Lungenkrebs (Bronchialkarzinom) – Operative Therapie

Die operative Therapie des Bronchialkarzinoms (Lungenkrebs) richtet sich nach Histologie, TNM-Stadium, technischer Resektabilität (technische operative Entfernbarkeit), funktioneller und onkologischer Operabilität (körperliche Eignung für die Operation und onkologische Sinnhaftigkeit) sowie der Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Tumorentfernung. Die Behandlungsstrategie soll vor Therapiebeginn in einem thoraxonkologischen Tumorboard (fachübergreifende Lungenkrebs-Fallkonferenz) festgelegt werden [LL1].

Bei funktionell operablen Patienten mit resektablem nicht kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC) (nicht kleinzelliger Lungenkrebs) ist die Operation in den Stadien I und II das lokale Standardverfahren mit kurativer Zielsetzung. Im Stadium III kommt sie nur bei ausgewählten Patienten als Bestandteil eines multimodalen Behandlungskonzepts infrage. Beim kleinzelligen Lungenkarzinom (SCLC) (kleinzelliger Lungenkrebs) ist eine Operation auf sorgfältig ausgewählte Patienten im Stadium I oder II ohne mediastinalen Lymphknotenbefall (Befall der Lymphknoten im Mittelfellraum) begrenzt [LL1].

Grundsätze der Operationsindikation

Beurteilungsbereich Anforderungen Konsequenz
Technische Resektabilität Beurteilung von Tumorlokalisation (Lage des Tumors), lokaler Ausdehnung und Beziehung zu Bronchien (größere Atemwegsäste), Pulmonalgefäßen (Lungengefäße), Trachea (Luftröhre), Carina (Aufzweigung der Luftröhre), Brustwand, Perikard (Herzbeutel), Zwerchfell, Wirbelsäule und Mediastinum (Mittelfellraum). Eine vollständige Tumorentfernung mit tumorfreien Resektionsrändern (Schnittränder) muss technisch erreichbar sein. Komplexe Resektionen sollen in einem thoraxchirurgischen Zentrum durchgeführt werden [LL1].
Funktionelle Operabilität Kardiopulmonale Risikobeurteilung unter Einbeziehung von Spirometrie, Diffusionskapazität, vorhergesagter postoperativer Lungenfunktion, kardiovaskulärem Risiko und bei eingeschränkter Reserve einer Belastungsuntersuchung bzw. Spiroergometrie [8, 9]. Das Resektionsausmaß ist an die voraussichtlich verbleibende kardiopulmonale Reserve anzupassen. Alter allein ist keine Kontraindikation gegen eine Operation.
Onkologische Operabilität Beurteilung, ob durch die Operation gegenüber einem nicht operativen Verfahren ein prognostischer Nutzen zu erwarten ist. Eine Operation mit kurativer Zielsetzung ist nur sinnvoll, wenn eine vollständige lokale Tumorentfernung und eine leitliniengerechte Lymphknotenbeurteilung wahrscheinlich sind [LL1].
Mediastinales Staging Bei vergrößerten oder stoffwechselaktiven mediastinalen Lymphknoten, zentralem Tumor, suspektem N1-Befall oder lokal fortgeschrittener Erkrankung invasive Abklärung durch EBUS/EUS und bei weiterhin bestehendem Verdacht ggf. operatives mediastinales Staging. Ein mediastinaler Lymphknotenbefall soll vor Festlegung eines multimodalen operativen Konzepts zytologisch oder histologisch gesichert bzw. ausgeschlossen werden [LL1].
Interdisziplinäre Festlegung Gemeinsame Bewertung durch Thoraxchirurgie, Pneumologie, Onkologie, Radioonkologie, Radiologie, Nuklearmedizin und Pathologie. Insbesondere im Stadium II und III sind technische Resektabilität, funktionelle Operabilität und onkologische Operabilität ausdrücklich zu dokumentieren [LL1].

