Turner-Syndrom – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Wachstum: Verbesserung der Wachstumsgeschwindigkeit und der zu erwartenden Erwachsenengröße bei offenem Wachstumspotenzial.
  • Pubertät und Hormonersatz: Altersgerechte Pubertätsentwicklung, ausreichende Entwicklung von Uterus (Gebärmutter) und sekundären Geschlechtsmerkmalen sowie langfristiger Schutz der Knochengesundheit bei Ovarialinsuffizienz (eingeschränkte Funktion der Eierstöcke).
  • Langzeitbetreuung: Individuelle Behandlung von Begleiterkrankungen und Beratung zu Fertilität, Kontrazeption und Schwangerschaftsrisiken [LL1].

Therapieempfehlungen

  • Somatropin früh anbieten: Bei Wachstumsverlangsamung (langsameres Wachstum), Kleinwuchs oder absehbarem Kleinwuchs kann die Behandlung bereits ab etwa zwei Jahren erwogen werden; ein pauschaler Beginn erst ab sechs Jahren ist nicht leitliniengerecht. Sie ist auch bei späterer Diagnose möglich, solange die Epiphysen (Wachstumsfugen) offen sind. Für die Indikation Turner-Syndrom (Chromosomenstörung mit fehlendem oder verändertem X-Chromosom) ist kein nachgewiesener Wachstumshormonmangel erforderlich. Die Behandlung endet bei weitgehend erschöpftem Wachstumspotenzial, beispielsweise bei Knochenalter (Reifegrad des Skeletts) ≥ 14 Jahren und/oder Wachstumsgeschwindigkeit < 2 cm/Jahr [2, LL1, FI1].
  • Pubertätsinduktion (Einleitung der Pubertät): Bei fehlender spontaner Brustentwicklung und mindestens zweimal erhöhtem follikelstimulierendem Hormon (FSH) niedrig dosiertes 17β-Estradiol im Alter von 11 bis 12 Jahren beginnen; die Dosis über zwei bis vier Jahre individuell bis zur Erwachsenensubstitution steigern. Transdermale Gabe wird bevorzugt, orales 17β-Estradiol ist eine Alternative. Bei spontaner Pubertät zunächst den Verlauf beobachten und erst bei nachgewiesener Ovarialinsuffizienz substituieren. Bei später Diagnose und verbleibendem Wachstumspotenzial können niedrig dosiertes Estradiol und Somatropin gleichzeitig begonnen werden [LL1].
  • Endometriumschutz (Schutz der Gebärmutterschleimhaut): Bei vorhandenem Uterus ein zyklisches Gestagen ergänzen, sobald eine Durchbruchblutung (unerwartete Blutung) auftritt; dies ist häufig nach etwa 18 bis 24 Monaten Estradiolbehandlung der Fall. Zeitpunkt und Dosis an Pubertätsstadium, Estradiolwirkung, Uteruswachstum und Endometriumdicke (Dicke der Gebärmutterschleimhaut) anpassen. Ohne Uterus ist kein Gestagen zum Endometriumschutz erforderlich. Bei jungen Frauen ist ein sequenzielles Regime in der Regel zweckmäßig; eine kontinuierlich kombinierte Gabe ist nach stabiler Endometriumentwicklung möglich [LL1].
  • Dauer: Den systemischen Estradiolersatz bei persistierender Ovarialinsuffizienz im Regelfall bis zum üblichen Menopausenalter (Alter der letzten Regelblutung) von etwa 50 bis 55 Jahren fortführen; danach erneut individuell über Nutzen und Risiken entscheiden. „Lebenslang“ ist als starre Vorgabe unzutreffend [LL1].
  • Fertilität: Eine spontane Ovarialfunktion und Schwangerschaft sind besonders bei Mosaikformen möglich; eine generelle Unfruchtbarkeit darf nicht unterstellt werden. Frühzeitig zu Fertilitätserhalt und reproduktionsmedizinischen Optionen beraten. Hormonersatz bietet keine sichere Kontrazeption. Vor einer Schwangerschaft ist wegen der möglichen Aortenerkrankung (Erkrankung der Hauptschlagader) eine spezialisierte kardiovaskuläre Risikobewertung erforderlich [LL1].

