Colitis ulcerosa – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Remissionsinduktion (Herbeiführung einer beschwerdefreien Krankheitsphase) und Remissionserhaltung (Erhalt einer beschwerdefreien Krankheitsphase): rasches Erreichen und dauerhafter Erhalt einer steroidfreien klinischen Remission (Beschwerdefreiheit).
- Treat-to-Target: Normalisierung der Stuhlfrequenz, Sistieren rektaler Blutungen (Beendigung von Blutungen aus dem Enddarm) und der Stuhldrangproblematik sowie Kontrolle der objektiv nachweisbaren Entzündungsaktivität.
- Endoskopisches Therapieziel: endoskopische Remission beziehungsweise endoskopische Verbesserung mit einem Mayo-Endoskopie-Subscore von 0 oder 1. Eine histologische Remission ist prognostisch günstig, derzeit jedoch kein eigenständiges, allgemein verbindliches Therapieziel.
- Langfristige Ziele: Vermeidung von Hospitalisierung, Kolektomie (operative Entfernung des Dickdarms), krankheits- und therapiebedingten Komplikationen, kolitisassoziierter Neoplasie (durch die Dickdarmentzündung begünstigte Gewebeneubildung) sowie Wiederherstellung beziehungsweise Erhalt der Lebensqualität [LL1-LL4].
Therapieempfehlungen
- Grundprinzipien:
- Die Therapie richtet sich nach Krankheitsaktivität, Befallsausdehnung, bisherigem Krankheitsverlauf, prognostischen Risikofaktoren, extraintestinalen Manifestationen (Krankheitserscheinungen außerhalb des Darms), Komorbiditäten, vorausgegangenen Therapien, Sicherheitsprofilen und Patientenpräferenz.
- Vor einer Therapieeskalation sollen Adhärenz, korrekte Anwendung rektaler Präparate, Infektionen einschließlich Clostridioides-difficile-Infektion (Darminfektion durch das Bakterium Clostridioides difficile) und Cytomegalievirusinfektion (Infektion mit dem Cytomegalievirus) sowie alternative Ursachen persistierender Beschwerden geprüft werden.
- Systemische Glucocorticoide sind ausschließlich zur Remissionsinduktion bestimmt und dürfen nicht zur Remissionserhaltung eingesetzt werden.
- Thiopurine sind wegen ihres verzögerten Wirkungseintritts nicht zur alleinigen Remissionsinduktion geeignet.
- Bei hoher Krankheitsaktivität, Steroidabhängigkeit (Wiederauftreten der Erkrankung beim Reduzieren der Glucocorticoide), Steroidrefraktärität (unzureichendes Ansprechen auf Glucocorticoide), ausgedehnter Kolitis, tiefen Ulzerationen (Schleimhautgeschwüren), relevanten extraintestinalen Manifestationen oder erhöhtem Hospitalisierungs- beziehungsweise Kolektomierisiko soll frühzeitig eine zielgerichtete Therapie eingesetzt werden. Ein obligates stufenweises Ausschöpfen aller konventionellen Wirkstoffe ist nicht erforderlich [LL1-LL4].
- Leicht bis mäßig aktive Proktitis (Entzündung des Mastdarms):
- Primär Mesalazin rektal, vorzugsweise als Suppositorium mit 1 g einmal täglich.
- Bei unzureichendem Ansprechen Kombination mit oralem Mesalazin oder Einsatz eines rektalen Glucocorticoids.
- Rektales Mesalazin ist rektalen Glucocorticoiden hinsichtlich der Remissionsinduktion im Regelfall überlegen [LL1, LL2, LL4].
- Leicht bis mäßig aktive Linksseitenkolitis (Entzündung der linken Dickdarmhälfte):
- Kombination aus oralem Mesalazin mit mindestens 2,4 g/d und rektalem Mesalazin, vorzugsweise als Klysma oder Schaum.
- Bei unzureichendem Ansprechen trotz optimierter Mesalazintherapie Budesonid MMX oder ein systemisches Glucocorticoid zur Remissionsinduktion [LL1, LL2, LL4].
