Hautalterung – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
Verlangsamung der extrinsischen Hautalterung (durch äußere Einflüsse bedingten Hautalterung), insbesondere der lichtbedingten Hautalterung (sonnenbedingten Hautalterung) (Photoaging (vorzeitige Hautalterung durch UV-Strahlung)), Verhinderung weiterer UV-induzierter Hautschäden sowie Verbesserung von feinen und groben Falten, Hautrauigkeit, Elastizitätsverlust und unregelmäßiger Pigmentierung.
Die Pharmakotherapie (Behandlung mit Arzneimitteln) kann altersbedingte Strukturveränderungen der Haut vermindern, jedoch weder die intrinsische Hautalterung (natürliche Hautalterung) aufheben noch ausgeprägte Hauterschlaffung, tiefe statische Falten oder Volumenverluste vollständig korrigieren.
Therapieempfehlungen
- Konsequenter Lichtschutz ist die Grundlage jeder Prävention und Therapie der lichtbedingten Hautalterung:
- tägliche Anwendung eines photostabilen (lichtbeständigen) Breitband-Sonnenschutzmittels mit ausreichendem UVA- und UVB-Schutz, mindestens Lichtschutzfaktor 30, bei ausgeprägter Lichtschädigung vorzugsweise Lichtschutzfaktor 50+ [3]
- ausreichende Auftragsmenge sowie erneute Anwendung bei längerer UV-Exposition, starkem Schwitzen oder Wasserkontakt
- ergänzend textile Lichtschutzmaßnahmen und Vermeidung intensiver UV-Exposition
- Topische Retinoide (auf die Haut aufgetragene Vitamin-A-Abkömmlinge) sind die pharmakologisch am besten belegten Wirkstoffe zur Behandlung des Photoagings:
- Tretinoin besitzt die umfangreichste klinische Evidenz und gilt als Referenzwirkstoff [1, 2].
- Adapalen kann bei Unverträglichkeit von Tretinoin als besser verträgliche Alternative eingesetzt werden; die Evidenz für Photoaging ist geringer [1, 2].
- Die Anwendung von Tretinoin und Adapalen gegen Hautalterung erfolgt in Deutschland außerhalb der zugelassenen Indikation (Off-Label-Use (Anwendung außerhalb der Arzneimittelzulassung)) [LL3, LL4].
- Zur Verbesserung der Verträglichkeit sollte die Therapie einschleichend begonnen werden. Eine relevante klinische Wirkung setzt eine regelmäßige längerfristige Anwendung über mehrere Monate voraus.
- Topische Retinoide dürfen während einer Schwangerschaft und bei geplanter Schwangerschaft nicht angewendet werden [LL5].
- Botulinumtoxin Typ A (Nervengift zur vorübergehenden Muskelentspannung) ist zur vorübergehenden Behandlung mimisch bedingter dynamischer Gesichtsfalten geeignet:
- zugelassene Anwendungsgebiete umfassen je nach Präparat Glabellafalten (Zornesfalten), seitliche Kanthalfalten (Krähenfüße) und horizontale Stirnfalten [4-6, LL6-LL11]
- die Behandlung darf ausschließlich durch Ärzte mit entsprechender Qualifikation, anatomischer Erfahrung und der erforderlichen Notfallausstattung erfolgen
- Dosierungseinheiten sind präparatespezifisch und nicht zwischen unterschiedlichen Botulinumtoxinpräparaten austauschbar
- das in der jeweiligen Fachinformation angegebene Mindestintervall zwischen den Behandlungen ist einzuhalten
- Eine menopausale Hormontherapie (Hormonbehandlung in den Wechseljahren) darf nicht allein zur Behandlung der Hautalterung begonnen werden:
- Bei einer aus anderen Gründen leitliniengerecht indizierten menopausalen Hormontherapie können sich Hautdicke, Kollagengehalt und Elastizität verbessern [7].
- Der mögliche Hauteffekt ist ein Begleiteffekt und keine eigenständige Indikation zur systemischen Hormontherapie (den gesamten Körper betreffenden Hormonbehandlung).
- Eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist gemäß der aktuellen Konsultationsfassung der S3-Leitlinie „Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen“ erforderlich [LL2].
