Ursachen
Fehlgeburt (Abort)

Pathogenese (Krankheitsentstehung)

Beim Abort liegt ein multifaktorielles Geschehen vor. Dabei kann man mehrere Faktoren unterscheiden, wie maternale (mütterliche), genitale und extragenitale Faktoren sowie immunologische, fetoplazentare oder andrologische (durch den Mann bedingte) Faktoren.

Bei 50-70 % aller Spontanaborte liegen chromosomale Störungen des Embryos beziehungsweise Feten vor. Die häufigsten Chromosomenstörungen im Abortgewebe sind mit 60-70 % Trisomien.

Eine weitere häufige Ursache von Spontanaborten ist das Windei (Synonyme: Windmole oder Abortivei): fehlentwickeltes Ei ohne Embryoanlage (Trophoblast (Zellschicht im Mutterleib, die für die Versorgung des Embryos unerlässlich ist) bedingt entwicklungsfähig, Embryoblast geht frühzeitig zugrunde)

Je früher ein Abort eintritt, desto wahrscheinlicher ist das Vorliegen einer embryonalen Chromosomenaberration [14].

Man unterscheidet verschiedene Stadien des Abortes:

  • Abortus imminens (drohender Abort)
  • Abortus incipiens (beginnender Abort)
  • Abortus incompletus (unvollständiger Abort)
  • Abortus completus (vollständiger Abort)

Daneben gibt es noch den Missed abortion (verhaltener Abrot; Fehlgeburt, bei der die Fruchtanlage abgestorben ist, aber nicht spontan aus dem Uterus (Gebärmutter) ausgestoßen wird), Abortus febrilis (fiebrige Fehlgeburt) und den Abortus habitualis (habitueller Abort; drei oder mehr durch einen Arzt diagnostizierte Fehlgeburten).

Ätiologie (Ursachen)

Biographische Ursachen

  • Genetische Anomalien – "Fehler" auf den Chromosomen wie beispielsweise bei der Trisomie, wo ein Chromosom dreimal anstatt normalerweise zweimal vorhanden ist
    Hinweis: Mit steigender Zahl der Aborte sinkt der Anteil an chromosomal abnormen Feten.
    • ca. 4-5 % der Paare mit 2 oder mehr Aborten weisen eine balancierte Chromosomenstörung (Translokation, Inversion) bei einem Partner auf 
    • Angeborene thrombophile Faktoren (Thromboseneigung) als Ursache habitueller Aborte (rezidivierende Spontanaborte, RSA):
      • Faktor-V-Leiden(FVL)-Mutation
      • Prothrombin(PT)-G20210A-Mutation
      • Protein-S-Mangel
  • Anomalien des Genitales der Frau wie beispielsweise Uterusanomalien (Fehlbildungen der Gebärmutter):
    • Uterus arcuatus (lat. arcuatus „gebogen“) – geringste Ausprägung des Uterus septus (s. u.)
    • Uterus bicornis (partielle Verschmelzung der Müller-Gänge): Dieses bedingt eine gemeinsame Cervix (Gebärmutterhals) mit in unterschiedlichem Maß getrennten Uterushörnern. Schwangere müssen mit hohen Raten für Frühaborte, Frühgeburten und Beckenendlage (BEL).
    • Uterus didelphys (fehlende Verschmelzung der beiden Müller-Gänge): Dieses bedingt eine Duplizität von Corpus uteri (Gebärmutterkörper) und Cervix uteri. Im Falle einer Schwangerschaft ist  mit einem erhöhten Risiko für Lageanomalien und Frühgeburten zu rechnen.
    • Uterus septus (vollständige Fusion der Müller-Gänge mit unvollständiger Resorption des mittleren Septums, welches zu einer variierenden Länge und Form des Septums (Scheidewand) führt; häufigste uterine Fehlbildung): Dadurch entsteht ein äußerlich normalgeformter Uterus mit einem äußerlich breit ausgeladenen glatten Fundus (breite Teil der Gebärmutter, der zwischen den Eileiteröffnungen liegt) mit sagittalem medianem Septum. Nach der Länge des Septums sind drei Formen zu unterscheiden:
      • Uterus subseptus (Septum reicht ins Cavum/Gebärmutterhöhle) [erhöhte Wahrscheinlichkeit von Aborten]
      • Uterus septus (Septum reicht bis an die Cervix)
      • Uterus septus completus (Septum reicht bis in die Cervix hinein)
    • Uterus unicornis (Fehlentwicklung in einem Müller-Gang): Dadurch kann ein rudimentäres Horn vorhanden sein. Im Falle einer Implantation in diesem Horn ist die Wahrscheinlichkeit für eine gestörte Schwangerschaft oder eine Tubargravidität (Tubaria; Eileiterschwangerschaft) sehr hoch.
  • Veränderungen/ Anomalien der Spermien (Samenzellen)
  • Lebensalter – höheres Alter der Frau; ab einem Alter von 40 Jahren nimmt die Häufigkeit von Chromosomenstörungen um mehr als das Zehnfache zu
  • Berufe – Berufsgruppen mit beruflichem Kontakt mit Karzinogenen; Flugbegleiterinnen [16]

