Halsschmerzen – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Symptomlinderung: Verbesserung von Halsschmerzen, Schluckschmerzen und Fieber sowie Sicherung einer ausreichenden Flüssigkeitsaufnahme.
- Ursachenbezogene Therapie: Behandlung bei gesicherter bzw. hinreichend wahrscheinlicher behandlungsbedürftiger Diagnose und Vermeidung von Komplikationen.
- Arzneimitteltherapiesicherheit: Vermeidung unnötiger Antibiotikatherapien und arzneimittelbedingter Schäden.
Therapieempfehlungen
- Unkomplizierte akute Halsschmerzen: Überwiegend viral bedingt und selbstlimitierend. Meist tritt innerhalb einer Woche eine deutliche Besserung ein. Symptomatische Behandlung, ausreichende Flüssigkeitsaufnahme und konkrete Hinweise zur Wiedervorstellung stehen im Vordergrund [LL1, LL3].
- Systemische Analgetika (Schmerzmittel): Ibuprofen oder Paracetamol bei relevanten Schmerzen; Auswahl nach Alter, Körpergewicht, Begleiterkrankungen und Kontraindikationen. Niedrigste wirksame Dosis und möglichst kurze Anwendung. Keine routinemäßige Kombination bzw. alternierende Gabe, insbesondere bei Kindern. Die Empfehlung stützt sich auf die etablierte analgetische (schmerzlindernde) und antipyretische (fiebersenkende) Wirksamkeit; speziell bei kindlichen Halsschmerzen ist die direkte Studienlage begrenzt [LL3, FI1, FI2].
- Lokale Rachentherapeutika: Einzelne arzneimittelhaltige Lutschtabletten können kurzfristig Schmerzen lindern; der zusätzliche Nutzen ist meist klein. Die überwiegend an Erwachsenen erhobene Evidenz ist präparatebezogen und lässt sich nicht pauschal auf alle Lutschtabletten, Sprays und Gurgellösungen übertragen. Eine Verhinderung von Komplikationen ist nicht belegt. Sie ersetzen weder systemische Analgesie (Schmerzlinderung) bei ausgeprägten Beschwerden noch eine erforderliche ursachenspezifische Behandlung [LL3].
- Antibiotika: Halsschmerzen, Tonsillenbeläge und hohe klinische Scores sind für sich keine automatische Indikation. Bei unkompliziertem Verlauf müssen der begrenzte Nutzen, Nebenwirkungen und Resistenzselektion abgewogen werden. Sofern indiziert, ist Penicillin V erste Wahl [2, LL1, LL2].
- Systemische Glucocorticoide: Keine routinemäßige Behandlung unkomplizierter Halsschmerzen. Ein möglicher kurzfristiger analgetischer Nutzen rechtfertigt keine regelhafte Verordnung. Besondere Indikationen, z. B. drohende Atemwegsobstruktion (Verengung der Atemwege) bei infektiöser Mononukleose (Pfeiffer-Drüsenfieber), erfordern fachärztliche bzw. stationäre Behandlung [LL1, LL3].
- Abgleich mit Tonsillitis (Mandelentzündung) und Pharyngitis (Rachenentzündung): Für die akute unkomplizierte Tonsillopharyngitis (Mandel- und Rachenentzündung) gilt der nachfolgende gemeinsame Entscheidungsweg. Rezidivierende Tonsillitis, chronische Pharyngitis und komplizierte Infektionen benötigen die ursachenspezifische Beurteilung der gleichnamigen Einzelkapitel. Wiederholte Beschwerden oder der Nachweis von Rachenkommensalen begründen keine wiederholte empirische Antibiotikagabe [LL1, LL2].
- Spezifische Ursachen: Bei Laryngitis (Kehlkopfentzündung), infektiöser Mononukleose, Scharlach, Candidose (Hefepilzinfektion) oder nichtinfektiösen Ursachen siehe die medikamentöse Therapie der gleichnamigen Erkrankung. Bei Verdacht auf infektiöse Mononukleose keine unkritische Aminopenicillingabe wegen des Exanthemrisikos.