- Topische Östrogene (auf die Haut aufgetragene weibliche Geschlechtshormone) im Gesicht sind keine etablierte Standardtherapie:
- Die verfügbaren Studien lassen mögliche Verbesserungen einzelner Hautparameter erkennen, sind jedoch klein, heterogen und überwiegend von kurzer Dauer [8].
- Es fehlen zugelassene Präparate für diese Indikation, standardisierte Dosierungen und belastbare Daten zur langfristigen endometrialen (die Gebärmutterschleimhaut betreffenden), mammären (die Brust betreffenden) und thromboembolischen Sicherheit (Sicherheit hinsichtlich Gefäßverschlüssen durch Blutgerinnsel).
- Vaginal anzuwendende Östrogenpräparate sind nicht für die Anwendung im Gesicht vorgesehen.
- Topisches Progesteron und Testosteron werden zur Behandlung der Hautalterung nicht empfohlen:
- Für eine klinisch relevante Anti-Aging-Wirkung fehlen hinreichende kontrollierte Studien.
- Es bestehen weder zugelassene Indikationen noch evidenzbasierte Dosierungsschemata.
- Dermokosmetische Retinoidderivate (kosmetische Vitamin-A-Abkömmlinge) sind von der Pharmakotherapie zu trennen:
- Retinol und Retinaldehyd sind kosmetische Wirkstoffe und keine zugelassenen Arzneimittel gegen Hautalterung.
- Ihre Wirksamkeit ist abhängig von Konzentration, Stabilität, Formulierung, Verpackung und kutaner Umwandlung (Umwandlung in der Haut) in Retinsäure.
- Sie können bei leichter Hautalterung oder Unverträglichkeit verschreibungspflichtiger Retinoide eingesetzt werden, sind hinsichtlich Evidenz und Wirkstärke jedoch nicht mit Tretinoin gleichzusetzen [1, 2].
- Unterstützende Hautpflege:
- regelmäßige Anwendung reizstoffarmer, nicht komedogener (die Poren nicht verstopfender) Feuchtigkeitspräparate
- bei trockener Haut bevorzugt Formulierungen mit Ceramiden (Bestandteilen der Hautbarriere), Glycerol, niedrig dosiertem Harnstoff oder anderen physiologischen Feuchthaltefaktoren
- Vermeidung aggressiver Reinigungsprodukte und gleichzeitiger Anwendung mehrerer potenziell irritierender Wirkstoffe
- Verlaufskontrolle:
- erste Kontrolle einer topischen Retinoidtherapie nach etwa 6-12 Wochen
- Beurteilung von Verträglichkeit, Irritation, Adhärenz (Therapietreue), Pigmentveränderungen und klinischem Ansprechen
- nach Botulinumtoxinbehandlung gegebenenfalls Kontrolle nach etwa 14 Tagen
Beachte: Aktinische Keratosen (durch chronische Sonnenschädigung verursachte Hautkrebsvorstufen), Hautmalignome (bösartige Hauttumoren) und andere behandlungsbedürftige Dermatosen (Hauterkrankungen) müssen vor einer rein kosmetischen Therapie ausgeschlossen werden. Dermale Füllmaterialien (in die Haut eingebrachte Füllstoffe), Lasertherapie, chemische Peelings (chemische Hautschälungen), Radiofrequenzverfahren, fokussierter Ultraschall und operative Verfahren sind keine Pharmakotherapie und werden gesondert bewertet.
Wirkstoffe (Hauptindikation)
Topische Retinoide – Off-Label-Therapie des Photoagings
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Tretinoin | Referenzwirkstoff mit der umfangreichsten Evidenz [1, 2]; in Deutschland bei Photoaging Off-Label-Use; Tretinoin 0,05 % ist als Arzneimittel verfügbar; niedrigere Konzentrationen gegebenenfalls als Rezeptur |
| Adapalen | Bei Photoaging Off-Label-Use; photostabil und häufig besser verträglich als Tretinoin; geringere Evidenz zur Behandlung der Hautalterung [1, 2] |
Tretinoin
Wirkweise: Tretinoin bindet an nukleäre Retinsäurerezeptoren (Andockstellen für Vitamin-A-Säure im Zellkern) und reguliert die Proliferation und Differenzierung von Keratinozyten (Vermehrung und Reifung hornbildender Hautzellen). Es fördert die epidermale Erneuerung (Erneuerung der Oberhaut), stimuliert die Synthese von Kollagen und weiteren Bestandteilen der extrazellulären Matrix (Stützgerüst zwischen den Zellen) und vermindert die UV-induzierte Expression kollagenabbauender Matrix-Metalloproteinasen (kollagenabbauender Enzyme). Dadurch können feine Falten, Hautrauigkeit und fleckige Hyperpigmentierung (verstärkte Hautfärbung) vermindert werden [1, 2].
