Ernährungstherapie bei Migräne
Die Ernährungstherapie bei Migräne ist eine strukturierte, individualisierte Anpassung der Ernährungsweise mit dem Ziel, Migräneattacken in Häufigkeit, Intensität und Dauer zu reduzieren. Sie stellt keine Alternative zur leitliniengerechten Akut- oder Prophylaxetherapie dar, kann diese jedoch ergänzen.
Im Mittelpunkt stehen die Identifikation individueller Trigger, die Stabilisierung des Energiestoffwechsels, die Modulation entzündlicher Prozesse sowie – bei ausgewählten Patienten – spezifische metabolische Strategien wie eine ketogene Ernährung.
Wissenschaftliche Grundlagen
Die Beobachtung, dass bestimmte Nahrungsmittel Migräneattacken auslösen können, ist seit Langem beschrieben. Lange standen einzelne Triggerstoffe wie Tyramin, Histamin oder Glutamat im Fokus. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Verständnis deutlich erweitert: Migräne wird heute als komplexe neurovaskuläre Erkrankung mit genetischer Prädisposition, zentraler neuronaler Hyperexzitabilität (erhöhte Erregbarkeit von Nervenzellen) und trigeminovaskulärer Aktivierung (Aktivierung eines zentralen Schmerzsystems bei Migräne) verstanden. Metabolische Faktoren – insbesondere mitochondriale Dysfunktion (die Mitochondrien/„Kraftwerke“ der Zellen arbeiten nicht optimal), Störungen der Energiehomöostase und Neuroinflammation (entzündliche Prozesse im Nervensystem) – gelten als relevante Modulatoren.
Ernährung ist kein isolierter Auslöser, sondern ein modifizierbarer Einflussfaktor innerhalb eines multifaktoriellen Geschehens [1]. Besonders diskutiert werden Schwankungen des Blutzuckerspiegels, eine gestörte zelluläre Energieversorgung sowie entzündliche Prozesse.
Verschiedene Ernährungsmuster und Diätansätze (z. B. DASH-orientierte, mediterran geprägte und kohlenhydratreduzierte Muster) werden in Studien untersucht; die Datenlage ist insgesamt heterogen und erfordert eine individualisierte Einordnung [1].
Für ketogene Diäten liegen inzwischen systematische Reviews und Metaanalysen vor, die eine Reduktion migränerelevanter Endpunkte (z. B. Migränetage) nahelegen [2]. Eine ketogene Ernährung ist eine stark kohlenhydratreduzierte, fettreiche und moderat proteinbetonte Ernährungsform. Durch die deutliche Reduktion von Kohlenhydraten (meist < 50 g/Tag) stellt der Körper den Stoffwechsel von Glucose auf Fettsäuren und Ketonkörper um. Ketonkörper dienen dabei als alternative Energiequelle für Gehirn und Muskulatur. In der Migräneprophylaxe wird diskutiert, dass diese stabilere Energieversorgung die neuronale Erregbarkeit senken und Attacken reduzieren kann.
Für Magnesium zeigen Metaanalysen randomisierter Studien insgesamt einen moderaten prophylaktischen Effekt, insbesondere auf Attackenfrequenz und Migränetage [4].
Neben Magnesium und Riboflavin wird insbesondere Coenzym Q10 (Ubichinon) intensiv untersucht. Q10 ist ein zentraler Bestandteil der mitochondrialen Atmungskette und damit essenziell für die zelluläre Energieproduktion (ATP). Eine Metaanalyse randomisierter Studien zeigt, dass Q10 die Migränefrequenz signifikant reduzieren kann, während Effekte auf Intensität und Dauer weniger konsistent sind [5]. Vor dem Hintergrund der diskutierten mitochondrialen Dysfunktion bei Migräne erscheint dieser Ansatz pathophysiologisch plausibel.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Primäres Ziel ist die Reduktion der Migränetage pro Monat, der Schmerzintensität sowie des Bedarfs an Akutmedikation. Sekundär sollen Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und metabolische Stabilität verbessert werden.
Leitlinienlogisch ergibt sich folgendes Vorgehen:
- Indikation → Migräne mit relevanter Attackenfrequenz, Triggerverdacht oder metabolischer Komponente
- Intervention → strukturierte Ernährungsumstellung
- Monitoring → Kopfschmerztagebuch über mindestens 8-12 Wochen
- Risiken → Vermeidung von Nährstoffmängeln und inadäquater Restriktion
Grundprinzipien
Die Basis bildet eine regelmäßige, blutzuckerstabile Mahlzeitenstruktur. Längere Fastenintervalle können bei Menschen mit erhöhter Empfindlichkeit Attacken triggern. Drei Hauptmahlzeiten mit moderatem Kohlenhydratanteil und klarer Proteinquelle pro Mahlzeit wirken stabilisierend auf die Glucosehomöostase.
