Bluthusten (Hämoptoe) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte.
Beachte: Bei akuter Hämoptoe (Bluthusten) haben die unverzügliche Beurteilung der Atemwege, der respiratorischen (die Atmung betreffenden) und hämodynamischen (den Blutkreislauf betreffenden) Stabilität sowie die Erkennung einer lebensbedrohlichen Blutung Vorrang.
- Allgemeine körperliche Untersuchung inklusive Blutdruck, Puls, Atemfrequenz (Anzahl der Atemzüge pro Minute), Sauerstoffsättigung (Anteil des mit Sauerstoff beladenen Blutfarbstoffs) (SpO2), Körpertemperatur, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
- Beurteilung von Allgemeinzustand und Bewusstseinslage [Unruhe, Somnolenz (Benommenheit) oder Bewusstseinsstörung bei relevanter Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) bzw. Kreislaufinstabilität; reduzierter Allgemeinzustand oder Kachexie (starke krankheitsbedingte Abmagerung) bei konsumierender Erkrankung, z. B. Malignom (bösartige Tumorerkrankung) oder Tuberkulose (Schwindsucht)]
- Inspektion (Betrachtung) von Haut, Schleimhäuten und Skleren (weiße Augenhaut) [Blässe bei Anämie (Blutarmut); Zyanose (bläuliche Verfärbung von Haut oder Schleimhäuten) bei Hypoxämie bzw. Kreislaufinstabilität; Petechien (kleine punktförmige Hautblutungen), Purpura (flächenhafte kleinfleckige Hautblutungen) oder Ekchymosen (größere Hautblutungen) bei Gerinnungsstörung bzw. Vaskulitis (Gefäßentzündung); Teleangiektasien (sichtbar erweiterte kleine Blutgefäße) bei hereditärer hämorrhagischer Teleangiektasie (erblich bedingter Gefäßerkrankung mit erweiterten kleinen Blutgefäßen); Ikterus (Gelbsucht) und weitere Zeichen einer chronischen Lebererkrankung bei möglicher Koagulopathie (Störung der Blutgerinnung)]
- Inspektion von Mundhöhle, Oropharynx (Mundrachen) und Naseneingängen zum Ausschluss einer Blutungsquelle oberhalb der unteren Atemwege [Epistaxis (Nasenbluten), gingivale Blutung (Zahnfleischblutung), Schleimhautläsionen (Schleimhautverletzungen) oder Blut im Nasopharynx (Nasenrachen) als Hinweis auf eine Pseudohämoptoe (scheinbaren Bluthusten)]
- Inspektion des Expektorats (Auswurfs), sofern verfügbar [hellrotes, schaumiges bzw. mit Sputum (Schleimauswurf) vermischtes Blut spricht für eine pulmonale (die Lunge betreffende) Blutungsquelle; eine sichere Lokalisation der Blutungsquelle ist anhand des Erscheinungsbildes allein nicht möglich]
- Inspektion der Hände und Finger [Trommelschlegelfinger (kolbenförmig verdickte Fingerendglieder) bei Bronchiektasen (dauerhaft erweiterten Bronchien), chronisch suppurativen (langandauernden eitrigen) Lungenerkrankungen oder Lungenkarzinom (Lungenkrebs)]
- Untersuchung der Lunge
- Inspektion des Thorax (Brustkorbs) und Beurteilung der Atemarbeit [Tachypnoe (beschleunigte Atmung), Einsatz der Atemhilfsmuskulatur (zusätzlicher Atemmuskeln), interkostale Einziehungen (Einziehungen zwischen den Rippen), paradoxe Atmung (gegenläufige Atembewegung von Brustkorb und Bauch) oder Zyanose als Hinweise auf respiratorische Insuffizienz (unzureichende Atemfunktion)]
- Auskultation (Abhören) der Lunge [lokalisierte oder diffuse Rasselgeräusche bei Pneumonie (Lungenentzündung), alveolärer Blutung (Blutung in die Lungenbläschen) oder Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge); bronchiales Atemgeräusch (über der Lunge hörbares röhrenförmiges Atemgeräusch) bei Konsolidierung (Verdichtung des Lungengewebes); Giemen (pfeifendes Atemgeräusch) bei obstruktiver Atemwegserkrankung (Erkrankung mit Verengung der Atemwege); abgeschwächtes oder aufgehobenes Atemgeräusch bei Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand), Pneumothorax (Luftansammlung zwischen Lunge und Brustwand) oder ausgeprägtem Lungenemphysem (Lungenüberblähung)]
- Bronchophonie (verstärkte Übertragung der Stimme durch das Lungengewebe) (Überprüfung der Weiterleitung hochfrequenter Schallanteile; der Patient wird aufgefordert, mehrmals mit hoher Stimme das Wort „66“ auszusprechen, während der Arzt die Lunge auskultiert) [verstärkte Bronchophonie bei Verdichtung des Lungenparenchyms (Lungengewebes), z. B. pneumonischem Infiltrat (entzündlicher Verdichtung des Lungengewebes); abgeschwächte oder aufgehobene Bronchophonie bei Pleuraerguss, Pneumothorax oder ausgeprägtem Lungenemphysem]
- Perkussion (Abklopfen) der Lunge [gedämpfter Klopfschall bei pulmonaler Konsolidierung bzw. Pleuraerguss; hypersonorer Klopfschall (übermäßig heller Klopfschall) bei Lungenemphysem; hypersonorer bis tympanitischer Klopfschall (trommelartig klingender Klopfschall) bei Pneumothorax]
