Ernährungstherapie bei Hashimoto-Thyreoiditis
Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronische Autoimmunerkrankung der Schilddrüse. Immunvermittelte Entzündungsprozesse führen langfristig zu einer Zerstörung von Schilddrüsengewebe und häufig zu einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion). Typisch sind im Blut nachweisbare Antikörper gegen Schilddrüsenbestandteile, insbesondere gegen die Thyreoperoxidase (TPO-Antikörper) und häufig auch gegen Thyreoglobulin (Tg-Antikörper).
Die Ernährung ist keine ursächliche Therapie der Hashimoto-Thyreoiditis, aber ein entscheidender Stabilitätsfaktor: Sie beeinflusst die Jodzufuhr, den Mikronährstoffstatus, die Aufnahme des Schilddrüsenhormons Levothyroxin (L-Thyroxin; ein synthetisch hergestelltes Hormon, das das fehlende körpereigene Thyroxin ersetzt) sowie metabolische Begleitrisiken wie Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) und Gewichtszunahme.
Wissenschaftliche Grundlagen
Die Erkrankung ist nach dem japanischen Arzt Hakaru Hashimoto (1881-1934) benannt. Er beschrieb im Jahr 1912 erstmals eine besondere Form der chronischen Schilddrüsenentzündung in einer deutschen Fachzeitschrift („Zur Kenntnis der lymphomatösen Veränderung der Schilddrüse“). Unter dem Mikroskop erkannte er, dass sich zahlreiche Immunzellen in der Schilddrüse angesammelt hatten und das Gewebe dadurch verändert war – ein typisches Zeichen einer chronischen Entzündung. Die immunologische Ursache war damals noch nicht bekannt. Erst Jahrzehnte später wurde erkannt, dass es sich um eine Autoimmunerkrankung handelt.
Die Entstehung der Hashimoto-Thyreoiditis ist multifaktoriell. Neben einer genetischen Veranlagung spielen Umweltfaktoren eine Rolle. Dazu zählen unter anderem Infektionen, hormonelle Einflüsse, chronischer Stress, Rauchen und auch Ernährungsfaktoren.
Der Zusammenhang zur Ernährung ist dabei über mehrere biologische Ebenen erklärbar:
- Die Schilddrüse ist ein stoffwechselaktives Organ mit hoher oxidativer Belastung, die aus der Hormonproduktion resultiert. Die Ernährung beeinflusst das antioxidative System des Körpers und trägt so indirekt zur Stabilität des Schilddrüsengewebes bei.
- Jod ist als essentieller Bestandteil der Schilddrüsenhormone biologisch unverzichtbar. Schwankungen in der Jodzufuhr – insbesondere plötzliche Exzesse – können bei genetisch prädisponierten Personen immunologische Prozesse triggern oder verstärken. Eine stabile, bedarfsgerechte Jodversorgung gilt daher als wichtiger Rahmenfaktor.
- Es bestehen enge Verbindungen zwischen Darm, Immunsystem und Schilddrüse. Veränderungen der intestinalen Barrierefunktion und der Mikrobiota werden bei Autoimmunerkrankungen zunehmend diskutiert. Eine ballaststoffreiche, pflanzenbetonte Ernährung wirkt auf diese Achse regulierend.
- Die Ernährung beeinflusst systemische Entzündungsmarker und metabolische Parameter. Da eine Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) häufig mit Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), Gewichtszunahme und Insulinresistenz einhergeht, wirkt Ernährung hier nicht primär auf die Autoimmunität, sondern auf Begleitprozesse.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie bei Hashimoto-Thyreoiditis verfolgt eine stabilisierende und risikominimierende Zielsetzung. Sie ergänzt die medikamentöse Therapie und trägt zur metabolischen und hormonellen Konstanz bei.
