Gicht (Hyperurikämie) – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Asymptomatische Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel ohne Beschwerden)
- Identifikation und, soweit möglich, Korrektur sekundärer Ursachen einer erhöhten Serumharnsäure, insbesondere harnsäureerhöhender Komedikation (gleichzeitige Einnahme weiterer Medikamente) sowie metabolischer und renaler Einflussfaktoren (Einflussfaktoren des Stoffwechsels und der Nieren).
- Keine routinemäßige medikamentöse Harnsäuresenkung allein aufgrund einer asymptomatischen Hyperurikämie [LL2].
- Bei chronischer Niereninsuffizienz (dauerhaft eingeschränkte Nierenfunktion) soll eine harnsäuresenkende Therapie bei asymptomatischer Hyperurikämie nicht allein mit dem Ziel eingesetzt werden, die Progression der Nierenerkrankung zu verlangsamen [9, LL3].
- Eine harnsäuresenkende Therapie ohne manifeste Gicht ist nicht als spezifische kardiovaskuläre Primär- oder Sekundärprävention (Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor bzw. nach deren Auftreten) etabliert [15].
- Spezifische Indikationen, insbesondere tumorlysebedingte Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel durch Zerfall von Tumorzellen), Uratnephropathie (Nierenschädigung durch Harnsäurekristalle) bzw. Harnsäureurolithiasis (Harnsäuresteinleiden), sind hiervon abzugrenzen.
- Akuter Gichtanfall (akute schmerzhafte Gelenkentzündung durch Harnsäurekristalle)
- Rasche Schmerzlinderung und konsequente Antiinflammation (Entzündungshemmung).
- Rückgang von Gelenkschwellung und funktioneller Einschränkung.
- Bei fehlender klinischer Besserung innerhalb von 24-72 Stunden Reevaluation der Diagnose und ggf. Anpassung der Therapie [LL1].
- Interkritische Phase (beschwerdearme Zeit zwischen Gichtanfällen) und chronische Gicht:
- Verhinderung weiterer Gichtanfälle.
- Auflösung bzw. Vermeidung von Mononatriumuratkristallablagerungen (Ablagerungen von Harnsäurekristallen) und Tophi (Gichtknoten).
- Vermeidung struktureller Gelenkschäden und einer chronischen Gichtarthritis (Gelenkentzündung durch Gicht).
- Erhalt bzw. Wiederherstellung der Gelenkfunktion.
- Zielwerte der harnsäuresenkenden Therapie
- Serumharnsäure dauerhaft < 6 mg/dl (< 360 µmol/l) [26, LL1, LL2].
- Bei schwerer bzw. tophöser Gicht, hoher Kristalllast (großer Menge abgelagerter Harnsäurekristalle) oder weiterhin häufigen Gichtanfällen kann ein niedrigeres Therapieziel von < 5 mg/dl (< 300 µmol/l) angestrebt werden [LL1].
Therapieempfehlungen
- Akuter Gichtanfall
- Die antientzündliche Behandlung soll möglichst frühzeitig begonnen werden. In Abhängigkeit von Komorbiditäten (Begleiterkrankungen), Komedikation und Kontraindikationen sind Colchicin, nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) bzw. Cyclooxygenase-2-Hemmer oder Glucocorticosteroide Mittel der ersten Wahl [1-3, 17, LL1, LL2].
- Eine generelle therapeutische Überlegenheit einer der drei Wirkstoffgruppen ist nicht belegt; insbesondere systemische Glucocorticosteroide und NSAR zeigen eine vergleichbare analgetische Wirksamkeit (schmerzlindernde Wirkung) [2, 3, 17].
- Bei gastrointestinalem, renalem oder kardiovaskulärem Risiko (Risiko für Magen-Darm-, Nieren- oder Herz-Kreislauf-Komplikationen) ist die Indikation für NSAR besonders streng zu stellen.
- Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz sollten NSAR möglichst vermieden werden; abhängig von Nierenfunktion, Komedikation und Interaktionsrisiko kommen insbesondere Glucocorticosteroide bzw. angepasst dosiertes Colchicin infrage [LL3].
- Supportiv können lokale Kühlung, Hochlagerung und Ruhigstellung des betroffenen Gelenks erfolgen.
- Eine bereits laufende harnsäuresenkende Therapie soll während eines akuten Gichtanfalls nicht unterbrochen werden [LL1, LL2].
- Beginn einer harnsäuresenkenden Therapie im Zusammenhang mit einem akuten Gichtanfall
- Bei bestehender Indikation kann gemäß deutscher S3-Leitlinie ein Xanthinoxidase-Inhibitor innerhalb der ersten 14 Tage nach Beginn eines Gichtanfalls etabliert werden [4, LL1].
- Für Febuxostat ist zusätzlich die aktuelle Fachinformation zu beachten: Eine Neueinstellung soll erst nach vollständigem Abklingen eines akuten Gichtanfalls erfolgen [19].
- Indikation zur langfristigen harnsäuresenkenden Therapie
- Bereits nach dem ersten Gichtanfall sollen Nutzen und Risiken einer harnsäuresenkenden Therapie mit dem Patienten besprochen werden [LL1].
- Gemäß deutscher S3-Leitlinie sollte eine Therapie mit einem Xanthinoxidase-Inhibitor insbesondere begonnen werden bei [LL1]:
- funktionell einschränkendem bzw. beeinträchtigendem Gichtanfall,
- > 1 Gichtanfall pro Jahr oder
- tophöser Gicht.
- Weitere klinisch relevante Gründe für eine konsequente harnsäuresenkende Therapie sind chronische Gichtarthritis, gichtbedingte strukturelle Gelenkschäden und Harnsäureurolithiasis [LL2].
- Asymptomatische Hyperurikämie
- Eine isolierte Erhöhung der Serumharnsäure ohne Gichtmanifestation begründet keine generelle leitlinienbasierte Indikation zur medikamentösen Dauertherapie [LL2].
- Dies gilt insbesondere für eine Behandlung allein mit dem Ziel der Nephroprotektion (Schutz der Nieren) bei chronischer Niereninsuffizienz [9, LL3].
- Auch eine alleinige kardiovaskuläre Präventionsindikation für Allopurinol ist nicht belegt [15].
- Auswahl der harnsäuresenkenden Therapie
- Xanthinoxidase-Inhibitoren sind die zentrale medikamentöse Therapie der chronischen Gicht [LL1, LL2].
- Allopurinol ist aufgrund langjähriger Erfahrung und umfangreicher Evidenz im Regelfall die bevorzugte Initialtherapie; die American College of Rheumatology (ACR)-Leitlinie empfiehlt Allopurinol auch bei chronischer Niereninsuffizienz als bevorzugten Xanthinoxidase-Inhibitor [LL2].
- Febuxostat ist eine wirksame Alternative, insbesondere bei unzureichender Wirksamkeit oder Unverträglichkeit von Allopurinol [7, 8, 19].
- Bei kardiovaskulärer Komorbidität soll gemäß deutscher S3-Leitlinie Allopurinol bevorzugt und Febuxostat als Alternative eingesetzt werden [6, 7, LL1].
- Eine koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße) bzw. eine kardiovaskuläre Vorerkrankung stellt für Febuxostat keine absolute Kontraindikation dar. Bei vorbestehender schwerer kardiovaskulärer Erkrankung ist jedoch besondere Vorsicht mit regelmäßiger klinischer Überwachung erforderlich [6, 7, 19].
- Wenn Xanthinoxidase-Inhibitoren nicht eingesetzt werden können oder in maximal verträglicher Dosierung nicht ausreichend wirksam sind, können Urikosurika eingesetzt bzw. mit einem Xanthinoxidase-Inhibitor kombiniert werden [LL1].
