Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm), Medikamenteneinnahme oder Laborbefunden ein begründeter Verdacht auf eine Unterversorgung bzw. einen Mangel, sollte dieser unabhängig vom Mikrobiombefund gezielt abgeklärt und behandelt werden. Umgekehrt lässt sich aus einer kommerziell festgestellten Veränderung des Darmmikrobioms derzeit keine pauschale Empfehlung für Eisen, Zink, Selen, Vitamin D, B-Vitamine oder andere Mikronährstoffe ableiten [8].

Präbiotika (Substrate, die von Mikroorganismen des Wirts gezielt genutzt werden und dadurch einen gesundheitlichen Nutzen vermitteln) und Probiotika (lebende Mikroorganismen, die bei Aufnahme in ausreichender Menge einen gesundheitlichen Nutzen vermitteln) können bei bestimmten Fragestellungen und Indikationen sinnvoll sein. Ihre Wirkung ist jedoch nicht als allgemeine Normalisierung des Darmmikrobioms zu verstehen. Insbesondere bei Probiotika sind Wirkungen produkt-, stamm- und indikationsabhängig; Ergebnisse mit einem bestimmten Mikroorganismus können daher nicht ohne Weiteres auf andere Präparate übertragen werden [2].

Auch die bestehende Medikation sollte im klinischen Kontext berücksichtigt werden, da neben Antibiotika verschiedene weitere Arzneimittel das Darmmikrobiom beeinflussen können. Daraus folgt jedoch nicht, dass medizinisch indizierte Arzneimittel allein zur vermeintlichen Verbesserung des Mikrobioms abgesetzt oder verändert werden sollten. Entscheidend bleiben die zugrunde liegende Erkrankung, die therapeutische Indikation und die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung [2].

Damit sollte die klinische Bewertung einer möglichen Dysbiose stets ursachen- und indikationsorientiert erfolgen. Ein Mikrobiombefund kann derzeit weder die etablierte gastroenterologische Diagnostik noch die Beurteilung des Ernährungs- und Mikronährstoffstatus ersetzen. Ebenso sollten therapeutische Maßnahmen nicht primär darauf abzielen, einen Laborwert oder einen kommerziell ermittelten Dysbiose-Index zu normalisieren, sondern nachweisbare Erkrankungen, funktionelle Störungen und relevante Ernährungs- oder Mikronährstoffdefizite gezielt zu behandeln [2, 8].

Fazit

Das Darmmikrobiom ist ein hochindividuelles und dynamisches Ökosystem, das eng mit Ernährung, Stoffwechsel, Darmbarriere und Immunfunktion verbunden ist. Gesundheit lässt sich nicht anhand einer einzelnen optimalen mikrobiellen Zusammensetzung definieren. Wesentliche Merkmale eines funktionell stabilen Darmmikrobioms sind vielmehr metabolische Leistungsfähigkeit, funktionelle Redundanz, ökologische Stabilität und Resilienz.

Auch Dysbiose ist keine einheitlich definierte Erkrankung und derzeit keine eigenständige klinische Diagnose. Der Begriff beschreibt unterschiedliche Veränderungen mikrobieller Zusammensetzung oder Funktion, deren Bedeutung stets im jeweiligen biologischen und klinischen Kontext beurteilt werden muss. Insbesondere kommerzielle Mikrobiomanalysen erlauben derzeit keine allgemein validierte Diagnose einer Dysbiose und keine pauschale Ableitung individueller Therapie- oder Supplementierungsempfehlungen.

Für die Mikronährstoffmedizin ist vor allem die bidirektionale Beziehung zwischen Ernährung, Mikronährstoffverfügbarkeit und mikrobiellem Stoffwechsel relevant. Das Verständnis des Darmmikrobioms als funktionelles Ökosystem bildet damit die Grundlage für die weiterführende Betrachtung spezifischer Wechselwirkungen zwischen Mikronährstoffen und Darmmikrobiota.

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