Primäre Ziele:
- Stabile Schilddrüsenparameter:
Ziel ist eine konstante Einstellung von TSH und fT4 im individuellen Referenz- bzw. Zielbereich. Die Ernährung soll keine Schwankungen der Hormonverfügbarkeit verursachen (z. B. durch Interaktionen oder Jodexzesse). - Konstante L-Thyroxin-Resorption:
Optimierung der Einnahmebedingungen, Vermeidung von Interaktionen mit Kaffee, Ballaststoffkonzentraten, Calcium- oder Eisenpräparaten, um unnötige Dosisanpassungen zu verhindern. - Vermeidung von Jod- und Selenextremen:
Sicherstellung einer bedarfsgerechten, aber nicht überhöhten Zufuhr, um immunologische Trigger oder toxische Effekte zu vermeiden. - Metabolische Stabilisierung: Dies ist besonders relevant, da eine Hypothyreose häufig mit Dyslipidämie und Gewichtszunahme einhergeht.
Verbesserung bzw. Normalisierung von:- LDL-Cholesterin
- Triglyceriden
- Blutdruck
- Körpergewicht und Taillenumfang
- Prävention sekundärer Folgeerkrankungen:
Reduktion kardiovaskulärer Risikofaktoren und metabolischer Komorbiditäten (Begleiterkrankungen).
Sekundäre Ziele:
- Reduktion von Müdigkeit und Leistungsabfall: durch stabile Stoffwechsellage und ausgewogene Energiezufuhr
- Verbesserung der Lebensqualität: durch alltagstaugliche, nicht-restriktive Ernährung
- Vermeidung unnötiger Diäten: insbesondere pauschaler Eliminationsstrategien ohne klare Indikation
- Minimierung von Supplement-Risiken: Vermeidung von Mehrfach- oder Hochdosis-Supplementierung
- Stärkung der Therapieadhärenz: durch einfache, klare und langfristig umsetzbare Empfehlungen
Leitlinienlogik: Indikation (Hashimoto ± Hypothyreose ± Komorbiditäten) → strukturierte, evidenzbasierte Ernährungsintervention → laborgestütztes Monitoring (TSH, fT4, ggf. Blutfette, Gewicht) → Risikovermeidung und langfristige Stabilisierung
Grundprinzipien
Die Ernährung bei Hashimoto-Thyreoiditis orientiert sich an den Grundsätzen einer ausgewogenen, überwiegend pflanzenbetonten Mischkost mit ausreichender Proteinzufuhr. Ziel ist eine langfristig praktikable, nährstoffdichte Ernährung, die metabolische Stabilität unterstützt und Extreme vermeidet.
Jod ist ein essentieller Bestandteil der Schilddrüsenhormone. Eine ausreichende Versorgung ist notwendig – auch bei Hashimoto-Thyreoiditis. Für gesunde Erwachsene liegt der empfohlene Referenzwert bei etwa 180-200 µg Jod pro Tag. Während Schwangerschaft und Stillzeit ist der Bedarf erhöht. Die in Deutschland übliche Jodsalz-Prophylaxe mit etwa 100-200 µg Jod pro Tag gilt als sicher und verschlechtert eine Hashimoto-Thyreoiditis nicht. Daher ist für Schilddrüsenerkrankte jodiertes Speisesalz gesundheitlich unbedenklich, solange die tägliche Gesamtzufuhr 500 µg Jod nicht dauerhaft überschreitet. Ein genereller Verzicht auf Jodsalz ist daher nicht erforderlich.
Problematisch sind dagegen hochdosierte Jodidtabletten oder stark jodhaltige Lebensmittel wie bestimmte Algenprodukte, da diese sehr hohe Jodmengen enthalten können.
Detaillierte Hinweise zur Jodprophylaxe im Rahmen einer Schilddrüsenerkrankung finden Sie hier.
Studien weisen auf eine unzureichende Selenversorgung als Risikofaktor für die Manifestation einer Hashimoto-Thyreoiditis hin. Selen ist Bestandteil antioxidativer Enzyme, die an der Umwandlung von Schilddrüsenhormonen beteiligt sind. Die empfohlene Zufuhr liegt bei etwa 60-70 µg pro Tag (D-A-CH-Referenzwerte). In klinischen Studien zur Hashimoto-Thyreoiditis wurden häufig Dosierungen von 100-200 µg pro Tag untersucht. Dabei zeigte sich eine moderate Senkung von TPO-Antikörpern, jedoch ohne einheitlich belegte klinische Vorteile [2]. Für Nahrungsergänzungsmittel empfiehlt das BfR aus Sicherheitsgründen eine Höchstmenge von 40 µg Selen pro Tagesdosis [3]. Falls Selen eingesetzt wird, sollte dies gezielt, zeitlich begrenzt und nicht dauerhaft erfolgen.