- Leicht bis mäßig aktive ausgedehnte Colitis ulcerosa (chronisch-entzündliche Erkrankung des Dickdarms):
- Orales Mesalazin mit mindestens 2,4 g/d; bei stärkerer Aktivität oder unzureichendem Ansprechen Dosierung bis 4,8 g/d und zusätzliche rektale Mesalazintherapie.
- Eine einmal tägliche orale Mesalazingabe ist bei geeigneter Formulierung ebenso wirksam wie eine auf mehrere Tagesdosen verteilte Gabe und kann die Adhärenz verbessern.
- Bei unzureichendem Ansprechen auf optimiertes Mesalazin Budesonid MMX 9 mg/d oder systemische Glucocorticoide [LL1, LL2, LL4].
- Mäßig bis schwer aktive Colitis ulcerosa:
- Zur Remissionsinduktion kommen systemische Glucocorticoide, TNF-α-Antikörper, Vedolizumab, Ustekinumab, selektive Interleukin-23p19-Inhibitoren, Januskinase-Inhibitoren oder Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulatoren infrage.
- Die Auswahl soll individuell erfolgen. Zu berücksichtigen sind insbesondere gewünschte Geschwindigkeit des Wirkungseintritts, vorausgegangenes Therapieversagen, Infektions-, Malignom-, kardiovaskuläres und thromboembolisches Risiko, extraintestinale Manifestationen, Schwangerschaftsplanung sowie Applikationspräferenz.
- Bei Anwendung von Infliximab kann die Kombination mit einem Thiopurin die Wirksamkeit verbessern und die Immunogenität vermindern. In der UC-SUCCESS-Studie war die Kombination Infliximab plus Azathioprin den jeweiligen Monotherapien bei der steroidfreien Remission überlegen [3].
- Vedolizumab war in der VARSITY-Studie Adalimumab hinsichtlich klinischer Remission und endoskopischer Verbesserung nach 52 Wochen überlegen [6]. Eine generelle Rangfolge aller verfügbaren Wirkstoffe lässt sich daraus nicht ableiten.
- Bei primärem Nichtansprechen soll in der Regel auf einen anderen Wirkmechanismus gewechselt werden. Bei sekundärem Wirkverlust unter einem TNF-α-Antikörper ist eine reaktive Bestimmung von Wirkstofftalspiegel und Anti-Drug-Antikörpern sinnvoll [LL1, LL3, LL4].
- Steroidabhängige Colitis ulcerosa:
- Eine Steroidabhängigkeit liegt insbesondere vor, wenn die systemische Glucocorticoiddosis innerhalb von drei Monaten nicht unter 10 mg/d Prednisolonäquivalent reduziert werden kann, ohne dass erneut eine Krankheitsaktivität auftritt, oder wenn innerhalb von drei Monaten nach Absetzen ein Rezidiv (Wiederauftreten der Erkrankung) eintritt.
- Es soll eine steroidfreie Erhaltungstherapie mit einem Thiopurin, einem geeigneten Biologikum, einem Januskinase-Inhibitor oder einem Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulator eingeleitet werden.
- Eine wiederholte oder dauerhafte systemische Glucocorticoidtherapie ist keine geeignete Behandlungsstrategie [LL1, LL2].
- Akute schwere Colitis ulcerosa:
- Eine akute schwere Colitis ulcerosa liegt klassisch bei mindestens sechs blutigen Stühlen täglich und mindestens einem Zeichen systemischer Toxizität (schwerer Allgemeinreaktion des Körpers) vor, beispielsweise Temperatur über 37,8 °C, Puls über 90/min, Hämoglobin unter 10,5 g/dl oder Blutsenkungsgeschwindigkeit über 30 mm/h. Sie ist potenziell lebensbedrohlich und erfordert eine unverzügliche stationäre Behandlung.
- Initial intravenöse Glucocorticoidtherapie, Flüssigkeits- und Elektrolytausgleich sowie pharmakologische Thromboembolieprophylaxe (Vorbeugung gegen Blutgerinnsel), sofern keine eindeutige Kontraindikation besteht.
- Eine routinemäßige Antibiotikatherapie wird ohne nachgewiesene oder hochgradig vermutete Infektion, Sepsis (lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf eine Infektion), Perforation (Darmdurchbruch) oder toxisches Megakolon (lebensbedrohliche Erweiterung des Dickdarms) nicht empfohlen.