Wirkstoffgruppe: Wachstumshormon

Wirkstoff Besonderheiten
Somatropin (rekombinantes humanes Wachstumshormon) Tägliche Anwendung; möglichst früh beginnen. Alle sechs Monate Körpergröße und Wachstumsgeschwindigkeit beurteilen, IGF-I mindestens jährlich messen. Blutzuckerstoffwechsel und Schilddrüsenfunktion sowie klinische Warnsymptome überwachen. Die Turner-Indikation ist von einer Substitution bei nachgewiesenem Wachstumshormonmangel zu unterscheiden [LL1, FI1].
  • Wirkweise: Somatropin stimuliert über Wachstumshormonrezeptor und IGF-I die Längenentwicklung bei offenen Epiphysen. In einer randomisierten Turner-Studie betrug der geschätzte Zugewinn an Erwachsenengröße etwa 7 cm; der individuelle Effekt variiert [2, LL1].
  • Indikationen: Wachstumsstörung oder absehbarer Kleinwuchs bei Turner-Syndrom und noch vorhandenem Wachstumspotenzial [LL1, FI1].
  • Kontraindikationen: Aktive Tumorerkrankung, geschlossene Epiphysen bei Behandlung des Kleinwuchses und akute lebensbedrohliche Erkrankung entsprechend der jeweiligen Fachinformation; weitere präparatespezifische Gegenanzeigen beachten. Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), familiäre Tumorbelastung, frühere Thrombose (Blutgerinnsel in einem Blutgefäß) oder ein angeborener Herzfehler sind keine pauschalen absoluten Gegenanzeigen; sie erfordern eine individuelle Beurteilung und gegebenenfalls engere Überwachung [LL1, FI1].
  • Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, Ödeme (Wassereinlagerungen), Arthralgien (Gelenkschmerzen), Myalgien (Muskelschmerzen), Reaktionen an der Injektionsstelle, Veränderung des Glukosestoffwechsels und mögliche Demaskierung einer Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion); selten intrakranielle Hypertension (erhöhter Druck im Schädel) oder Epiphysiolysis capitis femoris (Abrutschen des Hüftkopfes). Bei persistierenden Kopfschmerzen mit Sehstörung, Erbrechen oder Papillenödem (Schwellung am Sehnervenkopf) Behandlung unterbrechen und umgehend abklären; bei Hüft- oder Knieschmerzen an Epiphysiolyse (Abrutschen des Hüftkopfes) denken [LL1, FI1].

Die im Ausgangstext angeführte HypoCCS-Studie [1] untersuchte erwachsene Patienten mit Hypopituitarismus (Unterfunktion der Hirnanhangsdrüse). Ihr Ergebnis zur Tumorinzidenz lässt sich nicht unmittelbar als Turner-spezifischer Sicherheitsnachweis verwenden; hierfür sind die Turner-spezifischen Daten und Empfehlungen der Leitlinie maßgeblich [1, LL1].

