Sturzneigung – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Sturzneigung mitbedingt sein können:
Atmungssystem (J00-J99)
- Pneumonie (Lungenentzündung) – insbesondere als Komplikation eines prolongierten Verbleibens am Boden nach einem Sturz („Long Lie“) [2, LL2].
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Exsikkose (Austrocknung) sowie Flüssigkeits- und Elektrolytstörungen (Störungen des Salzhaushalts) – insbesondere bei prolongiertem Liegen nach einem Sturz und fehlender Möglichkeit zur selbstständigen Flüssigkeitsaufnahme [2, LL2].
Haut und Unterhaut (L00-L99)
- Druckulzera (Druckgeschwüre) und andere Druckschäden der Haut – prolongiertes immobilisiertes Liegen nach einem Sturz kann zu ausgeprägten Haut- und Druckschäden führen; deren Schwere kann zugleich ein Hinweis auf die Dauer des Liegetraumas sein [2, LL2].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelgewebe) – bei ausgeprägtem Liegetrauma (Folgeschäden durch langes Liegen) durch länger dauernde Muskelkompression (Druck auf die Muskulatur); Druckulzera und erhöhte Myoglobin- bzw. Creatinkinasewerte können auf das Risiko einer Rhabdomyolyse hinweisen [2].
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Sturzangst (Angst vor Stürzen) („concern about falling“) – ein Sturz kann zu anhaltender Sorge vor weiteren Stürzen, vermindertem Sicherheitsgefühl und Einschränkung üblicher Aktivitäten führen [3, LL1, LL2].
- Sturzangstbedingte Aktivitätsrestriktion (Einschränkung von Aktivitäten aus Angst vor Stürzen) – die Vermeidung von Bewegung und Alltagsaktivitäten kann Mobilität und funktionelle Selbstständigkeit weiter einschränken; zugleich ist ausgeprägte Sorge vor Stürzen ein unabhängiger Prädiktor (Vorhersagefaktor) zukünftiger Sturzereignisse [3, LL2].
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Gang- und Mobilitätsstörung (Störung des Gehens und der Beweglichkeit) bzw. funktioneller Abbau (Abnahme der körperlichen Funktionsfähigkeit) – nach Sturzereignissen und insbesondere nach prolongiertem Liegen können Mobilität und Aktivitäten des täglichen Lebens abnehmen [1, 2, LL2].
- Schmerzen – insbesondere infolge sturzbedingter Verletzungen oder prolongierter Druckbelastung während eines Liegetraumas [2, LL2].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Akute Nierenschädigung (plötzliche Schädigung der Nieren) bis zum akuten Nierenversagen (plötzliches Versagen der Nierenfunktion) – insbesondere bei prolongiertem Liegen, Exsikkose und/oder Rhabdomyolyse [2, LL2].
- Harnwegsinfektion (Infektion der Harnwege) – als dokumentierte Komplikation eines prolongierten Verbleibens am Boden nach einem Sturz [2, LL2].
Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)
- Rezidivierende Sturzereignisse (wiederholte Stürze) – vorausgegangene Stürze, insbesondere zwei oder mehr Stürze innerhalb der vorangegangenen zwölf Monate, kennzeichnen ein erhöhtes Risiko weiterer Stürze und damit kumulativ weiterer sturzbedingter Schäden [LL1, LL2].
Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)
- Frakturen (Knochenbrüche) – insbesondere Fragilitätsfrakturen (Knochenbrüche bei geringer Belastung) einschließlich Hüftfrakturen (Hüftbrüche) sowie Frakturen der oberen Extremität; Sturzneigung und reduzierte Knochenfestigkeit wirken für das Frakturrisiko zusammen [LL2].
- Luxationen (Ausrenkungen), Distorsionen (Verstauchungen) und andere Gelenk- bzw. Bandverletzungen – mögliche unmittelbare Folgen eines Sturzereignisses [LL2].
- Schädel-Hirn-Trauma (Verletzung von Schädel und Gehirn) und traumatische intrakranielle Blutung (verletzungsbedingte Blutung im Schädelinneren) – Kopfverletzungen gehören zu den klinisch relevanten Sturzfolgen; bei älteren Menschen mit Kopfverletzung nach einem bodennahen Sturz besteht ein relevantes Risiko einer traumatischen intrakraniellen Blutung [4, LL2].
- Weichteilverletzungen (Verletzungen von Haut, Muskeln und anderem weichem Gewebe) – insbesondere Kontusionen (Prellungen), Hämatome (Blutergüsse), Schwellungen, Schürf- und Platzwunden; auch ohne Fraktur können hieraus Schmerzen und funktionelle Einschränkungen resultieren [LL2].
