Ernährungsberatung

Die Ernährungsberatung ist eine medizinisch fundierte Beratung auf der Grundlage der Ernährungswissenschaft und Ernährungsmedizin. Sie wird individuell auf den Patienten, seine Lebensumstände, seinen Gesundheitszustand sowie bestehende Erkrankungen abgestimmt. Zentrale Grundlage ist eine strukturierte Ernährungsanalyse (systematische Auswertung der Essgewohnheiten), die eine evidenzbasierte Optimierung der Ernährung ermöglicht.

Das Nahrungsmittelangebot in hoch entwickelten Industrienationen ist reichhaltig und vielfältig. Gleichzeitig hat sich die allgemein übliche Ernährung zu einem relevanten Gesundheitsrisiko entwickelt, da häufig energiedichte, stark verarbeitete Lebensmittel konsumiert werden, während nährstoffreiche, unverarbeitete Nahrungsmittel zu kurz kommen.

Sowohl Überernährung (zu hohe Kalorienzufuhr) als auch Fehlernährung (ungünstige Nahrungszusammensetzung) können langfristig zur Entstehung chronischer Erkrankungen beitragen. Ein relevanter Anteil der sogenannten Wohlstandskrankheiten ist zumindest teilweise ernährungsassoziiert. Eine ausgewogene, vitalstoffreiche und vollwertige Ernährung stellt daher eine zentrale Säule der Prävention, Therapie und Nachsorge zahlreicher Erkrankungen dar. Die Umsetzung im Alltag ist jedoch häufig schwierig – hier setzt die individuelle Ernährungsberatung an.

Zielsetzung und Wirkungsweise der Ernährungsberatung

Zielsetzung

  • Prävention ernährungsassoziierter Erkrankungen
  • Therapeutische Unterstützung bei bestehenden Erkrankungen
  • Optimierung der Makro- und Mikronährstoffzufuhr
  • Vermeidung von Mangel-, Fehler- und Überernährung
  • Förderung eines langfristig gesunden Lebensstils
  • Unterstützung eines gesunden Alterungsprozesses (Healthy Aging) durch Erhalt metabolischer, muskulärer, kognitiver und hormoneller Funktionsreserven
  • Reduktion altersassoziierter Risiken wie Sarkopenie, Osteoporose, Insulinresistenz, kardiovaskulärer Erkrankungen und chronischer Entzündungsprozesse
  • Begleitende Präventionsstrategie im Rahmen von Longevity-Konzepten mit Fokus auf Lebensqualität, Funktionserhalt und Morbiditätsreduktion

Das Verfahren

Die Ernährungsberatung beginnt mit einer strukturierten Ernährungsanalyse. Erfasst werden unter anderem aktuelle Ernährungsgewohnheiten, Lebensmittelauswahl, Energie- und Nährstoffzufuhr sowie relevante medizinische, psychosoziale und berufliche Einflussfaktoren. Ergänzend werden lebensphasen- und altersabhängige Aspekte berücksichtigt, einschließlich hormoneller Umstellungsphasen wie Menopause und altersassoziierter Androgenabnahme, sowie Faktoren des biologischen Alterns wie Veränderungen der Körperzusammensetzung, der metabolischen Flexibilität und der muskulären und knöchernen Funktion.

Auf dieser Grundlage werden individuelle, krankheitsspezifische und präventivmedizinisch orientierte Ernährungsempfehlungen erarbeitet, die sowohl therapeutische Zielsetzungen als auch Aspekte des gesunden Alterns (Healthy Aging) und der langfristigen Funktionserhaltung adressieren. Die Empfehlungen werden im Verlauf regelmäßig überprüft, an den klinischen Verlauf angepasst und bei Bedarf unter Berücksichtigung neuer medizinischer Befunde weiterentwickelt.