Indikationen: Lichtbedingte Hautalterung mit feinen Falten, rauer Hautoberfläche und unregelmäßiger Hyperpigmentierung; in Deutschland Off-Label-Use. Die zugelassene Indikation des verfügbaren Fertigarzneimittels ist Akne vulgaris (gewöhnliche Akne) [LL3].
Kontraindikationen: Schwangerschaft und geplante Schwangerschaft; Überempfindlichkeit gegen Tretinoin oder Bestandteile des Präparats; akute Dermatitis (Hautentzündung), Ekzem (entzündliche Hauterkrankung), Rosazeaexazerbation (Verschlechterung einer chronisch-entzündlichen Gesichtshauterkrankung), periorale Dermatitis (entzündlicher Hautausschlag um den Mund), Sonnenbrand, offene Hautläsionen (Hautverletzungen) oder ausgeprägte Störung der Hautbarriere. Keine unmittelbare Anwendung nach Dermabrasion (mechanischer Hautabschleifung), ablativer Lasertherapie (abtragender Laserbehandlung) oder tiefem chemischem Peeling.
Nebenwirkungen: Retinoiddermatitis (durch Retinoide verursachte Hautentzündung) mit Erythem (Hautrötung), Brennen, Trockenheit, Schuppung, Juckreiz und Spannungsgefühl; erhöhte kutane Irritabilität (gesteigerte Reizbarkeit der Haut); vorübergehende Hyper- oder Hypopigmentierung (verstärkte oder verminderte Hautfärbung), insbesondere nach ausgeprägter Entzündungsreaktion; selten Kontaktdermatitis (kontaktbedingte Hautentzündung).
Adapalen
Wirkweise: Adapalen bindet selektiv an Retinsäurerezeptoren der Subtypen RAR-β und RAR-γ. Es normalisiert die Differenzierung von Keratinozyten, besitzt antientzündliche Eigenschaften und ist gegenüber Licht und Oxidation vergleichsweise stabil.
Indikationen: Photoaging bei Unverträglichkeit von Tretinoin oder bei besonders irritabler Haut; Off-Label-Use. Die zugelassene Indikation ist Akne vulgaris [LL4].
Kontraindikationen: Schwangerschaft und geplante Schwangerschaft; Überempfindlichkeit gegen Adapalen oder Bestandteile des Präparats; akute Dermatitis, Ekzem, Sonnenbrand, verletzte Haut oder ausgeprägte Störung der Hautbarriere.
Nebenwirkungen: Trockenheit, Erythem, Brennen, Schuppung, Juckreiz und irritative Dermatitis; selten Kontaktdermatitis, Augenlidreizung oder postinflammatorische Pigmentveränderungen (Pigmentveränderungen nach einer Entzündung).
Hinweise zur Anwendung topischer Retinoide:
- Eine erbsengroße Menge ist für das gesamte Gesicht in der Regel ausreichend.
- Die Haut sollte vor der Anwendung gereinigt und vollständig trocken sein.
- Augenlider, Lippen, Nasenwinkel und Schleimhäute sind auszusparen.
- Bei Irritation ist die Anwendungshäufigkeit zu reduzieren oder die Behandlung vorübergehend zu unterbrechen.
- Eine Feuchtigkeitscreme kann vor oder nach dem Retinoid aufgetragen werden.
- Zu Beginn sollten hoch konzentrierte Fruchtsäuren, mechanische Peelings, alkoholreiche Präparate und andere stark irritierende Wirkstoffe nicht gleichzeitig angewendet werden.
- Ein konsequenter täglicher Lichtschutz ist obligat (zwingend erforderlich).
- Topische Retinoide dürfen während einer Schwangerschaft und bei geplanter Schwangerschaft nicht angewendet werden [LL5].
