Hautrötung (Erythem) – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung und Linderung begleitender Beschwerden. Ein Erythem ist ein klinisches Zeichen und keine eigenständige Diagnose; eine einheitliche Erythemtherapie besteht nicht.
Therapieempfehlungen
Vor einer Arzneimittelbehandlung sind Ursache, Lokalisation, Ausdehnung, Verlauf und Begleitsymptome zu beurteilen. Eine vorübergehende physiologische Rötung benötigt in der Regel keine Pharmakotherapie. Antibiotika, Antimykotika und Glukokortikoide dürfen nicht allein aufgrund einer Hautrötung verordnet werden.
- Ekzematöse Erytheme: Bei allergischem oder irritativem Kontaktekzem (Hautentzündung durch Kontakt mit allergieauslösenden oder reizenden Stoffen) Auslöser meiden und Hautbarriere unterstützen; bei entzündlicher Aktivität zeitlich begrenzte topische Glukokortikoide nach Lokalisation und Schweregrad. Bei atopischer Dermatitis (Neurodermitis) kommen indikationsgerecht auch topische Calcineurin-Inhibitoren infrage. Siehe Kontaktekzem, Gesichtsekzem und Neurodermitis/Pharmakotherapie [LL2, FI2, FI3].
- Rosazea (chronische Hauterkrankung mit Gesichtsrötung): Persistierendes Gesichtserythem und entzündliche Papeln/Pusteln (Knötchen/Eiterbläschen) sind unterschiedliche Therapieziele. Brimonidin kann das persistierende Erythem vorübergehend vermindern; Metronidazol, Ivermectin, Azelainsäure oder gegebenenfalls Doxycyclin werden nach entzündlichem Phänotyp eingesetzt. Kein pauschaler Einsatz dieser Wirkstoffe bei isolierter Rötung. Episodischer Flush (anfallsartiges Erröten) ist gesondert zu beurteilen. Siehe Rosazea und Flush/Pharmakotherapie [1, LL1].
- Bakterielle Infektion: Bei Erysipel (Wundrose) oder bakterieller Zellulitis (bakterielle Entzündung von Haut und Unterhaut) systemische Antibiotika nach klinischer Diagnose, Schweregrad und Erregerspektrum; keine Antibiotikatherapie einer bloßen Rötung oder einer nicht infizierten Stauungsdermatitis (Hautentzündung durch venösen Blutstau). Siehe Erysipel und bakterielle Hautinfektionen/Pharmakotherapie [LL4].
- Erythema migrans (Wanderröte): Bei typischem klinischem Befund zeitgerechte orale Antibiotikatherapie, beispielsweise mit Doxycyclin oder Amoxicillin; Auswahl und Dauer nach Manifestation, Alter und Schwangerschaft. Nicht lediglich symptomatisch mit einem Glukokortikoid behandeln. Siehe Lyme-Borreliose (durch Zecken übertragene bakterielle Infektionskrankheit)/Pharmakotherapie [LL3].
- Urtikaria (Nesselsucht): Bei flüchtigen juckenden Quaddeln (vorübergehenden erhabenen Hautschwellungen) Behandlung nach dem Urtikariaalgorithmus, initial in der Regel mit einem H1-Antihistaminikum der zweiten Generation. Antihistaminika sind keine allgemeine Therapie jedes Erythems. Siehe Urtikaria/Pharmakotherapie [LL6].
- Mykose (Pilzinfektion) oder seborrhoische Dermatitis (schuppende Hautentzündung vor allem an talgdrüsenreichen Stellen): Antimykotische Behandlung entsprechend der gesicherten beziehungsweise klinisch wahrscheinlichen Ursache. Eine Dermatophytose (Hautpilzinfektion durch Fadenpilze) kann durch eine alleinige Glukokortikoidbehandlung verschleiert werden. Siehe Dermatomykosen und seborrhoisches Ekzem/Pharmakotherapie.
