Mundfäule (Gingivostomatitis herpetica) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Linderung von Schmerzen und Fieber
  • Sicherstellung einer ausreichenden Flüssigkeitsaufnahme
  • Vermeidung von Dehydratation (Flüssigkeitsmangel des Körpers) und weiteren Komplikationen
  • Bei entsprechender Indikation: Verkürzung des Krankheitsverlaufs durch frühzeitige antivirale Therapie

Therapieempfehlungen

  • Symptomatische Therapie
    • Bei immunkompetenten Patienten mit unkompliziertem Verlauf stehen Analgesie (Schmerzlinderung) und ausreichende Flüssigkeitszufuhr im Vordergrund. Die Erkrankung heilt gewöhnlich innerhalb von etwa 10-14 Tagen ab [LL1].
    • Paracetamol oder Ibuprofen nach Körpergewicht, Alter und Fachinformation einsetzen. Bei Dehydratation Ibuprofen vermeiden; bei schwerer Dehydratation ist es kontraindiziert [FI1, FI2].
    • Nach ausreichender Analgesie kleine, häufige Mengen kühler Flüssigkeit anbieten. Bei unzureichender Flüssigkeitsaufnahme orale Rehydratationslösung einsetzen; bei Scheitern der oralen Rehydratation enterale oder intravenöse Flüssigkeitsgabe erwägen [LL1].
  • Systemische antivirale Therapie
    • Bei immunkompetenten Kindern mit ausgeprägten Schmerzen oder drohender Dehydratation kann Aciclovir erwogen werden, vorzugsweise innerhalb von 72 Stunden nach Erkrankungsbeginn [1, LL1].
    • Die Evidenz beruht insbesondere auf einer kleinen randomisierten Studie. Eine frühzeitig begonnene Behandlung kann die Dauer der Schleimhautläsionen (Schleimhautschädigungen), des Fiebers und der Schwierigkeiten beim Essen und Trinken verkürzen; eine routinemäßige Behandlung aller Patienten ist daraus nicht abzuleiten [1, 3].
    • Bei Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr), ausgedehnten Läsionen (Gewebeschädigungen) oder schwerem Verlauf frühzeitig eine systemische antivirale Therapie einleiten; bei fehlender oraler Einnahmemöglichkeit oder Verdacht auf disseminierte Infektion (im Körper ausgebreitete Infektion) stationäre Behandlung und intravenöses Aciclovir [LL1].
    • Bei Erwachsenen ist Aciclovir eine Behandlungsoption; Valaciclovir kann bei entsprechender Indikation als Alternative mit geringerer Einnahmefrequenz eingesetzt werden. Die spezifische Studienlage zur Gingivostomatitis (Entzündung von Zahnfleisch und Mundschleimhaut) ist für Valaciclovir deutlich begrenzter [3, FI3, FI4].
  • Lokale Behandlung
    • Eine routinemäßige Anwendung von Lidocain-Gelen oder viskösen Lidocain-Lösungen ist insbesondere bei kleinen Kindern nicht zu empfehlen. In einer randomisierten Studie verbesserte visköses Lidocain die Flüssigkeitsaufnahme gegenüber Placebo nicht [2].
    • Für antiseptische Mundspülungen besteht keine ausreichende Evidenz für eine relevante Verkürzung des Krankheitsverlaufs; sie gehören nicht zur obligaten Behandlung [3].
    • Topisches Aciclovir ist bei Gingivostomatitis nicht wirksam [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikation)

Die folgenden Dosierungen gelten bei normaler Organfunktion. Bei Kindern geeignete Darreichungsformen verwenden und die alters- und gewichtsbezogenen Vorgaben des jeweiligen Präparats beachten.

Nichtopioide Analgetika und Antipyretika

Wirkstoff Besonderheiten
Paracetamol Bei niedrigem Körpergewicht, Dehydratation, Mangelernährung oder Leberfunktionsstörung niedrigere Höchstdosen bzw. längere Dosierungsintervalle beachten. Keine gleichzeitige Einnahme weiterer paracetamolhaltiger Präparate [FI1].
Ibuprofen Nur bei ausreichender Hydratation. Niedrigste wirksame Dosis für die kürzest notwendige Dauer. Altersgrenzen sind präparatabhängig [FI2].
  • Wirkweise: Paracetamol wirkt überwiegend zentral analgetisch und antipyretisch; Ibuprofen hemmt die Cyclooxygenasen und wirkt analgetisch, antipyretisch und antiphlogistisch.
  • Indikationen: Schmerzen und belastendes Fieber [FI1, FI2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen den jeweiligen Wirkstoff; bei Ibuprofen insbesondere schwere Dehydratation, schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz), aktive bzw. rezidivierende peptische Ulzera (bestehende oder wiederkehrende Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre) oder gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt), vorausgegangene NSAR-induzierte Überempfindlichkeitsreaktionen und drittes Schwangerschaftstrimenon. Bei Paracetamol Leberfunktionsstörungen und weitere Risikofaktoren für Hepatotoxizität berücksichtigen [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Paracetamol: insbesondere Leberschädigung bei Überdosierung, selten Überempfindlichkeitsreaktionen. Ibuprofen: gastrointestinale Beschwerden (Beschwerden im Magen-Darm-Trakt), Ulzera (Geschwüre) und Blutungen sowie Nierenfunktionsstörungen, besonders bei Flüssigkeitsmangel [FI1, FI2].

