Sensibilitätsstörungen der Haut – Weitere Therapie
Sensibilitätsstörungen der Haut (Störungen des Hautempfindens) sind ein Symptom unterschiedlicher Erkrankungen des peripheren oder zentralen Nervensystems (Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark beziehungsweise Gehirn und Rückenmark). Die Therapie richtet sich nach Ursache, Verlauf und funktioneller Beeinträchtigung. Ein einheitliches Behandlungsverfahren für sämtliche Sensibilitätsstörungen besteht nicht [LL5].
Therapieziele
- Behandelbare Ursachen erkennen und gezielt behandeln sowie eine weitere Nervenschädigung möglichst verhindern [LL1].
- Alltagsfunktion, Mobilität und Selbstständigkeit erhalten oder verbessern und Verletzungen bei vermindertem Schutzempfinden vermeiden [LL7].
Allgemeine Maßnahmen
- Ursachenbezogene Beratung: Lokalisation, Auslöser, Verlauf und Begleitsymptome berücksichtigen. Eine Polyneuropathie (Erkrankung mehrerer peripherer Nerven), ein Nervenkompressionssyndrom (Beschwerden durch Druck auf einen Nerv) und eine zentrale Läsion (Schädigung im Gehirn oder Rückenmark) erfordern unterschiedliche Behandlungskonzepte [LL1, LL5].
- Vermeidung mechanischer Nervenkompression (Druck auf einen Nerv): Bei entsprechenden Auslösern anhaltenden Druck, ungünstige Lagerung und einengende Kleidung vermeiden; Arbeitsplatz und wiederkehrende Belastungen anpassen [LL5].
- Verminderung neurotoxischer Expositionen: Bei alkoholassoziierter Neuropathie (Nervenschädigung im Zusammenhang mit Alkoholkonsum) Alkoholkarenz anstreben; bei Abhängigkeit ärztlich begleitet vorgehen. Lachgasmissbrauch beenden und mögliche berufliche Schadstoffexpositionen abklären [LL1].
- Hautschutz bei vermindertem Schmerz- oder Temperaturempfinden: Betroffene Haut regelmäßig auf Verletzungen kontrollieren. Direkte Hitzeeinwirkung vermeiden, Wassertemperaturen zuverlässig prüfen und bei gefährdenden Tätigkeiten geeigneten Schutz verwenden [5].
- Diabetische Neuropathie (diabetesbedingte Nervenschädigung): Individuelle Stoffwechselziele, Gewichtsmanagement, körperliche Aktivität sowie Behandlung kardiovaskulärer Risikofaktoren in das Gesamtkonzept einbeziehen. Bereits bestehende Nervenschäden werden durch eine verbesserte Stoffwechsellage nicht zuverlässig rückgängig gemacht [LL3].
Konventionelle nicht-operative Therapieverfahren
- Entlastung bei nachgewiesenem Karpaltunnelsyndrom (Druckschädigung des Mittelnervs am Handgelenk): Bei Indikation zur konservativen Behandlung eine nächtliche Handgelenksschiene einsetzen. Bei anhaltenden Ausfällen oder unzureichender Besserung die Operationsindikation prüfen [LL2].
- Professionelle Fußversorgung: Bei Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und erhöhtem Ulcerationsrisiko (Risiko für die Entstehung von Geschwüren) Hornhaut, Nagelprobleme und präulceröse Läsionen (Hautschäden als Vorstufe eines Geschwürs) fachgerecht behandeln lassen [LL4].
- Interdisziplinäre Behandlung neuropathischer Schmerzen (Schmerzen durch eine Nervenschädigung): Bei erheblicher Beeinträchtigung, Schlafstörungen oder unzureichendem Behandlungserfolg eine spezialisierte Schmerzbehandlung mit physikalischen und psychologischen Maßnahmen erwägen. Die Pharmakotherapie wird im Subthema „Medikamentöse Therapie“ dargestellt [LL6].
Operative Therapie
- Ursachenbezogene Indikation: Eine Operation kommt bei einer operativ behandelbaren Ursache in Betracht. Beim Karpaltunnelsyndrom sprechen insbesondere anhaltende sensible oder motorische Ausfälle (Ausfälle des Empfindungsvermögens oder der Muskelsteuerung), Thenaratrophie (Schwund der Daumenballenmuskulatur) oder relevante, konservativ nicht gebesserte Beschwerden für eine operative Dekompression [LL2].