Die Hashimoto-Thyreoiditis ist eine chronisch-autoimmune Entzündung der Schilddrüse. Auch wenn sie primär organspezifisch verläuft und nicht zwingend mit stark erhöhten systemischen Entzündungswerten einhergeht, besteht dennoch eine immunologische Aktivierung. Eine antiinflammatorisch (entzündungshemmende) ausgerichtete Ernährung kann die allgemeine inflammatorische Belastung und das kardiometabolische Risiko reduzieren.
Von zentraler Bedeutung ist die korrekte Einnahme von L-Thyroxin. Das Schilddrüsenhormon sollte nüchtern mit Wasser eingenommen werden, idealerweise mindestens 30-60 Minuten vor dem Frühstück. Kaffee, Sojaprodukte, Calcium- und Eisenpräparate sowie stark ballaststoffreiche Mahlzeiten können die Resorption deutlich reduzieren [4]. Zwischen L-Thyroxin und solchen Substanzen sollte daher ein Abstand von mehreren Stunden eingehalten werden.
Angestrebte Wirkmechanismen
Die Ernährungstherapie zielt auf die Stabilisierung biologischer Rahmenbedingungen.
Eine konstante, nicht überhöhte Jodzufuhr reduziert potentielle Belastungen durch starke Schwankungen, die bei genetisch prädisponierten Personen immunologische Prozesse verstärken könnten [1].
Studien zeigen, dass eine gezielte Supplementierung mit Selen Autoantikörper moderat senken kann, wobei die klinische Relevanz individuell unterschiedlich ist [2].
Eine Optimierung des Vitamin-D-Status kann immunologische Marker beeinflussen und zur Regulation der Immunantwort beitragen, auch wenn der direkte klinische Nutzen im Einzelfall differenziert zu bewerten ist.
Pflanzlich betonte Ernährungsformen mit hohem Anteil an Ballaststoffen, ungesättigten Fettsäuren und antioxidativen Mikronährstoffen werden mit niedrigeren systemischen Entzündungsmarkern wie dem C-reaktiven Protein (CRP) assoziiert und können die inflammatorische Gesamtbelastung und das kardiometabolische Risiko reduzieren.
Die korrekte Einnahme von L-Thyroxin stabilisiert die Hormonverfügbarkeit und verhindert scheinbare Therapieversager durch Resorptionsstörungen [4].
Darüber hinaus wirkt eine mediterran orientierte, pflanzenbetonte Ernährung positiv auf Gewicht, Lipidprofil und kardiovaskuläre Risikofaktoren. Diese Effekte betreffen zwar primär Begleitprozesse der Hypothyreose, sind jedoch klinisch hoch relevant.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit Hashimoto-Thyreoiditis (mit oder ohne Hypothyreose/Schilddrüsenunterfunktion)
- Patienten unter stabiler L-Thyroxin-Therapie
- Personen mit begleitender Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), Hypertonie (Bluthochdruck) oder metabolischem Syndrom (klinische Bezeichnung für die Symptomkombination Adipositas, Hypertonie, erhöhte Nüchternglucose und Nüchterninsulin-Serumspiegels (Insulinresistenz) sowie Fettstoffwechselstörung)
- Übergewichtige Patienten mit dem Ziel der metabolischen Stabilisierung
Eingeschränkte Eignung
- Schwangere und Stillende (erhöhter Jodbedarf, engmaschiges Monitoring erforderlich)
- Kinder und Jugendliche (individuelle Energie- und Nährstoffanpassung notwendig)
- Sportlich sehr aktive Personen mit erhöhtem Energie- oder Proteinbedarf
- Personen mit grenzwertiger Versorgung mit Eisen, Vitamin D oder Selen
- Personen mit empfindlichem Verdauungstrakt bei sehr ballaststoffreicher Kost
- Personen mit Essstörungen oder entsprechender Vorgeschichte
Nicht geeignet bzw. erhöhter ärztlicher Anpassungsbedarf
- Schwere Malnutrition (Mangelernährung)
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen mit Resorptionsstörung wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
- Schwere Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
- Komplexe Stoffwechselerkrankungen mit spezieller diätetischer Therapie
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn steht eine strukturierte Bestandsaufnahme. Dazu gehören aktuelle Schilddrüsenwerte (insbesondere TSH und fT4), die aktuelle Medikation, einschließlich Dosierung und Einnahmezeitpunkt von L-Thyroxin, eine Übersicht über eingenommene Supplemente sowie eine Analyse der Ernährungsgewohnheiten. Dabei wird insbesondere auf Jodquellen, mögliche hochdosierte Präparate und typische Einnahmefehler geachtet.
