Traditionelle Chinesische Medizin (TCM-Ernährung)

Die Ernährung in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) ist Bestandteil eines ganzheitlichen Medizinsystems mit einer über 3.000-jährigen Geschichte. Sie basiert auf energetischen Konzepten wie Qi, Yin und Yang sowie der Lehre der fünf Elemente und ordnet Lebensmittel nicht primär nach Nährstoffgehalt, sondern nach ihrer angenommenen energetischen Wirkung auf den menschlichen Organismus ein. Ziel ist nicht eine kurzfristige Diätmaßnahme, sondern eine langfristige, konstitutionsorientierte Ernährungs- und Lebensweise zur Förderung von Wohlbefinden und innerer Harmonie.

Einzuordnen ist die TCM-Ernährung als komplementärmedizinisches bzw. alternatives Ernährungskonzept ohne leitliniengestützte therapeutische Indikation.

Entstehung und wissenschaftliche Grundlagen

Die traditionelle chinesische Medizin entwickelte sich im antiken China über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten bis Jahrtausenden. Ihre Grundlagen sind in klassischen medizinisch-philosophischen Werken wie dem Huangdi Neijing („Innerer Klassiker des Gelben Kaisers“) niedergelegt, das etwa zwischen dem 3. Jahrhundert v. Chr. und dem 1. Jahrhundert n. Chr. entstanden ist. Die darin beschriebenen Konzepte beruhen auf systematischen Naturbeobachtungen, Analogieschlüssen und philosophischen Ordnungsmodellen, nicht jedoch auf experimenteller Naturwissenschaft im modernen Sinne. Medizinisches Wissen wurde historisch über Beobachtung, Tradierung und Erfahrungslehre weitergegeben, ohne kontrollierte Studien, statistische Auswertung oder experimentelle Überprüfung.

Zentral ist das Verständnis von Gesundheit als dynamisches Gleichgewicht der Lebensenergie Qi sowie der polaren Kräfte Yin und Yang. Organe, Funktionen, Emotionen, klimatische Einflüsse und Nahrungsmittel werden in dieses energetische Ordnungssystem eingeordnet. Krankheiten gelten als Ausdruck von Stagnation, Mangel oder Überschuss bestimmter energetischer Qualitäten. Diese Denkmodelle sind in sich konsistent, stehen jedoch außerhalb des biomedizinischen Krankheitsverständnisses, das auf Zellbiologie, Biochemie, Physiologie und Pathophysiologie basiert. Eine Übertragung der energetischen Konzepte auf messbare biologische Prozesse ist bislang nicht gelungen. Entsprechend existiert keine naturwissenschaftliche Validierung der zugrunde liegenden Annahmen, weder für das Qi-Konzept noch für die Yin-Yang- oder Fünf-Elemente-Lehre [2, 3]. Moderne wissenschaftliche Bewertungen ordnen diese Modelle daher als kulturhistorische Erklärungsansätze ohne empirische Belegbarkeit ein.

Zielsetzung der Diät

Die Zielsetzung der TCM-Ernährung besteht in der Förderung von subjektivem Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und innerer Balance durch eine energetisch angepasste Lebensmittelauswahl. Die Ernährung wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als Bestandteil eines umfassenden Lebensstilkonzepts, das auch Schlaf, Bewegung, emotionale Regulation und Umweltfaktoren einbezieht. Die Anwendung erfolgt primär im Rahmen von Prävention und Selbstfürsorge sowie als begleitende Maßnahme innerhalb des TCM-Systems.

Aus medizinisch-ernährungswissenschaftlicher Sicht ist festzuhalten, dass keine klar definierten therapeutischen Zielparameter existieren. Weder Stoffwechselmarker wie HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Nüchternglucose oder LDL-Cholesterin noch klinische Endpunkte wie Blutdruck, Entzündungsmarker oder BMI (Body-Mass-Index/Körpermassenindex) sind Bestandteil einer systematischen Zieldefinition. Ebenso fehlt eine leitlinienlogische Struktur aus Indikationsstellung, standardisierter Intervention, Verlaufskontrolle und Risikobewertung. Die Ernährungsempfehlungen werden individuell anhand energetischer Diagnosen abgeleitet, die nicht objektivierbar oder reproduzierbar sind.