Red Flags (Warnzeichen) bei Halsschmerzen
- Atemnot, Stridor (pfeifendes Atemgeräusch), Unfähigkeit zum Schlucken von Speichel oder rasch zunehmende Hals- bzw. Zungenschwellung: Sofortige notfallmedizinische Abklärung; Verdacht u. a. auf Epiglottitis (Kehldeckelentzündung) oder tiefe Halsinfektion.
- Einseitig ausgeprägte Schmerzen, Trismus (Kieferklemme), kloßige Sprache, Uvulaverlagerung (Verschiebung des Zäpfchens) oder Halsweichteilschwellung: Dringende Abklärung in der Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) auf Peritonsillarabszess (Eiteransammlung neben der Gaumenmandel) bzw. tiefe Halsinfektion. Ein drainierbarer Abszess erfordert in der Regel eine interventionelle Behandlung; Antibiotika allein sind kein regelhafter Ersatz [LL1, LL2].
- Schwerer Allgemeinzustand, Kreislaufinstabilität, Verwirrtheit oder erneute Verschlechterung mit Schüttelfrost und einseitiger Halsschwellung: Unverzüglich auf Sepsis (lebensbedrohliche Organschädigung infolge einer Infektion) bzw. Lemierre-Syndrom (schwere Halsinfektion mit Blutgerinnseln und Streuung der Infektion) abklären.
- Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), relevante Immunsuppression (Unterdrückung der Immunabwehr) oder Halsschmerzen mit Fieber unter potenziell agranulozytoseauslösender Medikation: Zeitnahe Untersuchung; bei möglicher Agranulozytose (starker Mangel bestimmter weißer Blutkörperchen) sofortige Blutbildkontrolle. Bei Verdacht auf metamizolbedingte Agranulozytose Metamizol sofort absetzen und das Blutbildergebnis nicht vor dem Absetzen abwarten [FI6].
- Beschwerden über 2 Wochen, progrediente einseitige Symptome, Halsraumforderung oder ungeklärter Gewichtsverlust: Weiterführende Abklärung, insbesondere zum Ausschluss einer malignen (bösartigen) Ursache.
Antibiotikaentscheidung, klinische Scores und Altersgruppen
Die folgenden Entscheidungshilfen betreffen die unkomplizierte akute Tonsillopharyngitis im ambulanten Versorgungskontext mit niedriger Inzidenz des akuten rheumatischen Fiebers. Komplikationen, Scharlach und besondere Risikokonstellationen sind gesondert zu beurteilen. Die IDSA-Aktualisierung 2025 behandelt die scoregestützte Auswahl zur GAS-Testung; sie enthält keine neue vollständige Empfehlung zu Antibiotikawahl und Therapiedauer [LL1, LL2, LL4].
Klinische Scores
| Score | Kriterien | Altersbezug und Aussage |
|---|---|---|
| Centor-Score | Je 1 Punkt: Fieber über 38 °C, fehlender Husten, druckschmerzhafte vordere zervikale Lymphknoten (vordere Halslymphknoten), Tonsillenexsudat (Belag auf den Gaumenmandeln) bzw. Tonsillenschwellung. | Ursprünglich bei Erwachsenen entwickelt; 0-4 Punkte. Abschätzung der Wahrscheinlichkeit einer Infektion mit Gruppe-A-Streptokokken (GAS), kein Erregernachweis. |
| McIsaac-Score | Centor-Kriterien plus Alterskorrektur: 3-14 Jahre +1 Punkt; 15-44 Jahre 0 Punkte; ab 45 Jahren -1 Punkt. | Ab 3 Jahren anwendbar und nicht auf 3-14-Jährige beschränkt. Der Altersbonus ist kein eigenständiger Behandlungsgrund. |
| FeverPAIN-Score | Je 1 Punkt: Fieber innerhalb der letzten 24 Stunden, Tonsilleneiter, Vorstellung innerhalb von 3 Tagen nach Symptombeginn, stark entzündete Tonsillen, weder Husten noch Schnupfen. | Alternative Entscheidungshilfe; 0-5 Punkte. Grenzwerte sind nicht mit denen des Centor- bzw. McIsaac-Scores austauschbar. Nicht für Kinder unter 3 Jahren verwenden. |
Scores helfen vor allem, Patienten mit niedriger GAS-Wahrscheinlichkeit zu erkennen. Hohe Werte beweisen keine bakterielle Ursache. Die Infectious Diseases Society of America (IDSA) empfiehlt 2025 die Anwendung eines Scores zur Auswahl der zu testenden Patienten bedingt bei sehr niedriger Evidenzsicherheit; eine eindeutige Überlegenheit eines Scores ist nicht belegt [LL4].