Der erste therapeutische Schritt besteht nicht in einer umfassenden Ernährungsumstellung, sondern in der Stabilisierung der L-Thyroxin-Einnahme. Das Schilddrüsenhormon sollte täglich nüchtern mit Wasser eingenommen werden, mit ausreichendem Abstand zu Kaffee, Sojaprodukten sowie Calcium- und Eisenpräparaten. Eine konstante Einnahmeroutine ist häufig entscheidender für stabile Schilddrüsenwerte als jede spezielle Diät.
Im nächsten Schritt erfolgt die Anpassung der Basisernährung. Ziel ist eine ausgewogene, langfristig praktikable Kost mit bedarfsgerechter Jodzufuhr, ausreichender Proteinzufuhr und metabolischer Stabilisierung. Falls Supplemente eingesetzt werden, sollte dies gezielt, dosiert und nicht parallel in mehreren Präparaten erfolgen.
Nach relevanten Änderungen – insbesondere bei Anpassungen der L-Thyroxin-Dosis oder größeren Veränderungen der Ernährungsroutine – sollte eine Laborkontrolle nach etwa 6-8 Wochen erfolgen, da erst dann eine stabile hormonelle Rückmeldung zu erwarten ist.
Die Ernährungstherapie ist grundsätzlich als langfristige, ambulant umsetzbare Maßnahme angelegt. Sie dient nicht kurzfristigen Effekten, sondern der nachhaltigen Stabilisierung der Schilddrüsenfunktion und der Begleitparameter.
Empfohlene Lebensmittel
- Gemüse (insbesondere grünes Blattgemüse, Kohlarten, Wurzelgemüse)
→ liefern antioxidative Mikronährstoffe (Vitalstoffe) und sekundäre Pflanzenstoffe
→ unterstützen körpereigene Schutzmechanismen gegen oxidativen Stress
→ wirken sich günstig auf systemische Entzündungsmarker aus - Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte
→ stabilisieren Blutzucker und Insulinsensitivität
→ verbessern Lipidprofil und Sättigung
→ klinisch relevant bei Hypothyreose-assoziierter Gewichtszunahme - Seefisch in üblichen Mengen (1-2x pro Woche)
→ liefert hochwertige Proteine und Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
→ unterstützt kardiovaskuläre Risikoreduktion
→ physiologische Jodzufuhr ohne Exzess
→ wirkt antiinflammatorisch (entzündungshemmend) - Eier und fermentierte Milchprodukte (bei Verträglichkeit)
→ hochwertige Proteinquelle
→ enthalten Jod in moderaten Mengen
→ unterstützen den Muskelstoffwechsel - Olivenöl, Nüsse, Samen
→ überwiegend ungesättigte Fettsäuren
→ günstig für LDL-Cholesterin und Gefäßgesundheit - Jodiertes Speisesalz in moderaten Mengen
→ ermöglicht konstante, bedarfsgerechte Jodzufuhr
→ kein Verzicht bei Hashimoto erforderlich!