Botulinumtoxin Typ A – Auswahl zugelassener ästhetischer Präparate
| Wirkstoff/Präparat | Besonderheiten |
| OnabotulinumtoxinA VISTABEL |
Rekonstitutionspflichtiges Pulver (vor der Anwendung aufzulösendes Pulver); Behandlungsintervall nicht häufiger als alle 3 Monate; Allergan-Einheiten sind nicht auf andere Präparate übertragbar [LL6] |
| IncobotulinumtoxinA BOCOUTURE |
Neurotoxin ohne Komplexproteine; rekonstitutionspflichtiges Pulver; Behandlungsintervall mindestens 3 Monate; Einheiten sind präparatespezifisch [LL7] |
| AbobotulinumtoxinA Azzalure |
Rekonstitutionspflichtiges Pulver; Behandlungsintervall nicht häufiger als alle 3 Monate; Speywood-Einheiten sind nicht auf andere Präparate übertragbar [LL8] |
| AbobotulinumtoxinA Alluzience |
Gebrauchsfertige Injektionslösung; zugelassene ästhetische Indikation beschränkt sich auf Glabellafalten; Behandlungsintervall nicht häufiger als alle 3 Monate [LL9] |
| LetibotulinumtoxinA Letybo |
Rekonstitutionspflichtiges Pulver; Behandlungsintervall nicht häufiger als alle 3 Monate; Einheiten sind präparatespezifisch [LL10] |
| RelabotulinumtoxinA Relfydess |
Gebrauchsfertige Injektionslösung ohne Komplexproteine; Behandlungsintervall mindestens 12 Wochen; Einheiten sind präparatespezifisch [LL11] |
Beachte: Die dargestellten Dosen gelten ausschließlich für das jeweils genannte Präparat. Eine rechnerische Umrechnung oder Übertragung von Einheiten zwischen unterschiedlichen Botulinumtoxinpräparaten ist unzulässig. Maßgeblich sind die jeweilige aktuelle Fachinformation, die individuelle Anatomie und das zu behandelnde Muskelmuster.
OnabotulinumtoxinA
Wirkweise: OnabotulinumtoxinA spaltet das präsynaptische Protein SNAP-25 und hemmt dadurch vorübergehend die Freisetzung von Acetylcholin (Botenstoff der Nerven) an der neuromuskulären Endplatte (Kontaktstelle zwischen Nerv und Muskel). Die Aktivität der behandelten mimischen Muskulatur nimmt reversibel (vorübergehend umkehrbar) ab.
Indikationen: Vorübergehende Verbesserung mittelstarker bis starker Glabella-, seitlicher Kanthal- und Stirnfalten bei erwachsenen Patienten, wenn deren Ausprägung eine erhebliche psychologische Belastung darstellt [LL6].
Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder Bestandteile des Präparats; Infektion an der vorgesehenen Injektionsstelle; Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche) oder Lambert-Eaton-Syndrom (Störung der Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel). Eine ästhetische Behandlung während Schwangerschaft und Stillzeit ist mangels medizinischer Notwendigkeit und ausreichender Sicherheitsdaten nicht angezeigt.
Nebenwirkungen: Schmerzen, Erythem, Ödem (Schwellung durch Flüssigkeitseinlagerung), Hämatom (Bluterguss) und Druckempfindlichkeit an der Injektionsstelle; Kopfschmerzen; Augenlid- oder Augenbrauenptosis (Herabhängen des Augenlids oder der Augenbraue); Asymmetrie; trockene Augen; Tränenfluss; Diplopie (Doppeltsehen); unerwünschte Schwächung benachbarter Muskeln. Sehr selten kann sich die Toxinwirkung mit Dysphagie (Schluckstörung), Dysarthrie (Sprechstörung), generalisierter Muskelschwäche (den gesamten Körper betreffender Muskelschwäche) oder Atemstörungen über die Injektionsregion hinaus ausbreiten [4-6].
IncobotulinumtoxinA
Wirkweise: IncobotulinumtoxinA spaltet SNAP-25 und blockiert dadurch die cholinerge Signalübertragung (durch Acetylcholin vermittelte Reizübertragung) an der neuromuskulären Endplatte. Das Präparat enthält das reine Neurotoxin ohne Komplexproteine.