Detaillierte Informationen zu einer strukturierten Ernährungsanalyse inkl. Ernährungsprotokolle

Zielgruppen mit besonderem Nutzen

  • Säuglinge und Kleinkinder
  • Schwangere und Stillende
  • Mann und Frau mit Kinderwunsch
  • Übergewichtige
  • Patienten mit chronischen Erkrankungen
  • Ältere Menschen
  • Frauen in der Peri- und Postmenopause
  • Männer mit altersassoziiertem Androgenmangel
  • Personen mit Fokus auf Healthy Aging und präventive Longevity-Strategien
  • Sportler
  • Schicht- und Nachtarbeiter

Indikationen der Ernährungsberatung

Einordnung der ernährungstherapeutischen Indikationen

Die nachfolgende Übersicht ordnet Erkrankungen (Krankheiten) den jeweiligen ICD-10-Kategorien zu und unterscheidet zwischen primären und sekundären ernährungstherapeutischen Indikationen.

  • Primäre ernährungstherapeutische Indikation:
    Die Ernährungstherapie ist ein zentraler und unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung der Grunderkrankung (Grunderkrankung). Ohne gezielte Ernährungstherapie können therapeutische Ziele nicht oder nur unzureichend erreicht werden.
  • Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:
    Die Ernährungstherapie richtet sich nicht primär gegen die Grunderkrankung (Grunderkrankung) selbst, sondern gegen deren Folgen, Begleiterkrankungen oder therapieassoziierte Risiken (z. B. Mangelernährung (Unterversorgung mit Nährstoffen), metabolische Störungen (Stoffwechselstörungen), Kachexie (starker Gewichts- und Muskelverlust), Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)).

Aufgeführt sind ausschließlich Erkrankungen (Krankheiten), für die eine evidenzbasierte Ernährungstherapie nach aktuellem medizinischem Kenntnisstand sinnvoll und etabliert ist.

ICD-10-Kategorien und Indikationen (alphabetisch A–Z)

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00–Q99)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Angeborene Stoffwechselstörungen (angeborene Erkrankungen des Stoffwechsels) mit obligater Diättherapie
  • Kurzdarmsyndrom (angeborene Form mit stark verkürztem Darm)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Spina bifida (angeborene Fehlbildung der Wirbelsäule) (assoziierte Adipositas (starkes Übergewicht), Obstipation (Verstopfung), Mikronährstoffrisiken (Risiken für Vitamin- und Mineralstoffmangel))

Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00–B99)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Chronische oder rezidivierende Darminfektionen (anhaltende oder wiederkehrende Darminfekte) mit Malabsorption (gestörter Nährstoffaufnahme)
  • HIV-Infektion (Infektion mit dem HI-Virus) (Wasting (ungewollter Gewichtsverlust), Mikronährstoffmängel (Vitamin- und Mineralstoffmängel))
  • Tuberkulose (chronische bakterielle Infektionskrankheit) (katabole Stoffwechsellage (starker Abbauzustand))

Bestimmte Zustände mit Ursprung in der Perinatalperiode (P00–P96)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Frühgeburtlichkeit (Geburt vor dem errechneten Termin)
  • Gedeihstörung im Säuglingsalter (unzureichende körperliche Entwicklung)
  • Intrauterine Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung im Mutterleib) (postnatales Ernährungsmanagement (Ernährungssteuerung nach der Geburt))

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00–E90)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Adipositas (starkes Übergewicht)
  • Diabetes mellitus Typ 2 (Zuckerkrankheit Typ 2)
  • Dyslipidämie/Hyperlipidämie (Fettstoffwechselstörung)
  • Metabolisches Syndrom (Kombination mehrerer Stoffwechselstörungen)
  • Prädiabetes (Vorstufe der Zuckerkrankheit)
  • Protein-Energie-Mangelsyndrome (schwere Mangelernährung)
  • Untergewicht, Mangelernährung, Kachexie (Untergewicht, Nährstoffmangel, starke Auszehrung)
  • Vitaminmangelerkrankungen (Erkrankungen durch Vitaminmangel)
  • Stoffwechselveränderungen im Rahmen von Menopause und Andropause (hormonelle Umstellungsphasen)
  • Altersassoziierte Insulinresistenz (verminderte Insulinwirkung im höheren Lebensalter)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Hyperurikämie/Gicht (erhöhte Harnsäure/Gelenkerkrankung)
  • Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (Fettleber ohne Alkoholursache)
  • Struma bei Jodmangel (Schilddrüsenvergrößerung durch Jodmangel)

Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen (Z00–Z99)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Bariatrische Chirurgie (Operationen zur Gewichtsreduktion) (prä- und postoperativ (vor und nach der Operation))

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Nahrungsmittelallergien (Unverträglichkeiten mit Immunreaktion) (bei gesicherter Diagnose)

Krankheiten des Atmungssystems (J00–J99)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD) (dauerhafte Lungenerkrankung mit Atemnot)
  • Mukoviszidose (zystische Fibrose) (angeborene Stoffwechselerkrankung)
  • Schlafapnoe-Syndrom (Atemaussetzer im Schlaf) im Kontext von Adipositas (starkes Übergewicht) und metabolischen Störungen (Stoffwechselstörungen)

Krankheiten des Auges und der Augenanhangsgebilde (H00–H59)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Altersabhängige Makuladegeneration (Erkrankung der Netzhautmitte)

Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe (D50–D90)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel)
  • Folsäuremangelanämie (Blutarmut durch Folsäuremangel)
  • Vitamin-B12-Mangelanämie (Blutarmut durch Vitamin-B12-Mangel)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Ernährungsbedingte Immundefizienz (Abwehrschwäche durch Nährstoffmangel)

Krankheiten des Kreislaufsystems (I00–I99)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck)
  • Atherosklerose (Gefäßverkalkung)
  • Koronare Herzkrankheit (Durchblutungsstörung des Herzens)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Herzinsuffizienz (Herzschwäche)
  • Zustand nach Apoplex (Schlaganfall)
  • Zustand nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt)

Krankheiten des Urogenitalsystems (N00–N99)

Primäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Chronische Nierenerkrankung Stadium 1–3 (dauerhafte Nierenschädigung)
  • Primäre und sekundäre Sterilität des Mannes (Unfruchtbarkeit des Mannes)
  • Primäre und sekundäre Sterilität der Frau (Unfruchtbarkeit der Frau)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Urolithiasis (Harnsteinerkrankung)

Krankheiten der Haut und der Unterhaut (L00–L99)

Sekundäre ernährungstherapeutische Indikation:

  • Akne (entzündliche Hauterkrankung)
  • Atopisches Ekzem (Neurodermitis)
  • Psoriasis (Schuppenflechte)
  • Stoffwechsel- und mangelassoziierte Dermatosen (hautbezogene Erkrankungen bei Stoffwechsel- oder Nährstoffstörungen)

Weitere Hinweise

  • Gemäß einer Modellierungsstudie kann eine Umstellung auf eine gesundheitsfördernde Ernährung mit einem Zugewinn an Lebenserwartung assoziiert sein. Der potenzielle Effekt ist dabei umso größer, je früher die Umstellung erfolgt; auch im höheren Lebensalter sind laut Modellierung noch Zugewinne möglich:
    • Bei Umstellung im Alter von 60 Jahren: +8,1 Jahre (Frauen) bzw. +9,1 Jahre (Männer).
    • Bei Umstellung im Alter von 80 Jahren: +3,5 Jahre (Frauen) bzw. +3,3 Jahre (Männer).
  • Die größten modellierten Zugewinne ergeben sich (ansteigend geordnet) durch:
    • weniger verarbeitetes Fleisch: +1,6 Jahre (Frauen) bzw. +1,9 Jahre (Männer)
    • weniger rotes Fleisch: +1,6 Jahre (Frauen) bzw. +1,9 Jahre (Männer)
    • mehr Nüsse: +1,7 Jahre (Frauen) bzw. +2,0 Jahre (Männer)
    • mehr Vollkornprodukte: +2,0 Jahre (Frauen) bzw. +2,3 Jahre (Männer)
    • mehr Hülsenfrüchte: +2,2 Jahre (Frauen) bzw. +2,5 Jahre (Männer)
  • Ein Online-Rechner auf der Website https://food4healthylife.org ermöglicht die individuelle Abschätzung, wie sich unterschiedliche Ernährungsumstellungen auf die modellierte Lebenserwartung auswirken können [1].