Eine geringe glykämische Last (der Blutzuckerspiegel steigt nach Mahlzeiten nur langsam/moderat an), ausreichende Flüssigkeitszufuhr und eine entzündungsmodulierende Lebensmittelauswahl (z. B. mediterrane Kost) bilden das Fundament.
Eliminationsdiäten sollten nur bei klarem Triggerverdacht zeitlich begrenzt erfolgen.
Ketogene Diäten sind spezialisierten Fällen mit therapierefraktärer Migräne vorbehalten und sollten ärztlich begleitet werden.
Angestrebte Wirkmechanismen
Migränepatienten zeigen Hinweise auf eine gestörte mitochondriale Energieverwertung.
Mediterrane Ernährungsmuster wirken antiinflammatorisch (entzündungshemmend), antioxidativ und verbessern die endotheliale Funktion (beschreibt, wie gut die innere Zellschicht der Blutgefäße arbeitet). Insgesamt wird eine antiinflammatorische, blutzuckerstabile Ernährungsweise als plausibler, nicht-medikamentöser Modulator diskutiert [1].
Magnesium wirkt auf verschiedene Mechanismen im Nervensystem: Es kann die Reizweiterleitung im Gehirn dämpfen, die Spannung der Blutgefäße regulieren (Gefäßtonus) und dadurch die Übererregbarkeit von Nervenzellen verringern. Metaanalysen zeigen eine signifikante, wenn auch moderate Reduktion migränerelevanter Endpunkte unter Supplementation [4].
Riboflavin (Vitamin B2) ist an mitochondrialen Energieprozessen beteiligt. Eine Metaanalyse zeigt eine signifikante Reduktion mehrerer Attackenparameter unter Riboflavin-Supplementation (typisch 400 mg/Tag über 3 Monate) [3].
Coenzym Q10 wirkt direkt in der mitochondrialen Atmungskette und unterstützt die ATP-Produktion. Bei Migränepatienten wird eine reduzierte mitochondriale Energiereserve diskutiert. Durch Verbesserung der zellulären Energieverfügbarkeit könnte Q10 die neuronale Reizschwelle stabilisieren und damit die Attackenanfälligkeit senken. Eine Metaanalyse bestätigt eine signifikante Reduktion der Attackenfrequenz unter Supplementation [5].
Hypothetisch diskutiert werden zusätzlich Histaminreduktion, Mikrobiommodulation und Insulinsensitivitätsverbesserung.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit episodischer oder chronischer Migräne
- Patienten mit ≥ 4 Migränetagen pro Monat
- Jugendliche mit Migräne
- Migräne mit metabolischer Komponente (Adipositas, Insulinresistenz: die Körperzellen reagieren weniger empfindlich auf Insulin)
- Patienten mit hohem Akutmedikationsbedarf
Eingeschränkte Eignung
- Essstörungen, z. B. Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht), Anorexia nervosa (Magersucht)
- Ausgeprägtes Untergewicht
- Schwangerschaft (insbesondere bei restriktiven Diäten)
Indikationsbezogene Besonderheiten
- Chronische Migräne
- Medikamentenübergebrauchskopfschmerz
Durchführung und Ablauf
Die Ernährungstherapie bei Migräne sollte strukturiert, schrittweise und mit klar definiertem Monitoring erfolgen. Ziel ist nicht eine sofortige Restriktion, sondern eine systematische Analyse und Stabilisierung.
Ausgangsanalyse (4 Wochen)
Zu Beginn steht ein detailliertes Kopfschmerztagebuch über mindestens vier Wochen. Erfasst werden:
- Anzahl der Migränetage
- Dauer und Intensität der Attacken
- Akutmedikation
- Zyklusabhängigkeit
- Schlafdauer
- Stressbelastung
- Mahlzeitenzeiten und relevante Nahrungsmittel
- Flüssigkeitszufuhr
Wichtig: Einzelne Lebensmittel isoliert zu betrachten, ist wenig sinnvoll. Entscheidend sind Muster (z. B. spätes Essen + Stress + Rotwein).