Indikationen: Vorübergehende Verbesserung mittelstarker bis starker Glabellafalten, seitlicher Kanthalfalten und horizontaler Stirnfalten bei Erwachsenen unter 65 Jahren, wenn deren Ausprägung eine erhebliche psychologische Belastung darstellt [LL7].
Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Infektion an der vorgesehenen Injektionsstelle; generalisierte Störungen der Muskelaktivität, insbesondere Myasthenia gravis oder Lambert-Eaton-Syndrom.
Nebenwirkungen: Lokale Schmerzen, Hämatom, Erythem und Schwellung; Kopfschmerzen; Ptosis; Asymmetrie; lokale Muskelschwäche; trockene Augen oder Diplopie; sehr selten Ausbreitung der Toxinwirkung mit Schluck-, Sprech- oder Atemstörungen.
AbobotulinumtoxinA
Wirkweise: AbobotulinumtoxinA blockiert durch Spaltung von SNAP-25 die präsynaptische Freisetzung von Acetylcholin und reduziert reversibel die Kontraktion der injizierten mimischen Muskulatur.
Indikationen: Azzalure ist für mittelstarke bis starke Glabella- und seitliche Kanthalfalten zugelassen. Alluzience ist für mittelstarke bis starke Glabellafalten zugelassen, wenn das Ausmaß der Falten eine erhebliche psychische Belastung darstellt [LL8, LL9].
Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Infektion an der vorgesehenen Injektionsstelle; Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom oder amyotrophe Lateralsklerose (fortschreitende Erkrankung motorischer Nervenzellen).
Nebenwirkungen: Schmerzen, Hämatom, Erythem und Ödem; Kopfschmerzen; Augenlid- oder Augenbrauenptosis; Augenbeschwerden; asymmetrische Mimik; unerwünschte Schwächung benachbarter Muskeln. Sehr selten sind eine entfernte Ausbreitung der Toxinwirkung, Dysphagie, Aspirationskomplikationen (Komplikationen durch Eindringen von Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege), generalisierte Muskelschwäche und Atemstörungen möglich.
LetibotulinumtoxinA
Wirkweise: LetibotulinumtoxinA hemmt über die Spaltung von SNAP-25 die präsynaptische Acetylcholinfreisetzung an der motorischen Endplatte und führt zu einer vorübergehenden Reduktion der Muskelaktivität.
Indikationen: Vorübergehende Verbesserung mittelstarker bis starker Glabellafalten bei Erwachsenen unter 75 Jahren, wenn deren Ausprägung eine erhebliche psychologische Belastung darstellt [LL10].
Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; Infektion an der Injektionsstelle; Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom oder andere ausgeprägte neuromuskuläre Übertragungsstörungen (Störungen der Reizübertragung zwischen Nerv und Muskel).
Nebenwirkungen: Reaktionen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Ptosis, Augenbrauenasymmetrie, Blepharospasmus (Lidkrampf), trockene Augen und lokale Muskelschwäche; sehr selten systemische Toxinwirkung (den gesamten Körper betreffende Giftwirkung) mit Schluck- oder Atemstörungen.
RelabotulinumtoxinA
Wirkweise: RelabotulinumtoxinA hemmt nach Aufnahme in cholinerge Nervenendigungen durch Spaltung von SNAP-25 die Acetylcholinfreisetzung und reduziert vorübergehend die Kontraktion der behandelten Muskulatur. Das Präparat enthält keine Komplexproteine.
Indikationen: Vorübergehende Verbesserung mittelstarker bis starker Glabellafalten und seitlicher Kanthalfalten bei Erwachsenen, wenn deren Ausprägung eine erhebliche psychologische Belastung darstellt [LL11].
Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bestehende Infektion an der vorgesehenen Injektionsstelle; Myasthenia gravis, Lambert-Eaton-Syndrom oder amyotrophe Lateralsklerose.
Nebenwirkungen: Reaktionen an der Injektionsstelle, Kopfschmerzen, Ptosis, Gesichtsasymmetrie, trockene Augen und unerwünschte lokale Muskelschwäche; selten Überempfindlichkeitsreaktionen; sehr selten Dysphagie, Dysarthrie, generalisierte Muskelschwäche oder Atemstörungen infolge einer entfernten Ausbreitung der Toxinwirkung.
