Kniearthrose (Gonarthrose) – Phytotherapeutika

Pflanzliche Antirheumatika

Phytotherapeutika (pflanzliche Arzneimittel) können bei Gonarthrose (Kniegelenkverschleiß) im Rahmen einer individuellen unterstützenden symptomatischen Therapie (Behandlung der Beschwerden) erwogen werden. Die klinische Evidenz (wissenschaftliche Beweislage) ist jedoch stark präparate- und formulierungsspezifisch und insgesamt heterogen. Die aktuelle S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Gonarthrose enthält keine spezifische Empfehlung zur oralen Phytotherapie; das in der Vorgängerversion enthaltene Kapitel „Phytotherapie oral“ wurde beim S3-Upgrade entfernt [LL1].

  • Curcuma longa/Curcuminoide – aktuelle systematische Reviews und Netzwerk-Metaanalysen randomisierter kontrollierter Studien zeigen für verschiedene Curcuma- bzw. Curcuminpräparate Hinweise auf eine Reduktion von Schmerzen und eine Verbesserung der Gelenkfunktion bei Gonarthrose. Die Ergebnisse unterscheiden sich jedoch erheblich zwischen den verwendeten Extrakten und Formulierungen; insbesondere Veränderungen der Bioverfügbarkeit (Verfügbarkeit eines Wirkstoffs im Körper) erschweren die Übertragbarkeit zwischen einzelnen Präparaten [1, 2]. Eine allgemeingültige evidenzbasierte Standarddosierung kann daher nicht angegeben werden.
  • Boswellia-serrata-Extrakte (Weihrauch) – für standardisierte Boswellia-Extrakte bestehen Hinweise auf eine symptomatische Wirksamkeit bei Gonarthrose. In einer Metaanalyse von 2024 war der Gesamteffekt aufgrund ausgeprägter Heterogenität für WOMAC- und VAS-Endpunkte nicht statistisch signifikant; in der Placebo-Subgruppenanalyse zeigte sich dagegen ein signifikanter Vorteil [3]. Eine Netzwerk-Metaanalyse von 2026 ergab insbesondere für modifizierte Boswellia-Formulierungen Hinweise auf Verbesserungen von Schmerz, Steifigkeit und Funktion [2]. Die Evidenz ist somit positiv, aber präparateabhängig und noch nicht ausreichend für eine allgemeingültige Dosierungsempfehlung [2, 3].
  • Hagebuttenpulver (Rosa canina) – randomisierte kontrollierte Studien und eine Metaanalyse zeigen einen kleinen bis moderaten kurzfristigen analgetischen (schmerzlindernden) Effekt bei Arthrose (Gelenkverschleiß) [4, 5]. Die Datenbasis ist jedoch begrenzt; die untersuchten Kollektive waren relativ klein und bei den wesentlichen Arthrosestudien bestand eine Herstellerbeteiligung [4]. In mehreren Studien wurden 5 g Hagebuttenpulver pro Tag eingesetzt; dies stellt ein Studienregime und keine leitlinienbasierte Standarddosierung dar [4, 5]. Der früher postulierte notwendige Einnahmeabstand von zwei Stunden zu anderen Arzneimitteln aufgrund einer angeblichen Lipophilie ist nicht hinreichend belegt und entfällt.
  • Ingwer (Zingiber officinale) – eine Metaanalyse randomisierter placebokontrollierter Studien zeigte eine statistisch signifikante, jedoch klinisch eher geringe Verbesserung von Schmerzen und Funktion bei Arthrose [6]. Ein neuerer randomisierter placebokontrollierter Versuch mit einem standardisierten gedämpften Ingwerextrakt bestätigte einen möglichen symptomatischen Nutzen bei leichter Gonarthrose [7]. Aufgrund unterschiedlicher Extrakte, Herstellungsverfahren und Dosierungen lässt sich keine allgemeingültige Standarddosierung ableiten [6, 7].