Die TCM-Ernährung ist daher nicht als therapeutische Diät im medizinischen Sinne anzusehen und kann evidenzbasierte Ernährungstherapien bei Erkrankungen nicht ersetzen [1, 2].

Grundprinzipien

Die TCM-Ernährung folgt der Einteilung der Lebensmittel in Yin, Yang und neutrale Nahrungsmittel sowie der Zuordnung zu den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Diese Klassifikationen beruhen auf sensorischen Eigenschaften wie Geschmack, Temperaturverhalten, Farbe, Konsistenz sowie auf angenommenen Wirkungen im Körper. Zusätzlich werden zeitliche Aspekte berücksichtigt, etwa Tages- und Jahreszeiten sowie individuelle Lebensphasen wie Kindheit, Schwangerschaft oder Alter. Ziel ist es, die Ernährung möglichst harmonisch an äußere und innere Bedingungen anzupassen.

Ein zentrales Prinzip ist die Bevorzugung gekochter, warmer Speisen, da diese als leichter verdaulich und energetisch unterstützend gelten. Rohkost wird nur in begrenztem Umfang empfohlen, da ihr eine belastende Wirkung auf die „Verdauungsenergie“ zugeschrieben wird. Stark verarbeitete Lebensmittel, Konserven und Fertigprodukte gelten als energetisch minderwertig und sollen vermieden werden. Mahlzeiten sollen regelmäßig, in ruhiger Atmosphäre, achtsam und möglichst frisch zubereitet eingenommen werden. Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht handelt es sich hierbei um teilweise sinnvolle allgemeine Verhaltensregeln, deren Begründung jedoch nicht auf physiologischen Mechanismen, sondern auf energetisch-symbolischen Annahmen beruht.

Angestrebte Wirkmechanismen

Nach den Vorstellungen der traditionellen chinesischen Medizin sollen durch die Auswahl, Kombination und Zubereitung der Lebensmittel Yin und Yang in ein ausgeglichenes Verhältnis gebracht, das Qi gestärkt und die Organfunktionen im Sinne der Fünf-Elemente-Lehre reguliert werden. Lebensmitteln wird dabei eine bestimmte energetische Qualität zugeschrieben, die sich unter anderem in wärmenden, kühlenden, befeuchtenden oder trocknenden Eigenschaften äußert. Diese Eigenschaften werden abhängig von Faktoren wie Geschmack, Farbe, Konsistenz, Herkunft, Reifegrad sowie von der Art und Dauer der Zubereitung interpretiert. Durch eine gezielte Zusammenstellung der Mahlzeiten sollen energetische Ungleichgewichte ausgeglichen und funktionelle Prozesse im Körper unterstützt werden.

Die Wirkmechanismen werden innerhalb des TCM-Systems nicht isoliert betrachtet, sondern stets im Zusammenhang mit individuellen Konstitutionen, äußeren Einflüssen wie Klima und Jahreszeit sowie mit Lebensphase und Tagesrhythmus gesehen. Die Ernährung gilt als ein zentraler Einflussfaktor auf den Fluss des Qi und auf das Zusammenspiel der Organfunktionskreise, die den fünf Elementen Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser zugeordnet sind. Veränderungen der Ernährungsweise sollen entsprechend Auswirkungen auf körperliche, emotionale und funktionelle Prozesse haben.

Die beschriebenen Wirkmechanismen basieren auf energetisch-symbolischen Konzepten, die in der traditionellen chinesischen Medizin historisch gewachsen sind und in klassischen Texten systematisch dargestellt werden. In der wissenschaftlichen Literatur werden diese Konzepte als Bestandteil eines eigenständigen medizinischen Ordnungssystems beschrieben, dessen Wirkannahmen nicht auf messbaren biochemischen oder physiologischen Parametern beruhen, sondern auf funktionellen und relationalen Zuordnungen innerhalb des TCM-Modells [2, 3].

Zielgruppen und Ausschlusskriterien

Die TCM-Ernährung richtet sich primär an gesunde Erwachsene mit Interesse an ganzheitlichen Ernährungskonzepten.

