Dengue-Fieber – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Ausgleich von Flüssigkeits- und Elektrolytverlusten; Aufrechterhaltung einer ausreichenden Organperfusion (Durchblutung der Organe)
- Linderung von Schmerzen und Fieber
- Frühzeitige Erkennung und Behandlung von Plasmaaustritt, Hämorrhagien (Blutungen), Schock (lebensbedrohlichem Kreislaufversagen) und Organfunktionsstörungen
- Vermeidung einer Flüssigkeitsüberlastung, insbesondere während der Rekonvaleszenz (Genesungsphase)
Therapieempfehlungen
- Keine etablierte kausale Therapie: Für Dengue-Fieber (durch Mücken übertragene Virusinfektion) steht bislang keine zugelassene spezifische antivirale Behandlung zur Verfügung. Die Therapie erfolgt supportiv [LL1, LL2].
- Ambulante Behandlung: Möglich bei fehlenden Warnzeichen, stabilem Kreislauf, ausreichender oraler Flüssigkeitsaufnahme und normaler Urinausscheidung, sofern zuverlässige Verlaufskontrollen gewährleistet sind. Klinische Kontrollen möglichst täglich; Blutbild einschließlich Hämatokrit und Thrombozyten nach Verlauf [LL2].
- Stationäre Behandlung: Bei Warnzeichen, unzureichender Flüssigkeitsaufnahme, akuter Nierenschädigung, Gerinnungsstörung oder Schwangerschaft. Bei relevanten Begleiterkrankungen, hohem Alter oder eingeschränkten Kontrollmöglichkeiten individuelle Aufnahmeentscheidung. Eine Thrombozytenzahl < 100.000/µl allein ist kein allgemeingültiges Aufnahmekriterium [LL1, LL2].
- Kritische Phase: Eine Verschlechterung kann gerade beim Entfiebern auftreten. Bei Warnzeichen Vitalparameter, Flüssigkeitsbilanz, Urinausscheidung und Hämatokrit in der Regel alle 4-6 Stunden kontrollieren; bei Schock entsprechend häufiger beziehungsweise kontinuierlich [LL2].
- Orale Rehydrierung: Bei unkompliziertem Verlauf bevorzugt orale Flüssigkeitszufuhr, gegebenenfalls mit einer oralen Rehydratationslösung. Trinkmenge an Körpergewicht, Verluste und Begleiterkrankungen anpassen; keine routinemäßigen Infusionen bei ausreichender oraler Aufnahme [LL1, LL2].
- Intravenöse Flüssigkeitstherapie: Bei Warnzeichen mit klinischem Flüssigkeitsbedarf, unzureichender oraler Aufnahme oder Schock isotone kristalloide Lösungen einsetzen. Volumen und Infusionsgeschwindigkeit nach Perfusion, Hämatokritverlauf und Diurese (Urinausscheidung) titrieren; bei Stabilisierung zügig reduzieren [LL1, LL3].
- Hämatokrit richtig interpretieren: Ein Anstieg kann auf Plasmaaustritt hinweisen. Die Infusionsentscheidung darf nicht ausschließlich von einem Anstieg um > 20 % abhängen. Ein fallender Hämatokrit bei anhaltender Kreislaufinstabilität kann eine relevante Blutung anzeigen [LL2, LL3].
- Analgetika/Antipyretika: Paracetamol bevorzugen. Metamizol ist nach WHO eine mögliche Alternative bei nicht schwerer Erkrankung; in Deutschland nur innerhalb der zugelassenen Indikationen und nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung einsetzen [LL1, F1, F2].
- Zu vermeiden: Acetylsalicylsäure und andere nichtsteroidale Antirheumatika, beispielsweise Ibuprofen, Diclofenac und Naproxen, wegen Blutungs- und Nierenrisiken. Intramuskuläre Injektionen möglichst vermeiden [LL1, LL3].