Stabilisierungsphase (Basisintervention, 4-6 Wochen)
In dieser Phase erfolgt bewusst keine Eliminationsdiät, sondern eine metabolische Stabilisierung:
- Drei regelmäßige Hauptmahlzeiten
- Keine längeren Nüchternphasen (> 5-6 Stunden)
- Proteinanteil in jeder Mahlzeit
- Reduktion stark zuckerhaltiger und hochglykämischer Speisen
- Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (1,5-2 Liter/Tag)
- Konstanter Koffeinkonsum (keine abrupten Schwankungen)
Diese Phase allein kann bei einem Teil der Patienten bereits eine relevante Reduktion der Migränetage bewirken, da Blutzuckerschwankungen und Dehydratation häufige Trigger sind.
Gezielte Eliminationsphase (nur bei begründetem Verdacht):
Zeigt sich im Tagebuch eine reproduzierbare Korrelation zwischen einem bestimmten Lebensmittel und Attacken, kann eine zeitlich begrenzte Eliminationsstrategie erfolgen:
- Dauer: 4-6 Wochen
- Nur gezielte Eliminierung, keine pauschale Restriktion
- Keine Mehrfach-Elimination ohne klare Evidenz
Beispiele: Alkohol, stark gereifter Käse, bestimmte Zusatzstoffe.
Kontrollierte Reexposition:
Nach der Eliminationsphase erfolgt eine gezielte Wiedereinführung des verdächtigen Lebensmittels unter kontrollierten Bedingungen.
Tritt innerhalb von 24-48 Stunden eine reproduzierbare Attacke auf, gilt der Trigger als wahrscheinlich bestätigt. Bleibt die Attacke aus, war die Korrelation vermutlich zufällig.
Spezialisierte metabolische Strategien:
Bei chronischer oder therapieresistenter Migräne kann eine strukturierte Low-Carb- oder ketogene Ernährung erwogen werden. Diese sollte ärztlich begleitet werden [2].
Die Mindestbeobachtungsdauer beträgt drei Monate. Eine Bewertung der Wirksamkeit sollte erst nach diesem Zeitraum erfolgen, da Migräne natürlichen Schwankungen unterliegt.
Ziel ist keine kurzfristige Diät, sondern eine langfristig tragfähige Ernährungsstruktur mit metabolischer Stabilität. Extreme Restriktionen sind zu vermeiden. Entscheidend ist Nachhaltigkeit.
Empfohlene Lebensmittel
Ziel ist eine entzündungsmodulierende, blutzuckerstabile Lebensmittelauswahl.
- Gemüse (v. a. grünes Blattgemüse, Brokkoli, Paprika, Tomaten, Zucchini):
Hohe Mikronährstoffdichte (u. a. Folsäure, Vitamin C, Kalium), viele Polyphenole und Ballaststoffe
Unterstützt eine stabile Glucoseantwort und wirkt insgesamt eher antiinflammatorisch (entzündungshemmend). - Fettreicher Seefisch (z. B. Lachs, Makrele, Hering, Sardinen):
Liefert Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA), Docosahexansäure (DHA)), die Entzündungsprozesse modulieren und die Gefäßfunktion unterstützen können.
Praktisch oft 1-2x/Woche - Nüsse und Samen (z. B. Walnüsse, Mandeln, Chia/Leinsamen, Kürbiskerne):
Kombinieren gesunde Fette, Protein und Ballaststoffe → Sättigung und blutzuckerstabiler Snack
Kürbiskerne/Mandeln sind zudem häufig magnesiumreich. - Hochwertige Pflanzenöle (v. a. Olivenöl extra vergine):
Enthalten einfach ungesättigte Fettsäuren und Polyphenole.
Als Basisfett in einer mediterranen Kost; unterstützt zudem eine insgesamt günstige „Entzündungsbilanz“. - Vollkornprodukte mit niedriger glykämischer Last (z. B. Hafer, Roggenvollkorn, Naturreis, Quinoa):
Ballaststoffe verlangsamen die Glucoseaufnahme. Wichtig ist die Portionsgröße und die Kombination mit Proteinen (Eiweiß)/Fett (z. B. Hafer + Joghurt + Nüsse). - Hülsenfrüchte (Linsen, Bohnen, Kichererbsen):
Sehr ballaststoffreich, gute pflanzliche Proteinquelle, meist niedrige glykämische Last → günstig für Glucosestabilität und Sättigung - Magnesiumreiche Lebensmittel (z. B. Kürbiskerne, Mandeln, Cashews, Hafer, Hülsenfrüchte, Spinat):
Magnesium ist bei Migräne relevant, weil es die neuronale Reizweiterleitung dämpfen und die Gefäßregulation unterstützen kann.
Bei Bedarf kann zusätzlich eine Supplementstrategie ärztlich geprüft werden.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Wichtig: Diese Punkte sind häufige Triggerkandidaten, aber nicht bei allen. Einschränken ist vor allem dann sinnvoll, wenn im Tagebuch eine wiederholbare Beziehung zur Attacke erkennbar ist.