Hinweis: Paranüsse sind keine zuverlässige Selenquelle, da der Selengehalt stark schwankt und Überdosierungen möglich sind.
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Die Einschränkung dient der Vermeidung von Jodexzessen und metabolischer Destabilisierung.
- Algenprodukte und Algenpräparate
→ enthalten teils extrem hohe Jodmengen
→ können Schilddrüsenwerte destabilisieren - Hochdosierte Jodidtabletten (ohne ärztliche Indikation)
→ Risiko plötzlicher Jod-Exposition - Mehrfachkombinationen jod- oder selenhaltiger Supplemente
→ Gefahr unbemerkter Überdosierung - Stark verarbeitete, zuckerreiche und Trans-Fettsäure-reiche Lebensmittel
→ fördern Gewichtszunahme, Dyslipidämie und Insulinresistenz
→ können systemische Entzündungsmarker erhöhen
→ ungünstig bei hypothyreoseassoziierten Stoffwechselveränderungen
Genussmittelkonsum
Koffein
- Kaffee nicht gleichzeitig mit L-Thyroxin; mindestens eine halbe Stunde Abstand [4]
Tabak (Rauchen)
- Tabakkonsum wurde mit einer erhöhten Anfälligkeit für autoimmune Schilddrüsenerkrankungen assoziiert.
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Übermäßiger Alkoholkonsum kann die Immunregulation negativ beeinflussen und entzündliche Prozesse fördern.
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Der größte therapeutische Hebel liegt in der Routine. L-Thyroxin sollte täglich zur gleichen Zeit mit Wasser eingenommen werden, mindestens 30-60 Minuten vor dem Frühstück. Kaffee, Sojaprodukte sowie Calcium- und Eisenpräparate sollten zeitlich getrennt erfolgen, da sie die Aufnahme signifikant reduzieren können [4].
Jodsalz darf in moderaten Mengen verwendet werden. Die Sorge vor jodiertem Speisesalz ist unbegründet. Problematisch sind vielmehr hochdosierte Jodquellen wie Algenprodukte [1].
Selen sollte nicht unkritisch hochdosiert eingenommen werden. Wenn supplementiert wird, dann zielgerichtet, sicher dosiert und zeitlich begrenzt [2, 3].
Gewichtsmanagement sollte realistisch erfolgen: proteinreiche Mahlzeiten verbessern Sättigung und Muskelerhalt, ballaststoffreiche Kost stabilisiert Lipide. Extreme Diäten destabilisieren häufig die Stoffwechsellage.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Die Ernährung bei Hashimoto-Thyreoiditis erfordert keine spezielle Makronährstoffverteilung, jedoch eine hohe Nährstoffdichte und metabolische Ausgewogenheit. Eine ausreichende Proteinzufuhr – in der Regel etwa 1,0 g pro Kilogramm Körpergewicht täglich – ist sinnvoll, um Muskelerhalt, Sättigung und Stoffwechselaktivität zu unterstützen, da eine Hypothyreose mit einem reduzierten Grundumsatz und Muskelabbau einhergehen kann.
Ballaststoffe wirken günstig auf Blutzuckerregulation und Lipidstoffwechsel und tragen zur Prävention hypothyreoseassoziierter Dyslipidämien bei. Sie sollten jedoch nicht unmittelbar zusammen mit L-Thyroxin eingenommen werden, da sehr ballaststoffreiche Mahlzeiten die Resorption beeinträchtigen können.
Bei der Fettzufuhr ist eine Betonung ungesättigter Fettsäuren sinnvoll, insbesondere aus pflanzlichen Quellen wie Olivenöl, Nüssen und Samen. Diese unterstützen die kardiometabolische Stabilität, die bei Hypothyreose häufig beeinträchtigt ist.