- Diabetische Polyneuropathie: Eine Nervenentlastungsoperation allein zur Prävention diabetischer Fußulcera (Geschwüre an den Füßen bei Diabetes mellitus) wird nicht empfohlen. Davon zu unterscheiden ist die Behandlung eines zusätzlich nachgewiesenen Nervenkompressionssyndroms [LL2, LL4].
Medizinische Hilfsmittel
- Individuell angepasste Hilfsmittel: Bei relevanten Funktionsdefiziten geeignete Greifhilfen, Orthesen (stützende oder stabilisierende Hilfsmittel) oder Gehhilfen nach physiotherapeutischer beziehungsweise ergotherapeutischer Beurteilung auswählen und die Anwendung schulen [LL7].
- Druckentlastende Schuhversorgung: Bei Diabetes mellitus mit Fußdeformität (Fehlform des Fußes) oder präulcerösen Läsionen gegebenenfalls spezielle Schuhe oder Einlagen einsetzen. Nach abgeheiltem plantarem Fußulcus (Geschwür an der Fußsohle) therapeutisches Schuhwerk mit nachgewiesener Druckentlastung verordnen und konsequentes Tragen fördern [LL4].
Impfungen
- Keine spezifische therapeutische Impfung: Der Impfbedarf richtet sich nach Alter, Grunderkrankung und den aktuellen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) [LL8].
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen
- Klinischen Verlauf und Alltagsfunktion überprüfen: Ausdehnung der Sensibilitätsstörung, Kraft, Gangbild, Stürze und neue autonome Beschwerden (Beschwerden der unwillkürlich gesteuerten Körperfunktionen) erfassen. Bei Progression, ausgeprägter Asymmetrie oder neuen motorischen Ausfällen Diagnose und Behandlungsplan erneut prüfen; Kontrollintervalle individuell festlegen [LL1, LL7].
- Risikoadaptierte Fußkontrollen bei Diabetes mellitus: Bei niedrigem Ulcerationsrisiko Kontrollen alle 6-12 Monate, bei mittlerem Risiko alle 3-6 Monate und bei hohem Risiko alle 1-3 Monate nach der IWGDF-Risikoklassifikation. Ohne erhöhtes Risiko mindestens jährlich untersuchen [LL4].
Ernährungsmedizin
- Ernährungsberatung auf Grundlage einer Ernährungsanalyse: Besonders sinnvoll bei einseitiger Ernährung, Gewichtsverlust oder Hinweisen auf Mangelversorgung; geeignete Lebensmittel unter Berücksichtigung der Grunderkrankung auswählen [3, LL1].
- Ausgewogene, überwiegend pflanzliche Ernährung: Die allgemeinen Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) als Orientierung verwenden und krankheitsbezogen anpassen [3].
- Mindestens fünf Portionen Gemüse und Obst täglich.
- Vollkornprodukte bevorzugen; Hülsenfrüchte, Nüsse und pflanzliche Öle regelmäßig einbeziehen.
- Bei Mischkost ein- bis zweimal wöchentlich Fisch, darunter auch fettreichen Fisch wie Lachs, Hering oder Makrele.
- Erkrankungsbezogene Anpassungen: Ursache und Begleiterkrankungen bestimmen die weiterführende Ernährungsberatung, beispielsweise bei Diabetes mellitus oder Mangelversorgung. Eine Diät zur Behandlung sämtlicher Sensibilitätsstörungen lässt sich daraus nicht ableiten [LL1, LL3].
- Mikronährstoffversorgung: Siehe auch unter „Therapie mit Mikronährstoffen (Vitalstoffe)“. Eine gegebenenfalls erforderliche Supplementierung richtet sich nach einer gesondert festgestellten Indikation.
- Weiterführende Informationen: Detaillierte Informationen zur Ernährungsmedizin erhalten Sie von uns.
Sportmedizin
- Individuell angepasste körperliche Aktivität: Belastung nach Kraft, Gleichgewicht, Sensibilität (Empfindungsvermögen) und Grunderkrankung auswählen; bei erhöhtem Sturzrisiko zunächst unter Anleitung trainieren [LL7].
- Diabetische Neuropathie: Bei niedrigem oder mittlerem Fußulcerationsrisiko kann ein angeleitetes Fuß- und Sprunggelenktraining über 8-12 Wochen erwogen werden. Geeignetes Schuhwerk und regelmäßige Hautkontrollen sind erforderlich. Aktive Ulcera oder der Verdacht auf eine akute Charcot-Neuroarthropathie (durch eine Nervenschädigung bedingte Schädigung von Knochen und Gelenken am Fuß) erfordern eine gesonderte fachärztliche Belastungs- und Entlastungsplanung [LL3, LL4].