Wirkstoffgruppe: Estrogene zur Pubertätsinduktion und Erhaltungssubstitution

Wirkstoff Besonderheiten
17β-Estradiol transdermal, Pflaster Bevorzugter Applikationsweg gemäß Turner-Leitlinie. Sehr kleine Anfangsdosen sind nicht als reguläre Pflasterstärken verfügbar; Teilung oder andere Niedrigdosisanwendung nur nach Prüfung der konkreten Galenik und fachärztlicher Verordnung. Anwendung zur Pubertätsinduktion bei Minderjährigen kann je nach Präparat Off-Label-Use sein [LL1, FI2].
17β-Estradiol oral Alternative bei ungeeigneter transdermaler Anwendung. Sehr niedrige Anfangsdosen erfordern eine geeignete Rezeptur oder validierte Teilbarkeit; Fachinformation und Zulassungsstatus des Präparats beachten [LL1, FI3].
  • Wirkweise: 17β-Estradiol ersetzt die bei Ovarialinsuffizienz verminderte Estradiolproduktion und fördert Pubertätsentwicklung, Uterusreifung (Entwicklung der Gebärmutter) und Erhalt der Knochenmasse [LL1].
  • Indikationen: Fehlende oder unzureichende spontane Pubertät beziehungsweise persistierende Ovarialinsuffizienz bei Turner-Syndrom. Die Einleitung richtet sich nach klinischem Pubertätsstatus und wiederholt erhöhtem FSH, nicht allein nach dem Geburtstag [LL1].
  • Kontraindikationen: Ungeklärte genitale Blutung, bekannte oder vermutete estrogenabhängige maligne Erkrankung, aktive oder frühere venöse Thromboembolie (Blutgerinnsel in einer Vene oder Lungenarterie) und schwere aktive Lebererkrankung entsprechend der jeweiligen Fachinformation. Bei Turner-spezifischen Herz- und Aortenbefunden sowie weiteren Risikofaktoren die Substitution individuell im Spezialistenteam beurteilen; Kontraindikationen aus Studien an postmenopausalen Frauen nicht schematisch auf Jugendliche übertragen [LL1, FI2, FI3].
  • Nebenwirkungen: Spannungsgefühl in der Brust, Übelkeit, Kopfschmerzen, Hautreaktionen beim Pflaster und unregelmäßige Blutungen; bei zu rascher Aufdosierung möglicherweise beschleunigte Knochenreifung. Systemische Östrogene können je nach Präparat und individueller Risikokonstellation thromboembolische Risiken beeinflussen. Die Risiken einer Hormonersatztherapie nach natürlicher Menopause sind nicht unmittelbar auf die physiologische Substitution junger Frauen mit Turner-Syndrom übertragbar [LL1, FI2, FI3].

Wirkstoffgruppe: Progesteron und Gestagene zum Endometriumschutz

Wirkstoff Besonderheiten
Progesteron, mikronisiert, oral Bei vorhandenem Uterus nach ausreichender Estrogenisierung. Fachinformation des verordneten Präparats prüfen; Einsatz in der Pubertätsinduktion bei Minderjährigen kann Off-Label-Use sein [LL1, FI4].
Dydrogesteron, oral Alternative bei Unverträglichkeit oder fehlender Eignung von mikronisiertem Progesteron. Die Turner-Leitlinie nennt es als zweite Option; Zulassungsstatus für Alter und Indikation prüfen [LL1, FI5].
  • Wirkweise: Progesteron und Gestagene wandeln das estrogenstimulierte Endometrium um und vermindern das Risiko einer Endometriumhyperplasie (übermäßiges Wachstum der Gebärmutterschleimhaut). Ein sequenzielles Regime ermöglicht eine planbare Entzugsblutung [LL1].
  • Indikationen: Endometriumschutz bei systemischer Estradiolsubstitution und vorhandenem Uterus nach Einsetzen der Durchbruchblutung beziehungsweise bei entsprechender Endometriumentwicklung; üblicherweise nach etwa 18 bis 24 Monaten Pubertätsinduktion. Bei hysterektomierten Frauen besteht hierfür keine Indikation [LL1].
  • Kontraindikationen: Ungeklärte genitale Blutung und weitere präparatespezifische Gegenanzeigen; bei mikronisiertem Progesteron unter anderem Überempfindlichkeit gegen Bestandteile des verordneten Präparats [FI4, FI5].
  • Nebenwirkungen: Bei oralem mikronisiertem Progesteron insbesondere Müdigkeit, Schwindel und mögliche Zwischenblutungen; bei Gestagenen je nach Wirkstoff unter anderem Brustspannen, Kopfschmerzen und Stimmungsveränderungen. Anhaltende oder neu auftretende auffällige Blutungen abklären [LL1, FI4, FI5].