- Therapiestrategie
- Allopurinol soll niedrig dosiert begonnen und anschließend unter Kontrolle der Serumharnsäure schrittweise gesteigert werden [5, LL2].
- Die Dosissteigerung erfolgt bis zum Erreichen des individuellen Serumharnsäureziels unter Beachtung von Nierenfunktion, Verträglichkeit und Fachinformation [5, 25, LL1, LL2].
- Eine starre langfristige Allopurinol-Erhaltungsdosis allein anhand historischer Kreatininclearance-Tabellen entspricht nicht der modernen Treat-to-Target-Strategie; bei eingeschränkter Nierenfunktion sind jedoch die fachinformationsgemäßen Dosierungs- und Überwachungsvorgaben zu berücksichtigen [5, 25].
- Die Serumharnsäure soll während der Titrationsphase wiederholt kontrolliert und die Dosis bis zur Zielwerterreichung angepasst werden [LL1, LL2].
- Nach stabiler Zielwerterreichung erfolgen regelmäßige Verlaufskontrollen unter Berücksichtigung von Serumharnsäure, Nieren- und Leberfunktion, Komedikation und klinischer Krankheitsaktivität.
- Anfallsprophylaxe (Vorbeugung weiterer Gichtanfälle) bei Beginn bzw. Dosissteigerung einer harnsäuresenkenden Therapie
- In der Initialphase kann eine antientzündliche Anfallsprophylaxe mit niedrig dosiertem Colchicin oder einem niedrig dosierten NSAR für 3-6 Monate durchgeführt werden [16, LL1, LL2].
- Die Auswahl richtet sich nach Nierenfunktion, gastrointestinalem und kardiovaskulärem Risiko, Komedikation und möglichen Arzneimittelinteraktionen.
- Bei fortbestehender hoher Gichtaktivität kann eine individualisierte längere Prophylaxe erforderlich sein [LL2].
- Dauer der harnsäuresenkenden Therapie
- Die harnsäuresenkende Therapie ist grundsätzlich langfristig anzulegen; eine relevante Verminderung der Gichtanfallshäufigkeit wird häufig erst nach längerer konsequenter Harnsäuresenkung sichtbar [LL1].
- Das früher verwendete starre Schema „mindestens 5 Jahre ohne Tophi“ bzw. „5 Jahre nach Auflösung der Tophi“ wird nicht als allgemeine evidenzbasierte Regel übernommen.
- Bei langfristiger klinischer Beschwerdefreiheit und stabil normalen Serumharnsäurewerten kann eine Beendigung der Therapie nach individueller Nutzen-Risiko-Abwägung und gemeinsamer Entscheidungsfindung erwogen werden [LL1].
- Komedikation
- Harnsäureerhöhende Arzneimittel, insbesondere Thiazid- und Schleifendiuretika, sollen auf ihre fortbestehende Indikation geprüft und mögliche therapeutische Alternativen erwogen werden [LL1].
- Eine aus kardiovaskulärer Indikation erforderliche niedrig dosierte Acetylsalicylsäure soll nicht allein wegen einer Hyperurikämie oder Gicht abgesetzt werden [LL1, LL2].