Geeignete Zielgruppen

  • Gesunde Erwachsene ohne erhöhten Nährstoffbedarf
  • Personen mit Interesse an kulturhistorischen oder philosophischen Ernährungssystemen

Eingeschränkt geeignet

  • Kinder und Jugendliche
  • Schwangere und Stillende
  • Geriatrische Patienten
  • Personen mit chronischen Erkrankungen oder Essstörungen

Für vulnerable Gruppen (Personengruppen mit erhöhtem gesundheitlichem Risiko) ist eine Anwendung ohne ernährungsmedizinische Fachkenntnisse kritisch zu beurteilen.

Durchführung und Ablauf der Diät

Die Durchführung der Ernährung nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin erfolgt ohne festgelegte Kalorienvorgaben oder standardisierte Portionsgrößen und orientiert sich stattdessen an qualitativen und energetischen Kriterien.

Die Nahrungsgrundlage bilden gekochtes Vollkorngetreide sowie schonend gegartes Gemüse, die als gut bekömmlich gelten und den Hauptanteil der täglichen Energiezufuhr ausmachen. Ergänzend werden Hülsenfrüchte eingesetzt, während Fleisch, Fisch und Milchprodukte in moderaten Mengen Verwendung finden. Rohkost wird lediglich in kleinen Anteilen empfohlen und meist in Abhängigkeit von individueller Konstitution, Jahreszeit und klimatischen Bedingungen berücksichtigt.

Die Mahlzeitenstruktur sieht in der Regel drei warme Mahlzeiten pro Tag vor, wobei auf regelmäßige Essenszeiten geachtet wird.

Die Zubereitung der Speisen erfolgt möglichst frisch und mit schonenden Garverfahren wie Dünsten, Kochen oder Schmoren.

Der Verzehr der Mahlzeiten soll langsam, in ruhiger Umgebung und mit bewusstem Kauen erfolgen, da der Essprozess selbst als integraler Bestandteil der Ernährung betrachtet wird.

Getränke werden bevorzugt warm oder zumindest nicht kalt konsumiert.

Das Konzept ist nicht auf einen begrenzten Zeitraum ausgelegt, sondern als langfristige Ernährungs- und Lebensweise konzipiert. Die konkrete Ausgestaltung erfordert Kenntnisse der energetischen Lebensmittelklassifikation sowie der Prinzipien von Yin und Yang und der Fünf-Elemente-Lehre.

Empfohlene Lebensmittel

Die Auswahl der Lebensmittel erfolgt in der traditionellen chinesischen Medizin primär nach energetischen Kriterien und weniger nach ihrem Nährstoffgehalt. Berücksichtigt werden unter anderem thermische Wirkung, Geschmack, Konsistenz, Zubereitungsform sowie die angenommene Wirkung auf Yin, Yang und die den fünf Elementen zugeordneten Organfunktionskreise. Die Nahrungsmittel sollen so kombiniert werden, dass sie als energetisch ausgewogen gelten und an individuelle Konstitution, Jahreszeit und Lebensphase angepasst sind.

  • Vollkorngetreide wie Reis, Hirse, Hafer, Gerste oder Dinkel bilden die energetische Basis der Ernährung und werden überwiegend gekocht oder als Brei verzehrt.
  • Gegartes Gemüse stellt einen zentralen Bestandteil dar und wird bevorzugt gedünstet, gekocht oder geschmort. Auswahl und Zubereitung variieren je nach thermischer Wirkung und Saison.
  • Hülsenfrüchte wie Linsen, Bohnen oder Kichererbsen werden als pflanzliche Proteinquelle eingesetzt und meist gut durchgekocht verwendet.
  • Fleisch, Fisch und Milchprodukte werden in kleinen Mengen ergänzt und dienen der energetischen Unterstützung bestimmter Konstitutionen. Auswahl und Häufigkeit richten sich nach individuellen Bedürfnissen.

Bei abwechslungsreicher und sachkundiger Zusammenstellung kann die Ernährung eine ausreichende Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen ermöglichen.

Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel

Lebensmittel, die als energetisch ungünstig gelten oder den Fluss des Qi beeinträchtigen sollen, werden in der TCM-Ernährung eingeschränkt oder gemieden. Die Einordnung erfolgt auf Grundlage energetischer Wirkzuschreibungen und nicht anhand ernährungsphysiologischer Kriterien.