Praktisches Vorgehen
- Red Flags und besondere Risiken zuerst prüfen. Bei deutlich viraler Konstellation mit Husten, Schnupfen, Heiserkeit oder oralen Ulzerationen im Regelfall weder GAS-Test noch Antibiotika.
- Niedrige klinische Wahrscheinlichkeit: Bei Centor- bzw. McIsaac-Score von 0-2 Punkten und unkompliziertem Verlauf im deutschen Versorgungskontext grundsätzlich symptomatische Behandlung; keine routinemäßige Antibiotikatherapie. Eine Testung ist meist entbehrlich. Die Schwelle von 3 Punkten ist eine praktische deutsche Entscheidungsschwelle und keine universelle Vorgabe der IDSA. Besondere Risiken oder relevante Haushaltsexposition können trotz niedriger Scores eine Testung begründen [LL1, LL2, LL4, LL5].
- Mindestens 3 Centor- bzw. McIsaac-Punkte: Krankheitslast, Verlauf und individuelle Risiken beurteilen. GAS-Antigentest bzw. Kultur bei Entscheidungsrelevanz durchführen; besonders bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren vor erwogener Antibiotikagabe eine mikrobiologische Bestätigung anstreben. Bei Erwachsenen ist im deutschen Versorgungskontext keine routinemäßige Testung jedes Patienten erforderlich. Auch bei hohem Score bleibt eine rein symptomatische Behandlung bei stabilem unkompliziertem Verlauf möglich [LL1, LL2].
- Testergebnis klinisch einordnen: Ein positiver Test kann bei GAS-Trägertum mit einer gleichzeitig viralen Infektion zusammentreffen. Ein negativer Antigentest führt bei unkompliziertem Verlauf nicht automatisch zu empirischer Antibiotikagabe. Die HNO-Leitlinie 2025 sieht keine generelle Kulturpflicht nach negativem Schnelltest vor; bei anhaltend starkem Verdacht, besonderem Folgerisiko oder schwerem Verlauf sind Kultur und erneute klinische Abklärung sinnvoll. Internationale Strategien unterscheiden sich: Nach der US-amerikanischen CDC-Empfehlung soll ein negativer Antigentest bei symptomatischen Kindern ab 3 Jahren durch Kultur abgesichert werden; bei Erwachsenen gewöhnlich nicht. Dies ist von der IDSA-Score-Empfehlung 2025 zu unterscheiden [LL2, LL4, LL6].
- Therapie gemeinsam entscheiden: Bei klinisch relevanter bestätigter bzw. nach begründeter Einzelfallabwägung hochwahrscheinlicher GAS-Tonsillopharyngitis Antibiotikatherapie anbieten bzw. erwägen. Bei stabilem unkompliziertem Verlauf und niedrigem Komplikationsrisiko ist eine verzögerte Verordnung möglich: Einnahme nur bei fehlender Besserung nach 3-5 Tagen oder deutlicher Verschlechterung gemäß vereinbarter ärztlicher Anweisung. Warnzeichen erfordern eine Untersuchung und dürfen nicht allein durch Einlösen des Rezepts beantwortet werden [LL1, LL3].