- Arzneimittelexanthem (durch ein Arzneimittel ausgelöster Hautausschlag): Verdächtiges Arzneimittel und zeitlichen Zusammenhang prüfen; Absetzen beziehungsweise Umstellen ärztlich festlegen. Symptomatische oder systemische Behandlung nach Reaktionstyp und Schweregrad. Siehe Arzneimittelexantheme/Pharmakotherapie [LL5].
- Weitere Ursachen: Bei Psoriasis (Schuppenflechte), kutanem Lupus erythematodes (Autoimmunerkrankung mit Hautbefall), Photodermatosen (lichtbedingten Hauterkrankungen), Stauungsdermatitis oder Erythema nodosum (entzündlichen, meist schmerzhaften Knoten im Unterhautfettgewebe) Behandlung nach gesicherter Grunderkrankung; siehe die jeweils gleichnamigen Artikel/Pharmakotherapie. Keine empirische systemische Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr) allein wegen eines Erythems.
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Die folgenden Wirkstoffe sind Beispiele für definierte Ursachen. Sie stellen keine allgemein anwendbare Behandlung der Hautrötung dar. Die Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene; pädiatrische Anwendungen erfordern die jeweilige Fachinformation.
Topische Glukokortikoide – bei entzündlichem Ekzem
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Hydrocortison 0,5 % | Schwach wirksam, Klasse I. Im Gesicht und in Hautfalten besonders kurz und kleinflächig anwenden. Bei fehlendem Ansprechen Diagnose überprüfen [FI2]. |
- Wirkweise: Antientzündlich und juckreizlindernd.
- Indikation: Mäßig ausgeprägte entzündliche Hauterkrankungen, insbesondere passende Ekzemformen.
- Kontraindikationen: Unter anderem Rosazea, periorale Dermatitis (Hautentzündung um den Mund) und unbehandelte Hautinfektionen; produktspezifisch auch erstes Schwangerschaftsdrittel. Nicht am Auge oder auf Schleimhäuten anwenden [FI2].
- Nebenwirkungen: Hautatrophie (Dünnerwerden der Haut), Teleangiektasien (sichtbar erweiterte kleine Hautgefäße) und Steroidakne (akneähnliche Hautveränderungen durch Glukokortikoide) insbesondere bei längerer Anwendung; bei ausgedehnter Anwendung auch systemische Wirkungen [FI2].
Topische Calcineurin-Inhibitoren – bei atopischer Dermatitis
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Tacrolimus 0,1 % Salbe | Bei mittelschwerer bis schwerer atopischer Dermatitis und unzureichendem Ansprechen auf oder Unverträglichkeit konventioneller Therapie. Für andere Ekzemformen ist der Zulassungsstatus gesondert zu prüfen; gegebenenfalls Off-Label-Use [FI3]. |
- Wirkweise: Hemmung der Calcineurin-abhängigen T-Zell-Aktivierung.
- Indikation: Indikationsgerechte steroidfreie Lokaltherapie der atopischen Dermatitis, auch an empfindlichen Lokalisationen.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Tacrolimus, Makrolide oder Bestandteile. Nicht auf infizierte oder malignitätsverdächtige Haut auftragen; bei Immundefizienz (Abwehrschwäche) nicht anwenden. Lichtschutz beachten [FI3].
- Nebenwirkungen: Vorübergehendes Brennen und Juckreiz; Follikulitis (Haarbalgentzündung) und Herpesinfektionen möglich [FI3].
Topische Alpha-2-Adrenozeptoragonisten – bei Rosazeaerythem
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Brimonidin 3 mg/g Gel | Nur bei Erwachsenen mit rosazeabedingtem Gesichtserythem. Symptomatische Wirkung; bei verstärkter Rötung absetzen [FI1]. |
- Wirkweise: Kutane Vasokonstriktion (Verengung der Hautgefäße) durch Alpha-2-Adrenozeptoraktivierung.