- Alkohol (insbesondere Rotwein, Sekt):
Häufiger Trigger
Mögliche Mechanismen sind Histamin/biogene Amine, vasodilatierende (gefäßerweiternde) Effekte und Schlafstörung.
Außerdem begünstigt Alkohol Dehydratation. - Stark gereifte Käse (z. B. Parmesan, Bergkäse, Blauschimmel):
Enthalten mehr Tyramin/biogene Amine, die bei empfindlichen Personen Attacken begünstigen können. - Verarbeitete Fleischwaren mit Nitritpökelsalz (z. B. Salami, Schinken, Würstchen):
Nitrite/Nitrate und weitere Zusätze werden als potentielle Trigger diskutiert.
Zudem insgesamt ungünstiger für die kardiometabolische Risikobilanz. - Glutamatreiche Fertigprodukte (z. B. Instantprodukte, Würzmischungen, manche Snacks):
Mononatriumglutamat wird als Trigger berichtet. Die Datenlage ist nicht einheitlich, aber bei klarer individueller Reaktion ist Reduktion sinnvoll. - Stark zuckerhaltige Speisen und Getränke (Softdrinks, Süßigkeiten, Gebäck):
Können schnelle Glucosespitzen und anschließend „Abfälle“ begünstigen → bei dafür anfälligen Menschen potentieller Trigger
Zusätzlich proinflammatorische (entzündungsfördernde) Ernährungstendenz. - Unregelmäßige Mahlzeiten, lange Nüchternphasen:
In der Praxis einer der häufigsten „Trigger“ überhaupt.
Längere Pausen erhöhen das Risiko von Hypoglykämie-ähnlichen Zuständen (Unterzuckerungen) und Stresshormonanstieg, was Attacken fördern kann.
Schokolade wird häufig als Migränetrigger genannt. Sie enthält unter anderem Phenylethylamin, eine Substanz mit potentieller Wirkung auf Neurotransmitter- und Gefäßsysteme. Kontrollierte Studien konnten jedoch keinen konsistenten Auslöseeffekt nachweisen. Zudem kann Heißhunger auf Schokolade Teil der Prodromalphase (Frühphase) einer Migräneattacke sein. Das bedeutet: Die Lust auf Schokolade entsteht möglicherweise bereits als frühes Warnzeichen der beginnenden Attacke – und ist nicht zwingend deren Ursache [7].
Genussmittelkonsum
Koffein
- Koffein sollte konsistent konsumiert oder schrittweise reduziert werden – abrupte Änderungen können Entzugskopfschmerzen verursachen.
Tabak (Rauchen)
- Erhöht vaskuläres Risiko
- Negative Prognoseeffekte
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Häufiger individueller Trigger, besonders Rotwein, durch Tyramin und Sulfite. Eine Metaanalyse zeigt jedoch ein verringertes Migränerisiko bei moderatem Alkoholkonsum [6] → Empfehlung: Reduktion oder Verzicht
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Eine erfolgreiche Ernährungstherapie bei Migräne scheitert selten am Wissen, sondern an der praktischen Umsetzung. Entscheidend ist daher die Alltagstauglichkeit.
Eine Wochenplanung mit festen Essenszeiten reduziert Hypoglykämie-Risiken. Besonders bei beruflicher Belastung sollten Notfalloptionen verfügbar sein: Nüsse, Naturjoghurt, gekochte Eier oder proteinreiche Snacks verhindern längere Nüchternphasen.
Flüssigkeitsmanagement ist essentiell. Bereits leichte Dehydratation (Austrocknung) kann Attacken triggern. Zielgröße sind mindestens 1,5-2 Liter Wasser täglich, bei körperlicher Aktivität entsprechend mehr.
Ein digitales oder analoges Kopfschmerztagebuch mit paralleler Ernährungserfassung ermöglicht eine valide Triggeranalyse. Dabei sollten nicht einzelne Lebensmittel isoliert betrachtet, sondern Muster analysiert werden (z. B. Schlafmangel + Alkohol + Stress).
Restaurantbesuche und soziale Ereignisse erfordern keine generelle Restriktion. Wichtig ist das Wissen um individuelle Trigger und eine bewusste, informierte Entscheidung.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Makronährstoffseitig ist keine extreme Verteilung erforderlich. Eine Proteinaufnahme von etwa 1,0-1,2 g/kg Körpergewicht unterstützt Sättigung, Muskelmasse und Glucosestabilität. Komplexe Kohlenhydrate mit niedriger glykämischer Last verhindern starke Blutzuckerschwankungen. Ein moderater Anteil hochwertiger Fette – insbesondere Omega-3-Fettsäuren – wirkt antiinflammatorisch (entzündungshemmend).