FeverPAIN nach NICE: 0-1 Punkte in der Regel keine Antibiotika; 2-3 Punkte keine oder verzögerte Verordnung; 4-5 Punkte sofortige oder verzögerte Verordnung erwägen. Bei Centor 0-2 empfiehlt NICE keine Antibiotika, bei 3-4 Punkten kann eine sofortige oder verzögerte Verordnung erwogen werden. Diese klinischen Strategien sind kein mikrobiologischer GAS-Nachweis [LL3].
- Kinder unter 3 Jahren: Keine scorebasierte Therapieentscheidung und keine routinemäßige GAS-Testung bei gewöhnlichem Atemwegsinfekt. Bei passender Klinik, gesicherter Haushaltsexposition, Scharlachverdacht oder schwerem Verlauf individuell pädiatrisch abklären [LL4, LL6].
- Kinder ab 3 Jahren und Jugendliche: GAS ist häufiger als bei Erwachsenen; asymptomatisches Trägertum erschwert die Testinterpretation. Gewichtsbezogene Dosierung und altersgerechte Zubereitung sind erforderlich. Die Alterskorrektur des McIsaac-Scores endet mit 14 Jahren; daraus folgt keine Grenze für die mikrobiologische Diagnostik.
- Erwachsene: Häufiger virale Ursachen. Auch Tonsillenexsudat rechtfertigt keine automatische Antibiotikatherapie. Der McIsaac-Punktabzug ab 45 Jahren schließt eine GAS-Infektion nicht aus.
- Besondere Risiken: Früheres akutes rheumatisches Fieber, relevante Immundefizienz (Abwehrschwäche), schwere Grunderkrankung oder epidemiologischer Kontext mit hohem Risiko für rheumatisches Fieber erfordern eine individuelle Strategie [LL4].
Nutzen der Antibiotikatherapie: Die mittlere Beschwerdeverkürzung beträgt nach NICE etwa 16 Stunden. Die Cochrane-Übersicht zeigt weniger fortbestehende Beschwerden und einzelne Komplikationen; viele Studien stammen jedoch aus Zeiten mit wesentlich höherer Komplikationsrate. Daraus folgt keine routinemäßige Antibiotikaindikation für alle Halsschmerzen in Deutschland. Die Prävention des akuten rheumatischen Fiebers ist bei hohem individuellem Risiko gesondert zu berücksichtigen. Die Verhinderung einer poststreptokokkenbedingten Glomerulonephritis (Entzündung der Nierenfilterkörperchen) ist nicht gesichert [2, LL3, LL6].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Dosierungen zur kurzfristigen symptomatischen Behandlung; bei Kindern sind Körpergewicht, Alterszulassung und Fachinformation der konkreten Zubereitung maßgeblich. Die Abkürzung p.o. bezeichnet die Einnahme per os. Eine feste Mindesttrinkmenge ist nicht erforderlich; Flüssigkeitsbedarf und mögliche Trinkmengenbegrenzungen sind individuell zu berücksichtigen.
Systemische nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR)
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Ibuprofen | Für kleinere Kinder geeignete gewichtsbezogene Zubereitung verwenden; die verlinkte 400-mg-Tablette ist ab 6 Jahren und 20 kg zugelassen. Bei Dehydratation vermeiden. Nicht mit weiteren NSAR, auch nicht mit Flurbiprofen-Lutschtabletten, kombinieren. Ohne ärztlichen Rat bei Kindern und Jugendlichen höchstens 3 Tage; Erwachsene bei Fieber höchstens 3 Tage und bei Schmerzen höchstens 4 Tage [FI1]. |
- Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit verminderter Prostaglandinsynthese; analgetisch, antipyretisch und antiphlogistisch (entzündungshemmend).
- Indikation: Kurzzeitige Linderung relevanter Hals- und Schluckschmerzen bzw. von Fieber mit beeinträchtigtem Befinden [LL3].