- Opioide, Anticholinergika und motilitätshemmende Antidiarrhoika sollen wegen des Risikos einer Kolondilatation (Erweiterung des Dickdarms) beziehungsweise eines toxischen Megakolons vermieden werden.
- Das Ansprechen ist spätestens am dritten Behandlungstag objektiv zu beurteilen. Bei unzureichendem Ansprechen Rescue-Therapie (Notfall-Eskalationstherapie) mit Infliximab oder Ciclosporin unter frühzeitiger Einbeziehung eines kolorektalen Chirurgen.
- Für Infliximab und Ciclosporin besteht eine vergleichbare Wirksamkeit als etablierte Rescue-Therapie. Die Auswahl richtet sich nach Kontraindikationen, Vortherapien, Zentrumserfahrung und geplanter Erhaltungstherapie.
- Eine routinemäßige intensivierte Infliximab-Induktion ist nicht für jeden Patienten belegt; sie kann bei hoher inflammatorischer Last, ausgeprägtem enteralem Proteinverlust (Eiweißverlust über den Darm) oder beschleunigter Wirkstoffelimination individualisiert erwogen werden.
- Januskinase-Inhibitoren sind bei akuter schwerer Colitis ulcerosa bislang keine gleichwertig etablierte Standardalternative zu Infliximab oder Ciclosporin. Ein Einsatz als Rescue-Therapie ist ein spezialisiertes Off-Label-Use.
- Bei klinischer Verschlechterung, Perforation, unkontrollierter Blutung, toxischem Megakolon oder fehlendem Ansprechen auf die Rescue-Therapie darf die Kolektomie nicht verzögert werden [LL1, LL2, LL4].
- Remissionserhaltung:
- Nach erfolgreicher Mesalazininduktion soll Mesalazin oral und/oder rektal langfristig fortgeführt werden. Bei isolierter Proktitis ist eine rektale Erhaltungstherapie möglich.
- Bei Mesalazinunverträglichkeit kann Escherichia coli Nissle 1917 zur Remissionserhaltung einer unkomplizierten Colitis ulcerosa erwogen werden; die Evidenz ist schwächer und die Anwendung ersetzt keine notwendige Eskalation bei höherer Krankheitsaktivität.
- Nach erfolgreicher Remissionsinduktion mit einem Biologikum, einem Januskinase-Inhibitor oder einem Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulator soll grundsätzlich derselbe wirksame Therapieansatz zur Erhaltung fortgeführt werden.
- Azathioprin oder Mercaptopurin können insbesondere nach steroidabhängigem Verlauf oder als Erhaltung nach einer Calcineurininhibitor-Induktion eingesetzt werden. Die Therapiedauer ist individuell nach Nutzen, Risiken, Krankheitsverlauf und Patientenpräferenz festzulegen.
- Systemische Glucocorticoide, Budesonid und Ciclosporin sind nicht zur langfristigen Remissionserhaltung geeignet.
- Methotrexat wird weder zur Remissionsinduktion noch zur Remissionserhaltung der Colitis ulcerosa empfohlen [LL1-LL4].
- Kontrollen vor und während einer immunsuppressiven oder immunmodulierenden Therapie:
- Vor Therapiebeginn Überprüfung und gegebenenfalls Vervollständigung des Impfstatus sowie risikoadaptierte Untersuchung auf Tuberkulose, Hepatitis B (virusbedingte Leberentzündung vom Typ B), Hepatitis C (virusbedingte Leberentzündung vom Typ C), humanes Immundefizienzvirus und Varizella-Zoster-Virus.
- Vor Thiopurinen Differentialblutbild, Leberparameter, Nierenfunktion, Thiopurin-S-Methyltransferase-Aktivität beziehungsweise -Genotyp und gegebenenfalls NUDT15-Genotyp; insbesondere bei jungen Patienten zusätzlich Epstein-Barr-Virus-Serologie.
- Unter Mesalazin regelmäßige Kontrolle der Nierenfunktion.
- Unter Thiopurinen, Januskinase-Inhibitoren und Biologika regelmäßige klinische und substanzspezifische Laborkontrollen.
- Vor Januskinase-Inhibitoren zusätzliche Bewertung von kardiovaskulärem Risiko, Malignomrisiko (Risiko für bösartige Tumorerkrankungen), thromboembolischem Risiko und Herpes-zoster-Risiko.