- Indikation: Persistierendes Gesichtserythem bei Rosazea; keine universelle Behandlung entzündlicher oder infektiöser Erytheme [LL1, FI1].
- Kontraindikationen: Unter anderem gleichzeitige MAO-Hemmer oder die noradrenerge Übertragung beeinflussende tri- beziehungsweise tetrazyklische Antidepressiva; Alter unter 2 Jahren. Keine pädiatrische Standardtherapie [FI1].
- Nebenwirkungen: Verstärktes Erythem, Flush, Brennen und Kontaktdermatitis; auch Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) und Hypotonie (niedriger Blutdruck) möglich [FI1].
Beachte
- Rasch zunehmende schmerzhafte Rötung mit Fieber oder deutlicher Allgemeinbeeinträchtigung erfordert dringliche Abklärung einer schweren Infektion [LL4].
- Bei Rötung mit Atemnot oder Kreislaufstörung sofortige Notfallbehandlung nach Anaphylaxiealgorithmus (Behandlungsschema für eine schwere allergische Allgemeinreaktion); Antihistaminika und Glukokortikoide ersetzen Adrenalin nicht [LL7].
- Hautschmerzen, Blasen, Schleimhauterosionen (oberflächliche wunde Stellen an den Schleimhäuten) oder Fieber nach Arzneimittelexposition können auf eine schwere kutane Arzneimittelreaktion hinweisen und erfordern sofortige fachärztliche beziehungsweise stationäre Beurteilung [LL5].
- Persistierende, atypische oder therapieresistente Erytheme diagnostisch neu bewerten; eine zunehmende Glukokortikoidpotenz ersetzt keine Diagnosesicherung.
Abkürzungen
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- EMA: Europäische Arzneimittel-Agentur.
- FI: Fachinformation.
- H1: Histaminrezeptor Typ 1.
- LL: Leitlinie.
- MAO: Monoaminoxidase.
- NICE: National Institute for Health and Care Excellence.
Literatur
- Fowler J et al.: Once-daily topical brimonidine tartrate gel 0·5% is a novel treatment for moderate to severe facial erythema of rosacea: results of two multicentre, randomized and vehicle-controlled studies. Br J Dermatol. 2012;166:633–641. doi: 10.1111/j.1365-2133.2011.10716.x.
Leitlinien
- S2k-Leitlinie: Rosazea. AWMF-Registernummer: 013-065, Stand Januar 2022, gültig bis Dezember 2026. Langfassung [LL1]
- S1-Leitlinie: Kontaktekzem. Veröffentlichung 2022, Gültigkeit bis 31. August 2026 abgelaufen; Aktualisierung im August 2026 angemeldet. AWMF-Registernummer: 013-055. doi: 10.1111/ddg.14734_g [LL2]
- S2k-Leitlinie: Kutane Lyme-Borreliose. Veröffentlichung Juni 2024. AWMF-Registernummer: 013-044. Langfassung [LL3]
- NICE guideline NG141: Cellulitis and erysipelas: antimicrobial prescribing. 2019. Empfehlungen [LL4]
- NICE guideline CG183: Drug allergy: diagnosis and management. 2014. Empfehlungen [LL5]
- Zuberbier T et al.: The International Guideline for the Definition, Classification, Diagnosis and Management of Urticaria. Allergy. 2026;81:2582–2632. doi: 10.1111/all.70210 [LL6]
- Resuscitation Council UK: Emergency treatment of anaphylaxis. 2021. Leitlinie [LL7]
Fachinformationen
- Mirvaso 3 mg/g Gel, Brimonidin. EMA-Produktinformation [FI1]
- FeniHydrocort Creme 0,5 %, Hydrocortison. Stand Januar 2024. Fachinformation [FI2]
- Protopic, Tacrolimus. EMA-Produktinformation [FI3]