Resektionsverfahren

Operationsverfahren Indikation und Stellenwert
Lobektomie (Entfernung eines Lungenlappens) Onkologisches Standardverfahren bei funktionell operablen Patienten mit NSCLC im Stadium I und II, sofern keine leitliniengerechte Indikation für eine anatomische Segmentresektion (Entfernung eines Lungensegments) besteht. Die Lobektomie ist mit einer systematischen ipsilateralen (auf derselben Körperseite gelegen) hilären (an der Lungenwurzel gelegen) und mediastinalen Lymphknotendissektion (operative Entfernung von Lymphknoten) zu verbinden [LL1].
Anatomische Segmentresektion

Der Lobektomie hinsichtlich der Kuration ebenbürtig, wenn alle folgenden Voraussetzungen erfüllt sind [1, 2, LL1]:

  • Tumordurchmesser – maximal 2 cm
  • Lokalisation – äußeres Drittel des Lungenparenchyms (Lungengewebe)
  • Nodalstatus (Lymphknotenstatus) – zytologisch oder histologisch gesicherter N0-Status
  • Resektionsabstand – im Lungenparenchym größer als der Tumordurchmesser
  • Lymphknotenbeurteilung – systematische intraoperative Lymphknotendissektion

Ist im klinischen Stadium II aufgrund von Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) oder eingeschränkter Lungenfunktion keine Lobektomie möglich, soll eine anatomische Segmentresektion angestrebt werden [LL1].

Atypische Keilresektion (keilförmige Entfernung eines kleinen Lungenabschnitts) Keine regelhafte Alternative zur anatomischen Segmentresektion oder Lobektomie. Sie kann bei einem kleinen peripheren Tumor und fehlender funktioneller Möglichkeit einer anatomischen Resektion als Kompromissverfahren erwogen werden. Erforderlich sind ein ausreichender parenchymaler (das Lungengewebe betreffend) Resektionsabstand und eine systematische Lymphknotenbeurteilung [2, LL1].
Bronchiale Manschettenresektion (Entfernung eines Bronchusabschnitts mit Wiederverbindung) Parenchymsparendes Verfahren bei zentralem Tumorbefall eines Lappenbronchus (Atemwegsast zu einem Lungenlappen). Sie soll gegenüber einer Pneumonektomie (Entfernung eines gesamten Lungenflügels) bevorzugt werden, wenn durch Resektion und bronchiale Rekonstruktion eine vollständige Tumorentfernung erreicht werden kann [7, LL1].
Bronchoangioplastische Manschettenresektion (Entfernung und Wiederherstellung eines Bronchus- und Lungengefäßabschnitts) Kombinierte Resektion und Rekonstruktion von Bronchus und Pulmonalarterie (Lungenschlagader) bei umschriebenem zentralem Tumorbefall. Ziel ist die Vermeidung einer Pneumonektomie bei gleichzeitiger onkologischer Radikalität.
Bilobektomie (Entfernung zweier Lungenlappen) Resektion von zwei Lungenlappen rechts, wenn eine Lobektomie keine vollständige Tumorentfernung ermöglicht und eine Pneumonektomie vermieden werden kann.
Pneumonektomie Nur bei zentralen oder ausgedehnten Tumoren, wenn durch Lobektomie, Bilobektomie oder Manschettenresektion keine vollständige Tumorentfernung erreichbar ist. Wegen der höheren perioperativen Morbidität und Mortalität (Komplikations- und Sterblichkeitsrisiko im Umfeld der Operation) sowie der erheblichen funktionellen Folgen soll sie möglichst vermieden werden [7, LL1].
Erweiterte Resektion En bloc Resektion (Entfernung in einem zusammenhängenden Gewebestück) infiltrierter Nachbarstrukturen, z. B. Brustwand, Perikard, Zwerchfell, Wirbelkörper oder große Gefäße, sofern eine vollständige Tumorentfernung mit vertretbarer Morbidität erreichbar ist. Durchführung ausschließlich in spezialisierten Zentren [LL1].

Minimalinvasive Operationsverfahren

Operationszugang Bewertung
Videoassistierte Thorakoskopie (Schlüssellochoperation mit Kamerahilfe) Die VATS-Lobektomie bzw. VATS-Segmentresektion soll bei technisch möglicher vollständiger Resektion und leitliniengerechter Lymphknotendissektion bevorzugt werden. Gegenüber der Thorakotomie (operative Öffnung des Brustkorbs) bestehen Vorteile hinsichtlich postoperativer Schmerzen, Komplikationen, Lebensqualität und Krankenhausverweildauer bei vergleichbarem onkologischem Ergebnis [3, LL1].
Roboterassistierte Thoraxchirurgie (robotergestützte Brustkorboperation) Die RATS-Lobektomie bzw. RATS-Segmentresektion ist eine minimalinvasive Alternative zur VATS und zur offenen Operation. Voraussetzung sind entsprechende Expertise, vollständige anatomische Resektion und systematische Lymphknotendissektion [LL1].
Thorakotomie Weiterhin erforderlich bei technisch komplexer zentraler Tumorausdehnung, ausgedehnter Brustwand- oder Gefäßinfiltration, Carina- oder Tracheabeteiligung, intraoperativen Komplikationen oder fehlender sicherer minimalinvasiver Resektabilität.
Konversion Die Konversion von einem minimalinvasiven Zugang zur Thorakotomie ist bei Blutung, unübersichtlicher Anatomie, ausgeprägter Fibrose (narbige Gewebevermehrung), unerwarteter Infiltration (Einwachsen des Tumors) oder gefährdeter onkologischer Radikalität eine sicherheitsorientierte Maßnahme.