- Vor Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulatoren Differentialblutbild, Leberparameter, Elektrokardiogramm, Blutdruck, Varizella-Zoster-Virus-Immunität sowie bei Risikopatienten ophthalmologische Untersuchung.
- Lebendimpfstoffe sollen während einer relevanten systemischen Immunsuppression nicht verabreicht werden [LL1, B1, FI1-FI13].
- Schwangerschaft und Stillzeit:
- Eine aktive Colitis ulcerosa gefährdet den Schwangerschaftsverlauf stärker als die Mehrzahl der etablierten Erhaltungstherapien. Eine wirksame Therapie soll deshalb nicht unkritisch abgesetzt werden.
- Mesalazin, Glucocorticoide bei entsprechender Indikation und Thiopurine können eingesetzt beziehungsweise bei stabiler Vortherapie fortgeführt werden. Bei Sulfasalazin ist eine ausreichende Folsäurezufuhr erforderlich.
- TNF-α-Antikörper können bei entsprechender Indikation während der Schwangerschaft fortgeführt werden. Auch für Vedolizumab und Ustekinumab liegen zunehmend beruhigende Daten vor; die Entscheidung erfolgt individuell.
- Für selektive Interleukin-23p19-Inhibitoren bestehen geringere Schwangerschaftserfahrungen; eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung ist erforderlich.
- Januskinase-Inhibitoren und Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulatoren sind in der Schwangerschaft kontraindiziert beziehungsweise sollen nicht angewendet werden.
- Methotrexat ist in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert [LL1, FI1-FI13].
- CED-assoziierte Anämie (Blutarmut im Zusammenhang mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung):
- Bei Eisenmangelanämie (Blutarmut durch Eisenmangel) und klinisch inaktiver oder leicht aktiver Erkrankung kann bei Hämoglobin ab 10 g/dl eine orale Eisentherapie versucht werden.
- Bei aktiver Erkrankung, Hämoglobin unter 10 g/dl, Unverträglichkeit, unzureichendem Ansprechen oder notwendiger rascher Auffüllung ist die intravenöse Eisentherapie zu bevorzugen.
- Vitamin B12 und Folat sollen nur bei nachgewiesenem Mangel gezielt substituiert werden. Die Applikationsform richtet sich nach Ursache und Ausmaß des Mangels [LL1].
5-Aminosalicylate
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Mesalazin rektal | Suppositorien erreichen vorwiegend das Rektum; Klysmen erreichen weiter proximal gelegene Kolonabschnitte. Präparateabhängige Fachinformation beachten [LL1, LL2, LL4]. |
| Mesalazin oral | Bei distaler Erkrankung Kombination mit rektalem Mesalazin wirksamer als eine alleinige orale Behandlung [LL1, LL2, LL4]. |
| Sulfasalazin | Wegen häufiger dosisabhängiger Nebenwirkungen gegenüber Mesalazin meist nachrangig; kann bei begleitender peripherer Arthritis (Gelenkentzündung an den Gliedmaßen) erwogen werden. Zusätzliche Folsäurezufuhr insbesondere bei Kinderwunsch oder Schwangerschaft. |
- Wirkweise: lokale antiinflammatorische Wirkung in der Kolonschleimhaut; Mesalazin ist der therapeutisch wirksame 5-Aminosalicylat-Anteil von Sulfasalazin.
- Indikationen: Remissionsinduktion und Remissionserhaltung bei leicht bis mäßig aktiver Colitis ulcerosa.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Salicylate beziehungsweise Sulfasalazin; schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörung gemäß jeweiliger Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Exanthem (Hautausschlag); selten interstitielle Nephritis (Entzündung des Nierenzwischengewebes), Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse), Myokarditis (Herzmuskelentzündung), Perikarditis (Herzbeutelentzündung), Blutbildveränderungen und Hepatotoxizität. Sulfasalazin zusätzlich reversible Oligospermie (verminderte Spermienzahl) und folatantagonistische Wirkung.
Glucocorticoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Budesonid rektal | Bei leicht bis mäßig aktiver distaler Colitis ulcerosa, insbesondere bei unzureichendem Ansprechen oder Unverträglichkeit von rektalem Mesalazin. |
| Budesonid MMX | Zur Remissionsinduktion bei leicht bis mäßig aktiver Colitis ulcerosa nach unzureichendem Ansprechen auf optimiertes Mesalazin; nicht zur langfristigen Erhaltungstherapie. |
| Prednisolon beziehungsweise Prednison | Zur Remissionsinduktion bei mäßig bis schwer aktiver Erkrankung. Zu niedrige Ausgangsdosen und zu rasche Reduktion erhöhen das Risiko eines unzureichenden Ansprechens beziehungsweise frühen Rezidivs. |
| Methylprednisolon beziehungsweise Hydrocortison | Stationäre Initialtherapie der akuten schweren Colitis ulcerosa; objektive Beurteilung des Ansprechens spätestens am dritten Behandlungstag [LL1, LL2, LL4]. |
- Wirkweise: breit antiinflammatorisch und immunsuppressiv.
- Indikationen: zeitlich begrenzte Remissionsinduktion; intravenöse Therapie bei akuter schwerer Colitis ulcerosa.
- Kontraindikationen: unbehandelte systemische Infektion; weitere substanz- und situationsabhängige Kontraindikationen.
- Nebenwirkungen: Infektionen, Hyperglykämie (erhöhter Blutzuckerspiegel), arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Osteoporose (Knochenschwund), Myopathie (Muskelerkrankung), psychiatrische Symptome, Katarakt (Grauer Star), Glaukom (Grüner Star), Wundheilungsstörungen, gastrointestinale Komplikationen und Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse.
Thiopurine und Calcineurininhibitoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Azathioprin | Nicht zur alleinigen Remissionsinduktion; Wirkungseintritt häufig erst nach 8-12 Wochen. Vor Therapiebeginn Thiopurin-S-Methyltransferase- und gegebenenfalls NUDT15-Diagnostik. |
| Mercaptopurin | Alternative zu Azathioprin; nicht zur alleinigen Remissionsinduktion. |
| Ciclosporin | Kurzfristige Rescue- beziehungsweise Brückentherapie in erfahrenen Zentren; frühzeitige Planung einer geeigneten Erhaltungstherapie. Keine langfristige Remissionserhaltung. |
- Wirkweise: Thiopurine hemmen die Purinsynthese und Lymphozytenproliferation; Ciclosporin hemmt Calcineurin und damit die T-Zell-Aktivierung.
- Indikationen: Thiopurine zur steroidfreien Remissionserhaltung; Ciclosporin als Rescue-Therapie der akuten schweren steroidrefraktären Colitis ulcerosa.
- Kontraindikationen: schwere aktive Infektion, relevante Knochenmarkdepression beziehungsweise substanzspezifische Organfunktionsstörung; Ciclosporin unter anderem bei unkontrollierter Hypertonie oder erheblicher Nierenfunktionsstörung.
- Nebenwirkungen: Thiopurine mit Myelosuppression (Unterdrückung der Blutbildung), Infektionen, Pankreatitis, Hepatotoxizität, Übelkeit sowie erhöhtem Risiko für lymphoproliferative Erkrankungen (Erkrankungen mit krankhafter Vermehrung bestimmter Abwehrzellen) und nichtmelanozytären Hautkrebs (hellen Hautkrebs); Ciclosporin mit Nephrotoxizität, Neurotoxizität, Hypertonie, Elektrolytstörungen, Infektionen und erhöhtem Malignomrisiko.
Biologika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Infliximab | TNF-α-Antikörper; auch etablierte Rescue-Therapie bei akuter schwerer steroidrefraktärer Colitis ulcerosa. Kombination mit Azathioprin kann Wirksamkeit erhöhen und Immunogenität vermindern [3, FI1]. |
| Adalimumab | TNF-α-Antikörper; bei sekundärem Wirkverlust nach Ausschluss anderer Ursachen gegebenenfalls dosisoptimierbar [FI2]. |
| Golimumab | TNF-α-Antikörper zur Behandlung der mittelschweren bis schweren aktiven Colitis ulcerosa [FI3]. |
| Vedolizumab | Darmselektiver α4β7-Integrin-Antagonist. Vedolizumab war Adalimumab in der VARSITY-Studie hinsichtlich klinischer Remission und endoskopischer Verbesserung überlegen [6, FI4]. |
| Ustekinumab | Interleukin-12/23p40-Antikörper [FI5]. |
| Mirikizumab | Selektiver Interleukin-23p19-Inhibitor. Wirksamkeit für Induktion und Erhaltung in den LUCENT-Studien nachgewiesen [7, FI6]. |
| Risankizumab | Selektiver Interleukin-23p19-Inhibitor; für Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa zugelassen [9, FI7]. |
| Guselkumab | Selektiver Interleukin-23p19-Inhibitor; zugelassene Dosierung und mögliche alternative Induktionsschemata gemäß aktueller Fachinformation beachten [FI8]. |
- Wirkweise: gezielte Hemmung von TNF-α, α4β7-Integrin, Interleukin-12/23p40 oder Interleukin-23p19.