Verhaltensbedingte Ursachen

  • Ernährung
    • Mikronährstoffmangel (Vitalstoffe) – siehe Prävention mit Mikronährstoffen
  • Genussmittelkonsum
    • Kaffee – Frauen, die 200 mg (das entspricht einer Tasse Kaffee) oder mehr Koffein pro Tag während der Schwangerschaft zu sich nahmen, hatten ein zweimal so hohes Risiko für eine Fehlgeburt (Abort) wie Frauen, die kein Koffein konsumierten [7].
    • Alkohol 
    • Tabak (Rauchen) [2, 3]
  • Körperlich Aktivität
    • Zu viel Sport zu Beginn der Gravidität – Schwangere Frauen, die mehr als sieben Stunden pro Woche Sport treiben, haben ein dreieinhalbfach höheres Risiko, ihr Kind zu verlieren, als Frauen, die körperliche Anstrengungen vermeiden; am gefährlichsten sind folgende Sportarten: Jogging, Ballsport oder Tennis; Schwimmen ist unbedenklich; nach der 18. Schwangerschaftswoche war kein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten mehr nachweisbar [1]
    • Regelmäßiges Heben von mehr als 20 kg schweren Gegenständen
  • Psycho-soziale Situation
    • Stress
    • Schichtarbeit vor der Schwangerschaft
  • Übergewicht (BMI ≥ 25; Adipositas) – Risikofaktor für Totgeburt und Säuglingssterblichkeit; Anstieg des Risikos für eine Totgeburt bei Body-Mass-Index (BMI)-Anstieg der Frau zwischen den Schwangerschaften [12]: 
    • 2 bis 4 kg/m2 erhöhte das Risiko um 38 %
    • ≥ 4 kg/m2 erhöhte das Risiko um 55 %

Krankheitsbedingte Ursachen

  • Anämie (Blutarmut)
  • Autoimmunologische Erkrankungen: Hashimoto-Thyreoiditis (Autoimmunerkrankung, die zu einer chronischen Entzündung der Schilddrüse führt) und Antiphospholipidsyndrom
  • Chronische Endometritis (Gebärmutterschleimhautentzündung; bei Patienten mit wiederholten Spontanaborten)
  • Endokrine Störungen wie Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion), Hypothyreose (Schilddrüsenunterfunktion)
  • Hormonelle Störungen wie beispielsweise
    • Corpus-luteum-Insuffizienz (unzureichende Produktion des Gelbkörper-Hormons, welches die Aufgabe hat die Schwangerschaft aufrecht zu erhalten),
    • Schilddrüsendysfunktionen (insb. latente Hypothyreose/Schilddrüsenunterfunktion)/manifeste Hyper- und Hypothyreose sowie
    • metabolische Störungen, die mit Adipositas, polyzystischem Ovarialsyndrom (PCO-Syndrom), Insulinresistenz und Hyperandrogenämie assoziiert sind
  • Immunologische Störungen
  • Infektionen vor allem mit den Erregern Chlamydia trachomatis, Toxoplasma gondii, Cytomegalie-, Herpes-, Varizella Zoster-, Masern-, Röteln-Virus u. a.
  • Konsumierende Erkrankungen – zehrende Erkrankungen wie beispielsweise Krebs oder Tuberkulose
  • Myome/gutartige Neubildung der Frau, die von der Muskulatur (Myom) des Uterus (Gebärmutter) ausgeht (submuköse Myome)
  • Trauma (Verletzungen)
  • Thrombophilie – genetisch bedingte oder erworbene Neigung zur Thrombose

