Rektusdiastase – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine Rektusdiastase (Auseinanderweichen der geraden Bauchmuskeln) mitbedingt sein können:
Die Rektusdiastase ist keine Hernie (Bruch). Sie beruht auf einer Ausdünnung und Verbreiterung der Linea alba ohne eigentlichen Fasziendefekt (Lücke in der bindegewebigen Hülle); bei einer isolierten Rektusdiastase besteht daher kein Inkarzerations- oder Strangulationsrisiko (Risiko einer Einklemmung oder Abschnürung). Die verbreiterte und ausgedünnte Linea alba kann jedoch mit Mittellinienhernien (Bauchwandbrüchen in der Mittellinie) assoziiert sein. Als klinisch relevanteste Beschwerden gelten insbesondere Core-Instabilität und eine Beeinträchtigung des Körperbildes. Die Evidenz zu zahlreichen weiteren funktionellen Beschwerden ist insgesamt niedrig und überwiegend beobachtungsbasiert [LL1, LL2].
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Nabelhernie (Nabelbruch) und epigastrische Hernie (Oberbauchbruch) – die Ausdünnung und Verbreiterung der Linea alba bei Rektusdiastase ist mit dem Auftreten von Mittellinienhernien assoziiert. In einer großen Querschnittsuntersuchung nahm die Prävalenz abdominaler Hernien mit zunehmender Ausprägung der Rektusdiastase zu; aufgrund des Studiendesigns ist eine kausale Beziehung jedoch nicht abschließend bewiesen [8, LL2].
- Narbenhernie (Narbenbruch) nach medianer Laparotomie (mittigem Bauchschnitt) – eine präoperativ bestehende Rektusdiastase ist mit einem deutlich erhöhten Risiko einer Narbenhernie nach medianem abdominalchirurgischem Zugang assoziiert. In einer Kohortenstudie betrug die adjustierte Hazard-Ratio 3,87 (95-%-Konfidenzintervall 1,84-8,14) [1].
- Rezidiv (Wiederauftreten) einer Nabel- oder epigastrischen Hernie – bei gleichzeitig bestehender Rektusdiastase ist insbesondere nach alleiniger Nahtversorgung kleiner primärer Mittellinienhernien ein erhöhtes Rezidivrisiko beschrieben. In einer retrospektiven Kohorte traten Rezidive bei 29 von 93 Patienten mit Rektusdiastase gegenüber 9 von 108 Patienten ohne Rektusdiastase auf (p < 0,001) [2].
Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)
- Beeinträchtigte Bauchwand- und Rumpfmuskelfunktion/Core-Instabilität – funktionelle Einschränkungen mit verminderter Rumpfstabilität beziehungsweise reduzierter Bauchmuskelkraft gehören zu den klinisch relevantesten Manifestationen einer symptomatischen Rektusdiastase [3, 7, LL1]. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit neun Studien und 688 Patienten zeigte präoperativ konsistent eingeschränkte Bauchwandfunktionen; nach chirurgischer Wiederherstellung der Linea alba verbesserten sich objektive Funktionsparameter und patientenberichtete funktionelle Einschränkungen. Aufgrund der Heterogenität erfolgte keine Metaanalyse, sondern eine narrative Evidenzsynthese [7].
- Rückenschmerzen beziehungsweise lumbopelvine Schmerzen (Schmerzen im unteren Rücken- und Beckenbereich) – eine mögliche Assoziation ist beschrieben, ein kausaler Zusammenhang mit der Rektusdiastase jedoch nicht gesichert. Eine systematische Übersichtsarbeit fand in 5 von 13 Studien eine positive Assoziation, während 8 von 13 Studien keine Assoziation zeigten [5]. Eine weitere systematische Übersichtsarbeit sowie prospektive beziehungsweise aktuelle postpartale Untersuchungen ergaben ebenfalls keine konsistente Beziehung zwischen dem Vorliegen einer Rektusdiastase und lumbopelvinen Schmerzen [3, 9, 10]. Rückenschmerzen sind daher nur als mögliche Begleitbeschwerde und nicht als gesicherte Folge der Rektusdiastase einzuordnen.
Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)
- Abdominelle Schmerzen (Bauchschmerzen) beziehungsweise abdominelles Unbehagen – Druck-, Spannungs- und Schmerzbeschwerden im Bereich der ventralen Bauchwand werden bei symptomatischer Rektusdiastase beschrieben [4, 8]. Eine aktuelle postpartale Querschnittsstudie zeigte nach Adjustierung eine schwache Assoziation zwischen Rektusdiastase und aktuellem sowie frühem postpartalen abdominellen Unbehagen [9].
- Funktionell störende Vorwölbung der ventralen Bauchwand – infolge der Ausdünnung und verminderten Spannung der Linea alba kann es insbesondere bei Erhöhung des intraabdominellen Drucks zu einer ausgeprägten Mittellinienvorwölbung kommen. Die funktionelle Beeinträchtigung kann dabei klinisch bedeutsamer sein als die gemessene Interrektusdistanz allein [LL1, LL2].