- Kontraindikationen: NSAR-Überempfindlichkeit einschließlich entsprechender Asthmareaktion, aktive bzw. rezidivierende gastrointestinale Ulzera (Geschwüre in Magen oder Darm) oder Blutungen, frühere NSAR-bedingte gastrointestinale Blutung oder Perforation (Durchbruch oder Riss in einer Organwand), schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (Herzschwäche), schwere Dehydratation und drittes Schwangerschaftstrimenon. Ab der 20. Schwangerschaftswoche nur bei ärztlich begründeter Notwendigkeit; bei mehrtägiger Anwendung gegebenenfalls fetale Überwachung. Vorsicht u. a. bei Antikoagulation [FI1].
- Nebenwirkungen: Dyspepsie (Verdauungsbeschwerden), Ulzera, gastrointestinale Blutungen (Blutungen im Magen-Darm-Trakt), Nierenfunktionsstörungen (eingeschränkte Nierenfunktion), Flüssigkeitsretention, Blutdruckanstieg, allergische Reaktionen und Bronchospasmus (Verkrampfung der Atemwegsmuskeln). Eine fortschreitende Infektion kann symptomatisch maskiert werden [FI1].
Systemische Nicht-Opioid-Analgetika ohne relevante antiphlogistische Wirkung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Paracetamol | Alternative bei NSAR-Kontraindikationen. 4.000 mg sind eine Höchstgrenze und keine anzustrebende Tagesdosis. Bei Körpergewicht unter 50 kg, chronischem Alkoholkonsum, Dehydratation oder chronischer Mangelernährung gelten besondere Dosisbegrenzungen; nach verlinkter Fachinformation ohne ärztliche Anweisung höchstens 60 mg/kg/Tag, maximal 2.000 mg/Tag. Weitere paracetamolhaltige Erkältungs- oder Schmerzmittel vermeiden. Ohne ärztlichen Rat höchstens 3 Tage. In der Schwangerschaft bei Bedarf möglichst kurz und niedrig dosiert [FI2]. |
- Wirkweise: Überwiegend zentrale analgetische und antipyretische Wirkung.
- Indikation: Kurzzeitige Linderung relevanter Hals- und Schluckschmerzen bzw. von Fieber mit beeinträchtigtem Befinden [LL3].
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und schwere hepatozelluläre Insuffizienz (Leberzellschädigung mit eingeschränkter Leberfunktion). Bei Lebererkrankung, chronischem Alkoholkonsum, Mangelernährung, Dehydratation oder Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion) individuelle Dosisanpassung [FI2].
- Nebenwirkungen: Vor allem dosisabhängige Hepatotoxizität (schädigende Wirkung auf die Leber) bei Überdosierung; selten schwere Hautreaktionen, Allergien oder Blutbildveränderungen. Überdosierung erfordert auch bei zunächst fehlenden Beschwerden unverzügliche ärztliche Behandlung [FI2].
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Lokale NSAR als optionale symptomatische Behandlung
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Flurbiprofen, Lutschtabletten | Kurzfristige Schmerzlinderung möglich. Systemische Resorption und NSAR-Risiken bleiben relevant. Nicht mit Ibuprofen, Naproxen oder anderen NSAR kombinieren. Altersgrenzen von Sprays gesondert prüfen [LL3, FI3]. |
- Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit analgetischer und antiphlogistischer Wirkung.
- Indikation: Kurzzeitige symptomatische Behandlung schmerzhafter Entzündungen der Rachenschleimhaut; keine Behandlung der Infektionsursache [FI3].
- Kontraindikationen: Alter unter 12 Jahren für die genannte Zubereitung, NSAR-Überempfindlichkeit, aktive bzw. rezidivierende Ulzera oder gastrointestinale Blutungen, frühere NSAR-bedingte Blutung oder Perforation, schwere Herz-, Nieren- oder Leberinsuffizienz (eingeschränkte Leberfunktion) und drittes Schwangerschaftstrimenon. Ab der 20. Schwangerschaftswoche nur nach ärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung [FI3].
- Nebenwirkungen: Mund- und Rachenreizung, Parästhesien (Kribbeln oder Taubheitsgefühl), Geschmacksstörungen, Übelkeit sowie mögliche systemische NSAR-Nebenwirkungen einschließlich Blutung, Nierenschädigung und Bronchospasmus [FI3].