Im Stadium I soll eine minimalinvasive Lobektomie gegenüber der offenen Lobektomie bevorzugt werden. Auch im Stadium II und bei ausgewählten Patienten im Stadium III sind minimalinvasive Verfahren geeignet, sofern eine vollständige anatomische Resektion und systematische Lymphknotendissektion gewährleistet werden können [LL1].

Systematische Lymphknotendissektion

Die systematische Lymphknotendissektion ist integraler Bestandteil jeder kurativ intendierten Resektion. Sie dient dem exakten pathologischen Staging, dem Nachweis eines okkulten Lymphknotenbefalls (verborgener Befall von Lymphknoten) und der Festlegung der postoperativen Therapie [4, LL1].

Anforderung Operatives Vorgehen
N1-Kompartiment (Lymphknotenbereich innerhalb und an der Lunge) Entfernung und histologische Untersuchung der intrapulmonalen, interlobären und hilären Lymphknoten.
N2-Kompartiment (Lymphknotenbereich im Mittelfellraum) Systematische ipsilaterale mediastinale Lymphknotendissektion unter anatomischer Orientierung und Entfernung des Lymphknotengewebes einschließlich des umgebenden Fettgewebes.
ESTS-Mindestanforderungen im Stadium II/III Entfernung von mindestens drei hilären oder interlobären Lymphknoten aus dem N1-Kompartiment sowie von mindestens drei mediastinalen Lymphknoten aus drei verschiedenen N2-Stationen; die subkarinale Station 7 (Lymphknotenstation unterhalb der Luftröhrenaufzweigung) ist obligat einzuschließen [4, LL1].
Segmentresektion Systematische Untersuchung der segmentalen, hilären und mediastinalen Lymphknoten. Bei intraoperativ nachgewiesenem relevantem Lymphknotenbefall ist das Resektionsausmaß erneut zu beurteilen.
Dokumentation Die entfernten Lymphknotenstationen sind anatomisch eindeutig zu bezeichnen und getrennt zur histopathologischen Untersuchung einzusenden.

Ein bildgebend angenommener N0-Status ersetzt die intraoperative systematische Lymphknotenbeurteilung nicht.

Stadienadaptierte operative Therapie des NSCLC

Klinische Situation Operatives Vorgehen Perioperative Einbettung
Stadium I
  • Funktionell operabel – anatomische Resektion mit systematischer Lymphknotendissektion
  • Regelverfahren – Lobektomie
  • Peripherer Tumor ≤ 2 cm – anatomische Segmentresektion bei Erfüllung sämtlicher onkologischer Voraussetzungen
  • Funktionell grenzwertig operabel – bevorzugt anatomische Segmentresektion; Keilresektion nur als Kompromissverfahren
  • R0-Resektion (vollständige Tumorentfernung ohne nachweisbaren Rest) – keine routinemäßige postoperative Strahlentherapie
  • Funktionell inoperabel – stereotaktische Körperbestrahlung (hochpräzise Bestrahlung des Tumors) als kurativ intendierte lokale Alternative [15, LL1]
Stadium II
  • Standard – Lobektomie mit systematischer Lymphknotendissektion
  • Zentraler Tumor – Manschettenresektion bzw. bronchoangioplastische Resektion zur Vermeidung einer Pneumonektomie
  • Eingeschränkte funktionelle Reserve – anatomische Segmentresektion anstreben, wenn keine Lobektomie möglich ist
  • Brustwandinfiltration – en bloc Resektion mit Ziel einer R0-Situation
Abhängig von Tumorgröße, Nodalstatus, Histologie und molekularem Profil Einbindung in ein neoadjuvantes (vor der Operation eingesetzt), perioperatives (die Zeit vor, während und nach der Operation betreffend) oder adjuvantes (ergänzend nach der Operation eingesetzt) systemisches Behandlungskonzept [LL1].
Potenziell resektables Stadium III
  • Keine generelle Operationsindikation – Entscheidung ausschließlich im thoraxonkologischen Tumorboard
  • Voraussetzungen – technische Resektabilität, funktionelle und onkologische Operabilität sowie hohe Wahrscheinlichkeit einer R0-Resektion
  • Operationsziel – anatomische Resektion mit systematischer Lymphknotendissektion
  • Pneumonektomie – besonders zurückhaltende Indikationsstellung nach Induktionstherapie
Operation als Bestandteil eines multimodalen Konzepts nach neoadjuvanter bzw. perioperativer Systemtherapie. Bei geeigneten resektablen NSCLC kann eine Immunchemotherapie (Kombination aus Immun- und Chemotherapie) die pathologische Remissionsrate und das ereignisfreie Überleben verbessern [11, LL1].
Nicht resektables Stadium III Keine operative Standardtherapie. Definitives nicht operatives multimodales Behandlungskonzept.
Stadium IV Keine regelhafte Resektion des Primärtumors. Eine Operation kann bei streng ausgewählten Patienten mit oligometastatischer Erkrankung (Erkrankung mit wenigen Fernmetastasen) Bestandteil eines lokal kurativ intendierten Gesamtkonzepts sein, wenn sämtliche Tumormanifestationen vollständig lokal behandelbar sind. Festlegung von Patientenselektion, Behandlungssequenz und lokalem Verfahren im spezialisierten Tumorboard [LL1].