- Keine routinemäßigen Corticosteroide oder Immunglobuline: Für die Behandlung der Dengue-Infektion werden diese nicht empfohlen. Eine eigenständige andere Indikation ist gesondert zu beurteilen [LL1].
- Keine prophylaktischen Thrombozytentransfusionen: Eine isolierte Thrombozytopenie (verminderte Anzahl an Blutplättchen) ohne aktive Blutung rechtfertigt keine routinemäßige Transfusion, auch nicht bei Werten < 50.000/µl. Bei relevanter Blutung oder notwendigen invasiven Eingriffen individuell entscheiden [3, LL1].
- Schwere Blutung: Bei hämodynamisch relevanter Blutung unverzügliche intensivmedizinische Behandlung und bedarfsgerechte Erythrozytentransfusion; weitere Blutprodukte nach Blutungssituation und Gerinnungsbefunden [LL2].
- Ribavirin: Die in älterer Literatur beschriebene experimentelle Hemmung viraler Enzyme begründet keine klinische Therapieempfehlung. Auch bei Nierenbeteiligung besteht keine evidenzbasierte Indikation zur Ribavirin-Gabe [1, LL1, LL2].
- Siehe auch unter „Weitere Therapie“.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Nichtsaure Analgetika/Antipyretika – Anilinderivate
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Paracetamol | Niedrigste wirksame Dosis, möglichst kurzzeitig. Bei Leber-/Nierenfunktionsstörung Dosis reduzieren beziehungsweise Einnahmeabstände verlängern. Bei Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Unterernährung, chronischem Alkoholmissbrauch oder Körpergewicht < 50 kg ist eine niedrigere Tageshöchstdosis erforderlich; ohne individuelle ärztliche Festlegung maximal 2 g/d bei Erwachsenen. Keine zusätzlichen paracetamolhaltigen Präparate [LL1, F1]. |
- Wirkweise: Vorwiegend zentrale analgetische und antipyretische Wirkung; keine klinisch relevante antiphlogistische Wirkung.
- Indikationen: Schmerzen und belastendes Fieber bei Dengue-Fieber.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei schwerer hepatozellulärer Insuffizienz (schwerer Einschränkung der Leberzellfunktion) präparatespezifische Vorgaben beachten und keine unkritische Anwendung.
- Nebenwirkungen: Insbesondere dosisabhängige Hepatotoxizität (leberschädigende Wirkung) bei Überdosierung; selten Überempfindlichkeitsreaktionen und Blutbildveränderungen. Bei Überdosierung sofortige toxikologische Behandlung; Antidot ist N-Acetylcystein [F1].
Nichtsaure Analgetika/Antipyretika – Pyrazolone
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Metamizol | Reserveoption bei starken Schmerzen, soweit andere Maßnahmen nicht indiziert sind, oder hohem Fieber, das auf andere Maßnahmen nicht anspricht. Keine orale Einzeldosis von 2,5 g. Bei eingeschränkter Nieren-/Leberfunktion wiederholte hohe Dosen vermeiden; bei reduziertem Allgemeinzustand Dosisreduktion prüfen. Bei Stillzeit Anwendung vermeiden [F2]. |
- Wirkweise: Analgetisch, antipyretisch und spasmolytisch; Wirkmechanismus nicht vollständig geklärt.
- Indikationen: Alternative bei nicht schwerem Dengue-Fieber innerhalb der deutschen Zulassungsindikationen; keine routinemäßige Erstwahl [LL1, F2].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Pyrazolone/Pyrazolidine, entsprechende frühere Agranulozytose (starker Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen), Knochenmarkfunktionsstörung (Störung der Blutbildung im Knochenmark) oder Erkrankung des blutbildenden Systems, Analgetika-Intoleranz (Unverträglichkeit von Schmerzmitteln), Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (erblich bedingter Enzymmangel mit erhöhter Anfälligkeit der roten Blutkörperchen für Schäden), akute intermittierende hepatische Porphyrie (erblich bedingte Stoffwechselerkrankung mit anfallsweisen Beschwerden) und drittes Schwangerschaftstrimenon (letztes Schwangerschaftsdrittel) [F2].