Weitere lokale Rachentherapeutika
- Evidenz: Einzelne Lutschtabletten mit Lokalanästhetika bzw. Antiseptika können Schmerzen geringfügig kurzfristig lindern. Für rein lokalanästhetische Sprays und Mundspülungen fand NICE keine ausreichenden Wirksamkeitsnachweise. Dies belegt keine generelle Unwirksamkeit, erlaubt aber keine pauschale Empfehlung [LL3].
- Anwendung: Keine allgemeine gruppenbezogene Dosierung, da Wirkstoffkombinationen, Konzentrationen und Alterszulassungen variieren. Falls eingesetzt, nur nach jeweiliger Fachinformation und zeitlich begrenzt. Kleine Kinder dürfen wegen der Verschluckungsgefahr keine ungeeigneten Lutschtabletten erhalten.
- Wirkweise: Lokalanästhetika vermindern die sensorische Erregungsleitung; Antiseptika wirken lokal antimikrobiell. Laborbefunde zur antimikrobiellen Wirkung belegen keine klinisch relevante Verkürzung der Erkrankung.
- Indikation: Optionaler individueller Versuch zur vorübergehenden Linderung; keine Eradikationstherapie einer GAS-Tonsillopharyngitis.
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Überempfindlichkeit und Altersbeschränkungen; bei Schluckstörungen bzw. Aspirationsgefahr (Gefahr, dass Nahrung oder Flüssigkeit in die Atemwege gelangt) keine unkritische Anwendung lokalanästhetischer Präparate.
- Nebenwirkungen: Lokale Reizung, Allergien und Taubheitsgefühl; mögliche Beeinträchtigung des Schluckens. Bis zum Abklingen einer Rachenbetäubung Essen und heiße Getränke vermeiden.
Systemische Antibiotika bei begründeter Indikation: Penicilline
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Phenoxymethylpenicillin (Penicillin V) | Erste Wahl bei behandlungsbedürftiger GAS-Tonsillopharyngitis. Fachinformationen verlangen bei beta-hämolysierenden Streptokokken teilweise mindestens 10 Tage; die verlinkte Fachinformation ebenfalls. Eine davon abweichende 5-7-tägige Therapie ist hinsichtlich Off-Label-Use zu prüfen, aufzuklären und zu dokumentieren. Bei hohem Risiko für rheumatisches Fieber keine unkritische Kurztherapie; international wird hierfür üblicherweise 10 Tage oral behandelt. Einheiten und Milligramm nicht ohne Berücksichtigung der Salzform umrechnen [LL1, LL2, LL6, FI4]. |
- Wirkweise: Bakterizide Hemmung der bakteriellen Zellwandsynthese.
- Indikation: Klinisch relevante GAS-Tonsillopharyngitis nach begründeter Therapieentscheidung; Scharlach gesondert berücksichtigen. Keine Anwendung bei viraler Pharyngitis oder allein wegen eines positiven Tests ohne passende Erkrankung [LL1, LL2].
- Kontraindikationen: Gesicherte Penicillinüberempfindlichkeit; frühere schwere Betalactamreaktionen berücksichtigen. Bei schwerer Nierenfunktionsstörung Dosierung anpassen. Relevante Interaktionen, insbesondere mit Methotrexat, prüfen [FI4].
- Nebenwirkungen: Diarrhoe, Übelkeit, Exanthem (Hautausschlag), Candidose und Allergien bis zur Anaphylaxie (schwere allergische Allgemeinreaktion); antibiotikaassoziierte Kolitis (Darmentzündung) möglich.
