Kognitive Verhaltenstherapie

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) (Synonym: Kognitiv-behaviorale Therapie) zählt zu den psychotherapeutischen Verfahren und ist eine Form der Verhaltenstherapie. Unter Verhaltenstherapie wird eine Vielzahl von Methoden der Psychotherapie geführt. Ziel ist die Veränderung von Einstellungen, Denkgewohnheiten und unangepasstem bzw. dysfunktionalen Verhaltensweisen wie z. B. Ängsten, Zwangsgedanken oder -handlungen, Ess- und Sexualstörungen oder depressiven Störungen. Eine andere Form der Verhaltenstherapie ist beispielsweise die therapeutische Konfrontation mit angstauslösenden Situationen (Konfrontationstheorie), z. B. bei Patienten mit Agoraphobie (Platzangst).

Die Verhaltenstherapie wurde auf Grundlage der Lerntheorie entwickelt, die auf der Annahme beruht, dass fehlerhafte Lernprozesse zu psychopathologischen Syndromen führen. Als Weiterentwicklung dieser Schlussfolgerung gewann die moderne kognitive Verhaltenstherapie um 1960 an Popularität. Der Begriff Kognition (lat. cognoscere: "erkennen") wird im Deutschen mit "Erkenntnis" übersetzt und beschreibt intrapsychische Denkinhalte. Dabei handelt es sich um den Denkvorgang eines Individuums bzw. den mentalen Verarbeitungsprozess bezüglich Wissen, neuen Informationen oder Lerninhalten. Kognitionen umfassen die folgenden Größen und werden durch Emotionen beeinflusst:

  • Bewertungen
  • Gedanken
  • Einstellungen
  • Überzeugungen

Somit sind nicht bestimmte Ereignisse oder Lebenssituationen Ursache einer psychischen Erkrankung, sondern vielmehr fehlerhafte Kognitionen beziehungsweise irrationale Denkweisen. Diese bieten den therapeutischen Ansatzpunkt für die kognitive Verhaltenstherapie.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

Die klassische Indikation für die kognitive Verhaltenstherapie bildet meist die Depression. Weitere Indikationen sind:

  • Angst- und Panikstörungen
  • Enuresis bei Kindern (unwillkürliches Einnässen nach dem 4. Lebensjahr)
  • Essstörungen – z. B. Anorexia nervosa (Magersucht)
  • Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline-Persönlichkeitsstörung)
  • Insomnie (Schlafstörungen)
  • Sexuelle Störungen
  • Spezifische Phobien – z. B. Arachnophobie (Spinnenangst)
  • Somatisierungsstörungen (seelische Störung, die sich in körperlichen (somatischen) Symptomen äußert)
  • Suchterkrankungen – z. B. Alkoholabusus (Alkoholabhängigkeit)
  • Tics bei Kindern (als Tics werden plötzliche, wiederkehrende motorische oder vokale Äußerungen wie z. B. ein Zucken bezeichnet)
  • Training des Sozialverhaltens – z. B. bei behinderten Menschen zur Verbesserung sozialer Funktionen.
  • Zwangsstörungen – z. B. Waschzwang

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) setzt ein Maß an kognitiven Fähigkeiten voraus, sodass kleine Kinder oder Menschen mit schweren kognitiven Defiziten wie z. B. im Rahmen einer Demenz, nicht behandelt werden können. Als Kontraindikation ergibt sich zusätzlich jede Situation, in der ein Patient temporär in seiner kognitiven Fähigkeit eingeschränkt ist, hierzu zählen z. B. akute Psychosen.

Das Verfahren

Die kognitive Verhaltenstherapie geht unter anderem auf die Arbeiten des Psychotherapeuten A. T. Beck zurück, dessen Theorie auf einer Linderung depressiver Symptome durch Veränderung dysfunktionaler Denkschemata basierte. Dabei werden z. B. depressive Patienten angeleitet, Selbstkonzepte im Hinblick auf Selbstabwertung und Gedankenketten hin zu reflektieren und bezüglich ihrer Angemessenheit bzw. Irrationalität zu überprüfen. Anschließend werden zusammen mit dem Patienten Alternativen und neue Denkweisen erarbeitet, um den fehlerhaften Kognitionen entgegenzuwirken. Um dieses Ziel zu erreichen, können verschiedene Techniken angewendet werden:

  • Assertiveness-Training – Im Rahmen eines Selbstsicherheitstrainings werden z. B. mithilfe von Rollenspielen Kompetenzen erlernt, um eine angstbesetzte Situation zu lösen.
  • Gedankenstopp – Diese Technik wird z. B. bei Patienten mit Zwangsstörungen angewendet: Der Patient wird angeleitet sich gegen aufdrängende Zwangsgedanken oder Zwangsimpulse zu wehren, indem er sich selbst laut "Stopp" sagt.
  • Entkatastrophisierung – Aufzeigen von alternativen Verlaufsmöglichkeiten zu dem befürchteten katastrophalen Ausgang einer angstbesetzten Situation.
  • Kognitive Umstrukturierung – Bewusstmachung automatisierter Denkweisen: Ein Patient mit Flugangst wird z. B. auf das vergleichsweise sehr geringe Risiko eines Flugzeugabsturzes hingewiesen.
  • Modelllernen – Lernen von anderen Patienten in der Gruppentherapie.
  • Problemlösungsübungen – Erlernen von Problemlösestrategien.
  • Selbstverbalisierung – Positive Selbstinstruktion durch den Patienten selbst ("Ich kann das schaffen").
  • Reattributierung – Veränderung einer negativen Attributierung, d. h. beispielsweise Umstellung von interner Attribution auf externe Attribution.
    Denkt ein Patient beispielsweise, dass nur sein Fehlverhalten eine Situation verursacht hat, so handelt es sich um eine interne Attribution. Gelingt es den Patienten zu überzeugen, dass auch das Fehlverhalten anderer bzw. äußere Faktoren die Situation verursacht haben (äußere Attribution) kann eine Linderung der Symptome bewirkt werden.

Die Dauer einer kognitiven Verhaltenstherapie variiert mit der Individualität des Patienten. Meist wird die Therapie eine Stunde lang, zu Beginn zweimal, später einmal in der Woche durchgeführt. In der Regel werden zunächst 25 Sitzungen genehmigt, häufig sind Patient in einer psychotherapeutischen Praxis bis zu einem Jahr und länger in Behandlung. Zu Beginn einer Sitzung wird eine konkrete Zielsetzung formuliert, des Weiteren sind sowohl retro- als auch prospektive Sitzungsanteile enthalten. Häufig werden "Hausaufgaben" aufgetragen und in der nächsten Sitzung reflektiert.

Folgende Varianten und Formen der kognitiven Verhaltenstherapie sind zu nennen:

  • Problemlösetherapie
  • Schematherapie – Basis ist die Theorie erlernter Grundschemata, die der Befriedigung seelischer Grundbedürfnisse dienen und so das Verhalten von Menschen steuern.
  • Selbstkontrolltherapie
  • Soziale-Fertigkeiten-Training
  • Verhaltensmodifikation
  • Verhaltenstherapeutische Familientherapie

Mögliche Komplikationen

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie sind in der Regel keine Komplikationen zu erwarten. Ist eine Partnerschaft Thema der Therapie können infolge der kognitiven Verhaltenstherapie Konsequenzen für die Partnerschaft entstehen.

Weitere Hinweise

  • KVT scheint das Auftreten von erneutem selbstverletzenden Verhalten (ist mit Suiziden assoziiert) zu verringern [6].

Literatur

  1. Möller HJ, Laux G, Deister A: Psychiatrie und Psychotherapie; Duale Reihe. Georg Thieme Verlag 2005
  2. Aldenhoff J: Psychiatrische Therapie. Schattauer Verlag 2007
  3. Schramm E: Interpersonelle Psychotherapie. Schattauer Verlag 2010
  4. Bandelow B: Kurzlehrbuch Psychiatrie. Springer Verlag 2013
  5. Batra A, Buchkremer G, Wassmann R: Verhaltenstherapie: Grundlagen – Methoden – Anwendungsgebiete. Georg Thieme Verlag 2012
  6. Hawton K, Witt KG, Salisbury TLT et al.: Psychosocial interventions following self-harm in adults: a systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry 2016 Aug;3(8):740-50. doi: 10.1016/S2215-0366(16)30070-0. Epub 2016 Jul 13.

     
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