- Nebenwirkungen: Agranulozytose, anaphylaktische Reaktionen (schwere allergische Sofortreaktionen), Hypotonie (niedriger Blutdruck), schwere Hautreaktionen sowie Leber- und Nierenschädigung. Bei neu auftretenden Halsschmerzen, Schüttelfrost oder schmerzhaften Schleimhautveränderungen sofort absetzen und unverzüglich Differenzialblutbild veranlassen. Die Behandlung nicht bis zum Laborergebnis fortsetzen; eine Agranulozytose kann durch die fieberhafte Grunderkrankung maskiert werden [F2, F3].
Volumen- und Elektrolytsubstitution – isotone kristalloide Infusionslösungen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ringer-Laktat-Lösung | Weitere Gabe ausschließlich nach klinischem Ansprechen. Bei Schwangerschaft, höherem Alter oder kardialer/renaler Volumenempfindlichkeit geringere Volumina beziehungsweise langsamere Gabe erwägen. Bei schwerer Hyponatriämie (zu niedriger Natriumkonzentration im Blut) andere Lösung wählen [LL3]. |
| Natriumchlorid 0,9 % | Alternative isotone kristalloide Lösung. Große Mengen können eine hyperchlorämische metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes durch einen erhöhten Chloridgehalt) begünstigen [LL3]. |
- Wirkweise: Ersatz extrazellulärer Flüssigkeit und vorübergehende Stabilisierung des intravasalen Volumens.
- Indikationen: Klinisch relevanter Flüssigkeitsmangel, unzureichende orale Flüssigkeitsaufnahme, Plasmaaustritt mit Kreislaufbeeinträchtigung oder Dengue-Schock.
- Kontraindikationen: Keine weitere unkritische Volumengabe bei Hypervolämie (zu großem Flüssigkeitsvolumen im Blutkreislauf) oder Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge). Bei Herz-/Niereninsuffizienz (eingeschränkter Leistungsfähigkeit des Herzens beziehungsweise der Nieren) und Elektrolytstörungen besonders sorgfältige Steuerung; präparatespezifische Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Flüssigkeitsüberlastung, Lungenödem und Elektrolytstörungen; bei Natriumchlorid 0,9 % zusätzlich hyperchlorämische Azidose. Infusionen während der Flüssigkeitsrückresorption rechtzeitig reduzieren beziehungsweise beenden [LL2, LL3].
Weitere Hinweise
- Experimentelle antivirale Wirkstoffe: JNJ-A07 hemmt die Interaktion der viralen Proteine NS3 und NS4B und zeigte Aktivität gegen alle vier Dengue-Virus-Serotypen in präklinischen Modellen. Daraus ergibt sich keine klinische Therapieempfehlung [2].
- Mosnodenvir: In einer randomisierten Phase-2a-Studie mit kontrollierter experimenteller DENV-3-Infektion verringerte eine prophylaktische Hochdosisgabe die Viruslast. Die Studie belegt keine Wirksamkeit zur Behandlung eines natürlich erworbenen Dengue-Fiebers; keine Anwendung außerhalb klinischer Studien [4].
Red Flags (Warnzeichen) bei Dengue-Fieber
- Starke beziehungsweise anhaltende Bauchschmerzen oder ausgeprägte abdominelle Druckempfindlichkeit (Schmerzempfindlichkeit des Bauches bei Druck)
- Persistierendes Erbrechen oder fehlende Fähigkeit zur ausreichenden Flüssigkeitsaufnahme
- Schleimhautblutungen oder andere klinisch relevante Blutungen
- Aszites (Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle), Pleuraerguss (Flüssigkeitsansammlung zwischen Lunge und Brustwand) oder Atemnot
- Lethargie (ausgeprägte Teilnahmslosigkeit und Schläfrigkeit), Unruhe oder Bewusstseinsstörung
- Progressiver Hämatokritanstieg, insbesondere zusammen mit raschem Thrombozytenabfall
- Kalte Extremitäten, verlängerte Rekapillarisierungszeit, abnehmender Pulsdruck, Hypotonie oder deutlich verminderte Urinausscheidung
- Bei Warnzeichen unverzügliche stationäre Abklärung; bei Schock, schwerer Blutung oder schwerer Organbeteiligung intensivmedizinische Behandlung [LL2, LL3].