  • Stark verarbeitete Lebensmittel mit hohem Anteil an Zusatzstoffen gelten als energetisch minderwertig.
  • Fertigprodukte, Konserven und Tiefkühlkost werden aufgrund industrieller Verarbeitung und langer Lagerzeiten als wenig bekömmlich angesehen.
  • Mikrowellengerichte werden abgelehnt, da die Zubereitungsform als energetisch ungünstig interpretiert wird.
  • Große Mengen Rohkost werden eingeschränkt, da ihnen eine kühlende und belastende Wirkung auf die Verdauungsfunktion zugeschrieben wird.

Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag

Für die praktische Umsetzung der TCM-Ernährung ist es hilfreich, schrittweise vorzugehen und die Prinzipien zunächst vereinfacht in den Alltag zu integrieren. Eine vollständige und sofortige Umstellung ist nicht zwingend erforderlich.

Sinnvoll ist es, zunächst den Anteil gekochter, frisch zubereiteter Mahlzeiten zu erhöhen und stark verarbeitete Produkte schrittweise zu reduzieren.

Beim Einkauf empfiehlt es sich, den Schwerpunkt auf frische, möglichst saisonale Lebensmittel zu legen. Regionale Gemüse- und Getreidesorten lassen sich gut in das TCM-Konzept integrieren, ohne dass spezielle oder exotische Zutaten notwendig sind. Eine einfache Grundausstattung aus Vollkorngetreide, Hülsenfrüchten, frischem Gemüse, Gewürzen und hochwertigen Ölen erleichtert die regelmäßige Zubereitung warmer Mahlzeiten. Tiefgekühltes Gemüse kann als praktische Alternative genutzt werden, wenn frische Produkte nicht verfügbar sind.

Die Mahlzeitenplanung spielt eine zentrale Rolle. Warme Frühstücksvarianten wie Getreidebreie oder Suppen lassen sich gut vorbereiten und portionsweise aufbewahren. Auch für Mittag- und Abendmahlzeiten eignen sich Eintöpfe, Pfannengerichte oder Ofengerichte, die für mehrere Tage vorgekocht werden können. Dies reduziert den täglichen Kochaufwand und erleichtert die Einhaltung der empfohlenen Mahlzeitenstruktur mit drei warmen Mahlzeiten pro Tag.

Bei der Zubereitung ist es hilfreich, einfache Garverfahren wie Kochen, Dünsten oder Schmoren zu bevorzugen. Lange Kochzeiten und moderate Würzung werden häufig als bekömmlich angesehen. Kalte Speisen und Getränke können im Alltag reduziert werden, indem Getränke leicht erwärmt oder zumindest nicht direkt aus dem Kühlschrank konsumiert werden.

Auch das langsame Essen, gründliche Kauen und das Einnehmen der Mahlzeiten in ruhiger Umgebung lassen sich bewusst in den Alltag integrieren, etwa durch feste Essenszeiten ohne Ablenkung.

Für unterwegs oder im Berufsalltag können warme Mahlzeiten in Thermobehältern mitgenommen werden. Suppen, Reisgerichte oder gegartes Gemüse eignen sich hierfür besonders gut. In Kantinen oder Restaurants kann eine Auswahl getroffen werden, die möglichst nahe an den Grundprinzipien liegt, etwa warme Hauptgerichte mit Gemüse und Getreideanteil.

Ernährungsphysiologische Bewertung

Die Ernährung nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin ist in ihrer praktischen Ausprägung meist kohlenhydratbetont, da gekochtes Getreide eine zentrale Rolle einnimmt. Bei konsequenter Verwendung von Vollkorngetreide und einem hohen Anteil gegarten Gemüses kann die Ballaststoffzufuhr im Bereich gängiger Ernährungsempfehlungen liegen.

Gleichzeitig ist die Energiezufuhr stark abhängig von Portionsgrößen, Zubereitungsformen und dem Anteil ergänzender Protein- und Fettquellen. Da keine festen Vorgaben zu Energie- oder Makronährstoffverteilungen existieren, kann es sowohl zu einer bedarfsdeckenden als auch zu einer unzureichenden Energiezufuhr kommen, insbesondere bei körperlich aktiven Personen.

Die Proteinversorgung ist grundsätzlich möglich, erfordert jedoch eine bewusste Kombination pflanzlicher und gegebenenfalls tierischer Proteinquellen. Hülsenfrüchte, Getreide und in begrenztem Umfang tierische Produkte können eine ausreichende Zufuhr gewährleisten, sofern sie regelmäßig und in angemessenen Mengen integriert werden. Bei sehr fleischarmer oder nahezu vegetarischer Auslegung der TCM-Ernährung ist auf eine ausreichende Versorgung mit essenziellen Aminosäuren, Eisen, Zink und Vitamin B12 zu achten.