Operation nach neoadjuvanter bzw. perioperativer Systemtherapie

  • Restaging – erneute Beurteilung von Primärtumor, Nodalstatus, Fernmetastasierung (Absiedlung in entfernten Organen) und funktioneller Operabilität vor der Operation
  • Operationsplanung – Berücksichtigung der ursprünglichen Tumorausdehnung und der aktuellen Resektabilität
  • Resektionsziel – vollständige anatomische R0-Resektion mit systematischer Lymphknotendissektion
  • Technische Besonderheiten – mögliche Fibrose und erschwerte Hilus- oder Mediastinalpräparation nach Immunchemotherapie bzw. Radiochemotherapie (kombinierte Strahlen- und Chemotherapie)
  • Zentrumsbehandlung – Durchführung komplexer Resektionen nach Induktionstherapie in einem erfahrenen thoraxchirurgischen Zentrum
  • Pathologische Aufarbeitung – standardisierte Bestimmung von vitalem Resttumor, Therapieeffekt, Resektionsrändern, Lymphknotenstatus und ypTNM-Stadium

Erweiterte Resektionen

Tumorausdehnung Operatives Vorgehen
Pleurainvasion (Einwachsen in das Brustfell) ohne tiefere Brustwandinfiltration Extrapleurale Lyse (Ablösung außerhalb des Brustfells) kann erfolgen, wenn hierdurch eine vollständige Resektion gewährleistet ist [LL1].
Tiefere Brustwandinfiltration En bloc Vollwandresektion (Entfernung aller Schichten der Brustwand) unter Mitnahme der infiltrierten Rippen und Weichteile. Eine Ablösung des Tumors von der infiltrierten Brustwand ist onkologisch nicht ausreichend [LL1].
Perikardinfiltration (Einwachsen in den Herzbeutel) En bloc Teilresektion des Perikards mit direktem Verschluss oder plastischer Rekonstruktion bei erreichbarer R0-Situation.
Zwerchfellinfiltration (Einwachsen in das Zwerchfell) En bloc Zwerchfellteilresektion mit direkter Naht oder plastischer Rekonstruktion.
Infiltration großer Gefäße, Trachea, Carina oder Wirbelsäule Resektion nur nach interdisziplinärer Evaluation in einem spezialisierten Zentrum, wenn eine vollständige Tumorentfernung mit vertretbarer Morbidität möglich erscheint.
Pancoast-Tumor (Tumor der Lungenspitze) Bei resektabler T3- oder T4-N0/1-M0-Konstellation multimodales Konzept mit Induktionsradiochemotherapie und anschließender en bloc Resektion bei fortbestehender technischer und funktioneller Operabilität [LL1].

Bei Brustwandinfiltration ist die en bloc R0-Resektion der entscheidende operative Prognosefaktor. Eine planmäßige inkomplette Resektion ist nicht indiziert.

Resektionsstatus

Die Bewertung des Resektionsstatus soll nach der von der IASLC verwendeten Systematik erfolgen [5, 6, LL1].