Zu den kritischen Mikronährstoffen (Vitalstoffen) zählen vor allem Jod und Selen. Jod sollte bedarfsgerecht, aber nicht hochdosiert zugeführt werden, um Schwankungen der Schilddrüsenfunktion zu vermeiden [1]. Selen kann gezielt eingesetzt werden, eine dauerhafte Hochdosis ist jedoch nicht angezeigt [2, 3]. Vitamin D sollte bei nachgewiesenem Mangel substituiert werden, da Defizite bei Autoimmunerkrankungen häufig sind.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Ernährungsbedingte Risiken ergeben sich primär aus Fehlanwendungen und Überdosierungen.
Restriktive Diäten ohne klare medizinische Indikation erhöhen zudem das Risiko für Mikronährstoffmängel und unnötige Stoffwechselinstabilität.
Insgesamt liegen die wesentlichen ernährungsmedizinischen Risiken nicht in der normalen Lebensmittelauswahl, sondern in extremen oder unkontrollierten Maßnahmen.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
-
Keine
Relative Kontraindikationen (Monitoring erforderlich)
- Ausgeprägte Malnutrition (Mangelernährung) oder Untergewicht
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz/Nierenschwäche (Protein- und Elektrolytanpassung erforderlich)
- Schwere Herzinsuffizienz (Herzschwäche) mit spezieller Diätvorgabe
- Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen mit Resorptionsstörung
- Komplexe Stoffwechselerkrankungen mit spezifischer diätetischer Therapie
Vorteile
- Stabilere Schilddrüsenwerte
- Reduktion therapiebedingter Fehleinstellungen
- Verbesserung kardiometabolischer Parameter
- Gewichtsstabilisierung
- Unterstützung antioxidativer Schutzmechanismen (indirekte Stabilisierung des Schilddrüsengewebes)
- Hohe Alltagstauglichkeit
Grenzen
- Keine Heilung der Autoimmunerkrankung
- Keine gesicherte Normalisierung von Autoantikörpern
- Keine Alternative zur Hormontherapie bei manifester Hypothyreose
- Individuell unterschiedliche Wirksamkeit
Wissenschaftliche Einordnung
Die Evidenzlage zur Ernährung bei Hashimoto-Thyreoiditis ist differenziert zu betrachten. Die Autoimmunreaktion selbst wird durch Ernährung nach heutigem Kenntnisstand nicht kausal aufgehoben.
Am besten abgesichert ist das korrekte Einnahmemanagement von L-Thyroxin. Hier besteht robuste Evidenz für klinisch relevante Interaktionen mit Nahrungsmitteln, Kaffee sowie Calcium- und Eisenpräparaten [4]. Diese Faktoren können die Hormonresorption erheblich beeinflussen und erklären einen Teil vermeintlicher Therapieresistenzen. In der Praxis ist dieser Aspekt häufig bedeutsamer als jede spezifische Diätform.
Insgesamt ist Ernährung als strukturierende und stabilisierende Umweltvariable zu verstehen – nicht als primärtherapeutische Intervention. Der größte Nutzen liegt in der Vermeidung von Fehlanwendungen, Überdosierungen und therapiebedingten Schwankungen.
Fazit
Eine ausgewogene, langfristig praktikable Mischkost mit kontrollierter Supplementstrategie stellt den evidenzbasierten Kern der unterstützenden Therapie dar. Extreme Diätformen oder hochdosierte Supplementregime sind weder erforderlich noch durch robuste Daten gedeckt.
Literatur
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Aktualisierung (2025): Höchstmengenvorschläge für Jod in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln. 19.12.2025. doi: 10.17590/20251219-142600-0.
- Huwiler VV, Maissen-Abgottspon S, Stanga Z, Mühlebach S, Trepp R, Bally L, Bano A: Selenium Supplementation in Patients with Hashimoto Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Clinical Trials. Thyroid. 2024 Mar 13;34(3):295-313. doi: 10.1089/thy.2023.0556.
- Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Aktualisierung (2023): Höchstmengenvorschläge für Selen in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln. 22.02.2024. doi: 10.17590/20240222-142647-0.
- Wiesner A et al.: Levothyroxine Interactions with Food and Dietary Supplements – A Systematic Review. Pharmaceuticals. Pharmaceuticals (Basel). 2021 Mar 2;14(3):206. doi: 10.3390/ph14030206.