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Beckenorganprolaps (Senkung oder Vorfall von Beckenorganen) – eine systematische Übersichtsarbeit fand eine geringe Assoziation zwischen dem Vorliegen einer Rektusdiastase und einem Beckenorganprolaps; die zugrunde liegende Evidenz wurde als schwach eingestuft [3]. In einer großen, jedoch selektierten Querschnittsuntersuchung stieg die Prävalenz eines Beckenorganprolapses von 9,7 % bei einer Rektusdiastase < 3 cm auf 20,2 % bei einer Rektusdiastase > 5 cm [8]. Eine kausale Mitverursachung ist damit nicht bewiesen.
Weiteres
- Beeinträchtigtes Körperbild – neben der Core-Instabilität gehört die Beeinträchtigung des Körperbildes nach der Leitlinie der European Hernia Society zu den klinisch relevantesten mit einer Rektusdiastase verbundenen Beschwerden [4, LL1].
- Beeinträchtigte gesundheitsbezogene Lebensqualität – insbesondere eine symptomatische und funktionell relevante Rektusdiastase kann mit Einschränkungen der körperlichen Funktionsfähigkeit und Lebensqualität verbunden sein [3, 4, 6, 7]. Bei ausgewählten postpartalen Frauen mit persistierender, trainingsresistenter Core-Dysfunktion waren nach operativer Rekonstruktion (Wiederherstellung) auch nach drei Jahren Verbesserungen von Funktion und Lebensqualität nachweisbar [6].
Prognosefaktoren
- Postpartaler Zeitverlauf – die Prävalenz einer Rektusdiastase nimmt während des ersten Jahres nach der Geburt deutlich ab. In einer prospektiven Kohorte von Erstgebärenden betrug sie 60,0 % sechs Wochen post partum, 45,4 % nach sechs Monaten und 32,6 % nach zwölf Monaten [10]. Aus diesen Prävalenzdaten lässt sich jedoch keine individuelle Rückbildungswahrscheinlichkeit ableiten.
- Interrektusdistanz (Abstand zwischen den geraden Bauchmuskeln) – die gemessene Breite der Rektusdiastase allein ist kein zuverlässiger Marker für die klinische Symptomschwere. Die European Hernia Society bewertet die Beziehung zwischen Interrektusdistanz und klinischer Präsentation als unklar [LL1]. In systematischen Daten bestehen zwar Hinweise auf Zusammenhänge zwischen größerer Interrektusdistanz und reduzierter Bauchmuskelkraft beziehungsweise gesundheitsbezogener Lebensqualität, die Evidenzqualität ist jedoch niedrig [3].
- Ausgeprägte Rektusdiastase – größere Interrektusdistanzen waren in einer großen Querschnittsuntersuchung mit einer höheren Prävalenz von abdominalen Hernien, Beckenorganprolaps sowie Schmerzen beziehungsweise Beschwerden assoziiert [8]. Wegen des Querschnittsdesigns kann daraus keine kausale oder individuelle prognostische Beziehung abgeleitet werden.
- Adipositas (Fettleibigkeit) und höhere Parität (Zahl vorausgegangener Geburten) – ein höherer Body-Mass-Index und eine größere Zahl vorausgegangener Schwangerschaften waren in einer großen Querschnittsuntersuchung unabhängig mit einer stärker ausgeprägten Rektusdiastase assoziiert [8]. Die prospektive Bedeutung als Prognosefaktoren ist nicht abschließend geklärt.
- Begleitende Mittellinienhernie – klinisch und therapeutisch relevant; das Vorliegen einer begleitenden Hernie ist Bestandteil der Klassifikation der European Hernia Society und beeinflusst die operative Strategie [LL1].
- Medianer abdominalchirurgischer Zugang (mittiger operativer Zugang zum Bauchraum) bei bestehender Rektusdiastase – ungünstiger Faktor hinsichtlich der Entwicklung einer Narbenhernie. Bei einer Rektusdiastase > 25 mm war das adjustierte Risiko nach medianem abdominalchirurgischen Zugang in einer Kohortenstudie etwa vierfach erhöht [1].
- Rektusdiastase bei operierter Nabel- oder epigastrischer Hernie – ungünstiger Faktor hinsichtlich eines Hernienrezidivs nach alleiniger Nahtversorgung kleiner primärer Hernien [2]. Die European Hernia Society berücksichtigt die begleitende Rektusdiastase deshalb ausdrücklich bei der Wahl des operativen Verfahrens [LL1].
- Persistierende funktionelle Core-Dysfunktion – für die klinische Relevanz ist die funktionelle Einschränkung bedeutsamer als die anatomische Diastasenbreite allein. Bei ausgewählten Patienten mit persistierender, trainingsresistenter Core-Dysfunktion zeigten prospektive Langzeitdaten nach chirurgischer Rekonstruktion eine anhaltende Verbesserung von Core-Stabilität, Bauch- und Rückenmuskelfunktion sowie Lebensqualität [6, 7].
Literatur
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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