- Stimmfremitus (tastbare Übertragung der Stimme auf den Brustkorb) (Überprüfung der Weiterleitung tieffrequenter Schallschwingungen; der Patient wird aufgefordert, mehrmals mit tiefer Stimme das Wort „99“ auszusprechen, während der Arzt seine Hände symmetrisch auf den Thorax bzw. Rücken legt) [verstärkter Stimmfremitus bei Verdichtung des Lungenparenchyms mit offenem Bronchialsystem (offenen Atemwegen), z. B. Pneumonie; abgeschwächter oder aufgehobener Stimmfremitus bei Pleuraerguss oder Pneumothorax; häufig verminderter Stimmfremitus bei ausgeprägtem Lungenemphysem]
- Untersuchung des Herz-Kreislauf-Systems
- Auskultation des Herzens [Herzgeräusch bei Vitium (Herzklappenfehler); diastolisches Geräusch (während der Erschlaffungsphase des Herzens hörbares Geräusch) über der Herzspitze bei Mitralklappenstenose (Verengung der Mitralklappe) als möglicher Ursache pulmonalvenöser Drucksteigerung (Druckanstieg in den Lungenvenen) und Hämoptoe]
- Beurteilung der Halsvenen [Halsvenenstauung (sichtbare Füllung der Halsvenen) bei Rechtsherzbelastung (Belastung der rechten Herzhälfte) bzw. Herzinsuffizienz (Herzschwäche)]
- Beurteilung der peripheren Perfusion (Durchblutung der äußeren Körperregionen) [kalte Extremitäten, verlängerte Rekapillarisierungszeit (verzögerte Wiederfüllung kleiner Blutgefäße) oder periphere Zyanose bei Kreislaufinstabilität]
- Untersuchung auf periphere Ödeme (Wassereinlagerungen im Gewebe) [beidseitige Unterschenkelödeme bei Herzinsuffizienz; einseitige Schwellung, Überwärmung oder Druckschmerzhaftigkeit eines Beines als Hinweis auf tiefe Venenthrombose (Blutgerinnsel in einer tiefen Vene) und mögliche Lungenembolie (Verschluss eines Lungengefäßes durch ein Blutgerinnsel)]
- Untersuchung der Lymphknoten
- Palpation (Abtasten) insbesondere der zervikalen (am Hals gelegenen) und supraklavikulären (oberhalb des Schlüsselbeins gelegenen) Lymphknoten [Lymphadenopathie (krankhafte Lymphknotenvergrößerung) bei malignen, infektiösen oder granulomatösen Erkrankungen (Erkrankungen mit knötchenförmigen Entzündungsherden)]
- Untersuchung des Abdomens (Bauchs)
- Palpation von Leber und Milz sowie Untersuchung auf Aszites (Bauchwassersucht) [Hepatomegalie (Lebervergrößerung), Splenomegalie (Milzvergrößerung) oder Aszites bei chronischer Lebererkrankung, portaler Hypertension (erhöhtem Druck in der Pfortader), hämatologischer (das Blut betreffender) oder systemischer Erkrankung]
- Untersuchung des Bewegungsapparates
- Inspektion und Palpation der Gelenke [Arthritis (Gelenkentzündung) bzw. Synovitis (Entzündung der Gelenkinnenhaut) als möglicher Hinweis auf eine systemische Autoimmunerkrankung (Erkrankung durch fehlgeleitete Abwehrreaktionen des Körpers) oder Vaskulitis mit pulmonaler Beteiligung]
- Dermatologische Untersuchung (Untersuchung der Haut)
- Suche nach kutanen (die Haut betreffenden) Zeichen einer systemischen Erkrankung [palpable Purpura (tastbare Hautblutungen), Ulzerationen (Geschwürbildungen) oder andere vaskulitische Hautveränderungen (durch Gefäßentzündung bedingte Hautveränderungen) bei systemischer Vaskulitis; Teleangiektasien bei hereditärer hämorrhagischer Teleangiektasie]
- HNO-ärztliche Untersuchung bei klinischem Verdacht auf eine Blutungsquelle im Bereich von Nase, Nasopharynx, Mundhöhle, Pharynx (Rachen) oder Larynx (Kehlkopf) zum Ausschluss einer Pseudohämoptoe.
Red Flags (Warnzeichen) bei Hämoptoe
- Beeinträchtigung oder drohende Verlegung der Atemwege [anhaltende starke Blutung, Blutkoagel (Blutgerinnsel) in den Atemwegen, Stridor (pfeifendes Atemgeräusch durch Verengung der oberen Atemwege), insuffizientes Abhusten von Blut]
- Respiratorische Instabilität [Hypoxämie, Zyanose, ausgeprägte Dyspnoe (Atemnot), Tachypnoe, zunehmende Atemarbeit oder respiratorische Erschöpfung (Erschöpfung der Atemmuskulatur)]
- Hämodynamische Instabilität [Hypotonie (niedriger Blutdruck), ausgeprägte Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Zeichen der Minderperfusion (unzureichenden Gewebedurchblutung) oder Schock (lebensbedrohliches Kreislaufversagen)]
- Neurologische Beeinträchtigung [Verwirrtheit, Somnolenz oder Bewusstseinsverlust als möglicher Ausdruck schwerer Hypoxämie bzw. Kreislaufinstabilität]
- Fortgesetzte oder rezidivierende (wiederkehrende) relevante Hämoptoe [insbesondere bei eingeschränkter pulmonaler Reserve (verringerter Leistungsreserve der Lunge) oder kardiopulmonaler Grunderkrankung (Herz-Lungen-Grunderkrankung); die funktionelle Gefährdung ist entscheidender als eine starre Blutmengenangabe]
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.