- Indikationen: Remissionsinduktion und Remissionserhaltung bei mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa; Infliximab zusätzlich als etablierte Rescue-Therapie der akuten schweren steroidrefraktären Colitis ulcerosa.
- Kontraindikationen: klinisch relevante aktive Infektionen; bei TNF-α-Antikörpern zusätzlich unter anderem mäßige bis schwere Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und aktive Tuberkulose gemäß Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Infektionen, Infusions- beziehungsweise Injektionsreaktionen und Überempfindlichkeitsreaktionen; substanzspezifisch unter anderem Hepatotoxizität, paradoxe psoriasiforme Hautveränderungen, selten demyelinisierende Erkrankungen (Erkrankungen mit Schädigung der Nervenisolierung), lupusähnliche Symptome und Malignome. Unter Kombination eines TNF-α-Antikörpers mit Thiopurinen ist das Lymphomrisiko (Risiko für Lymphdrüsenkrebs) besonders zu berücksichtigen [4, FI1-FI8].
Januskinase-Inhibitoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Filgotinib | Präferenzieller Januskinase-1-Inhibitor; zur Behandlung erwachsener Patienten mit mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa [FI10]. |
| Tofacitinib | Eine Erhaltung mit 10 mg 2-mal täglich nur in sorgfältig ausgewählten Fällen, wenn keine geeignete Alternative besteht, und für die kürzest mögliche Dauer [FI9]. |
| Upadacitinib | Die niedrigste wirksame Erhaltungsdosis verwenden; 15 mg insbesondere bei erhöhtem Nebenwirkungsrisiko [FI11]. |
- Wirkweise: reversible Hemmung intrazellulärer Januskinasen mit rascher Unterbrechung proinflammatorischer Zytokinsignale.
- Indikationen: Remissionsinduktion und Remissionserhaltung bei mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa nach unzureichendem Ansprechen, Wirkverlust oder Unverträglichkeit vorausgegangener Therapien.
- Kontraindikationen: aktive Tuberkulose oder andere schwere aktive Infektion, Schwangerschaft und Stillzeit sowie substanzspezifische Organfunktionsstörungen. Keine Kombination mit Biologika oder anderen potenten Immunsuppressiva.
- Nebenwirkungen: schwere und opportunistische Infektionen, insbesondere Herpes zoster (Gürtelrose), Blutbildveränderungen, Transaminasenanstieg, Lipidanstieg, venöse Thromboembolien (Blutgerinnsel in tiefen Venen oder der Lunge), schwerwiegende kardiovaskuläre Ereignisse und Malignome. Bei Patienten ab 65 Jahren, aktuellen oder ehemaligen Langzeitrauchern sowie Patienten mit erhöhtem kardiovaskulärem oder Malignomrisiko nur anwenden, wenn keine geeignete Alternative verfügbar ist; bei weiteren Risikofaktoren für venöse Thromboembolien besondere Vorsicht [B1, FI9-FI11].
Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptormodulatoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Ozanimod | Stufenweise Aufdosierung zur Verminderung kardialer Erstdosiseffekte; relevante Arzneimittelinteraktionen und kardiale Kontraindikationen beachten [FI12]. |
| Etrasimod | Für Patienten ab 16 Jahren mit mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa zugelassen. Wirksamkeit in den ELEVATE-Studien nachgewiesen [8, FI13]. |
- Wirkweise: funktionelle Modulation von Sphingosin-1-Phosphat-Rezeptoren mit reversibler Sequestrierung von Lymphozyten in lymphatischen Organen.
