Klinefelter-Syndrom – Differentialdiagnosen

Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)

  • 46,XX-testicular-DSD (Störung der Geschlechtsentwicklung) – seltene chromosomale Störung (Störung der Erbanlagen) der Geschlechtsentwicklung bei phänotypisch männlichem Erscheinungsbild; meist durch Translokation (Verlagerung von Erbmaterial) des SRY-Gens auf ein X-Chromosom bedingt; klinisch häufig kleine Hoden, Azoospermie (Fehlen von Spermien im Ejakulat), Infertilität (Unfruchtbarkeit) und hypergonadotroper Hypogonadismus (Unterfunktion der Hoden durch Hodenschädigung); Abgrenzung zum Klinefelter-Syndrom durch Karyotypisierung (Chromosomenanalyse)
  • 47,XYY-Syndrom – numerische Chromosomenaberration (zahlenmäßige Chromosomenstörung) des männlichen Geschlechtschromosomensatzes; möglich sind Hochwuchs, Lern- und Verhaltensauffälligkeiten sowie gelegentlich Fertilitätsstörungen (Fruchtbarkeitsstörungen); im Unterschied zum Klinefelter-Syndrom meist keine typische Kombination aus sehr kleinen Hoden, ausgeprägter Azoospermie und klassischem hypergonadotropem Hypogonadismus
  • Anorchie (Fehlen der Hoden), kongenitale (angeborene) bilaterale (beidseitige) – angeborenes Fehlen beider Hoden nach intrauteriner (im Mutterleib liegender) Hodenschädigung oder Regression (Rückbildung); Differentialdiagnose bei nicht tastbaren Hoden, fehlender Pubertätsentwicklung, niedrigem Testosteron und erhöhten Gonadotropinen
  • Androgeninsensitivität (Unempfindlichkeit gegenüber männlichen Hormonen), partielle – X-chromosomal vererbte Störung der Androgenrezeptorfunktion (Funktion der Andockstelle für männliche Hormone); klinisch variables Spektrum mit Untervirilisierung (verminderter männlicher Ausprägung), Gynäkomastie (Brustdrüsenvergrößerung beim Mann), Infertilität und erhöhtem luteinisierendem Hormon (LH) bei normalem oder erhöhtem Testosteron; Abgrenzung zum Klinefelter-Syndrom durch Hormonkonstellation, Genitalbefund (Befund der Geschlechtsorgane) und molekulargenetische Diagnostik (Erbgutuntersuchung)
  • Prader-Labhart-Willi-Syndrom (PWS; Synonyme: Prader-Labhart-Willi-Fanconi-Syndrom, Urban-Syndrom und Urban-Rogers-Meyer-Syndrom) – genetische Erkrankung (Erbkrankheit) durch fehlende Expression (Ausprägung) paternaler (väterlicher) Gene in der Region 15q11-q13, meist durch paternale Deletion (Verlust eines Erbgutabschnitts), maternale uniparentale Disomie (beide Chromosomen stammen von der Mutter) oder Imprinting-Defekt (Prägungsfehler des Erbguts); charakteristisch sind neonatale (neugeborenenbezogene) Muskelhypotonie (verminderte Muskelspannung), Essstörung im Säuglingsalter, später Hyperphagie (krankhaft gesteigerter Appetit) mit Adipositas (Fettsucht), Minderwuchs, kognitive Beeinträchtigung und hypogonadotroper Hypogonadismus (Unterfunktion der Hoden durch zentrale Steuerungsstörung); Differentialdiagnose bei Hypogonadismus, Adipositas und Entwicklungsauffälligkeiten