Labordiagnosen – Laborparameter, die als unabhängige Risikofaktoren gelten

  • Hyperhomocysteinämie (Homocystein > 12 mmol/l) [4] erhöhte Homocysteinwerte gehen mit einer erhöhten Fehlgeburtenrate (rezidivierende Aborte) einher
  • Vitamin B12-Mangel (Vitamin B12 < 200 ng/l bzw. 147,6 pmol/l) [5]
  • Folsäuremangel (Folsäure < 2 ng/ml) [6]
  • Lipoprotein (a) erhöhte Lipoprotein (a)-Werte sind ein unabhängiger Risikofaktor für Fehlgeburten [8]

Medikamente

  • Antibiotika in der Frühschwangerschaft [15]
    • Azithromycin (Makrolid-Antibiotikum): adjustierte Odds Ratio 1,65 (95-%-Konfidenzintervall von 1,34 bis 2,02 auf der Basis von 110 exponierten Fällen signifikant)
    • Clarithromycin (Makrolid-Antibiotikum): adjustierte Odds Ratio  2,35 (1,90-2,91, 111 exponierte Fälle)
    • Chinolone (adjustierte Odds Ratio 2,72; 2,27-3,27; 160 exponierte Fälle) 
    • Metronidazol: adjustierte Odds Ratio 1,70 (1,27-2,26; 53 exponierte Fälle)
    • Sulfonamide: adjustierte Odds Ratio 2,01 (1,36-2,97; 30 exponierte Fälle)
    • Tetracycline (adjustierte Odds Ratio 2,59 (1,97-3,41; 67 exponierte Fälle)
  • Weitere Antibiotika: Aminoglykoside, Lincosamide 
  • Fluconazol (Antimykotikum aus der Gruppe der Triazolderivate), oral
    • Reproduktionstoxizität (48 % ↑) [13]
    • einmalige Dosis von 150 mg Fluconazol ersten Schwangerschaftstrimester (Schwangerschaftsdrittel) zeigte eine adjustierte Odds Ratio für Fehlgeburten von 2,23 (95-%-Konfidenzintervall 1,96-2,54 [17]
  • Nicht-steroidale Entzündungshemmer (nonsteroidal antiinflammatory drugs; NSAID), Acetylsalicylsäure (ASS) ausgenommen, verdoppeln das Abortrisiko; das Risiko war am größten bei Diclofenac, gefolgt von Naproxen, Celecoxib, Ibuprofen und Rofecoxib [9]; andere Autoren kommen zu einem gegenteiligen Ergebnis; außer bei Indometacin, dessen Einnahme mit einem erhöhten Risiko für Spontanaborte einhergeht [11]
  • Impfungen mit Lebendimpfstoffen wie gegen Masern, Mumps, Röteln, Gelbfieber, Varizellen – Windpocken – sollten in der Schwangerschaft nicht durchgeführt werden
  • Zytostatika – Medikamente wie beispielsweise Cyclophosphamid oder Methotrexat zur Bekämpfung von Krebserkrankungen können durch ihre Teratogenität – fruchtschädigende Wirkung – zu Aborten führen

Röntgenstrahlen

  • Bestrahlung bei Tumorerkrankungen
  • Röntgenstrahlen in der Diagnostik

Umweltbelastung – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Beruflicher Kontakt mit Karzinogenen
  • Luftschadstoffe – Schwefeldioxid (SO2)-Gehalt korreliert mit der Zahl der verhaltenen Aborte (engl. missed abortion) [18]
  • Phthalate (vor allem als Weichmacher für Weich-PVC) [10]
    Hinweis: Phthalate gehören zu den endokrinen Disruptoren (Synonym: Xenohormone), die bereits in geringsten Mengen durch Veränderung des Hormonsystems die Gesundheit schädigen können.