Fazit

Die Ernährungsberatung berücksichtigt eine Vielzahl von Erkrankungen und Gesundheitszuständen, bei denen die Ernährung einen nachweisbaren Einfluss auf Entstehung, Verlauf oder Prognose haben kann. Grundlage ist stets eine strukturierte Ernährungsanalyse, auf deren Basis individuelle Empfehlungen abgeleitet werden.

Der Einsatz der Ernährungsberatung erfolgt bei Erkrankungen unterschiedlicher Organsysteme, bei Stoffwechsel- und Mangelzuständen, bei chronischen Erkrankungen sowie in besonderen Lebensphasen wie Schwangerschaft, Kindheit, höherem Lebensalter oder bei Kinderwunsch. Ziel ist es, die Ernährung an den jeweiligen gesundheitlichen Bedarf anzupassen und bestehende medizinische Maßnahmen sinnvoll zu ergänzen.

Die im Artikel dargestellten Anwendungsgebiete orientieren sich an der ICD-10-Klassifikation und zeigen, in welchen klinischen Situationen eine Ernährungsberatung Bestandteil der medizinischen Betreuung sein kann.

Literatur

  1. Fadnes LT, Økland JM, Haaland ØA, Johansson KA. Estimating impact of food choices on life expectancy: A modeling study. PLOS Med. 2022;19(2):e1003889. doi: https://doi.org/10.1371/journal.pmed.1003889

Leitlinien

  1. Visseren FLJ, Mach F, Smulders YM et al.: 2021 ESC Guidelines on cardiovascular disease prevention in clinical practice. Eur Heart J. 2021;42(34):3227-3337. doi: https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehab484
  2. European Association for the Study of the Liver (EASL), European Association for the Study of Diabetes (EASD), European Association for the Study of Obesity (EASO). EASL-EASD-EASO Clinical Practice Guidelines for the management of non-alcoholic fatty liver disease. Diabetologia. 2016;59(6):1121-1140. doi: https://doi.org/10.1007/s00125-016-3902-y
  3. European Association for the Study of the Liver (EASL), European Association for the Study of Diabetes (EASD), European Association for the Study of Obesity (EASO). EASL-EASD-EASO Clinical Practice Guidelines for the management of non-alcoholic fatty liver disease. J Hepatol. 2016;64(6):1388-1402. doi: https://doi.org/10.1016/j.jhep.2015.11.004
  4. European Association for the Study of the Liver. EASL Clinical Practice Guidelines on non-invasive tests for evaluation of liver disease severity and prognosis - 2021 update. J Hepatol. 2021;75(3):659-689. doi: https://doi.org/10.1016/j.jhep.2021.05.025
  5. Muscaritoli M, Arends J, Bachmann P, et al. ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in cancer. Clin Nutr. 2021. doi: https://doi.org/10.1016/j.clnu.2021.02.005
  6. Ikizler TA, Burrowes JD, Byham-Gray LD et al.: KDOQI Clinical Practice Guideline for Nutrition in CKD: 2020 Update. Am J Kidney Dis. 2020;76(3 Suppl 1):S1-S107. doi: https://doi.org/10.1053/j.ajkd.2020.05.006
  7. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) Diabetes Work Group. KDIGO 2020 Clinical Practice Guideline for Diabetes Management in Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2020;98(4S):S1-S115. doi: https://doi.org/10.1016/j.kint.2020.06.019