Multiple Chemical Sensitivity (MCS) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Linderung belastender Beschwerden sowie Verbesserung von Lebensqualität und Alltagsfunktion [1].
- Behandlung nachgewiesener Begleiterkrankungen nach eigenständiger Indikation (medizinischem Behandlungsgrund) und sorgfältiger individueller Nutzen-Risiko-Prüfung [1].
- Vermeidung unnötiger oder potenziell schädlicher Arzneimittelbehandlungen und nicht validierter „Entgiftungsverfahren“ [1-3].
Therapieempfehlungen
- Keine etablierte spezifische Pharmakotherapie (Behandlung mit Arzneimitteln): Für Multiple Chemical Sensitivity (MCS; multiple Chemikalienempfindlichkeit) steht keine spezifische Arzneimittelbehandlung mit hinreichend gesichertem Wirksamkeitsnachweis zur Verfügung. Aus dem Fehlen einer spezifischen Behandlung folgt keine fehlende Behandlungsbedürftigkeit der Beschwerden [1].
- Begleiterkrankungen gezielt behandeln: Arzneimittel werden bei nachgewiesenen Begleiterkrankungen nach den jeweils geltenden krankheitsspezifischen Empfehlungen eingesetzt. Sie behandeln die jeweilige Begleiterkrankung; eine Wirksamkeit gegen MCS selbst ist damit nicht belegt [1].
- Individuelle Therapieplanung: Vor Behandlungsbeginn sind Indikation, konkretes Therapieziel und Verlaufskontrolle festzulegen. Wirkung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen sind zu überprüfen; nicht zielführende Behandlungen sollen vermieden werden [1].
- Keine Chelattherapie aufgrund der MCS-Diagnose: MCS allein begründet weder eine Chelattherapie noch eine unspezifische „Entgiftungstherapie“. Eine Chelattherapie setzt eine eigenständige toxikologische Indikation bei gesicherter, klinisch relevanter Metallintoxikation (Vergiftung durch Metalle) voraus. Auch ein nachgewiesener Metallwert begründet für sich allein noch keine Behandlungsindikation; entscheidend sind unter anderem Metall, Expositionsausmaß, klinischer Befund und geeignete toxikologische Untersuchungen [2, 3].
- Unterstützende Versorgung: Eine verlässliche ärztliche Begleitung und bei Bedarf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit sind auch ohne spezifische Pharmakotherapie erforderlich. Nichtmedikamentöse Behandlungsansätze siehe unter „Weitere Therapie“ [1].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Es gibt keine für die spezifische Behandlung von MCS etablierten Wirkstoffe. Daher werden keine MCS-spezifischen Wirkstofftabellen oder Dosierungsempfehlungen angegeben [1].
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Bei nachgewiesenen Begleiterkrankungen siehe die jeweils gleichnamigen Kapitel zur Pharmakotherapie. Eine indikationsgerechte Behandlung darf nicht mit einer spezifischen Behandlung von MCS gleichgesetzt werden [1].
- Wirkstoffauswahl und Dosierung: Richten sich nach der eigenständigen Erkrankung, individuellen Risikofaktoren und der jeweiligen Fachinformation.
- Wirkweise: Entspricht dem eingesetzten Arzneimittel und dem Behandlungsziel bei der jeweiligen Begleiterkrankung; ein MCS-spezifischer Wirkmechanismus ist daraus nicht abzuleiten.
- Indikation: Eigenständig begründete medikamentöse Behandlung einer nachgewiesenen Begleiterkrankung.
- Kontraindikationen (Gegenanzeigen): Arzneimittelspezifische Gegenanzeigen und relevante individuelle Risikokonstellationen gemäß Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Arzneimittelspezifisch; Verträglichkeit und Wechselwirkungen sind im Behandlungsverlauf zu überprüfen.
Beachte
- Keine Gleichsetzung mit einer Vergiftung: MCS allein weist weder eine Metallintoxikation noch die Notwendigkeit einer „Ausleitung“ nach. Nachweisbare Metallkonzentrationen können auch bei Personen ohne Vergiftung vorliegen [2, 3].
- Keine Chelat-Provokation zur Indikationsstellung: Urinuntersuchungen nach Gabe eines Chelatbildners sind zur Diagnose einer Metallintoxikation nicht validiert. Chelatbildner erhöhen die Metallausscheidung auch ohne Vergiftung. Die Ergebnisse dürfen nicht anhand von Referenzwerten für Urinproben ohne vorausgegangene Chelatgabe interpretiert werden und begründen keine Chelatindikation [2, 3].
- Risiken unnötiger Chelattherapien: Möglich sind unter anderem Störungen des Elektrolythaushalts (Gleichgewicht der gelösten Mineralsalze im Körper), Verlust essenzieller Spurenelemente und Nierenschäden. Das Risiko hängt vom eingesetzten Chelatbildner und den individuellen Voraussetzungen ab [2].
- Begründeten Vergiftungsverdacht gezielt abklären: Erforderlich sind eine sorgfältige Expositionsanamnese (Erhebung möglicher Kontakte mit Schadstoffen), geeignete validierte Untersuchungen und eine toxikologische Beurteilung. Die Diagnostik richtet sich nach dem konkret vermuteten Metall und der Expositionssituation [2, 3].
- Beschwerden ernst nehmen: Eine unterstützende ärztliche Versorgung bleibt auch ohne spezifische Pharmakotherapie erforderlich [1].
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel bei Müdigkeit und für den Energiestoffwechsel sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Grüntee-Extrakt (Theanin))
- Weitere Vitalstoffe (Coenzym Q10, L-Tyrosin, Rosenwurzwurzel-Extrakt)
Bei Vorliegen einer Insomnie (Schlafstörung) infolge eines chronischen Müdigkeitssyndroms s. u. Insomnie/Medikamentöse Therapie/Supplemente.
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungen
- DHA: Docosahexaensäure
- EPA: Eicosapentaensäure
- MCS: Multiple Chemical Sensitivity
Literatur
- Harter K, Hammel G, Fleming M, Traidl-Hoffmann C: Multiple Chemikaliensensibilität (MCS) - Ein Leitfaden für die Dermatologie zum Umgang mit den Betroffenen. J Dtsch Dermatol Ges. 2020;18(2):119-131. doi:10.1111/ddg.14027_g.
- American College of Medical Toxicology: ACMT Recommends Against Use of Post-Chelator Challenge Urinary Metal Testing. J Med Toxicol. 2017;13(4):352-354. Toxikologische Stellungnahme. doi:10.1007/s13181-017-0624-6.
- Oregon Medical Board: Chelation Therapy. Statements of Philosophy. Überarbeitet April 2025. Behördliche Stellungnahme. Volltext.