  • Teufelskrallenwurzel (Harpagophytum procumbens) – klinische Untersuchungen weisen auf einen möglichen symptomatischen Nutzen bei muskuloskelettalen Beschwerden (Beschwerden des Bewegungsapparates) einschließlich Gonarthrose hin. Eine kleine aktiv kontrollierte Studie bei Gonarthrose zeigte Verbesserungen unter einem standardisierten Harpagophytum-Präparat; aufgrund des fehlenden Placeboarms lässt sich daraus jedoch keine gesicherte Gleichwertigkeit mit dem Vergleichsmedikament ableiten [8]. Ein aktueller Review von 2026 bewertet die klinische Evidenz aufgrund kleiner Studien, heterogener Extrakte, variabler Dosierungen und kurzer Beobachtungszeiten weiterhin als begrenzt; Harpagophytum kann insbesondere nicht als generell gleichwertiger Ersatz für nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) angesehen werden [9]. Eine allgemeingültige evidenzbasierte Harpagosid-Dosierung für die Gonarthrose kann daher nicht angegeben werden.
  • Weidenrinde (Salix spp.) – klinische Studien weisen auf eine mögliche leichte kurzfristige analgetische Wirkung bei Arthroseschmerzen hin, die Ergebnisse der einzelnen Studien sind jedoch inkonsistent [4]. Eine Metaanalyse randomisierter kontrollierter Studien von 2023 ergab einen kleinen analgetischen Effekt, bewertete die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz jedoch als sehr niedrig [10]. Eine routinemäßige Empfehlung oder allgemeingültige Dosierung lässt sich daraus nicht ableiten. Die früher angegebene Dosisspanne von 120-720 mg Salicin pro Tag ist daher nicht als evidenzbasierte Standarddosierung beizubehalten [4, 10].
  • Brennnessel (Urtica dioica) – experimentelle Untersuchungen zeigen Effekte auf Entzündungsmediatoren (Botenstoffe der Entzündung); daraus lässt sich jedoch keine klinische Wirksamkeit bei Gonarthrose ableiten. Systematische kontrollierte klinische Studien in klar definierten rheumatologischen Krankheitskollektiven fehlen. Die DGRh-Kommission sieht deshalb keine ausreichende Evidenz für eine therapeutische Empfehlung; bei degenerativen Gelenkerkrankungen (verschleißbedingten Gelenkerkrankungen) muss von einer patienteninitiierten Anwendung im Rahmen eines sinnvollen therapeutischen Gesamtkonzepts jedoch nicht grundsätzlich abgeraten werden [4]. Die früher angegebene Dosierung von 50-100 g Brennnesselbrei pro Tag ist nicht evidenzbasiert und entfällt.
  • Gamma-Linolensäure (GLA)/Borretschsamenöl – für Gamma-Linolensäure bzw. Borretschsamenöl besteht keine hinreichende Gonarthrose-spezifische klinische Evidenz. Daten zu möglichen antiinflammatorischen (entzündungshemmenden) Wirkungen stammen überwiegend aus anderen Indikationen und können nicht auf die Gonarthrose übertragen werden. Nach Bewertung der DGRh-Kommission ist bei Borretschsamenöl keine klinisch relevante antiinflammatorische Wirkung zu erwarten, die eine additive rheumatologische Therapie begründen würde [4]. Eine Gonarthrose-spezifische Dosierungsempfehlung besteht daher nicht. Borretschblätter und -blüten sollen wegen ihres Gehalts an potenziell toxischen Pyrrolizidinalkaloiden nicht therapeutisch eingesetzt werden [4].