Wechselwirkungen und Vorsichtsmaßnahmen bei Botulinumtoxin Typ A:
- Aminoglykosidantibiotika, Spectinomycin, Muskelrelaxanzien und andere Arzneimittel mit Einfluss auf die neuromuskuläre Übertragung können die Wirkung verstärken.
- Eine genaue Medikamenten-, Gerinnungs- und neuromuskuläre Anamnese (Erhebung der Vorgeschichte zu Arzneimitteln, Blutgerinnung sowie Nerven- und Muskelfunktion) ist erforderlich.
- Bei Dysphagie, Dysarthrie oder Atemstörungen nach der Behandlung ist eine sofortige medizinische Abklärung erforderlich.
- Zu kurze Behandlungsintervalle und unnötig hohe Dosen sind wegen des Nebenwirkungs- und Antikörperrisikos zu vermeiden.
Hormonelle Therapieansätze – keine regelhafte Indikation allein wegen Hautalterung
| Wirkstoff/Therapie | Besonderheiten |
| Systemische menopausale Hormontherapie mit Estradiol | Hautalterung ist keine eigenständige Indikation; bei vorhandenem Uterus (Gebärmutter) ist eine ausreichende Gestagenkomponente (Gelbkörperhormon-Anteil) zum Endometriumschutz (Schutz der Gebärmutterschleimhaut) erforderlich [7, LL2] |
| Estradiol oder Estriol – topische Anwendung im Gesicht | Off-Label-Use; begrenzte und heterogene Evidenz; keine routinemäßige Empfehlung; keine Anwendung vaginaler Östrogenpräparate im Gesicht [8] |
| Progesteron – topische Anwendung im Gesicht | Keine ausreichende Evidenz für eine klinisch relevante Anti-Aging-Wirkung; nicht empfohlen |
| Testosteron | Keine zugelassene oder evidenzbasierte Indikation zur Hautverjüngung; kosmetisch motivierte Anwendung nicht empfohlen |
Estradiol – systemische menopausale Hormontherapie
Wirkweise: Estradiol beeinflusst Fibroblasten (Bindegewebszellen), Kollagensynthese, Glykosaminoglykane (wasserbindende Bestandteile des Bindegewebes), epidermale Homöostase (Gleichgewicht der Oberhaut), Hautdurchblutung und Wasserbindung. Eine Metaanalyse zeigte unter menopausaler Hormontherapie Verbesserungen von Hautelastizität, Hautdicke und Kollagengehalt; für die Hautfeuchtigkeit war der Effekt nicht eindeutig [7].
Indikationen: Keine Indikation zur alleinigen Behandlung der Hautalterung. Eine systemische menopausale Hormontherapie kann bei belastenden vasomotorischen Beschwerden (Hitzewallungen und Schweißausbrüchen) und weiteren anerkannten menopausalen Indikationen nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung gemäß der aktuellen Konsultationsfassung der S3-Leitlinie eingesetzt werden [LL2].
Kontraindikationen: Insbesondere bestehendes oder vorausgegangenes hormonabhängiges Mammakarzinom (Brustkrebs) oder anderes östrogenabhängiges Malignom (bösartige Tumorerkrankung), ungeklärte vaginale Blutung (Blutung aus der Scheide), unbehandelte Endometriumhyperplasie (Verdickung der Gebärmutterschleimhaut), akute oder vorausgegangene venöse Thromboembolie (Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel in einer Vene), bekannte thrombophile Erkrankung (erhöhte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln), arterielle thromboembolische Erkrankung (Gefäßverschluss durch ein Blutgerinnsel in einer Arterie), akute schwere Lebererkrankung oder Überempfindlichkeit. Die konkrete Bewertung ist präparate- und patientenabhängig.
Nebenwirkungen: Brustspannen, Blutungsstörungen, Kopfschmerzen, Übelkeit und Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung). Abhängig von Alter, Zeitpunkt des Therapiebeginns, Applikationsweg, Dosis, Therapiedauer und Gestagenkomponente können die Risiken für venöse Thromboembolien, Schlaganfall, Gallenblasenerkrankungen und bestimmte hormonabhängige Malignome beeinflusst werden.
Estradiol oder Estriol – topische Anwendung im Gesicht
Wirkweise: Lokale Östrogene können über kutane Östrogenrezeptoren (Andockstellen für weibliche Geschlechtshormone in der Haut) die Aktivität von Fibroblasten, Kollagensynthese, epidermale Dicke und Wasserbindung beeinflussen.