Kritisch zu betrachten ist die geringe Bedeutung von Rohkost. Durch den überwiegenden Verzehr gegarter Lebensmittel kann die Zufuhr hitzelabiler Vitamine wie Vitamin C und Folsäure reduziert sein. Auch bestimmte sekundäre Pflanzenstoffe, die in rohem Obst und Gemüse in höherer Konzentration vorkommen, können bei dauerhaft geringer Rohkostzufuhr nur eingeschränkt aufgenommen werden. Gleichzeitig können längere Garzeiten zu weiteren Verlusten wasserlöslicher Vitamine führen. Die Mikronährstoffversorgung ist daher stark abhängig von Lebensmittelauswahl, Garverfahren und Vielfalt der eingesetzten Gemüse- und Getreidesorten.

Die langfristige Ausgewogenheit der TCM-Ernährung ist insgesamt nicht durch das System selbst gewährleistet, sondern hängt maßgeblich von der individuellen Auslegung der Regeln, dem Ernährungswissen der umsetzenden Person sowie von ergänzenden Lebensmittelauswahlen ab. Ohne ernährungsphysiologisches Grundverständnis besteht das Risiko einer einseitigen oder unvollständigen Nährstoffzufuhr.

Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen

Bei strikter und langfristiger Anwendung der TCM-Ernährung können verschiedene ernährungsmedizinisch relevante Risiken auftreten. Insbesondere bei konsequenter Reduktion von Rohkost und bestimmten Lebensmittelgruppen besteht ein erhöhtes Risiko für Defizite bei Vitamin C und Folsäure. Bei eingeschränktem Konsum von Milchprodukten oder alternativen calciumreichen Lebensmitteln kann zudem die Calciumzufuhr unzureichend sein, was langfristig negative Effekte auf Knochenstoffwechsel und Knochengesundheit haben kann. Eine unzureichende Vitamin-D-Zufuhr ist ebenfalls möglich, da keine spezifischen Empfehlungen zur Sicherstellung dieses Nährstoffs Bestandteil des TCM-Konzepts sind.

Für Kinder, Jugendliche, Schwangere und Stillende bestehen besondere Risiken, da in diesen Lebensphasen ein erhöhter Bedarf an Energie, Protein, Calcium, Eisen, Jod, Vitamin D und bestimmten Vitaminen besteht. Da die TCM-Ernährung keine standardisierte Bedarfsdeckung vorsieht und Empfehlungen individuell-energetisch abgeleitet werden, können Mangelzustände unbemerkt entstehen. Auch bei älteren Menschen kann eine zu niedrige Energie- und Proteinzufuhr problematisch sein, insbesondere im Hinblick auf Muskelmasse und funktionelle Reserve.

Bei bestehenden chronischen Erkrankungen, etwa Stoffwechselerkrankungen, gastrointestinalen Erkrankungen (Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts) oder Osteoporose, kann eine nicht angepasste Umsetzung der TCM-Ernährung zu einer Verschlechterung der Nährstoffversorgung beitragen.

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Absolute Kontraindikationen

  • Keine definiert

Relative Kontraindikationen

  • Schwangerschaft und Stillzeit
  • Wachstumsphase
  • Essstörungen
  • Chronische Erkrankungen mit spezifischen Diätanforderungen

In diesen Fällen ist ärztliche Rücksprache dringend empfohlen.

Vorteile

  • Hoher Anteil frischer, wenig verarbeiteter Lebensmittel
  • Betonung pflanzlicher Kost
  • Förderung achtsamer Essgewohnheiten

Diese Vorteile entsprechen allgemeinen Ernährungsempfehlungen.