Wirkstoffe (Hauptindikation) der Therapie des akuten Gichtanfalls
| Wirkstoffgruppe | Wirkstoff | Besonderheiten |
| Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) | Naproxen | Wirksame First-Line-Option. Gastrointestinale, renale und kardiovaskuläre Risiken berücksichtigen; niedrigste wirksame Dosis über den kürzest möglichen Zeitraum einsetzen [17, LL1]. |
| Colchicin-Alkaloide | Colchicin | Niedrig dosierte Therapie bevorzugen [1]. Enge therapeutische Breite. Dosierung und Therapiedauer nach Fachinformation des konkret verordneten Präparats. Bei gastrointestinalen Toxizitätszeichen Therapie beenden. Nieren- und Leberfunktion sowie Interaktionen beachten [18]. |
| Glucocorticosteroide | Prednisolon | Gleichwertige First-Line-Option, insbesondere bei Kontraindikationen gegen NSAR bzw. abhängig von der Nierenfunktion. Bei mono- bzw. oligoartikulärem Befall (Befall eines bzw. weniger Gelenke) kann nach Ausschluss einer septischen Arthritis (durch Infektion verursachten Gelenkentzündung) alternativ eine intraartikuläre Glucocorticosteroidtherapie erfolgen [2, 3, 17, LL1]. |
| Interleukin-1β-Inhibitor | Canakinumab | Reserveoption zur symptomatischen Behandlung bei Erwachsenen mit häufigen Gichtanfällen (≥ 3 in den vorausgegangenen 12 Monaten), wenn NSAR und Colchicin kontraindiziert, unverträglich oder unzureichend wirksam sind und wiederholte Glucocorticosteroidzyklen nicht geeignet sind [20]. |
- NSAR – Wirkweise: Hemmung der Cyclooxygenase mit antiphlogistischer und analgetischer Wirkung.
- NSAR – Sicherheit: Gastrointestinale Ulzera (Magen-Darm-Geschwüre) bzw. Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung) und kardiovaskuläre Ereignisse sind insbesondere bei Risikopatienten zu beachten. Hoch dosiertes Ibuprofen ab 2.400 mg/Tag ist mit einem gering erhöhten kardiovaskulären Risiko verbunden [24].
- Colchicin – Wirkweise: Hemmung mikrotubulärer Prozesse und neutrophiler Entzündungsreaktionen; Colchicin besitzt keine analgetische Eigenwirkung und senkt die Serumharnsäure nicht.
- Colchicin – Cave: Aufgrund der engen therapeutischen Breite können Überdosierungen bzw. Akkumulationen zu schwerer und potenziell letaler Toxizität führen [18].
- Besondere Vorsicht ist bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion sowie bei gleichzeitiger Anwendung von P-Glykoprotein- oder Cytochrom-P450-3A4 (CYP3A4)-Inhibitoren erforderlich. Klinisch relevante Interaktionen bestehen insbesondere mit starken Makrolidantibiotika, Ciclosporin, bestimmten Proteaseinhibitoren, Verapamil und Diltiazem.
- Glucocorticosteroide: Systemische Glucocorticosteroide zeigen bei akutem Gichtanfall eine mit NSAR vergleichbare Wirksamkeit; gastrointestinale Nebenwirkungen können unter Glucocorticosteroiden seltener auftreten [2, 3, 17].
Wirkstoffe (Hauptindikationen) der Dauerbehandlung
| Wirkstoffgruppe | Wirkstoff | Besonderheiten |
| Xanthinoxidase-Inhibitoren | Allopurinol | Im Regelfall bevorzugte Initialtherapie [LL2]. Niedrig beginnen und kontrolliert titrieren [5]. Bei höheren Tagesdosen Aufteilung auf mehrere Einzelgaben entsprechend Fachinformation. Bei Auftreten eines Hautausschlags sofortige ärztliche Abklärung wegen möglicher schwerer kutaner Arzneimittelreaktion (schwerer Hautreaktion auf ein Arzneimittel) [11, 25]. |
| Febuxostat | Alternative bei unzureichender Wirksamkeit oder Unverträglichkeit von Allopurinol. Bei vorbestehender schwerer kardiovaskulärer Erkrankung Vorsicht und regelmäßige Überwachung; bei kardiovaskulärer Komorbidität wird Allopurinol bevorzugt [6, 7, 19, LL1]. Bei leichter bis mittelschwerer Nierenfunktionsstörung ist gemäß Fachinformation keine Dosisanpassung erforderlich [19]. |
|
| Urikosurika | Benzbromaron | Reserveoption, wenn Xanthinoxidase-Inhibitoren nicht eingesetzt werden können oder trotz maximal verträglicher Dosierung nicht ausreichend wirksam sind. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr; Leberfunktion, Nierenfunktion und Urolithiasisrisiko (Risiko für Harnsteine) berücksichtigen [LL1]. |
| Probenecid | Reserveoption. Die urikosurische Wirksamkeit nimmt bei eingeschränkter Nierenfunktion ab. Nicht geeignet bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz bzw. relevantem Uratsteinrisiko [LL1]. |
- Allopurinol – Wirkweise: Hemmung der Xanthinoxidase und damit Verminderung der Bildung von Harnsäure aus Hypoxanthin und Xanthin.