Abkürzungsverzeichnis
- BfArM: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.
- DENV: Dengue-Virus.
- DENV-3: Dengue-Virus-Serotyp 3.
- DOI: Digital Object Identifier – dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.
- EMA: European Medicines Agency – Europäische Arzneimittel-Agentur.
- et al.: et alii – und weitere Autoren.
- F: Fachinformation beziehungsweise Arzneimittelsicherheitsinformation.
- g: Gramm.
- g/d: Gramm pro Tag.
- kg: Kilogramm.
- LL: Leitlinie beziehungsweise klinische Handlungsempfehlung.
- mg: Milligramm.
- NS3: Nichtstrukturprotein 3 des Dengue-Virus.
- NS4B: Nichtstrukturprotein 4B des Dengue-Virus.
- WHO: World Health Organization – Weltgesundheitsorganisation.
- µl: Mikroliter.
Literatur
- Arbeitskreis Blut des Bundesministeriums für Gesundheit. Dengue Fieber Virus (DENV). Stellungnahmen des Arbeitskreises Blut des Bundesministeriums für Gesundheit. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz. 2011;54:892-904. DOI: 10.1007/s00103-011-1297-y.
- Kaptein SJF, Goethals O, Kiemel D, Marchand A, Kesteleyn B, Bonfanti JF et al.:A pan-serotype dengue virus inhibitor targeting the NS3-NS4B interaction. Nature. 2021;598(7881):504-509. DOI: 10.1038/s41586-021-03990-6.
- Lye DC, Archuleta S, Syed-Omar SF, Low JG, Oh HM, Wei Y et al.:Prophylactic platelet transfusion plus supportive care versus supportive care alone in adults with dengue and thrombocytopenia: a multicentre, open-label, randomised, superiority trial. Lancet. 2017;389(10079):1611-1618. DOI: 10.1016/S0140-6736(17)30269-6.
- Durbin AP, Van Wesenbeeck L, Pierce KK, Herrera-Taracena G, Ebone L, Buelens A et al.:Daily Mosnodenvir as Dengue Prophylaxis in a Controlled Human Infection Model. N Engl J Med. 2025;393(21):2107-2118. DOI: 10.1056/NEJMoa2500179.
Leitlinien
- WHO-Leitlinie: WHO guidelines for clinical management of arboviral diseases: dengue, chikungunya, Zika and yellow fever. Juli 2025. Leitlinienübersicht Langfassung. [LL1]
- Centers for Disease Control and Prevention. Clinical Care of Dengue. Klinische Handlungsempfehlungen, 15. April 2026. Volltext. [LL2]
- Centers for Disease Control and Prevention. Dengue Case Management. Pocket Guide, 2024. Vollfassung. [LL3]
Fachinformationen
- ratiopharm GmbH. Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Fachinformation, Stand Dezember 2024. Fachinformation. [F1]
- ratiopharm GmbH. Novaminsulfon-ratiopharm 500 mg Tabletten. Fachinformation, Stand November 2024. Fachinformation. [F2]
- Zulassungsinhaber metamizolhaltiger Arzneimittel in Abstimmung mit EMA und BfArM. Metamizolhaltige Arzneimittel: Wichtige Maßnahmen zur Minimierung der schwerwiegenden Folgen des bekannten Risikos für Agranulozytose. Rote-Hand-Brief, 9. Dezember 2024. Sicherheitsinformation. [F3]