Systemische Antibiotika bei begründeter Indikation: Makrolide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Clarithromycin | Alternative bei relevanter Penicillinallergie und voraussichtlich empfindlichem Erreger. Keine unkritische Dosiseskalation bei unkomplizierten Halsschmerzen; die allgemeine pädiatrische Fachinformations-Höchstdosis von 500 mg je Gabe ist keine Standarddosis dieser Indikation. Eine 5-tägige Behandlung kann von der deutschen Zulassung abweichen und erfordert entsprechende Prüfung, Aufklärung und Dokumentation. Bei Kreatinin-Clearance unter 30 ml/min üblicherweise Halbierung der Standarddosis. Unter 6 Monaten keine etablierte zugelassene Routineanwendung [LL2, LL3, FI5]. |
- Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese an der 50S-Untereinheit der Ribosomen.
- Indikation: Behandlungsbedürftige GAS-Tonsillopharyngitis bei ungeeignetem Penicillin und voraussichtlich empfindlichem Erreger. Lokale Makrolidresistenz berücksichtigen; vermeintliche Penicillinallergie anamnestisch differenzieren.
- Kontraindikationen: Makrolidüberempfindlichkeit, relevante QT-Verlängerung bzw. ventrikuläre Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen in den Herzkammern), Hypokaliämie oder Hypomagnesiämie und bestimmte interagierende Arzneimittel. Besonders relevant: QT-verlängernde Substanzen sowie Simvastatin, Lovastatin, Colchicin und weitere über Cytochrom P450 3A (CYP3A) vermittelte Interaktionen. Die vollständige Liste kontraindizierter Kombinationen ist der Fachinformation zu entnehmen. Schwangerschaft gesondert beurteilen; Clarithromycin ist dabei keine unkritische Standardalternative [FI5].
- Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Geschmacksstörungen, Leberfunktionsstörungen, QT-Verlängerung, Herzrhythmusstörungen, Allergien und antibiotikaassoziierte Kolitis.
Weitere Antibiotikaalternativen: Cephalosporine der ersten Generation kommen bei ausgewählten Patienten nach genauer Allergieanamnese infrage. Bei Anaphylaxie oder anderer unmittelbarer Penicillinreaktion sind insbesondere Cefadroxil und Cefalexin keine unkritischen Alternativen; bei schweren verzögerten Betalactamreaktionen ist eine fachärztliche Auswahl erforderlich. Clindamycin bleibt ausgewählten Situationen vorbehalten, u. a. wegen Resistenz und des Risikos einer Clostridioides-difficile-Infektion. Breitspektrumpenicilline mit Betalactamasehemmer, höhergradige Cephalosporine und Fluorchinolone sind keine routinemäßigen Alternativen bei unkomplizierten Halsschmerzen. Therapieversagen erfordert eine Prüfung von Diagnose, Einnahmetreue, Resistenz und Komplikationen statt automatischer Eskalation [LL2, LL6].
Beachte
- Verlaufskontrolle: Erneute Untersuchung bei Verschlechterung jederzeit, bei fehlender Besserung nach etwa 1 Woche sowie bei fehlendem Ansprechen auf Antibiotika nach 48-72 Stunden. Die kürzeren Grenzen der analgetischen Selbstmedikation bleiben zu beachten. Warnzeichen erfordern sofortige Abklärung [LL3].
- Kontrollabstrich: Bei klinischer Genesung gewöhnlich nicht erforderlich; besondere Folgerisiken oder Ausbruchssituationen gesondert beurteilen.
- NSAR und Peritonsillarabszess: Eine französische retrospektive Kohortenstudie fand eine Assoziation zwischen NSAR-Verordnung und Peritonsillarabszess (Odds-Ratio 2,9; 95-%-Konfidenzintervall 1,6-5,2), ebenso für systemische Glucocorticoide (Odds-Ratio 3,1; 95-%-Konfidenzintervall 1,3-7,6). Kausalität ist nicht bewiesen; Indikationsbias und andere Störfaktoren sind möglich. Dies hebt den leitliniengestützten kurzfristigen Einsatz von Ibuprofen nicht grundsätzlich auf, unterstreicht aber die notwendige Verlaufskontrolle [1, LL3].