Verlaufskontrollen und besondere Hinweise

  • Wachstum: Körpergröße und Wachstumsgeschwindigkeit mindestens halbjährlich dokumentieren, IGF-I mindestens jährlich beurteilen und die Somatropin-Dosis bei dauerhaft erhöhtem IGF-I beziehungsweise Nebenwirkungen anpassen. Glukosestoffwechsel und Schilddrüsenfunktion klinisch und nach Leitlinie kontrollieren [LL1, FI1].
  • Pubertät: Brustentwicklung, Längenwachstum, Blutungsmuster, Uterusentwicklung und gegebenenfalls Estradiolspiegel zur Dosissteuerung heranziehen. Unter voller Erwachsenensubstitution nennt die Leitlinie als Orientierungsbereich für Estradiol etwa 100 bis 150 pg/ml; Entnahmezeitpunkt und Applikationsweg berücksichtigen [LL1].
  • Langzeitrisiken: Herz und Aorta, Blutdruck, Knochengesundheit und weitere Turner-assoziierte Begleiterkrankungen regelmäßig nach der spezifischen Leitlinie erfassen. Ein auffälliger Aortenbefund beeinflusst insbesondere die Beratung zu Schwangerschaft und assistierter Reproduktion [LL1].
  • Nicht als Routine: Konjugierte equine Estrogene, Ethinylestradiol-haltige Kontrazeptiva und Tibolon sind für die physiologische Pubertätsinduktion keine gleichwertigen Standardoptionen. Oxandrolon und Testosteron sind keine reguläre Pharmakotherapie des Turner-Syndroms [LL1].

Red Flags (Warnzeichen) bei Turner-Syndrom

  • Akuter Thorax-, Rücken- oder Bauchschmerz, Kollaps oder neurologische Ausfälle: Notfallabklärung einer möglichen Aortendissektion (Einriss der Hauptschlagaderwand), besonders bei bekanntem Aortenbefund oder in der Schwangerschaft [LL1].
  • Unter Somatropin starke oder anhaltende Kopfschmerzen mit Sehstörung oder Erbrechen: Verdacht auf intrakranielle Hypertension; Behandlung unterbrechen und dringlich abklären. Hinken sowie Hüft- oder Knieschmerzen erfordern Ausschluss einer Epiphysiolyse [FI1].
  • Unter Estrogen-/Gestagenbehandlung einseitige Beinschwellung, plötzliche Atemnot oder ungeklärte anhaltende uterine Blutung: Unverzügliche Abklärung einer Thromboembolie beziehungsweise der Blutungsursache [FI2, FI3, FI4].

Abkürzungsverzeichnis

  • EMA: European Medicines Agency
  • FI: Fachinformation
  • FSH: follikelstimulierendes Hormon
  • GH: Growth Hormone (Wachstumshormon)
  • HypoCCS: Hypopituitary Control and Complications Study
  • IGF-I: Insulin-like Growth Factor I
  • LL: Leitlinie
  • cm: Zentimeter
  • h: Stunde
  • kg: Kilogramm
  • mg: Milligramm
  • µg: Mikrogramm
  • pg/ml: Pikogramm pro Milliliter

Literatur

  1. Child CJ, Conroy D, Zimmermann AG, Woodmansee WW, Erfurth EM, Robison LL: Incidence of primary cancers and intracranial tumour recurrences in GH-treated and untreated adult hypopituitary patients: analyses from the Hypopituitary Control and Complications Study. Eur J Endocrinol. 2015;172(6):779-790. doi: 10.1530/EJE-14-1123 [1]
  2. Stephure DK: Impact of growth hormone supplementation on adult height in Turner syndrome: results of the Canadian randomized controlled trial. J Clin Endocrinol Metab. 2005;90(6):3360-3366. doi: 10.1210/jc.2004-2187 [2]

Leitlinien

  1. Gravholt CH, Andersen NH, Christin-Maitre S, Davis SM, Duijnhouwer A, Gawlik A, et al.: Clinical practice guidelines for the care of girls and women with Turner syndrome: Proceedings from the 2023 Aarhus International Turner Syndrome Meeting. Eur J Endocrinol. 2024;190(6):G53-G151. doi: 10.1093/ejendo/lvae050; Volltext [LL1]

Fachinformationen

  1. European Medicines Agency: Omnitrope (Somatropin), Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels, Produktinformation, aktualisiert August 2025. EMA-Produktseite und Fachinformation [FI1]
  2. DERMESTRIL 25 µg/24 Stunden und 50 µg/24 Stunden, transdermales Pflaster. Fachinformation, April 2025. Fachinformation [FI2]
  3. Estrifam 1 mg/2 mg Filmtabletten (Estradiol). Fachinformation. Fachinformation [FI3]
  4. Utrogest 100 mg/200 mg Weichkapseln (Progesteron). Fachinformation. Fachinformation [FI4]
  5. Duphaston 10 mg (Dydrogesteron). Fachinformation, September 2025. Fachinformation [FI5]