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Cushing-Syndrom – Hypercortisolismus (Cortisolüberschuss) unterschiedlicher Ursache mit Stammfettsucht, Muskelatrophie (Muskelschwund), Striae rubrae (rote Dehnungsstreifen), metabolischen Störungen (Stoffwechselstörungen) und sekundärer Suppression (Unterdrückung) der gonadalen Achse (Steuerachse der Geschlechtsdrüsen); kann mit Libidoverlust, erektiler Dysfunktion (Erektionsstörung), Hypogonadismus und Gynäkomastie imponieren
  • Funktioneller Hypogonadismus bei Adipositas und metabolischem Syndrom (Stoffwechselsyndrom) – erworbene, potenziell reversible Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse (Steuerachse zwischen Zwischenhirn, Hirnanhangsdrüse und Geschlechtsdrüsen); typischerweise niedrigeres Testosteron bei nicht primär testikulärer Genese (vom Hoden ausgehender Ursache) und ohne die für das Klinefelter-Syndrom typische Karyotypveränderung (Chromosomenveränderung)
  • Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit) – Eisenüberladung mit möglicher hypophysärer (die Hirnanhangsdrüse betreffender) und testikulärer (den Hoden betreffender) Schädigung; Differentialdiagnose bei Hypogonadismus, Müdigkeit, Leberwerterhöhung, Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Arthropathie (Gelenkerkrankung) und erhöhter Transferrinsättigung beziehungsweise erhöhtem Ferritin
  • Hyperprolaktinämie (erhöhter Prolaktinspiegel) – endokrine (hormonelle) Ursache eines sekundären Hypogonadismus durch Hemmung der Gonadotropin-Releasing-Hormon-Sekretion; klinisch Libidoverlust, erektile Dysfunktion, Infertilität und gelegentlich Gynäkomastie beziehungsweise Galaktorrhoe (Milchfluss)
  • Idiopathischer hypogonadotroper Hypogonadismus – zentraler Hypogonadismus ohne nachweisbare strukturelle Ursache; gekennzeichnet durch erniedrigtes Testosteron bei inadäquat niedrigen oder normalen Gonadotropinen; wichtige Abgrenzung zum primär testikulären Hypogonadismus des Klinefelter-Syndroms
  • Kallmann-Syndrom (Synonym: olfaktogenitales Syndrom) – genetisch heterogene Form des kongenitalen hypogonadotropen Hypogonadismus mit Hypo- beziehungsweise Anosmie (vermindertem beziehungsweise fehlendem Geruchssinn); kann sporadisch sowie X-chromosomal, autosomal-dominant oder autosomal-rezessiv auftreten; klinisch fehlende oder verzögerte Pubertät, Infertilität, niedrige Gonadotropine und vermindertes Testosteron; Abgrenzung zum Klinefelter-Syndrom durch Geruchsstörung, zentrale Hormonkonstellation und unauffälligen männlichen Karyotyp (Chromosomensatz)
  • Lipomatosis (krankhafte Fettgewebsvermehrung) beziehungsweise Pseudogynäkomastie (scheinbare Brustvergrößerung beim Mann) bei Adipositas – Fettgewebsvermehrung im Brustbereich ohne echte glanduläre Proliferation (Drüsengewebsvermehrung); Differentialdiagnose zur Gynäkomastie beim Klinefelter-Syndrom
  • Schwere Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion) – kann über Hyperprolaktinämie, Gewichtszunahme, Müdigkeit, Libidoverlust und Zytohormonveränderungen eine hypogonadale Symptomatik (Beschwerden durch Unterfunktion der Geschlechtsdrüsen) imitieren; Abgrenzung durch Schilddrüsendiagnostik

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (Bauchspeicheldrüse) (K70-K77; K80-K87)

  • Leberzirrhose (Leberschrumpfung) – chronische Lebererkrankung mit gestörter Sexualhormonmetabolisierung (Verstoffwechselung der Geschlechtshormone); mögliche Folgen sind Gynäkomastie, Hodenatrophie (Hodenschrumpfung), Libidoverlust, erektile Dysfunktion und Infertilität; Differentialdiagnose bei klinischen Zeichen einer Leberinsuffizienz (Leberschwäche)

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Hodentumoren, nicht näher bezeichnet – können durch testikuläre Raumforderung (Gewebevermehrung im Hoden), Hodenatrophie, Infertilität, endokrine Aktivität oder Gynäkomastie auffallen; sonographische Abklärung (Ultraschallabklärung) bei tastbarem Befund, Asymmetrie (Seitendifferenz) oder neu aufgetretener Hodengrößenänderung erforderlich
  • Hypophysenadenom (gutartiger Tumor der Hirnanhangsdrüse) – insbesondere Prolaktinom (prolaktinbildender Tumor) oder raumfordernde Hypophysenläsion (Schädigung der Hirnanhangsdrüse) mit sekundärem Hypogonadismus; typische Konstellation sind niedriges Testosteron bei niedrigen oder inadäquat normalen Gonadotropinen, gegebenenfalls Hyperprolaktinämie, Kopfschmerzen oder Gesichtsfeldausfälle

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Hypothalamisch-hypophysäre Raumforderung (Gewebevermehrung im Bereich von Zwischenhirn und Hirnanhangsdrüse) – zentrale Ursache eines sekundären Hypogonadismus; Differentialdiagnose bei verzögerter Pubertät, Libidoverlust, Infertilität, Kopfschmerzen, Gesichtsfeldstörung oder weiteren Hypophysenausfällen (Ausfällen der Hirnanhangsdrüse)