- Allopurinol – Dosierungsstrategie: Eine randomisierte Treat-to-Target-Studie zeigt, dass eine kontrollierte Dosissteigerung über konventionelle Ausgangsdosen hinaus das Erreichen des Serumharnsäureziels verbessert und bei entsprechender Überwachung gut toleriert werden kann [5].
- Die ältere starre Dosisbegrenzung ausschließlich anhand der Kreatininclearance wird daher nicht als generelles Treat-to-Target-Erhaltungsschema verwendet; Einschränkungen und Dosisvorgaben der jeweils gültigen Fachinformation bei Niereninsuffizienz bleiben zu beachten [5, 25].
- Allopurinol – schwere kutane Arzneimittelreaktionen: Stevens-Johnson-Syndrom (schwere Haut- und Schleimhautreaktion), toxische epidermale Nekrolyse (großflächige Ablösung der Oberhaut) und andere schwere Überempfindlichkeitsreaktionen sind selten, aber potenziell lebensbedrohlich. Chronische Niereninsuffizienz und kardiovaskuläre Erkrankungen können das Risiko erhöhen [11].
- HLA-B*58:01: Das humane Leukozytenantigen HLA-B*58:01 ist stark mit Allopurinol-Hypersensitivitätsreaktionen assoziiert. Eine Testung vor Therapiebeginn sollte insbesondere bei Patientengruppen mit hoher Allelfrequenz, z. B. Han-chinesischer, koreanischer oder thailändischer Abstammung, erwogen werden [LL2].
- Cave Interaktionen: Die Kombination von Allopurinol mit Azathioprin bzw. 6-Mercaptopurin kann zu schwerer hämatologischer Toxizität (Schädigung der Blutbildung) führen und soll vermieden bzw. nur unter fachinformationsgemäßer Dosisanpassung und engmaschiger Überwachung durchgeführt werden [25].
- Eine populationsbasierte Kohortenstudie ergab keinen Hinweis darauf, dass eine Allopurinoldosis von mindestens 300 mg/Tag das Risiko einer chronischen Nierenerkrankung erhöht; vielmehr wurde eine inverse Assoziation beobachtet. Aufgrund des Beobachtungsdesigns ist daraus jedoch keine nephroprotektive Indikation abzuleiten [10].
- Febuxostat – Wirkweise: selektive Hemmung der Xanthinoxidase.
- Die CARES-Studie zeigte bei Patienten mit Gicht und manifester kardiovaskulärer Erkrankung unter Febuxostat eine höhere kardiovaskuläre und Gesamtmortalität als unter Allopurinol, obwohl der primäre kombinierte kardiovaskuläre Endpunkt nicht unterlegen war [6].
- Die nachfolgende FAST-Studie zeigte dagegen keine erhöhte Rate des primären kardiovaskulären Endpunkts und keine erhöhte Mortalität (Sterblichkeit) unter Febuxostat gegenüber Allopurinol [7].
- Unter Berücksichtigung dieser heterogenen Evidenz empfiehlt die deutsche S3-Leitlinie bei kardiovaskulärer Komorbidität Allopurinol bevorzugt und Febuxostat als Alternative [LL1].
- Die Treat-to-Target-Vergleichsstudie von O'Dell et al. zeigte unter titriertem Allopurinol und Febuxostat eine vergleichbare klinische Wirksamkeit; eine pauschale Aussage, Febuxostat sei einer leitliniengerecht titrierten Allopurinoltherapie grundsätzlich überlegen, ist daher nicht gerechtfertigt [8].