- Indikationen: Remissionsinduktion und Remissionserhaltung bei mittelschwerer bis schwerer aktiver Colitis ulcerosa.
- Kontraindikationen: schwere aktive Infektion, Schwangerschaft, bestimmte höhergradige kardiale Erregungsleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Reizleitung im Herzen) sowie kürzlich aufgetretene schwerwiegende kardiovaskuläre oder zerebrovaskuläre Erkrankungen gemäß Fachinformation. Keine Kombination mit Biologika oder anderen potenten Immunsuppressiva.
- Nebenwirkungen: Lymphopenie, Infektionen, Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), atrioventrikuläre Überleitungsstörungen, arterielle Hypertonie, Transaminasenanstieg, Makulaödem (Flüssigkeitsansammlung an der Netzhautmitte) und Beeinträchtigung der Lungenfunktion [FI12, FI13].
Weitere Hinweise
- Mesalazinadhärenz: Eine unzureichende Adhärenz ist eine häufige Ursache vermeintlichen Therapieversagens und erhöht das Rezidivrisiko.
- Therapiedeeskalation: Das Absetzen einer wirksamen Biologikatherapie soll nur nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung bei stabiler steroidfreier klinischer, biomarkerbezogener und möglichst endoskopischer Remission erfolgen. Nach Absetzen eines TNF-α-Antikörpers ist mit einem relevanten Rezidivrisiko zu rechnen; eine erneute Behandlung mit demselben Wirkstoff kann wirksam sein [5].
- Biosimilars: Zugelassene Biosimilars von Infliximab und Adalimumab können bei entsprechender Indikation eingesetzt werden. Ein medizinisch überwachter Wechsel vom Referenzpräparat auf ein zugelassenes Biosimilar ist grundsätzlich möglich.
- Therapeutisches Drug-Monitoring: Bei sekundärem Wirkverlust unter TNF-α-Antikörpern sollen Wirkstofftalspiegel und Anti-Drug-Antikörper zur Unterscheidung pharmakokinetischen Versagens, Immunogenität und mechanistischen Versagens herangezogen werden.
- Operative Therapie: Eine Kolektomie ist keine therapeutische Niederlage, sondern bei refraktärer Erkrankung (gegen die Behandlung widerstandsfähige Erkrankung), Dysplasie (Zellveränderung mit Krebsrisiko) beziehungsweise Karzinom (Krebserkrankung), unkontrollierter Blutung, Perforation oder toxischem Megakolon eine potenziell kurative und gegebenenfalls lebensrettende Therapieoption.
Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für die Darmgesundheit sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3, K, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
- Mineralstoffe (Calcium, Chlorid, Kalium, Magnesium, Natrium, Phosphor)
- Spurenelemente (Chrom, Eisen, Fluorid, Jod, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
- Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Alpha-Linolensäure (ALA), Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA); Omega-6-Fettsäure: Linolsäure, Gamma-Linolenäure (GLA))
- Weitere Vitalstoffe (Probiotika wie E. coli Nissle, Laktobazillen, Bifidobakterien u. a. [2], Fruchtsäuren – Citrat (gebunden in Magnesium-, Kalium- und Calciumcitrat))
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
Abkürzungsverzeichnis
- ACG: American College of Gastroenterology
- AGA: American Gastroenterological Association
- ALA: Alpha-Linolensäure
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- B: behördliche und regulatorische Quelle
- CED: chronisch-entzündliche Darmerkrankung
- DHA: Docosahexaensäure
- ECCO: European Crohn’s and Colitis Organisation
- EMA: European Medicines Agency
- EPA: Eicosapentaensäure
- et al.: et alii beziehungsweise et aliae
- FI: Fachinformation
- GLA: Gamma-Linolensäure
- i.v.: intravenös
- KBE: koloniebildende Einheiten
- KG: Körpergewicht
- LL: Leitlinie
- MMX: Multi-Matrix-System
- NUDT15: Nudix-Hydrolase 15
- p.o.: per os
- s.c.: subkutan
- TNF-α: Tumornekrosefaktor alpha
- UC: Ulcerative Colitis
Literatur
- Greenfield SM, Green AT, Teare JP, Jenkins AP, Punchard NA, Ainley CC, Thompson RP. A randomized controlled study of evening primrose oil and fish oil in ulcerative colitis. Aliment Pharmacol Ther. 1993;7(2):159-166. doi:10.1111/j.1365-2036.1993.tb00080.x