Ballaststoffe sollten im Bereich von 25-30 g/Tag liegen. Sie stabilisieren die Glucoseantwort und wirken positiv auf das Mikrobiom.
Mikronährstoffseitig sind insbesondere Magnesium, Riboflavin (Vitamin B2), Vitamin D sowie Coenzym Q10 relevant. Eine Supplement-Metaanalyse bestätigt positive Effekte für Magnesium [4]. Für Riboflavin liegt eine Metaanalyse mit signifikanter Reduktion der Attackenparameter vor [3]. Für Coenzym Q10 zeigt eine separate Metaanalyse eine signifikante Reduktion der Migränefrequenz bei guter Verträglichkeit [5]. Typische Studiendosierungen lagen zwischen 100-300 mg Coenzym Q10 täglich über mindestens 3 Monate. Der Wirkungseintritt ist meist verzögert (4-8 Wochen).
Restriktive Diäten bergen das Risiko einer Unterversorgung mit B-Vitaminen, Calcium oder Spurenelementen und sollten daher kontrolliert erfolgen.
Langfristig ist eine mediterrane Ernährungsform ausgewogen und gut umsetzbar.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Restriktive Eliminationsdiäten können zu inadäquater Energiezufuhr und Mikronährstoffmängeln führen.
Bei gleichzeitiger Gewichtsreduktion kann es bei normalgewichtigen oder untergewichtigen Patienten zu unerwünschtem Gewichtsverlust kommen.
Low-Carb-Strategien können bei insulin- oder sulfonylharnstoffbehandelten Patienten Hypoglykämien (Unterzuckerungen) begünstigen.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Essstörungen
- Schwangerschaft (bei ketogener Diät)
- Schwere metabolische Entgleisungen
Relative Kontraindikationen (mit Monitoringbedarf)
- Diabetes mellitus Typ 1
- Chronische Nierenerkrankung
- Ausgeprägtes Untergewicht
- Multimorbide geriatrische Patienten
Vorteile
- Nicht-medikamentöse Ergänzung
- Geringes Nebenwirkungsprofil
- Positive metabolische Effekte
- Potentielle Reduktion der Attackenfrequenz
- Verbesserung der Selbstwirksamkeit
Grenzen
- Keine Akuttherapie
- Interindividuelle Unterschiede
- Keine universelle Migränediät
Wissenschaftliche Einordnung
Die aktuelle Evidenz zeigt ein differenziertes Bild: Für ketogene Diäten existieren systematische Reviews und Metaanalysen mit signifikanten Effekten auf migränerelevante Endpunkte, jedoch mit begrenzter Studienzahl und heterogenen Interventionen [2]. Für Mikronährstoffe ist die Evidenz moderat: Magnesium [4], Riboflavin [3] und Coenzym Q10 [5] zeigen in Metaanalysen signifikante Reduktionen der Attackenfrequenz.
Fachgesellschaften empfehlen keine pauschale Eliminationsdiät, sondern eine individualisierte, strukturierte Ernährungsanpassung [1]. Die Gesamtbewertung lautet: moderate Evidenz für spezifische metabolische Ansätze und Nutraceuticals, solide Plausibilität, jedoch keine universelle Standarddiät.
Fazit
Die Ernährungstherapie ist eine sinnvolle, evidenzbasierte Ergänzung in der Migräneprophylaxe – insbesondere bei hoher Attackenfrequenz oder metabolischer Komponente.
Am überzeugendsten sind Strategien zur Blutzuckerstabilisierung, mediterran geprägte, entzündungsmodulierende Muster und – in ausgewählten Fällen – ketogene Konzepte [2].
Entscheidend ist die individualisierte, strukturierte Umsetzung mit Monitoring. Richtig eingesetzt kann Ernährung die Attackenfrequenz reduzieren, die metabolische Stabilität verbessern und die Gesamtbelastung durch Migräne klinisch relevant senken.
Literatur
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- Chen Y-S, Lee H-F, Tsai C-H et al.: Effect of Vitamin B2 supplementation on migraine prophylaxis: a systematic review and meta-analysis. Nutr Neurosci. 2022 Sep;25(9):1801-1812. doi: 10.1080/1028415X.2021.1904542.
- Karami Talandashti M, Shahinfar H, Delgarm P, Jazayeri S: Effects of selected dietary supplements on migraine prophylaxis: A systematic review and dose-response meta-analysis of randomized controlled trials. Neurol Sci. 2025 Feb;46(2):651-670. doi: 10.1007/s10072-024-07794-0.
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