- Cave Interaktionen Febuxostat: Eine gleichzeitige Therapie mit Azathioprin bzw. 6-Mercaptopurin ist wegen der Gefahr einer erheblichen Erhöhung der Wirkstoffexposition zu vermeiden bzw. nur entsprechend der aktuellen Fachinformation zu handhaben [19].
- Urikosurika – Wirkweise: Verminderung der tubulären Harnsäurerückresorption und damit Steigerung der renalen Uratausscheidung.
- Urikosurika können bei unzureichender Wirkung eines Xanthinoxidase-Inhibitors ggf. mit diesem kombiniert werden [LL1].
Harnalkalisierung bei Harnsäureurolithiasis
Die Harnalkalisierung ist keine routinemäßige Pharmakotherapie der Gicht, sondern insbesondere bei Harnsäureurolithiasis bzw. ausgewählten Formen einer Uratnephropathie indiziert [LL4].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Alkalicitrate, z. B. Kalium-Natrium-Hydrogencitrat | Bei oraler Chemolitholyse von Harnsäuresteinen Ziel-Urin-pH etwa 7,0-7,2; regelmäßige Selbstkontrolle des Urin-pH und Dosisanpassung erforderlich [LL4]. |
| Natriumhydrogencarbonat | Alternative zur Alkalisierung; Natriumbelastung insbesondere bei Hypertonie (Bluthochdruck), Herzinsuffizienz (Herzschwäche) und eingeschränkter Nierenfunktion berücksichtigen [LL4]. |
- Wirkweise: Durch Erhöhung des Urin-pH wird die Löslichkeit von Harnsäure verbessert und die Kristallisation vermindert.
- Eine übermäßige Alkalisierung ist zu vermeiden, da sie die Bildung von Calciumphosphatsteinen (Steinen aus Calciumphosphat) fördern kann [LL4].
Sonderindikation tumorlysebedingte Hyperurikämie
- Die Prophylaxe und Behandlung der tumorlysebedingten Hyperurikämie richtet sich nach Tumorerkrankung, Tumorlast, Nierenfunktion und individuellem Tumorlyserisiko.
- Febuxostat 120 mg/Tag ist bei Erwachsenen zur Prävention und Behandlung einer Hyperurikämie unter Chemotherapie bei hämatologischen Malignomen (bösartigen Erkrankungen des blutbildenden Systems) mit intermediärem bis hohem Risiko für ein Tumorlysesyndrom (Komplikationen durch raschen Zerfall von Tumorzellen) zugelassen; Therapiebeginn gemäß Fachinformation 2 Tage vor der Chemotherapie, üblicherweise für mindestens 7 Tage [19].
- Rasburicase ist eine spezifische urikolytische Therapie bei akuter Hyperurikämie im Zusammenhang mit hämatologischen Malignomen und hohem Risiko eines raschen Tumorzerfalls [21].
| Wirkstoff | Besonderheiten |
| Rasburicase | Keine Therapie der chronischen Gicht. Bei Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel (erblich bedingter Enzymmangel) kontraindiziert; Risiko von Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) und Methämoglobinämie (erhöhter Anteil funktionsgestörten roten Blutfarbstoffs) [21]. |
Beachte
- Asymptomatische Hyperurikämie: Eine erhöhte Serumharnsäure allein ist keine generelle Indikation zur pharmakologischen Harnsäuresenkung [LL2].
- Chronische Niereninsuffizienz: Die Behandlung einer asymptomatischen Hyperurikämie mit Allopurinol verzögert die CKD-Progression nicht nachweisbar. Die randomisierte CKD-FIX-Studie zeigte keinen entsprechenden Nutzen [9, LL3].
- Kardiovaskuläre Prävention: In ALL-HEART reduzierte Allopurinol bei Patienten ab 60 Jahren mit ischämischer Herzerkrankung (Herzerkrankung durch Minderdurchblutung), aber ohne Gicht, weder den kombinierten kardiovaskulären Endpunkt noch die kardiovaskuläre Mortalität. Allopurinol soll daher nicht allein zur kardiovaskulären Prävention eingesetzt werden [15].