- Furrie E, Macfarlane S, Kennedy A, Cummings JH, Walsh SV, O’Neil DA, Macfarlane GT. Synbiotic therapy (Bifidobacterium longum/Synergy 1) initiates resolution of inflammation in patients with active ulcerative colitis: a randomised controlled pilot trial. Gut. 2005;54(2):242-249. doi:10.1136/gut.2004.044834
- Panaccione R, Ghosh S, Middleton S, Márquez JR, Scott BB, Flint L et al.: Combination therapy with infliximab and azathioprine is superior to monotherapy with either agent in ulcerative colitis. Gastroenterology. 2014;146(2):392-400.e3. doi:10.1053/j.gastro.2013.10.052
- Andersen NN, Jess T. Risk of infections associated with biological treatment in inflammatory bowel disease. World J Gastroenterol. 2014;20(43):16014-16019. doi:10.3748/wjg.v20.i43.16014
- Casanova MJ, Chaparro M, Mínguez M, Ricart E, Taxonera C, García-López S et al.: Effectiveness and safety of the intensification of adalimumab treatment in inflammatory bowel disease: a multicenter study. Inflamm Bowel Dis. 2015;21(11):2521-2529. doi:10.1097/MIB.0000000000000516
- Sands BE, Peyrin-Biroulet L, Loftus EV Jr, Danese S, Colombel JF, Törüner M et al.: Vedolizumab versus adalimumab for moderate-to-severe ulcerative colitis. N Engl J Med. 2019;381(13):1215-1226. doi:10.1056/NEJMoa1905725
- D’Haens G, Dubinsky M, Kobayashi T, Irving PM, Howaldt S, Pokrotnieks J et al.: Mirikizumab as induction and maintenance therapy for ulcerative colitis. N Engl J Med. 2023;388(26):2444-2455. doi:10.1056/NEJMoa2207940
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S3-Leitlinie: Aktualisierte S3-Leitlinie Colitis ulcerosa. (AWMF-Registernummer: 021-009), November 2025 Langfassung [LL1]
- Raine T, Bonovas S, Burisch J, Kucharzik T, Adamina M, Annese V et al.: ECCO Guidelines on Therapeutics in Ulcerative Colitis: Medical Treatment. J Crohns Colitis. 2022;16(1):2-17. doi:10.1093/ecco-jcc/jjab178 [LL2]
- Singh S, Loftus EV Jr, Limketkai BN, Farraye FA, Sandborn WJ. AGA Living Clinical Practice Guideline on Pharmacological Management of Moderate-to-Severe Ulcerative Colitis. Gastroenterology. 2024;167(7):1307-1343. doi:10.1053/j.gastro.2024.10.001 [LL3]
- Rubin DT, Ananthakrishnan AN, Siegel CA, Barnes EL, Long MD. ACG Clinical Guideline Update: Ulcerative Colitis in Adults. Am J Gastroenterol. 2025;120(6):1187-1224. doi:10.14309/ajg.0000000000003463 [LL4]
Behördliche und regulatorische Quellen
- European Medicines Agency. EMA confirms measures to minimise risk of serious side effects with Janus kinase inhibitors for chronic inflammatory disorders. 11. Januar 2023. Mitteilung der EMA [B1]
Fachinformationen
- European Medicines Agency. Remicade – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI1]
- European Medicines Agency. Humira – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI2]
- European Medicines Agency. Simponi – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI3]
- European Medicines Agency. Entyvio – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI4]
- European Medicines Agency. Stelara – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI5]
- European Medicines Agency. Omvoh – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI6]
- European Medicines Agency. Skyrizi – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI7]
- European Medicines Agency. Tremfya – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI8]
- European Medicines Agency. Xeljanz – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI9]
- European Medicines Agency. Jyseleca – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI10]
- European Medicines Agency. Rinvoq – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI11]
- European Medicines Agency. Zeposia – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI12]
- European Medicines Agency. Velsipity – European Public Assessment Report und Produktinformation. Fachinformation [FI13]