Weitere Ursachen

  • Invasive Pränataldiagnostik – vorgeburtliche Diagnostik auf mögliche Erkrankungen des Kindes im Mutterleib mittels Amniozentese (Fruchtwasserpunktion), Chorionzottenbiopsie oder Nabelschnurpunktion

Literatur

  1. Madsen M, Jørgensen T, Jensen ML, Juhl M, Olsen J, Andersen PK, Nybo Andersen AM: Leisure time physical exercise during pregnancy and the risk of miscarriage: a study within the Danish National Birth Cohort. BJOG. 2007 Nov;114(11):1419-26. Epub 2007 Sep 17.
  2. Deutsches Krebsforschungszentrum, Tabakatlas Deutschland 2015. Heidelberg, Tabakkonsum und gesundheitliche Folgen: 3.2 Folgen des Rauchens in der Schwangerschaft S. 28-30
  3. Secretan B, Straif K, Baan R et al.: A review of human carcinogens – Part E: tobacco, areca nut, alcohol, coal smoke, and salted fish. Lancet Oncol. 2009 Nov;10(11):1033-4.
  4. Nelen WL, Blom HJ, Steegers EA, den Heijer M, Eskes TK, Hyperhomocysteinemia and recurrent early pregnancy loss: a meta-analysis, Fertility and Sterility 74, no. 6 (Dezember 2000): 1196-1199.
  5. Hübner U, Alwan A, Journa M, Tabbaa M, Schorr H, Herrmann W.: Low serum vitamin B12 is associated with recurrent pregnancy loss in Syrian women, Clinical Chemistry and Laboratory Medicine: CCLM / FESCC 46, no. 9 (2008): 1265-1269. doi: 10.1515/CCLM.2008.247.
  6. George L, Mills JL, Johansson AL, Nordmark A, Olander B, Granath F, Cnattingius S: Plasma folate levels and risk of spontaneous abortion, JAMA: The Journal of the American Medical Association 288, no. 15 (Oktober 16, 2002): 1867-1873.
  7. Weng X, Odouli R, Li D. Maternal caffeine consumption during pregnancy and the risk of miscarriage: a prospective cohort study. Am. J. Obstet. Gynecol 2008 März;198(3):279.e1-8.
  8. Krause M, Sonntag B, Klamroth R, Heinecke A, Scholz C, Langer C, Scharrer I, Greb RR, von Eckardstein A, Nowak-Göttl U. Lipoprotein (a) and other prothrombotic risk factors in Caucasian women with unexplained recurrent miscarriage. Results of a multicentre case-control study. Thromb. Haemost 2005 Mai;93(5):867-871
  9. Nakhai-Pour HR, Broy P, Sheehy O, Bérard A: Use of nonaspirin nonsteroidal anti-inflammatory drugs during pregnancy and the risk of spontaneous abortion
    CMAJ September 6, 2011 First published September 6, 2011, doi: 10.1503/cmaj.110454
  10. Ferguson KK, McElrath TF, Meeker JD.: Environmental Phthalate Exposure and Preterm Birth JAMA Pediatr. Published online November 18, 2013. doi:10.1001/jamapediatrics.2013.3699
  11. Daniel S et al.: Fetal exposure to nonsteroidal anti-inflammatory drugs and spontaneous abortions. CMAJ February 3, 2014 First published February 3, 2014, doi: 10.1503/cmaj.130605 Original Articles
  12. Cnattingius S et al.: Weight change between successive pregnancies and risks of stillbirth and infant mortality: a nationwide cohort study. doi.org/10.1016/S0140-6736(15)00990-3
  13. Mølgaard-Nielsen D et al.: Association Between Use of Oral Fluconazole During Pregnancy and Risk of Spontaneous Abortion and Stillbirth. JAMA. 2016;315(1):58-67. doi:10.1001/jama.2015.17844
  14. Goddijn M, Leschot NJ: Genetic aspects of miscarriage. Baillieres Best Pract Res Clin Obstet Gynaecol. 2000 Oct;14(5):855-65. doi: 10.1053/beog.2000.0124
  15. Muanda FT et al.: Use of antibiotics during pregnancy and risk of spontaneous abortion. CMAJ May 1, 2017 vol. 189 no. 17 doi: 10.1503/cmaj.161020
  16. Heidecker et al.: The High Prevalence and Clinical/Socio-demographic Correlates of Miscarriages among Flight Attendants, American Journal of Medicine, 2017 online 22. May; doi: 10.1016/j.amjmed.2017.05.032
  17. Bérard A et al.: Associations between low- and high-dose oral fluconazole and pregnancy outcomes: 3 nested case–control studies. CMAJ February 19, 2019 191 (7) E179-E187; doi: https://doi.org/10.1503/cmaj.180963
  18. Zhang L et al.: Air pollution-induced missed abortion risk for pregnancies Nature Sustainability 14 October 2019
     
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