Salben zur externen Anwendung

Bei topischen (äußerlich angewendeten) Präparaten ist zwischen evidenzbasierten konventionellen Analgetika (Schmerzmitteln) und phytotherapeutischen bzw. pflanzenbasierten Präparaten zu unterscheiden. Für topische Phytotherapeutika kann die aktuelle S3-Leitlinie aufgrund der niedrigen Evidenz keine Empfehlung für oder gegen die Anwendung aussprechen [LL1]. Demgegenüber sollen Patientinnen und Patienten mit Gonarthrose gemäß S3-Leitlinie ein topisch anzuwendendes nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR) angeboten bekommen [LL1].

  • Beinwellextrakt (Symphytum officinale) – in einer randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studie mit 220 Patienten mit schmerzhafter Gonarthrose führte eine standardisierte Beinwellsalbe über drei Wochen zu einer signifikanten Verbesserung der Schmerzen gegenüber Placebo [11]. Wegen der insgesamt begrenzten Evidenz spricht die aktuelle S3-Leitlinie dennoch keine Empfehlung für oder gegen Beinwellextrakt aus [LL1]. Wegen der enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide sollen Beinwellzubereitungen ausschließlich äußerlich und auf intakter Haut angewendet werden; bei standardisierten medizinischen Zubereitungen ist die begrenzte transdermale Aufnahme (Aufnahme durch die Haut) von Pyrrolizidinalkaloiden zu berücksichtigen [12, LL1].
  • Topisches Curcumin – ein randomisierter placebokontrollierter Versuch mit 72 älteren Patienten mit Gonarthrose zeigte unter einer 5%igen Curcumin-Salbe zweimal täglich über sechs Wochen eine signifikante und klinisch relevante Reduktion der Knieschmerzen gegenüber Placebo [13]. Aufgrund der kleinen Datenbasis bewertet die S3-Leitlinie die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz insgesamt als niedrig und spricht keine generelle Empfehlung für oder gegen die Anwendung aus [LL1].
  • Capsaicin/Capsaicinoide – Capsaicin ist ein aus Capsicum-Arten stammender Wirkstoff mit lokaler analgetischer Wirkung. Die ACR/Arthritis Foundation-Leitlinie empfiehlt topisches Capsaicin bei Gonarthrose bedingt [LL2]. Die deutsche S3-Leitlinie verweist dagegen auf die insgesamt schwache Evidenz für topische Phytotherapeutika; eine dort berücksichtigte Studie mit niedrig dosiertem Capsicum zeigte keine relevante Verbesserung. Eine Empfehlung für oder gegen topische Phytotherapeutika wird daher nicht ausgesprochen [LL1].
  • Arnika-Gel (Arnica montana) – einzelne kontrollierte Studien und eine Cochrane-Übersichtsarbeit weisen auf mögliche symptomatische Effekte topischer Arnikapräparate bei Arthrose hin; die wesentlichen Daten stammen jedoch nicht aus ausreichend belastbaren Gonarthrose-spezifischen Studien [14]. Die aktuelle S3-Leitlinie spricht deshalb keine Empfehlung für oder gegen Arnika-Gel aus [LL1].
  • Rosmarinpräparate und ätherische Öle – für Rosmarin liegen keine hinreichenden systematisch kontrollierten klinischen Studien in klar definierten rheumatologischen Krankheitskollektiven vor; eine Gonarthrose-spezifische klinische Wirksamkeit ist nicht belegt [4]. Für andere traditionell verwendete ätherische Öle lässt sich ebenfalls keine belastbare Gonarthrose-spezifische Therapieempfehlung ableiten.