Systemische Virostatika – Nukleosidanaloga

Wirkstoff Besonderheiten
Aciclovir p.o. Bevorzugtes Virostatikum bei Kindern. Das gewichtsbezogene Schema der pädiatrischen Handlungsempfehlung weicht von der altersbezogenen Dosierung der deutschen Fachinformation ab; Zulassung und Präparatwahl prüfen. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion) und ausreichende Hydratation erforderlich [LL1, FI3].
Valaciclovir p.o. Alternative bei entsprechender HSV-Indikation. Unter 12 Jahren keine etablierte Anwendung. Dosisanpassung bei Niereninsuffizienz; ausreichende Hydratation. Das eintägige Hochdosisschema für Herpes labialis (Lippenherpes) nicht auf Gingivostomatitis übertragen [FI4].
  • Wirkweise: Aciclovir hemmt nach Aktivierung in infizierten Zellen die virale DNA-Polymerase und führt zum Kettenabbruch. Valaciclovir ist ein oral besser verfügbares Prodrug von Aciclovir. Die latente HSV-Infektion (im Körper ruhende Infektion mit Herpes-simplex-Viren) wird nicht eradiziert [FI3, FI4].
  • Indikationen: Frühzeitige Behandlung ausgewählter Patienten mit ausgeprägter Symptomatik sowie Behandlung bei Immunsuppression oder kompliziertem Verlauf [LL1, FI3, FI4].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Aciclovir, Valaciclovir oder Präparatbestandteile. Niereninsuffizienz erfordert eine Dosisanpassung [FI3, FI4].
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe (Durchfall) und Hautreaktionen; selten akute Nierenschädigung oder neurotoxische Reaktionen, insbesondere bei eingeschränkter Nierenfunktion und unangepasster Dosierung [FI3, FI4].

Beachte

  • Therapiesicherheit: Trinkmenge, Urinausscheidung und Allgemeinzustand überwachen; bei antiviraler Behandlung insbesondere bei Risikopatienten die Nierenfunktion berücksichtigen [LL1, FI3, FI4].
  • Abgrenzung komplizierter HSV-Infektionen: Herpesenzephalitis (durch Herpesviren verursachte Gehirnentzündung), neonataler Herpes (Herpesinfektion beim Neugeborenen) und disseminierte HSV-Infektionen (im Körper ausgebreitete Infektionen mit Herpes-simplex-Viren) benötigen eigenständige stationäre Behandlungsschemata. Die Dosierungen für eine unkomplizierte Gingivostomatitis sind dafür nicht geeignet [LL1].

Red Flags (Warnzeichen) bei Gingivostomatitis herpetica (durch Herpesviren verursachte Entzündung von Zahnfleisch und Mundschleimhaut)

  • Unzureichende Flüssigkeitsaufnahme, deutlich verminderte Urinausscheidung oder ausgeprägte Apathie (Teilnahmslosigkeit): dringliche Beurteilung hinsichtlich Dehydratation und stationärer Behandlung [LL1].
  • Augenschmerzen, Lichtscheu oder Sehverschlechterung: sofortige augenärztliche Abklärung einer möglichen okulären HSV-Infektion (Infektion des Auges mit Herpes-simplex-Viren) [LL1].
  • Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle oder fokal-neurologische Symptome (Anzeichen einer örtlich begrenzten Störung des Nervensystems): sofortige stationäre Abklärung einer möglichen Herpesenzephalitis [LL1].
  • Neugeborenes, relevante Immunsuppression oder disseminierte Läsionen (weitverbreitete Gewebeschädigungen): unverzügliche fachärztliche bzw. stationäre Abklärung [LL1].

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungsverzeichnis

  • BMJ: British Medical Journal
  • bzw.: beziehungsweise
  • DHA: Docosahexaensäure
  • DNA: Desoxyribonukleinsäure
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • et al.: und weitere Autoren
  • FI: Fachinformation
  • Ggf.: gegebenenfalls
  • HSV: Herpes-simplex-Virus
  • LL: Leitlinie bzw. klinische Handlungsempfehlung
  • mg: Milligramm
  • ml: Milliliter
  • NSAR: nichtsteroidale Antirheumatika
  • p.o.: per os, Einnahme durch den Mund
  • z. B.: zum Beispiel

Literatur

  1. Amir J, Harel L, Smetana Z, Varsano I: Treatment of herpes simplex gingivostomatitis with aciclovir in children: a randomised double blind placebo controlled study. BMJ. 1997;314(7097):1800-1803. doi:10.1136/bmj.314.7097.1800 [1]
  2. Hopper SM, McCarthy M, Tancharoen C et al.: Topical lidocaine to improve oral intake in children with painful infectious mouth ulcers: a blinded, randomized, placebo-controlled trial. Ann Emerg Med. 2014;63(3):292-299. doi:10.1016/j.annemergmed.2013.08.022 [2]
  3. Coppola N, Cantile T, Adamo D et al.: Supportive care and antiviral treatments in primary herpetic gingivostomatitis: a systematic review. Clin Oral Investig. 2023;27(11):6333-6344. doi:10.1007/s00784-023-05250-5 [3]

Leitlinien und klinische Handlungsempfehlungen

  1. Royal Children's Hospital Melbourne: Clinical Practice Guidelines: HSV Gingivostomatitis. Onlinefassung. Zugriff: 02.10.2026 [LL1]

Fachinformationen

  1. ratiopharm: Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Stand: Dezember 2024. Fachinformation [FI1]
  2. ratiopharm: IBU-ratiopharm Fiebersaft für Kinder 40 mg/ml. Stand: März 2025. Fachinformation [FI2]
  3. ratiopharm: Aciclovir-ratiopharm Tabletten. Stand: Mai 2026. Fachinformation [FI3]
  4. GlaxoSmithKline: Valtrex 500 mg Filmtabletten. Stand: April 2026. Fachinformation [FI4]