Nachteile

  • Energetische Grundannahmen wissenschaftlich nicht belegbar
  • Hoher Komplexitätsgrad
  • Risiko von Nährstoffdefiziten bei vulnerablen Gruppen
  • Kein nachgewiesener therapeutischer Nutzen

Wissenschaftliche Einordnung

Für die Ernährung nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin liegen bislang keine hochwertigen randomisierten kontrollierten Studien vor, die einen eigenständigen gesundheitlichen Nutzen dieser Ernährungsform belegen. Insbesondere fehlen Interventionsstudien, in denen die spezifischen Kernelemente der TCM-Ernährung – etwa die energetische Klassifikation von Lebensmitteln, die Yin-Yang-Zuordnung oder die Fünf-Elemente-Lehre – isoliert untersucht und mit etablierten, evidenzbasierten Ernährungsformen verglichen wurden.

Internationale Fachgesellschaften und Leitlinien zur Prävention und Ernährungstherapie erkennen die TCM-Ernährung nicht als medizinisch wirksame Diätform an. In evidenzbasierten Empfehlungen stehen stattdessen Aspekte wie bedarfsgerechte Energiezufuhr, ausreichende Proteinversorgung, hoher Anteil pflanzlicher Lebensmittel, Ballaststoffzufuhr, Mikronährstoffsicherung sowie eine geringe Aufnahme stark verarbeiteter Produkte im Vordergrund. Diese Faktoren gelten unabhängig von kulturellen oder philosophischen Ernährungssystemen als entscheidend für gesundheitliche Effekte [1, 4].

Beobachtete positive Effekte, die im Zusammenhang mit der TCM-Ernährung berichtet werden, lassen sich vor diesem Hintergrund vollständig durch bekannte allgemeine Ernährungsfaktoren erklären. Dazu zählen insbesondere eine höhere Lebensmittelqualität, ein geringer Verarbeitungsgrad, eine regelmäßige Mahlzeitenstruktur, eine stärkere Orientierung an frischen Zubereitungen sowie eine häufig reduzierte Energiezufuhr. Ein zusätzlicher Nutzen, der spezifisch auf die energetischen Konzepte der TCM zurückzuführen wäre, konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Aus wissenschaftlicher Sicht ist die TCM-Ernährung daher als kulturell-philosophisches Ernährungssystem einzuordnen, nicht jedoch als evidenzbasierte Intervention zur Prävention oder Therapie von Erkrankungen.

Fazit

Die Ernährung nach den Prinzipien der traditionellen chinesischen Medizin ist eine kulturhistorisch geprägte, überwiegend vegetarisch orientierte alternative Ernährungsform, die auf energetischen und philosophischen Modellen basiert. Bei sorgfältiger, wissensbasierter Umsetzung kann sie für gesunde Erwachsene als langfristige Ernährungsweise praktikabel sein, insbesondere wenn frische, wenig verarbeitete Lebensmittel im Vordergrund stehen und eine ausreichende Energie- und Nährstoffzufuhr gewährleistet wird.

Medizinisch-ernährungswissenschaftlich ist jedoch klar festzuhalten, dass die zentralen theoretischen Grundlagen der TCM-Ernährung – insbesondere die Konzepte von Qi, Yin und Yang sowie der Fünf-Elemente-Lehre – nicht evidenzbasiert sind und keine nachweisbare pathophysiologische Entsprechung besitzen. Ein gesundheitlicher Nutzen entsteht ausschließlich dort, wo sich die praktische Umsetzung mit allgemeinen, wissenschaftlich gesicherten Ernährungsempfehlungen überschneidet, etwa einer pflanzenbetonten Kost, dem Verzicht auf stark verarbeitete Produkte und einer regelmäßigen Mahlzeitenstruktur. Als therapeutische Diät zur Behandlung oder Prävention spezifischer Erkrankungen ist die TCM-Ernährung nicht geeignet.

Literatur

  1. European Society for Clinical Nutrition and Metabolism (ESPEN): ESPEN guideline on clinical nutrition and hydration in healthy adults. Clin Nutr. 2023. doi: 10.1016/j.clnu.2023.02.021.
  2. World Health Organization: WHO global report on traditional and complementary medicine 2019. WHO Press; 2019.
  3. Tang JL, Liu BY, Ma KW: Traditional Chinese medicine. Lancet. 2008 Dec 6;372(9654):1938-40. doi: 10.1016/S0140-6736(08)61354-9.
  4. Dinu M, Pagliai G, Casini A, Sofi F: Mediterranean diet and multiple health outcomes: an umbrella review of meta-analyses of observational studies and randomised trials. Eur J Clin Nutr. 2018 Jan;72(1):30-43. doi: 10.1038/ejcn.2017.58.