- Leitlinienstatus: Die S3-Leitlinie „Halsschmerzen“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) von 2020, redaktionell geändert 2021, ist abgelaufen und wird überarbeitet; sie bleibt als bisherige Referenz erhalten. Vorrangig berücksichtigt sind die S3-Leitlinie zur Tonsillo-Pharyngitis 2024 und die HNO-Antibiotikaleitlinie 2025. Die IDSA-Aktualisierung 2025 ergänzt die Bewertung klinischer Scores [LL1, LL2, LL4, LL5].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
- Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- GAS = Gruppe-A-Streptokokken
- HNO = Hals-Nasen-Ohren
- NSAR = nichtsteroidale Antirheumatika
- p.o. = über den Mund
- IE = Internationale Einheiten
- IDSA = Amerikanische Gesellschaft für Infektionskrankheiten
- NICE = Britisches Nationales Institut für Gesundheit und Versorgungsqualität
- CDC = US-amerikanische Zentren für Krankheitskontrolle und -prävention
- DEGAM = Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin
- CYP3A = Enzymgruppe, die am Abbau von Arzneimitteln beteiligt ist
- EPA = Eicosapentaensäure
- DHA = Docosahexaensäure
- LL = Leitlinie
- FI = Fachinformation
Literatur
- Piroulas C, Devillers L, Souty C et al.: Non-steroids anti-inflammatory drugs and risk of peritonsillar abscess in pharyngitis: a French longitudinal study in primary care. Fam Pract. 2019;36(4):425-430. doi:10.1093/fampra/cmy111
- Spinks A, Glasziou PP, Del Mar CB: Antibiotics for treatment of sore throat in children and adults. Cochrane Database Syst Rev. 2021;12:CD000023. doi:10.1002/14651858.cd000023.pub5
Leitlinien
- S3-Leitlinie: Therapie der Tonsillo-Pharyngitis. (AWMF-Registernummer: 017-024), Version 4.0, Januar 2024. Langfassung [LL1]
- S2k-Leitlinie: Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen. (AWMF-Registernummer: 017-066), Version 5.1, 2025. Langfassung [LL2]
- National Institute for Health and Care Excellence: Sore throat (acute): antimicrobial prescribing. NICE guideline NG84, Januar 2018. Leitlinie; Empfehlungen [LL3]
- Infectious Diseases Society of America: Clinical Practice Guideline Update on Group A Streptococcal (GAS) Pharyngitis. Teil 1: Risk assessment using clinical scoring systems in children and adults. Oktober 2025; Zeitschriftenfassung: Clin Infect Dis. 2026;82(Suppl 3):i97-i104. Leitlinie; doi:10.1093/cid/ciaf668 [LL4]
- S3-Leitlinie: Halsschmerzen. (AWMF-Registernummer: 053-010), Version 2.2, Oktober 2020, redaktionell geändert Dezember 2021. Abgelaufen, in Überarbeitung. Langfassung [LL5]
- Centers for Disease Control and Prevention: Clinical Guidance for Group A Streptococcal Pharyngitis. Empfehlungen [LL6]
Fachinformationen und Arzneimittelsicherheitsinformationen
- ratiopharm GmbH: IBU-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation [FI1]
- ratiopharm GmbH: Paracetamol-ratiopharm 500 mg Tabletten. Dezember 2024. Fachinformation [FI2]
- ratiopharm GmbH: Flurbiprofen-ratiopharm mit Honig- und Zitronengeschmack 8,75 mg Lutschtabletten. September 2025. Fachinformation [FI3]
- InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH: InfectoCillin 500 Saft, Phenoxymethylpenicillin. Fachinformation [FI4]
- Viatris Healthcare GmbH: Klacid Filmtabletten, 250 mg; Klacid Saft. Fachinformation Filmtabletten; Fachinformation Saft [FI5]
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: Metamizolhaltige Arzneimittel: wichtige Maßnahmen zur Minimierung der schwerwiegenden Folgen des bekannten Risikos einer Agranulozytose. Rote-Hand-Brief vom 9. Dezember 2024. Arzneimittelsicherheitsinformation [FI6]