- Lesinurad: Die EU-Zulassung von Zurampic® wurde zum 31. Juli 2020 auf Antrag des Zulassungsinhabers aus kommerziellen Gründen zurückgenommen. Lesinurad ist deshalb keine aktuelle reguläre Therapieoption in Deutschland bzw. der Europäischen Union [22].
- Pegloticase: Die EU-Zulassung von Krystexxa® wurde zum 30. Juni 2016 auf Antrag des Zulassungsinhabers aus kommerziellen Gründen zurückgenommen. Pegloticase ist daher keine regulär verfügbare Therapieoption der therapierefraktären Gicht in der Europäischen Union [23].
- Rasburicase: Rasburicase ist nicht zur Dauerbehandlung der chronischen bzw. tophösen Gicht indiziert, sondern zur Prävention und Behandlung der akuten tumorlysebedingten Hyperurikämie [21].
- Bei Therapiebeginn mit einem harnsäuresenkenden Arzneimittel können durch Mobilisierung vorhandener Uratdepots vorübergehend vermehrt Gichtanfälle auftreten. Ein solcher Anfall ist bei bestehender Indikation kein Grund zum Absetzen einer bereits etablierten harnsäuresenkenden Dauertherapie [19, LL1, LL2].
Weitere Hinweise
- Beobachtungsstudien beschrieben eine Assoziation zwischen Allopurinoltherapie und einem geringeren Risiko nichttödlicher Myokardinfarkte (Herzinfarkte) bzw. kardiovaskulärer Ereignisse [12, 13]. Diese Ergebnisse begründen aufgrund des nicht randomisierten Studiendesigns keine eigenständige kardiovaskuläre Indikation zur Allopurinoltherapie; die randomisierte ALL-HEART-Studie zeigte keinen kardiovaskulären Nutzen bei Patienten mit ischämischer Herzerkrankung ohne Gicht [15].
- In einer großen Beobachtungsstudie aus Korea waren unter Benzbromaron niedrigere Raten kardiovaskulärer Ereignisse und eine geringere Mortalität als unter Allopurinol zu beobachten [14]. Aufgrund möglicher Residualkonfundierung lässt sich hieraus keine generelle Überlegenheit von Benzbromaron ableiten.
- Eine langfristige, niedrig dosierte Colchicintherapie kann bei geeigneter Indikation und unter Beachtung von Nieren- und Leberfunktion sowie Arzneimittelinteraktionen sicher durchgeführt werden; die enge therapeutische Breite bleibt jedoch zu berücksichtigen [16, 18].
- Eine nicht erreichte Serumharnsäurekonzentration < 6 mg/dl ist in Beobachtungsdaten mit einem höheren Risiko weiterer Gichtanfälle assoziiert [26].
- Zur konsequenten Treat-to-Target-Strategie besteht in der deutschen S3-Leitlinie ein DEGAM-Sondervotum: Bei geringer Krankheitslast wird eine stärker patientenzentrierte, am klinischen Verlauf orientierte Therapieentscheidung gegenüber einer ausnahmslosen laborwertgesteuerten Eskalation favorisiert [LL1].
Supplemente
Geeignete Nahrungsergänzungsmittel sollten die folgenden Mikronährstoffe (Vitalstoffe) enthalten:
- Vitamine (A, C, E, D3)
- Mineralstoffe (Magnesium)
- Spurenelemente (Eisen, Kupfer, Mangan, Selen, Zink)
- Sekundäre Pflanzenstoffe (Curcumin, Bromelain aus Ananas-Extrakt)
- Weitere Vitalstoffe (Chondroitinsulfat, Glucosaminsulfat, Kollagene)
Weitere Mikronährstoffe siehe unter „Prävention und Therapie mit Mikronährstoffen“.
Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.
Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.
Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.
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Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
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