Physikalische Therapie (inkl. Physiotherapie)
- Aktives Funktionstraining: Bei Gangunsicherheit, Schwäche oder eingeschränkter Koordination gezieltes Gang-, Gleichgewichts- und Krafttraining anbieten. Für sensomotorisches Training bei diabetischer Polyneuropathie liegen randomisierte Daten zur Verbesserung von Gangparametern, Propriozeption (Wahrnehmung der Stellung und Bewegung des eigenen Körpers) und Lebensqualität vor; ein allgemeiner Nachweis der Wiederherstellung der Hautsensibilität ergibt sich daraus nicht [1, LL7].
- Sensorische Rehabilitation nach Schlaganfall: Unter Anleitung Aufgaben zur Berührungslokalisation, Unterscheidung von Oberflächen und Gegenstandserkennung erproben und in Alltagstätigkeiten integrieren. Der Erfolg ist individuell; eine vollständige Wiederherstellung der Sensibilität kann nicht zugesichert werden [5].
- Transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS): Keine allgemeine Standardempfehlung zur Behandlung von Sensibilitätsstörungen. Die Evidenz zur Schmerzlinderung bei neuropathischen Schmerzen ist im Cochrane-Review sehr unsicher; eine Wirksamkeit gegen Taubheitsgefühl wird damit nicht belegt [2].
Psychotherapie
- Psychologische Mitbehandlung bei anhaltenden neuropathischen Schmerzen: Krankheitsbewältigung, Aktivierung und Umgang mit schmerzbedingter Angst oder Vermeidung unterstützen; in ein abgestimmtes Behandlungskonzept einbetten [LL6, LL7].
- Funktionelle neurologische Störungen (neurologische Beschwerden durch eine veränderte Funktion des Nervensystems): Bei fachärztlich gesicherter Diagnose die Beschwerden verständlich erklären und ein individuelles Rehabilitationskonzept einschließlich bedarfsgerechter psychologischer Unterstützung anbieten. Neu auftretende neurologische Zeichen erneut beurteilen [LL5, LL7].
Komplementäre Behandlungsmethoden
- Keine pauschale Empfehlung: Aus den ursachenspezifischen Empfehlungen lässt sich keine allgemeine Indikation für komplementäre Verfahren bei Sensibilitätsstörungen der Haut ableiten. Eine mögliche Anwendung zur Schmerzbewältigung ist von einer behaupteten Wiederherstellung geschädigter Nerven zu unterscheiden [LL6].
Schulungsmaßnahmen
- Selbstmanagement und Heimübungen: Geeignete Eigenübungen, Hilfsmittelgebrauch und konkrete Alltagsziele vermitteln; Angehörige bei Bedarf einbeziehen [LL7].
- Fußschutz bei diabetischer Neuropathie: Füße täglich einschließlich der Sohlen kontrollieren, bei Bedarf Spiegel oder Hilfe verwenden und bei Verletzungen zeitnah fachlichen Rat einholen. Bei erhöhtem Ulcerationsrisiko auch zu Hause nicht barfuß gehen [LL3, LL4].
Rehabilitation
- Rehabilitation bei relevanter Teilhabeeinschränkung: Ambulante oder stationäre neurologische Rehabilitation nach individuellem Bedarf prüfen. Physiotherapie, Ergotherapie, psychologische Unterstützung und Beratung zur beruflichen Teilhabe an den gemeinsam festgelegten Funktionszielen ausrichten [LL7].
Organisationen und Selbsthilfegruppen
- Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e. V.: Informationen und Erfahrungsaustausch für Patienten mit Polyneuropathie; Internet: www.polyneuro.de [4].
Red Flags (Warnzeichen) bei Sensibilitätsstörungen der Haut
- Plötzlich einsetzende einseitige Sensibilitätsstörung: Auch bei vorübergehenden Beschwerden sofortige Notfallabklärung wegen möglichem Schlaganfall oder transitorischer ischämischer Attacke (vorübergehender Durchblutungsstörung des Gehirns); bei akutem Ereignis Notruf 112 [LL5].
- Rasch zunehmende Schwäche oder Gangunsicherheit: Unverzügliche neurologische Beurteilung, insbesondere bei beidseitigen Beschwerden; bei Atem- oder Schluckstörungen sofortige Notfallversorgung [LL5].