Resektionsstatus Kriterien und Konsequenz
R0 – vollständige Resektion
  • Primärtumor – vollständige Entfernung mit mikroskopisch tumorfreien Resektionsrändern
  • Mediastinale Lymphknoten – mindestens drei mediastinale Lymphknotenstationen untersucht
  • Hiläre Lymphknoten – mindestens eine hiläre Lymphknotenstation untersucht
  • Grenzstationen – der am weitesten kranial und der am weitesten kaudal entfernte mediastinale Lymphknoten sind tumorfrei
  • Extranodale Ausbreitung – kein extranodales Tumorwachstum eines hilären oder mediastinalen Lymphknotens
R1 – mikroskopisch inkomplette Resektion Mikroskopisch nachweisbarer Residualtumor (verbliebener Tumorrest) an einem Resektionsrand oder extranodale Tumorausbreitung (Tumorwachstum über den Lymphknoten hinaus) eines hilären bzw. mediastinalen Lymphknotens. Nachresektion soll geprüft werden; andernfalls Festlegung der weiteren lokalen und systemischen Therapie im Tumorboard.
R2 – makroskopisch inkomplette Resektion Makroskopisch verbliebener Tumor. Eine R2-Situation soll bei kurativer Operationsintention vermieden werden.
R(un) – unsichere vollständige Resektion

Nach der in der S3-Leitlinie verwendeten IASLC-Systematik insbesondere bei:

  • Lymphknotenzahl – weniger als drei analysierten N1- oder N2-Lymphknoten
  • Höchste Station – positivem höchsten entfernten mediastinalen Lymphknoten
  • Bronchialer Resektionsrand – Carcinoma in situ (örtlich begrenzte Krebsfrühform) am Bronchusabsetzungsrand (Schnittrand am Bronchus)
  • Dissektionsumfang – weniger entfernten Lymphknotenstationen als bei einer lappenspezifischen Lymphknotendissektion

Ein R(un)-Status ist prognostisch ungünstiger als eine gesicherte vollständige R0-Resektion [5, 6, LL1].

Intraoperative Schnellschnittdiagnostik (Gewebe-Sofortuntersuchung während der Operation)

  • Bronchialer Resektionsrand – Schnellschnittuntersuchung insbesondere bei zentralen Tumoren und Manschettenresektionen
  • Gefäßabsetzungsrand (Schnittrand am Blutgefäß) – Untersuchung bei angioplastischer Resektion und Verdacht auf Tumornähe
  • Parenchymaler Resektionsrand – Kontrolle bei Segment- oder Keilresektion, insbesondere bei knappem Sicherheitsabstand
  • Suspekte Lymphknoten – intraoperative Untersuchung, wenn das Ergebnis das Resektionsausmaß oder die Fortführung des Eingriffs beeinflusst
  • Positiver Resektionsrand – wenn technisch und funktionell vertretbar, unmittelbare Nachresektion mit Ziel einer R0-Situation

Operative Therapie des kleinzelligen Lungenkarzinoms

Klinische Situation Operatives Vorgehen
SCLC im Stadium I/II ohne mediastinalen Lymphknotenbefall
  • Operationsoption – primäre Operation kann bei niedrigem Operationsrisiko innerhalb eines multimodalen Konzepts durchgeführt werden [12, LL1]
  • Präoperatives Staging – FDG-PET/CT und Ausschluss eines mediastinalen Lymphknotenbefalls, bei entsprechender Konstellation mittels EBUS und Mediastinoskopie
  • Resektionsverfahren – anatomische Resektion, in der Regel Lobektomie, mit systematischer ipsilateraler Lymphknotendissektion
  • Zu vermeiden – Pneumonektomie und nicht anatomische Resektion, sofern eine onkologisch ausreichende anatomische Resektion möglich ist
  • Postoperative Therapie – obligate systemische Chemotherapie; eine alleinige Operation ist nicht ausreichend
Intraoperativ diagnostiziertes SCLC Bei Nachweis im Schnellschnitt soll bei ausreichender funktioneller Reserve eine anatomische Resektion, in der Regel eine Lobektomie, mit systematischer ipsilateraler Lymphknotendissektion durchgeführt werden [LL1].
SCLC nach alleiniger Keilresektion Die alleinige atypische Resektion gilt als onkologisch nicht ausreichend. Eine anatomische Komplettierungsresektion mit systematischer Lymphknotendissektion soll geprüft werden.
Postoperativer N1-Befall Individuelle Entscheidung über eine Mediastinalbestrahlung (Bestrahlung des Mittelfellraums) unter Berücksichtigung von Lymphknotenlokalisation, operativem Befund und Radikalität.
Postoperativer N2-Befall oder R1/R2-Resektion Zusätzliche Mediastinalbestrahlung innerhalb des multimodalen Gesamtkonzepts [LL1].