Indikationen: Für die Behandlung der Gesichtshautalterung besteht keine zugelassene Standardindikation. Aufgrund fehlender standardisierter Präparate und unzureichender Langzeitsicherheitsdaten wird eine routinemäßige Anwendung nicht empfohlen [8].
Kontraindikationen: Östrogenabhängige Malignome oder entsprechender Verdacht, ungeklärte vaginale Blutung, thromboembolische Erkrankungen, schwere Lebererkrankung und Überempfindlichkeit. Wegen möglicher systemischer Resorption (Aufnahme in den gesamten Körper) ist auch bei lokaler Gesichtsanwendung eine vollständige hormonelle Risikoanamnese (Erhebung hormonbezogener Risiken in der Vorgeschichte) erforderlich.
Nebenwirkungen: Lokale Irritation, Erythem, Kontaktdermatitis und mögliche Hyperpigmentierung beziehungsweise Melasma (fleckige Überpigmentierung im Gesicht); bei systemischer Resorption potenziell Brustspannen und Blutungsstörungen. Die langfristige endometriale, mammäre und thromboembolische Sicherheit der Gesichtsanwendung ist nicht ausreichend untersucht.
Progesteron – topische Anwendung im Gesicht
Wirkweise: Experimentelle Daten weisen auf mögliche Einflüsse auf Matrix-Metalloproteinasen und den Kollagenstoffwechsel hin. Ein klinisch relevanter Nutzen einer topischen Gesichtsbehandlung ist nicht ausreichend belegt.
Indikationen: Keine evidenzbasierte Indikation zur Behandlung der Hautalterung.
Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, ungeklärte genitale Blutung (Blutung aus den Geschlechtsorganen), hormonabhängige Malignome und schwere Leberfunktionsstörung, abhängig von Präparat und systemischer Exposition.
Nebenwirkungen: Lokale Hautreaktionen; bei relevanter systemischer Resorption Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Brustspannen und Blutungsstörungen.
Testosteron
Wirkweise: Androgene (männliche Geschlechtshormone) beeinflussen Talgdrüsen, Haarfollikel, Keratinozyten und dermale Strukturproteine (Struktureiweiße der Lederhaut). Daraus lässt sich keine gesicherte Anti-Aging-Wirkung einer Testosterontherapie ableiten.
Indikationen: Keine Indikation zur alleinigen Behandlung der Hautalterung.
Kontraindikationen: Androgenabhängige Tumoren, Schwangerschaft, schwere Lebererkrankung und weitere präparatespezifische Kontraindikationen.
Nebenwirkungen: Akne, Seborrhoe (übermäßige Talgproduktion), Hirsutismus (verstärkte männliche Behaarung bei Frauen), androgenetische Alopezie (erblich-hormoneller Haarausfall), Stimmveränderungen, Klitorishypertrophie (Vergrößerung der Klitoris) und Veränderungen von Lipidstoffwechsel, Hämatokrit oder Leberparametern. Virilisierende Veränderungen (Vermännlichungserscheinungen) können teilweise irreversibel (nicht rückgängig zu machen) sein.
Dermokosmetische Retinoidderivate – keine Arzneimittel
Retinol und Retinaldehyd werden in kosmetischen beziehungsweise dermokosmetischen Präparaten eingesetzt. Beide Wirkstoffe müssen in der Haut enzymatisch (mithilfe von Enzymen) in Retinsäure umgewandelt werden. Wirkung und Verträglichkeit hängen wesentlich von Konzentration, Galenik (Zusammensetzung und Zubereitungsform), chemischer Stabilität und Verpackung ab. Die klinische Evidenz ist geringer und weniger einheitlich als für Tretinoin. Dermokosmetische Retinoidderivate werden daher nicht in die Tabellen der Pharmakotherapie eingeordnet [1, 2].