- Hypothermie (Unterkühlung) – insbesondere bei längerem unbemerktem Verbleib am Boden und niedriger Umgebungstemperatur [2, LL2].
Weiteres
- Liegetrauma („Long Lie“) – prolongierter Verbleib am Boden nach einem Sturz bei fehlender Fähigkeit, selbstständig aufzustehen oder zeitnah Hilfe zu erhalten; eine einheitliche zeitliche Definition besteht nicht. Klinisch relevant sind insbesondere die möglichen somatischen und psychischen Folgekomplikationen sowie der nachfolgende Verlust von Mobilität und Selbstständigkeit [1, 2, 5, LL2].
Prognosefaktoren
- Vorausgegangene bzw. rezidivierende Stürze – insbesondere zwei oder mehr Stürze innerhalb der letzten zwölf Monate sprechen für ein hohes Risiko weiterer Sturzereignisse [LL1, LL2].
- Sturzbedingte Verletzung mit Behandlungsbedarf – kennzeichnet nach den World Falls Guidelines eine Hochrisikokonstellation (Situation mit besonders hohem Risiko) für zukünftige Stürze [LL2].
- Frailty und eingeschränkte Fähigkeit zum selbstständigen Aufstehen – erhöhen das Risiko eines prolongierten Liegetraumas und kennzeichnen zugleich eine Hochrisikokonstellation für zukünftige Stürze [1, 2, LL2].
- Prolongierter Verbleib am Boden – ist mit Flüssigkeits- und Elektrolytstörungen, Hypothermie, Infektionen, Hautschäden, Nierenfunktionsstörungen (Störungen der Nierenfunktion) sowie funktionellem Abbau verbunden; bei Betroffenen mit Long Lie werden zudem erhöhte Hospitalisierungs- und Mortalitätsraten (Raten für Krankenhausaufnahmen und Sterblichkeit) beschrieben [1, 2, LL2].
- Sturzangst bzw. ausgeprägte Sorge vor weiteren Stürzen – ist mit Aktivitätseinschränkung verbunden und sagt in der aktuellen Metaanalyse zukünftige Stürze unabhängig voraus [3].
- Osteoporose (Knochenschwund) bzw. reduzierte Knochenfestigkeit – erhöht bei bestehender Sturzneigung das Risiko einer Fragilitätsfraktur und damit schwerwiegender funktioneller Folgekomplikationen [LL2].
- Kognitive Beeinträchtigung (Beeinträchtigung von Denken und Erinnern) – ist mit einem erhöhten Risiko für Stürze und sturzbedingte Verletzungen einschließlich Hüftfrakturen und Kopfverletzungen verbunden [LL2].
- Schwere sturzbedingte Verletzungen – insbesondere Hüftfraktur und Schädel-Hirn-Trauma können Mobilität, Selbstständigkeit und weitere Prognose wesentlich bestimmen [LL1, LL2].
Literatur
- Blackburn J, Ousey K, Stephenson J et al.: Exploring the impact of experiencing a long lie fall on physical and clinical outcomes in older people requiring an ambulance: a systematic review. Int Emerg Nurs. 2022;62:101148. doi: 10.1016/j.ienj.2022.101148
- Kubitza J, Haas M, Keppeler L et al.: Therapy options for those affected by a long lie after a fall: a scoping review. BMC Geriatr. 2022;22:582. doi: 10.1186/s12877-022-03258-2
- Ellmers TJ, Ventre JP, Freiberger E et al.: Does concern about falling predict future falls in older adults? A systematic review and meta-analysis. Age Ageing. 2025;54(4):afaf089. doi: 10.1093/ageing/afaf089
- Dubucs X, Gingras V, Boucher V et al.: Risk Factors for Traumatic Intracranial Hemorrhage in Older Adults Sustaining a Head Injury in Ground-Level Falls: A Systematic Review and Meta-analysis. Ann Emerg Med. 2026;87(2):181-191. doi: 10.1016/j.annemergmed.2025.05.021
- Holland J, Watkins-Webb R: Exploring the concept of a 'long lie' after a fall to inform clinical pathways in pre-hospital services: a systematic literature review. Nurs Older People. 2025;37(4). doi: 10.7748/nop.2025.e1505
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Falls: assessment and prevention in older people and in people 50 and over at higher risk. Published 29 April 2025. (NICE guideline NG249). Guideline PDF. [LL1]
- Montero-Odasso M, van der Velde N, Martin FC et al.: World guidelines for falls prevention and management for older adults: a global initiative. Age Ageing. 2022;51(9):afac205. doi: 10.1093/ageing/afac205. [LL2]