Literatur

  1. Wai HS, Pathomwichaiwat T, Suansanae T et al.: Effect of turmeric products on knee osteoarthritis: a systematic review and network meta-analysis. BMC Complement Med Ther. 2025;25(1):292. doi: 10.1186/s12906-025-05045-z
  2. Inprasit C, Bunyamahote S, Boonpattharatthiti K et al.: Evaluating the efficacy and safety of Curcuma longa, Boswellia serrata, and their mixed formulation in treating knee osteoarthritis: A systematic review and network meta-analysis. Complement Ther Med. 2026;96:103256. doi: 10.1016/j.ctim.2025.103256
  3. Dalmonte T, Andreani G, Rudelli C, Isani G: Efficacy of Extracts of Oleogum Resin of Boswellia in the Treatment of Knee Osteoarthritis: A Systematic Review and Meta-Analysis. Phytother Res. 2024;38(12):5672-5689. doi: 10.1002/ptr.8336
  4. Keyßer G, Seifert O, Frohne I et al.: Empfehlungen der DGRh-Kommission für Komplementäre Heilverfahren und Ernährung zur Anwendung von ausgewählten Phytotherapeutika und pflanzlichen Präparaten in der Rheumatologie. Z Rheumatol. 2025;84(2):152-163. doi: 10.1007/s00393-024-01612-w
  5. Christensen R, Bartels EM, Altman RD, Astrup A, Bliddal H: Does the hip powder of Rosa canina (rosehip) reduce pain in osteoarthritis patients?--a meta-analysis of randomized controlled trials. Osteoarthritis Cartilage. 2008;16(9):965-972. doi: 10.1016/j.joca.2008.03.001
  6. Bartels EM, Folmer VN, Bliddal H et al.: Efficacy and safety of ginger in osteoarthritis patients: a meta-analysis of randomized placebo-controlled trials. Osteoarthritis Cartilage. 2015;23(1):13-21. doi: 10.1016/j.joca.2014.09.024
  7. Baek HI, Shen L, Ha KC et al.: Effectiveness and safety of steamed ginger extract on mild osteoarthritis: a randomized, double-blind, placebo-controlled clinical trial. Food Funct. 2024;15(18):9512-9523. doi: 10.1039/d4fo01640h
  8. Farpour HR, Rajabi N, Ebrahimi B: The Efficacy of Harpagophytum procumbens (Teltonal) in Patients with Knee Osteoarthritis: A Randomized Active-Controlled Clinical Trial. Evid Based Complement Alternat Med. 2021;2021:5596892. doi: 10.1155/2021/5596892
  9. Hong JY, Lee J, Kim H et al.: Harpagophytum procumbens in musculoskeletal disorders: current evidence and comparison with NSAIDs. Front Pharmacol. 2026;17:1839470. doi: 10.3389/fphar.2026.1839470
  10. Lin CR, Tsai SHL, Wang C et al.: Willow Bark (Salix spp.) Used for Pain Relief in Arthritis: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Life (Basel). 2023;13(10):2058. doi: 10.3390/life13102058
  11. Grube B, Grünwald J, Krug L, Staiger C: Efficacy of a comfrey root (Symphyti offic. radix) extract ointment in the treatment of patients with painful osteoarthritis of the knee: results of a double-blind, randomised, bicenter, placebo-controlled trial. Phytomedicine. 2007;14(1):2-10. doi: 10.1016/j.phymed.2006.11.006
  12. Kuchta K, Schmidt M: Safety of medicinal comfrey cream preparations (Symphytum officinale s.l.): The pyrrolizidine alkaloid lycopsamine is poorly absorbed through human skin. Regul Toxicol Pharmacol. 2020;118:104784. doi: 10.1016/j.yrtph.2020.104784
  13. Jamali N, Adib-Hajbaghery M, Soleimani A: The effect of curcumin ointment on knee pain in older adults with osteoarthritis: a randomized placebo trial. BMC Complement Med Ther. 2020;20(1):305. doi: 10.1186/s12906-020-03105-0
  14. Cameron M, Chrubasik S: Topical herbal therapies for treating osteoarthritis. Cochrane Database Syst Rev. 2013;2013(5):CD010538. doi: 10.1002/14651858.CD010538

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer 187-050) Juli 2024. Langfassung [LL1]
  2. Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC et al.: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis Rheumatol. 2020;72(2):220-233. doi: 10.1002/art.41142 [LL2]