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Azoospermie, nichtobstruktiv – schwere Störung der Spermatogenese (Spermienbildung) mit fehlenden Spermien im Ejakulat; umfasst neben dem Klinefelter-Syndrom auch andere primäre Hodenschädigungen wie Sertoli-cell-only-Syndrom, Reifungsarrest (Reifungsstopp) oder testikuläre Fibrose (bindegewebiger Umbau des Hodens)
  • Kryptorchismus (Hodenhochstand), Zustand nach bilateralem – beidseitiger Hodenhochstand mit Risiko für gestörte Spermatogenese, Hodenatrophie, Infertilität und testikuläre Tumoren (Hodentumoren); Differentialdiagnose bei kleinen Hoden und hypergonadotropem Hypogonadismus
  • Orchitis (Hodenentzündung), Zustand nach bilateraler – erworbene testikuläre Schädigung, klassisch nach Mumps-Orchitis; kann zu Hodenatrophie, Infertilität und primärem Hypogonadismus führen
  • Sertoli-cell-only-Syndrom – schwere primäre Spermatogenesestörung mit ausschließlichem Nachweis von Sertoli-Zellen in den Samenkanälchen; klinisch meist Azoospermie bei häufig normaler Virilisierung (männlicher Ausprägung), teils erhöhtem follikelstimulierendem Hormon (FSH)
  • Testikuläre Torsion (Hodendrehung), Zustand nach bilateraler – ischämische Hodenschädigung (Schädigung durch Durchblutungsmangel) nach beidseitiger Hodentorsion; mögliche Folge sind Hodenatrophie, Infertilität und primärer Hypogonadismus
  • Varikozele (Krampfaderbruch des Hodens) – venöse Abflussstörung des Plexus pampiniformis (Venengeflecht des Samenstrangs), vor allem linksseitig; relevante Differentialdiagnose bei männlicher Infertilität, Hodenvolumenminderung und eingeschränktem Spermiogramm, jedoch ohne typische chromosomale Konstellation des Klinefelter-Syndroms

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Zustand nach Chemotherapie oder Radiatio (Bestrahlung) im Becken- beziehungsweise Hodenbereich – iatrogene (durch medizinische Maßnahmen verursachte) Schädigung der Keimzellfunktion und Leydig-Zell-Funktion; Differentialdiagnose bei Infertilität, Azoospermie, testikulärer Atrophie (Hodenschrumpfung) oder primärem Hypogonadismus nach onkologischer Therapie (Krebstherapie)

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Zustand nach bilateraler Kastration (beidseitiger Hodenentfernung) – vollständiger Verlust testikulärer Androgenproduktion (Bildung männlicher Hormone) und Spermatogenese; klinisch ausgeprägter primärer Hypogonadismus mit erhöhten Gonadotropinen
  • Zustand nach bilateralem Hodentrauma (Hodenverletzung) – erworbene testikuläre Schädigung mit möglicher Atrophie (Gewebeschwund), Infertilität und primärem Hypogonadismus

Medikamente

  • Anabole-androgene Steroide, Zustand nach Missbrauch oder Absetzen – suppressive Wirkung (unterdrückende Wirkung) auf die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse; mögliche Folge sind testikuläre Volumenminderung, Azoospermie, Infertilität und sekundärer Hypogonadismus
  • Antiandrogene und Gonadotropin-Releasing-Hormon-Analoga – medikamentöse Androgensuppression (Unterdrückung männlicher Hormone) mit Libidoverlust, erektiler Dysfunktion, Hodenvolumenminderung und Gynäkomastie
  • Glukokortikoide, systemische Langzeittherapie – Hemmung der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse mit möglichem sekundärem Hypogonadismus
  • Opioide, chronische Anwendung – opioidinduzierter Androgenmangel (Mangel an männlichen Hormonen) durch zentrale Suppression der Gonadotropinsekretion; Differentialdiagnose bei Müdigkeit, Libidoverlust, erektiler Dysfunktion und niedrigem Testosteron
  • Spironolacton – antiandrogene Wirkung mit möglicher Gynäkomastie und sexueller Dysfunktion (sexueller Funktionsstörung); Differentialdiagnose bei Brustdrüsenvergrößerung ohne primäre testikuläre Chromosomenstörung

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholabusus (Alkoholmissbrauch) – toxische (giftbedingte) und lebervermittelte Störung der Testosteronproduktion und Sexualhormonbalance; mögliche Folgen sind Hodenatrophie, Gynäkomastie, Libidoverlust und Infertilität