Der Stellenwert der Operation beim SCLC ist nicht durch prospektiv randomisierte Vergleichsstudien abgesichert. Die Operationsindikation bleibt daher auf sorgfältig ausgewählte Patienten im Stadium I oder II ohne mediastinalen Lymphknotenbefall begrenzt [12, LL1].

Perioperatives Management

Maßnahme Leitliniengerechtes Vorgehen
Patienteninformation Strukturierte Aufklärung über Operationsverfahren, Resektionsausmaß, funktionelle Folgen, mögliche Konversion, Komplikationen und alternative Behandlungsverfahren.
Tabakentwöhnung Eine strukturierte Tabakentwöhnung soll möglichst bereits präoperativ eingeleitet werden.
Ernährungsstatus Präoperatives Screening auf Mangelernährung und bei bestehendem Risiko gezielte ernährungsmedizinische Behandlung.
Prähabilitation (vorbereitendes Training vor der Operation) Bei eingeschränkter körperlicher oder pulmonaler Reserve präoperative Atemtherapie und körperliches Training, soweit der onkologische Zeitrahmen dies zulässt.
Thromboembolieprophylaxe (Vorbeugung von Blutgerinnseln und Gefäßverschlüssen) Risikoadaptierte medikamentöse und physikalische Prophylaxe.
Analgesie (Schmerzbehandlung) Multimodale, opioidsparende (mit möglichst wenig starken Schmerzmitteln auskommend) Schmerztherapie einschließlich regionalanästhesiologischer Verfahren (örtliche oder nervennahe Betäubungsverfahren) entsprechend Operationszugang und individuellem Risiko.
Drainagenmanagement Möglichst geringe Zahl an Thoraxdrainagen (Schläuche zur Ableitung von Luft oder Flüssigkeit aus dem Brustkorb), standardisierte Beurteilung eines Luftlecks und frühzeitige Entfernung bei erfüllten Kriterien.
Mobilisation und Atemtherapie Frühzeitige Mobilisation, Atemtraining und Sekretmanagement (Maßnahmen zur Schleimlösung und -entfernung) zur Reduktion pulmonaler Komplikationen.
ERAS-Pfad Anwendung eines standardisierten perioperativen ERAS-Behandlungspfads (Behandlungskonzept zur schnelleren Erholung nach der Operation) zur Verminderung des Operationstraumas und Beschleunigung der funktionellen Erholung [10].
Postoperative Tumorkonferenz Festlegung der weiteren Therapie anhand von Histologie, pTNM- bzw. ypTNM-Stadium, R-Status, Lymphknotenstatus, molekularem Profil, postoperativem Allgemeinzustand und vorausgegangener Therapie.

Weitere Hinweise

  • Reihenfolge der Gefäßversorgung – die primäre Ligatur der pulmonalen Vene (Lungenvene) vor der Arterie kann die intraoperative Freisetzung zirkulierender Tumorzellen (im Blut kreisende Krebszellen) vermindern. Ein hinreichend gesicherter Überlebensvorteil, der dieses Vorgehen als verbindlichen Standard begründen würde, ist nicht abschließend belegt [13].
  • Beginn der adjuvanten Chemotherapie – bei bestehender Indikation soll die postoperative Behandlung nach ausreichender Erholung möglichst zeitnah begonnen werden. Auch nach verzögerter Rekonvaleszenz kann eine adjuvante Chemotherapie noch mit einem Überlebensvorteil gegenüber dem vollständigen Verzicht verbunden sein [14].
  • Nachresektion – bei R1-Resektion ist primär die technische und funktionelle Möglichkeit einer Nachresektion zu prüfen; ist sie nicht sinnvoll möglich, soll das weitere Vorgehen im thoraxonkologischen Tumorboard festgelegt werden [LL1].
  • Zentrumsbehandlung – Pneumonektomien, bronchiale oder bronchoangioplastische Manschettenresektionen, Carina- und Trachearesektionen sowie multiviszerale Resektionen sollen in spezialisierten thoraxchirurgischen Zentren durchgeführt werden.

Literatur

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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Lungenkarzinoms. (AWMF-Registernummer: 020-007OL), Juni 2026 Langfassung