Evidenzhinweis zu Nahrungsergänzungsmitteln: Die Evidenz zu oralen Nahrungsergänzungsmitteln bei Hautalterung ist heterogen, substanz-, dosis- und formulierungsspezifisch. Einzelne randomisierte Studien und Metaanalysen zeigen mögliche Effekte auf Hautfeuchtigkeit, Elastizität, Faltentiefe oder experimentelle UV-Erytheme; daraus lässt sich jedoch keine leitlinienbasierte Empfehlung für die nachfolgend aufgeführte Mikronährstoffkombination oder für einzelne Handelsprodukte ableiten [9-13]. Nahrungsergänzungsmittel ersetzen weder konsequenten Lichtschutz noch eine indizierte pharmakologische oder dermatologische Therapie. Der nachfolgende Abschnitt wird gemäß Vorgabe inhaltlich unverändert übernommen.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für Anti-Aging, Schutz vor oxidativem Stress, Energiestoffwechsel und Zellregeneration sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (C, E, B2)
- Spurenelemente (Chrom, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Anthocyanidine aus Heidelbeer-Extrakt, Curcumin, Grüntee-Extrakt (Epigallocatechingallat), Quercetin, Resveratrol)
- Weitere Vitalstoffe (Spermidin)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Literatur
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- Lin L, Chen X, Liu C et al.: Comparative efficacy of topical interventions for facial photoaging: a network meta-analysis. Sci Rep. 2025;15:26889. doi:10.1038/s41598-025-12597-0
- Hughes MCB, Williams GM, Baker P et al.: Sunscreen and prevention of skin aging: a randomized trial. Ann Intern Med. 2013;158(11):781-790. doi:10.7326/0003-4819-158-11-201306040-00002
- Camargo CP, Xia J, Costa CS et al.: Botulinum toxin type A for facial wrinkles. Cochrane Database Syst Rev. 2021;7(7):CD011301. doi:10.1002/14651858.CD011301.pub2
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- Zargaran D, Zoller F, Zargaran A et al.: Complications of Cosmetic Botulinum Toxin A Injections to the Upper Face: A Systematic Review and Meta-Analysis. Aesthet Surg J. 2022;42(5):NP327-NP336. doi:10.1093/asj/sjac036
- Pivazyan L, Avetisyan J, Loshkareva M et al.: Skin Rejuvenation in Women using Menopausal Hormone Therapy: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Menopausal Med. 2023;29(3):97-111. doi:10.6118/jmm.22042
- Farkas E, Goldblatt A, Nehorayan I et al.: Topical estrogen for skin aging: A systematic review of safety and efficacy. J Am Acad Dermatol. 2026;94(1):212-215. doi:10.1016/j.jaad.2025.08.050
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- Greul AK, Grundmann JU, Heinrich F et al.: Photoprotection of UV-Irradiated Human Skin: An Antioxidative Combination of Vitamins E and C, Carotenoids, Selenium and Proanthocyanidins. Skin Pharmacol Appl Skin Physiol. 2002;15(5):307-315. doi:10.1159/000064534
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S1-Leitlinie Ästhetische Botulinumtoxin-Therapie. Version 3.1, Stand 15.05.2022, gültig bis 31.08.2026, in Überarbeitung. (AWMF-Registernummer 013-077). Juli 2022 Langfassung [LL1]
- Konsultationsfassung der S3-Leitlinie Peri- und Postmenopause – Diagnostik und Interventionen. Version 3.0, Stand 25.05.2026; veröffentlicht am 09.06.2026. (AWMF-Registernummer 015-062). Juni 2026 Konsultationsfassung [LL2]
- Fachinformation Cordes VAS, Tretinoin. Stand Juli 2024. Fachinformation [LL3]
- Fachinformation Differin 0,1 % Creme, Adapalen. Stand März 2025. Fachinformation [LL4]
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Retinoide – aktualisierte Maßnahmen zur Schwangerschaftsverhütung. Risikoinformation [LL5]
- Fachinformation VISTABEL 4 Allergan-Einheiten/0,1 ml Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Fachinformation [LL6]
- Fachinformation BOCOUTURE 50 Einheiten/100 Einheiten Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Stand Juni 2025. Fachinformation [LL7]
- Fachinformation Azzalure. Fachinformation [LL8]
- Fachinformation Alluzience 200 Speywood-Einheiten/ml Injektionslösung. Stand April 2025. Fachinformation [LL9]
- Fachinformation Letybo 50 Einheiten Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung. Stand Dezember 2025. Fachinformation [LL10]
- Fachinformation Relfydess 100 Einheiten/ml Injektionslösung. Stand Dezember 2025. Fachinformation [LL11]