- Neue Blasen- oder Mastdarmstörung beziehungsweise perineale Taubheit (fehlendes Gefühl im Dammbereich zwischen Geschlechtsorganen und After): Bei Rückenschmerzen oder Beinsymptomen sofortige Abklärung eines möglichen Cauda-equina-Syndroms (Schädigung der Nervenwurzeln am unteren Ende des Wirbelkanals) [LL5].
- Überwärmter, geröteter oder geschwollener Fuß bei Neuropathie: Auch ohne starke Schmerzen dringende Abklärung einer Charcot-Neuroarthropathie oder Infektion; bei Charcot-Verdacht unverzüglich entlasten und spezialisierte Versorgung veranlassen [LL3].
Abkürzungsverzeichnis
- AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- CG – Clinical Guideline; klinische Leitlinie des NICE
- DGE – Deutsche Gesellschaft für Ernährung
- IWGDF – International Working Group on the Diabetic Foot; internationale Arbeitsgruppe zum diabetischen Fuß
- LL – Leitlinie
- NG – NICE Guideline; Leitlinie des NICE
- NHS – National Health Service; staatlicher Gesundheitsdienst in Großbritannien
- NICE – National Institute for Health and Care Excellence; britisches Institut für evidenzbasierte Empfehlungen im Gesundheitswesen
- S1 – Leitlinie auf Grundlage eines Expertenkonsenses
- S3 – Leitlinie mit systematischer Evidenzbewertung und strukturierter Konsensfindung
- STIKO – Ständige Impfkommission
- TENS – transkutane elektrische Nervenstimulation
- doi – Digital Object Identifier; dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung
Literatur
- Saleh MSM, Elbanna RHM, Abdelhakiem NM, Abdalla GAE: Sensorimotor Training Improves Gait, Ankle Joint Proprioception, and Quality of Life in Patients With Diabetic Peripheral Neuropathy: A Single-Blinded Randomized Controlled Trial. Am J Phys Med Rehabil. 2024;103(7):638-644. doi: 10.1097/PHM.0000000000002453.
- Gibson W, Wand BM, O'Connell NE: Transcutaneous electrical nerve stimulation (TENS) for neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2017;9:CD011976. doi: 10.1002/14651858.CD011976.pub2.
- Deutsche Gesellschaft für Ernährung: Gut essen und trinken – die DGE-Empfehlungen. DGE-Empfehlungen. Abgerufen am 30. September 2026.
- Deutsche Polyneuropathie Selbsthilfe e. V.: Informationen und Selbsthilfeangebote. Internetauftritt. Abgerufen am 30. September 2026.
- Cambridge University Hospitals NHS Foundation Trust: Post-stroke sensory deficits and re-education. Version 4, 16. Juli 2024. Informationen zur sensorischen Rehabilitation und zum Verletzungsschutz. Klinische Praxisinformation; keine randomisierte Studie.
Leitlinien
- S1-Leitlinie: Diagnostik bei Polyneuropathien. (AWMF-Registernummer: 030-067). Version 6.1, April 2024. Langfassung [LL1]
- S3-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Karpaltunnelsyndroms. (AWMF-Registernummer: 005-003). Version 3.0, Januar 2022. Langfassung [LL2]
- American Diabetes Association Professional Practice Committee for Diabetes: 12. Retinopathy, Neuropathy, and Foot Care: Standards of Care in Diabetes—2026. Diabetes Care. 2026;49(Suppl 1):S261-S276. doi: 10.2337/dc26-S012 [LL3]
- International Working Group on the Diabetic Foot: Guidelines on the prevention of foot ulcers in persons with diabetes. IWGDF 2023 update. Langfassung [LL4]
- National Institute for Health and Care Excellence: Suspected neurological conditions: recognition and referral. NICE guideline NG127. Aktualisiert am 2. Oktober 2023. Empfehlungen für Erwachsene [LL5]
- National Institute for Health and Care Excellence: Neuropathic pain in adults: pharmacological management in non-specialist settings. Clinical guideline CG173. Aktualisiert am 22. September 2020. Hier herangezogen für Aufklärung, Verlaufskontrolle und nichtmedikamentöse Mitbehandlung. Empfehlungen [LL6]
- National Institute for Health and Care Excellence: Rehabilitation for chronic neurological disorders including acquired brain injury. NICE guideline NG252. 15. Oktober 2025. Leitlinie; Funktionelle Rehabilitation; Bedarfserhebung und Zielvereinbarung [LL7]
- Ständige Impfkommission beim Robert Koch-Institut: Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut 2026. Epidemiol Bull. 2026;4. Empfehlungen 2026; Aktuelle Ergänzungen der STIKO [LL8]